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Manfred Görtemaker
Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland
Eine detaillierte Übersicht in einem Band
Artikel vom August 1999
Manfred Görtemaker hat die längst erwünschte umfassende
Geschichte der BRD in einem Band vorgelegt (bisher existierte lediglich
von den Amerikanern Dennis L. Bark und David R. Gress eine detaillierte
einbändige Geschichte, die wir in französischer Übersetzung
aus dem Jahr 1992 kennen). Hervorgetreten ist Görtemaker, der sich
1990 an der Freien Universität Berlin habilitierte und seit 1992 Professor
für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Potsdam ist,
u.a. bereits 1982 als Mitverfasser mit Arnulf Baring des Klassikers Machtwechsel.
Die Aera Brandt-Scheel sowie als Autor des Buches Deutschland im
19. Jahrhundert. Entwicklungslinien (5.Aufl.1997).
Allein schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeugt von der Breite seiner
Darstellung, die mit dem Selbstmord Hitlers und seiner Getreuen beginnt
und nicht nur auf die Innen- und Auslandpolitik eingeht, sondern auch die
Veränderungen der politischen Kultur, die Mentalitäts- ebenso
wie die Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte umfasst. Das einzige
Manko ist das Ausklammern der Geschichte der DDR. Görtemaker rechtfertigt
sich mit dem Hinweis darauf, dass die Einbeziehung des ostdeutschen Staates
seine Darstellung überfordert hätte. Es handle sich dabei um
<ein gesondertes Thema, das eigene methodische Zugänge und einen
tiefen Blick in die Quellen des SED-Staates erfordert.> Über die grosse
Bedeutung der Analyse der DDR für das Verständnis der Geschichte
der Bundesrepublik ist er sich allerdings im klaren. Mit eine Rolle hat
sicherlich auch gespielt, dass die Aufarbeitung der ostdeutschen Akten
noch voll im Gang ist und folglich noch keine bedeutende Sekundärliteratur
zum Thema zur Verfügung steht, auf die er sich hätte stützen
können. Als (kleinen) Minuspunkt verbuchen wir auch die fehlende sprachliche
Brillanz Görtemakers, der sich in diesem Punkt nicht mit den grossen
deutschen Historikern messen kann.
Als kleinen Schönheitsfehler verbuchen wir im Zusammenhang mit
der Diskussion zwischen Stalin, Molotow, Roosevelt und Churchill an der
Konferenz von Teheran von Ende 1943, bei der Stalin <in scherzhafter
Weise> anregte, der deutsche Generalstab müsse <liquidiert> werden,
worauf der aufgebrachte Churchill den Raum verliess und Stalin und Molotow
hinterhereilten, um ihm zu versichern, dass es sich um einen Scherz gehandelt
habe, dass bei Görtemaker hier der Hinweis auf Katyn fehlt, denn dort
war die Liquidierung der polnischen Elite durch Stalins Helfer blutige
Realität geworden.
Die Besatzungspolitik der Alliierten wurde gemäss dem Autor <von
vier grossen Ds bestimmt: Demilitarisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung
und Demokratisierung>. 1945 war kein Neubeginn, keine <Stunde Null>,
da man gar nicht umhin kam, <personell und politisch an frühere
Zeiten und Erfahrungen anzuknüpfen.> Die erste Phase der Bundesrepublik
schliesslich sieht Görtemaker ganz im Zeichen Konrad Adenauers, dessen
überragende Stellung er allein schon mit einer Kapitelüberschrift
klarmacht: <Im Anfang war Adenauer>. Selbst Willy Brandt billigt er
nicht diese Bedeutung zu. Dort steht eher die Ostpolitik, nicht die Person
des Kanzlers im Vordergrund. Und ähnlich urteilt er über die
Regierungszeit von Helmut Kohl.
Bezüglich der Stalin-Note von 1952, die zu heftigen Kontroversen
in der deutschen Politlandschaft führte, zitiert Görtemaker einen
Brief Gromykos an Stalin vom 25. Januar jenes Jahres, aus dem er schliesst:
<Die sowjetische Initiative zielte also in erster Linie auf die Beeinflussung
der Öffentlichkeit.> Die Note war keine Angebot zu einer diplomatischen
Verständigung mit den Westmächten über Deutschland, sondern
<als propagandistischer Auftakt zum politischen Umsturz in der Bundesrepublik
mit dem Ziel der Ausdehnung des sowjetischen Einflusses auf ganz Deutschland
[gedacht]. Mit dem Appell an ihr nationales Interesse sollten die Deutschen
zum Kampf gegen die westdeutsche Regierung und die Westmächte mobilisiert
werden.> Die Stalin-Note war deshalb gemäss Görtemaker kein reines
Störmanöver gegen die EVG oder eine Alibi-Operation zur Legitimierung
der deutschen Teilung.
Bezüglich dem gescheiterten Misstrauensvotum Barzels gegen Kanzler
Brandt vom 27. April 1972 verweist der Potsdamer Historiker auf die wohl
drei Stimmen aus dem eigenen Lager, die dem Spitzenmann der Union fehlten.
Die vom Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Karl Wienand, mit 50
000 DM gekaufte Stimme des CDU-Abgeordneten Julius Steiner, der lockere
Verbindungen zum MfS unterhielt, genügte nicht. Das Bestechungsgeld
an Steiner soll übrigens aus Stasi-Quellen stammen. Woher kamen die
andern zwei Stimmen? Barzel verwies in seinen Erinnerungen auf zwei mit
Bleistift besonders gekennzeichnete Stimmkarten. Über das Warum rätseln
die Historiker noch heute. Die deutsche Demokratie hatte eine <besondere
Seite>, wie Herbert Wehner in enigmatischen Äusserungen in der NDR-Fernsehreihe
Zeugen
der Zeit andeutete.
Es ist unmöglich, auch nur anzudeuten, was für eine Kärrnerarbeit
Görtemaker auf 915 Seiten geleistet hat. Hier einige Stichworte: sein
Werk spannt sich von den Deutschlandplanungen der Sieger über die
Währungsreform, den Parlamentarischen Rat, Adenauers Westintegration
und Kanzlerdemokratie, das Wiederaufleben der Kultur, Schuman-Plan, EVG,
Aufnahme in die NATO, Grosse Koalition, Neue Ostpolitik und Entspannung,
Wertewandel und Alternativkultur bis zu Wiedervereinigung und Maastricht.
Auch wenn wir im Detail nicht allen seinen Wertungen folgen können,
zum Beispiel bezüglich der <Umgründung der Republik> im Gefolge
der Revolte der 68er oder was den Platz angeht, den Görtemaker der
Bestätigung von Schmidts NATO-Doppelbeschluss von Ende 1979 durch
die Regierung Kohl in den 80er Jahren einräumt, so bleibt doch unzweifelhaft
festzuhalten, dass er praktisch alle Facetten der westdeutschen Geschichte
der letzten fünfzig Jahre ausleuchtet. Sein Buch gehört als Standardwerk
in jede deutschsprachige Bibliothek.
Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Von der Gründung bis zur Gegenwart, München, C.H.Beck, 1999,
915 S. Bestellen bei Amazon.de.
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Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Von der Gründung bis zur Gegenwart, München, C.H.Beck, 1999,
915 S. Bestellen bei Amazon.de.
Also Ergänzung zu Görtemaker empfiehlt sich die Lektüre
von: Eckart Conze, Gabriele Metzler, Hg.: 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland:
Daten und Diskussionen, Mit einem einleitenden Essay von Hans Mommsen,
Stuttgart, dva, 1999, 510 S. Hans Mommsens einleitender Essay steht unter dem bezeichnenden Titel
<Kontinuität und Neubeginn>. Er verweist u.a. darauf, dass an die
Stelle des Nationalismus der imperialistischen Periode und der Zwischenkriegszeit
sowie als klare Abkehr von der Nazi-Diktatur eine politische Kultur der
nationalen Indifferenz entstanden sei, bei einer gleichzeitigen Hinwendung
zu Europa. Im Gegensatz zur <neokonservativen Kritik> von Gregor Schöllgen
oder Hans-Peter Schwarz ist dies für Mommsen nicht das Resultat der
Reeducation-Politik der USA und Grossbritanniens sowie von Adenauers forcierter
Westintegration der Bundesrepublik, sondern <eine bleibende Konsequenz
aus der Exploitierung und Pervertierung der tradierten nationalen Loyalitätshaltung
durch das NS-Regime>, denn die nationale Indifferenz sei auch nach der
Wiedervereinigung der bestimmende Faktor geblieben. Nach (oft zu kurzen)
Einleitungen vornehmlich junger Autoren werden Texte und Dokumente zu ausgewählten
Themen der Geschichte der Bundesrepublik präsentiert. Hans-Heinrich
Jansen verweist in seinem Artikel zur Innenpolitik, <Stabilität
und Reform>, bezüglich des Ausstiegs der FDP aus der Regierung Adenauer
1956 lediglich auf den Willen zur Distanzierung vom Kanzler und der Betonung
der Eigenständigkeit der Liberalen Partei, vergisst dabei aber zu
erwähnen, dass aussenpolitische Divergenzen mit im Spiel waren. Verkürzungen
in der Darstellung sind der Preis der knappen Form. Der rund dreiseitige
Artikel von Egon Bahr bildet die Apotheose der kurzen Darstellung: <Westintegration
plus Ostöffnung gleich Einheit>, heisst seine prägnante Formel,
der wir zustimmen. Kohl habe auf Adenauer und Brandt aufgebaut. Die Aussenpolitik
der BRD sei durch drei dramatische Operationen während jeweils dreier
Jahre dominiert worden, 1953-55, 1970-72, 1989-91. <Dazwischen Ausfüllung,
Ergänzung, Absicherung ohne Brüche oder Kursänderungen.>
Der Band empfiehlt sich (mit Vorbehalten) auf Grund seiner Texte und Dokumente
zu den jeweiligen Themen als Ergänzung zu Görtemaker. Zur Aussenpolitik
findet man als Quellen das Stenogramm der Bundestagsdebatte vom 25. November
1949, die in Schumachers Vorwurf an Adenauer gipfelte, der Kanzler der
Alliierten zu sein. Die Stalin-Note vom 10. März 1952 findet sich
ebenso abgedruckt wie das Zehn-Punkte-Programm Helmut Kohls vom 28. November
1989. Im Anhang findet der Leser zusätzlich eine Chronologie sowie
Tabellen und Statistiken, so zur Entwicklung der Arbeitslosenzahlen oder
der Wahlbeteiligung. Bestellen bei Amazon.de.
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