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Hans Ulrich Kempski
Um die Macht -
Kanzlerporträts aus erster Hand
Artikel vom August 1999
Als einziger deutscher Journalist hat der Altmeister der politischen
Reportage Hans Ulrich Kempski alle Bundestagswahlkämpfe seit der Gründung
der Republik mit seiner Feder begleitet. Der Altmeister der politischen
Reportage auf Seite 3 (gemäss Kempski eine Erfindung des italienischen
Journalismus), Chefreporter und Sonderkorrespondent der Süddeutschen
Zeitung, hat alle Kanzler aus nächster Nähe erlebt: Von Konrad
Adenauer bis Gerhard Schröder. Sein Buch Um die Macht versteht
sich weder als historisches Werk noch als klassische Erinnerungen eines
Journalisten. Kempski hat nicht - wie so oft von Journalisten praktiziert
- eine blosse Zusammenstellung seiner Zeitungsartikel zwischen zwei Buchdeckel
binden lassen, sondern er hat neugeschriebene farbige Kanzlerporträts
aus erster Hand geschaffen, bei denen sich Bedenkenswertes an Anekdotisches
reiht. Der Leser erfährt so allerdings nichts Biographisches über
den Autor selbst, zum Beispiel über seine Zeit als Fallschirmspringer
im Zweiten Weltkrieg. Der Journalist steht im Hintergrund, was zählt,
sind seine Erfahrungen mit den Mächtigen dieser Welt.
Kempski beginnt seine Darstellung mit dem 26. Juni 1963, Kennedys Visite
in Berlin. Für den jungen amerikanischen Präsidenten sei Adenauer
ein Langweiler gewesen, während dem der Bundeskanzler in seinem Besucher
einen Schaumschläger gesehen habe, dem gegenüber er eine meist
zugeknöpfte Förmlichkeit bewahrt habe. Dieses erste Müsterchen
aus der Sammlung von Kempskis Impressionen gehört zu den weniger geglückten,
da er zu Kennedys Rede lediglich anmerkt, von ihr sei lediglich der <in
gequetschtem Deutsch mühsam vom Manuskript abgelesene Satz, der ohne
die Hilfe des Dolmetschers unverständlich geblieben wäre: "Ick
bin een Berliner."> übriggeblieben. Hier hätte der Journalist
unbedingt auf die tiefere Bedeutung dieser Worte hinweisen müssen,
die in fast allen heutigen Kommentaren (vor allem am Bildschirm) völlig
unterschlagen wird. Der Satz zuvor lautete in der Substanz in etwa
folgendermassen:
<Insofern Berlin ein Teil der freien Welt ist, kann ich sagen, ich bin
ein Berliner.> Erst in diesem Kontext wird Kennedys Ausspruch verständlich.
Mit Berlin verteidigt der Westen sich selbst. Das Schicksal von Berlin
steht für das Schicksal der freien Welt.
Bemerkenswert ist, wo Kempski überall mit dabei war: Mit Adenauer
in Moskau, um die deutschen Kriegsgefangen in die Heimat zurückzuholen.
Bei Erhards Antrittsbesuch beim amerikanischen Präsidenten - ursprünglich
galt der Besuch Kennedy, nun empfing ihn sein Nachfolger Johnson anstelle
des Ermordeten. In der Wahlnacht 1969 steckte Kempski Brandt einen Zettel
zu mit den anfeuernden Worten <Jetzt oder nie>. Barings Kommentar in
Machtwechsel
dazu verweist er jedoch ins Reich der Fama: <Seither hielt sich Kempski
für den eigentlichen Schöpfer dieser [Grossen] Koalition.>
Kempski bleibt in seinen Beschreibungen kritisch und auf Distanz zu
den politischen Persönlichkeiten bedacht, ohne dabei die Grenzen der
Fairness zu überschreiten. Adenauers Staatssekretär Globke, dem
seine Vergangenheit als Kommentator der NS-Rassegesetzgebung vorgeworfen
wurde, beschreibt er als den Mann, der mehr Einfluss auf den Kanzler gehabt
habe als irgendein Bundesminister. Weder ambitioniert noch auf persönlichen
Ruhm erpicht, sei der penible Aktenmensch der Drahtzieher im Kanzleramt
und ideale Partner für Adenauer gewesen. Er schrieb im Namen Adenauers
Briefe an Bundesminister, legte die Tagesordnung der Kabinettssitzungen
fest, kontrollierte die Geheimdienste, das Bundespresseamt, die Tarnorganisationen
der Union und oft auch die Parteigeschäfte. Adenauer sagte Kempski,
Globke sei für ihn unersetzbar. Der Kanzler nahm seinen Staatssekretär
gegen Angriffe <mit der Behauptung in Schutz, sein Kommentar habe zum
Ziel gehabt, die bestehenden Rassegesetze der Nazis zu mildern. Eine andere
Deutung, so der Kanzler, sei nach seinem schon vor Jahren erfolgten Studium
aller entlastenden Unterlagen einfach nicht denkbar. Zu der gleichen Schlussfolgerung
über Globke, der nie Mitglied der NSDAP war, seien auch massgebliche
jüdische Kreise gelangt. Die neuen Angriffe seien deshalb, im Vorfeld
des Wahlkampfes, weniger gegen den Staatssekretär gerichtet als indirekt
gegen ihn als Bundeskanzler. "Mich unter diesen Umständen von Globke
zu trennen wäre eine menschliche Gemeinheit und Treulosigkeit", sagte
der Kanzler, "der Herr Globke ist ganz anders, als er aussieht."> Zur gleichen
Schlussfolgerung kam übrigens Fred Luchsinger in der Neuen Zürcher
Zeitung, wobei er von der selben Quelle - Adenauer - gespeist worden
war.
Erhard als Fehlbesetzung auf dem Kanzlerposten dokumentiert Kempski
mit vielen Anekdoten, so: <Er findet nicht einmal das passende Wort,
um den Gefühlen Ausdruck zu geben, die ihn im Zentrum der Weltraumfahrt
bewegen. Er sagt: "Ich bin erschüttert."> Daneben verweist Kempski
auf eklatante Misserfolge des Kanzlers, so 1966 beim Versuch, von Präsident
Johnson die Stundung von 2,7 Milliarden Mark zu erreichen, zusammen mit
einem Aufschub von vier Jahren für Stationierungskosten, die eigentlich
bis zum Juni 1967 fällig waren. Die deutschen Verbündeten, insbesondere
die USA, hätten den gutmütigen Erhard ständig betrogen,
meint Kempski dazu in einem Interview. Im Buch zerstört er die Legende
vom Kanzler mit dem stoischen Wesen. Das Gegenteil sei richtig. Erhard
sei ungeduldig, aufbrausend, cholerisch, rechthaberisch und beharrlich
gewesen.
Kiesinger wurde gemäss Kempski Erhards Nachfolger, weil den autoritären
und selbstherrlichen Bundestagspräsidenten Gerstenmaier <wohl niemand
recht mochte> (er kommt bei Kempski auch an anderer Stelle schlecht weg).
Barzel blieb chancenlos, weil ihm der Ruf anhing, dafür gesorgt zu
haben, dass Erhard über die Klinge springen musste. Aussenminister
Schröder galt als Störenfried kleineuropäischer Behaglichkeit.
Zudem war er ein erklärter Gegner von Franz Josef Strauss. Dieser
wiederum wollte die Spiegelaffäre, die ihm den Ministerposten gekostet
hatte, hinter sich bringen. Zur Rehabilitierung brauchte er die SPD, die
ihrerseits ohne ihn nicht zur Grossen Koalition kommen konnte. Kiesinger
habe sich da als erprobter, eloquenter, anpassungsfähiger, vom Bonner
Betrieb unbeschädigter Landesvater angeboten, der offen für das
Experiment der Grossen Koalition war. Der eigentliche Baumeister aber sei
Herbert Wehner mit seiner überwältigenden Autorität gewesen.
Wehner war für Kempski <eine Kombination von Grobheit, Ironie,
Rücksichtslosigkeit und tiefem Zynismus, aber auch von Charme, Romantik,
Hilfsbereitschaft und sensitiver Empfindsamkeit. Ein genialer, neurotischer
Machiavelli, den sie total irreführend "Onkel Herbert" genannt haben.>
Er wollte <raus aus der Opposition>. Das <Leitmotiv seines Willens>
setzte er in einer <verlustreichen Schlacht> fort, die er Ende 1962
begonnen hatte, und bei der er auf <die Schreie der Verwundeten> nicht
achtete.
Das Buch ist eine Fundgrube, in der analytische Passagen mit Anekdoten,
Kuriositäten und Blicken aus der Nähe abwechseln. Die Kanzler
zeigt Kempski zum Teil aus einer neuen Perspektive, die hin und wieder
die (unfreiwillige) Komik nicht ausschliesst. Immer aber scheint durch:
für Kempski machen Menschen Politik, nicht Funktionen oder Strukturen.
Hans Ulrich Kempski: Um die Macht. Sternstunden und sonstige Abenteuer
mit den Bonner Bundeskanzlern 1949 bis 1999, Berlin, Alexander-Fest-Verlag,
1999, 409 S./Fischer TB, 2000. Bestellen bei Amazon.de.
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Hans Ulrich Kempski: Um die Macht. Sternstunden und sonstige Abenteuer
mit den Bonner Bundeskanzlern 1949 bis 1999, Berlin, Alexander-Fest-Verlag,
1999, 409 S./Fischer TB, 2000. Bestellen bei Amazon.de.
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