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Der Blaue Reiter und das Neue Bild
Von der Neuen Künstlervereinigung München zum Blauen Reiter (1909-1912)

Artikel vom August 1999


Der Katalog zur Ausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München vom 2. Juli bis zum 3. Oktober 1999, deren Anlass der 90. Geburtstags der Gründung der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) ist, schildert in dreizehn Beiträgen die Entwicklung von der NKVM bis zum Blauen Reiter (1909- 1912). Neben einer Chronologie und Künstlerkurzbiographien enthält der Band alle rekonstruierten NKVM-Ausstellungen von 1909, 1910 und 1911 sowie die erste Präsentation des Blauen Reiters von 1911/12. Die damals ausgestellten Werke konnten weitgehend identifiziert werden und sind in München zu sehen. Im Katalog sind zudem weitere 60 Werke dokumentiert, die in den historischen Ausstellungen präsentiert, jedoch entweder zerstört wurden, verschollen sind oder nicht für die Retrospektive gewonnen werden konnten. Zudem sind die historischen Kataloge als Anhang in das Prestel-Kunstbuch aufgenommen worden.
 
Der gemeinsame Aufenthalt von Kandinsky, Münter, Jawlensky und Marianne von Werefkin im Spätsommer und Herbst 1908 in Murnau ermöglichte allen vier Malern ihre Weiterentwicklung. So profitierte Gabriele Münter vom geistigen Austausch mit Jawlensky, der 1903 und 1905 in der Normandie und in Paris mit der Avantgarde im Nachbarland, insbesondere mit van Gogh, Gaugin und den Nabis um Maurice Denis in Kontakt gekommen war. Sie schaffte den Sprung vom mehr oder weniger impressionistischen Naturabmalen <zum Fühlen eines Inhaltes - zum Abstrahieren - zum Geben eines Extraktes>. Am 22. Januar 1909 kam es dann zur Gründung der NKVM. Kandinsky übernahm den Vorsitz, vor allem weil er bereits mit der Phalanx von 1901 bis 1904 Erfahrungen als Präsident gesammelt hatte und ihm dabei sein Studium der Rechte in Russland zugute kam, derweil Jawlensky des Deutschen nur mangelhaft mächtig war und an intellektueller Führung wenig Interesse zeigte, zum zweiten Vorsitzenden bestimmt wurde. Zu den Gründungsmitgliedern der NKVM gehörten neben den vier oben erwähnten Malern Adolf Erbslöh, Alexander Kanoldt, Wladimir von Bechtejeff, Karl Hofer und Alfred Kubin. Dazu gehörten aber auch die zwei Neo-Impressionisten Hugo Schimmel und Charles Palmié, die allerdings bereits vor der ersten NKVM-Ausstellung im Winter 1909 wegen künstlerischen Differenzen wieder aus der Vereinigung austraten.
 
Das Vorwort zum Katalog der ersten NKVM-Ausstellung von 1909 beinhaltete in leicht gekürzter Form das von Kandinsky im Gründungszirkular der Vereinigung formulierte gemeinsame Programm: <... Wir gehen aus von dem Gedanken, dass der Künstler ausser den Eindrücken, die er von der äusseren Welt, der Natur, erhält, fortwährend in einer inneren Welt Erlebnisse sammelt und das Suchen nach künstlerischen Formen, welche die gegenseitige Durchdringung dieser sämtlichen Erlebnisse zum Ausdruck bringen sollen - nach Formen, die von allem Nebensächlichen befreit sein müssen, um nur das Notwendige stark zum Ausdruck zu bringen, - kurz, das Streben nach künstlerischer Synthese, dies scheint uns die Losung, die gegenwärtig wieder immer mehr Künstler geistig vereinigt ...>. Die Abkehr von der realistischen und für Kandinsky später gar von der gegenständlichen Malerei hin zur Vereinfachung und Abstraktion war der zentrale Punkt dieses zumindest für Deutschland neuen Ansatzes. Weder die NKVM noch der Blaue Reiter bildeten jedoch eine künstlerische Einheit, die durch eine eisern durchgesetzte Doktrin zusammengehalten wurde. Der Ansatz erlaubte eine Vielfalt des künstlerischen Ausdrucks, die (damals wie heute noch) immer wieder von neuem überrascht. Gleichzeitig erstaunt es deshalb nicht, dass die NKVM letztlich an Kandinskys Schritt zur Abstraktion zerbrach. Im Gegenteil, uns erstaunt, dass die von den verschiedenen Künstlern repräsentierten höchst unterschiedlichen Ansätze wie Expressionismus, Kubismus, abstrakte und idealistische Malerei sowie Neuklassizismus überhaupt mehrere Jahre lang unter einem Hut versammelt werden konnten.



Die NKVM war die erste Künstlervereinigung, <die in grösserem Umfang Frauen als Mitglieder oder Gäste einbezog>, was wohl auf die starke Postition von Marianne von Werefkin und die Offenheit Kandinskys zurückzuführen war, <alle Einschränkungen des Geistes in Form von Vorurteilen und starren Fesseln der Konvention zu überwinden> (Hoberg). Massgeblich beeinflusst wurden die Münchner Künstler von Frankreichs Kunstszene. Franzosen wie Pierre Girieud und Le Fauconnier traten der NKVM bei und garantierten den Kontakt zur Paris. Vor allem aber die in NKVM-Ausstellungen gezeigten Werke von Braque, Derain oder Picasso wirkten auf die in Bayern versammelten Künstler, insbesondere Braques Das Tal (Kat.-Nr. 90) und Picassos Kopf von 1908 (Kat.-Nr. 158), der von der Auseinandersetzung mit Cézanne zeugt. Zur zweiten NKVM-Ausstellung verfassten neben den russischen Brüdern David und Wladimir Burljuk, die sich nach 1904 zeitweise in Paris weiterbildeten und tätig waren, auch die Franzosen Redon und Le Fauconnier je ein Vorwort.
 
Neben der russischen Avantgarde mit den Burljuks war auch Wassily Iwanowitsch Denissoff zur zweiten Ausstellung eingeladen worden, der einen <schon überwunden geglaubten Standpunkt eines symbolgetränkten Jugendstils russischer Prägung vertrat>. Die Münchner Presse nahm die Werke der <neuklassizistisch> malenden Gäste der zweiten NKVM-Ausstellung wie Hermann Haller und Bernhard Hoetger überwiegend wohlwollend auf, während dem Jawlensky, Kandinsky, Erbslöh und andere als <Fieberkranke, wie Morphium- oder Haschisch-Trunkene> bezeichnet wurden. Die Kritik von aussen, insbesondere an Kandinskys Komposition II (1910) sorgte auch für Unruhe innerhalb der NKVM. Der <gemässigte> Flügel um Erbslöh, Kanoldt und Wittenstein legte Kandinsky den Wunsch nahe, sein umstrittenes Bild zurückzuziehen. Kandinsky widerstand allerdings dem auf ihn ausgeübten Druck. Die künstlerischen - und teilweise auch persönlichen - Differenzen traten 1911 immer stärker zu Tage. Kandinsky und Marc lagen sich mit Kanoldt in den Haaren, dessen Werke Kandinsky gemäss Marc als <ganz blöde kubistische Bilder> bezeichnete. Im Dezember jenen Jahres kam es zum vorhersehbaren Bruch mit dem Austritt der Blauen Reiter-Gruppe um Kandinsky und Marc aus der NKVM. Marc betonte dazu in einem zuvor veröffentlichten Text die Bedeutung des Programms für die NKVM und bedauerte, dass später zu oft von <Synthese> die Rede gewesen sei. Eine <Neugeburt des Denkens>, eine Rückbesinnung auf die Mystik und damit <auf uralte Elemente der Kunst> sei von der Vereinigung bezweckt worden. Marc gebrauchte den Begriff <Die Wilden Deutschlands>, in Anlehnung an die Fauves im Henri Matisse, um der konservativen Kritik in Deutschland entgegenzutreten, die wie Hans Rosenhagen die NKVM lächerlich machen wollte und der Nachahmung von Pariser Modeströmungen bezichtigte. Zum Bruch der Blauen Reiter mit der NKVM trug zudem ein Streit um Kandinskys Einladung des aus Böhmen stammenden amerikanischen Malers Albert Bloch zur dritten Ausstellung bei. Erbslöh hatte sich als 1. Vorsitzender dagegen gewandt, unter Bezugnahme auf den Beschluss der Generalversammlung der Vereinigung vom 4. Februar 1911, diesmal keine <auswärtigen Gäste> einzuladen, sondern die Ausstellung den Mitgliedern vorzubehalten. Marc schloss sich Kandinskys Protest an, der jedoch abgewiesen wurde. Zum Eklat kam es allerdings erst am 2. Dezember 1911 bei der Jurysitzung zur Ausstellung, als Kandinskys fast vollständig abstrakte Komposition V <mit der fadenscheinigen Begründung zurückgewiesen wurde, sie sei zu gross>. Kandinsky, Marc, Münter traten aus der NKVM aus, Kubin, Le Fauconnier und von Hartmann schlosssen sich ihnen an. Parallel zur dritten NKVM-Ausstellung (Erma Bossi, Wladimir von Bechtejeff, Adolf Erbslöh, Pierre Girieux, Alexej Jawlensky, Alexander Kanoldt, Moissey Kogan und Marianne von Werefkin) zeigte die Galerie Thannhauser im Oberlichtsaal in drei Räumen im zweiten Stockwerk die Erste Ausstellung der Redation des Blauen Reiter (neben Kandinsky, Marc, Münter und Kubin: Henri Rousseau, Rober Delaunay, Eugen von Kahler, Albert Bloch, die Gebrüder Burljuk, Heinrich Campendonk und Elisabeth Epstein).
 
Das Neue Bild im Titel der gegenwärtigen Ausstellung im Lenbachhaus spielt auf die gleichnamige bibliophile Publikation in 800 Exemplaren des Kunsthistorikers Otto Fischer vom November 1912 im Münchner Delphin Verlag an, der seit 1911 der NKVM angehört hatte. Doch anstatt der beabsichtigen Wiederversöhnung der zerstrittenen Künstler bewirkte das Buch das Gegenteil, nämlich das Zerwürfnis unter den verbliebenen Mitgliedern der NKVM. Von Werefkin, Jawlensky, Bechtejeff, Kogan und Mogilewski verliessen im Dezember 1912 aus Protest gegen Das Neue Bild die NKVM.

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Annegret Hoberg, Helmut Friedel, Hg.: Der Blaue Reiter Und Das Neue Bild. Von der "Neuen Künstlervereinigung München" zum Blauen Reiter, Katalog zur Ausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, Prestel, 1999, 400 S., 193 Farbtafeln und 371 s/w-Abb. Buch bestellen bei Amazon.de.


Hierher verschoben von Cosmopolis Nr. 17 am 5.8.2008:
Buchkritik: Der Blaue Reiter
Die Künstlervereinigung Der Blaue Reiter gehört zu den Lieblingen von Kunstfreunden und Kunsthistorikern. Eine diesen Sommer in der Kunsthalle Bremen zu Ende gegangene Ausstellung nahm sich ihr erneut an. Der Katalog dazu legt bleibend davon Zeugnis ab. Natürlich war es eine bequeme Art, einen Museumserfolg zu erzielen. Doch gleichzeitig war es eine erneute Gelegenheit, den Blauen Reiter neu zu beleuchten. Der vorliegende Katalog ist (wie es die Ausstellung auch war) dreigeteilt: die Gemälde, die Aquarelle und Zeichnungen sowie der Almanach. Damit orientiert sich der Band an den drei grossen historischen Aktivitäten des Blauen Reiters: der legendären Ersten Ausstellung der Redaktion Der Blaue Leiter, die Gemälde versammelte; der Zweiten Ausstellung des Blauen Reiters, Schwarz-Weiss, die ausschliesslich Arbeiten auf Papier präsentierte; dem Almanach Der Blaue Reiter, dem von Wassily Kandinsky und Franz Marc herausgegebenen Buch, das mit seinen vielschichtigen Querverweisen zu Völkerkunde und Volkskunst sowie zu Musik und Theater ein Panorama der Zeugnisse "echter Kunst" entfaltete, der sich die Mitglieder der Künstlervereinigung verwandt fühlten. Das Katalogbuch aus dem Jahr 2000 präsentiert die ausgestellten Werke, auch solche von wenig bekannten Künstlern wie Heinrich Campendonk oder David und Wladimir Burljuk. Der Band geht auf Daten und Ereignisse ein und präsentiert historische Fotos. Dem Blauen Reiter als Aktionsgemeinschaft von Künstlern (insbesondere Kandinsky und Klee) wird ebenso Raum eingeräumt wie der zeitgenössischen deutschen Rezeption der historischen Ausstellungen. Lobenswert ist die erstmalige Rekonstruktion der Tournee des Blauen Reiters der Jahre 1912 bis 1914, die durch sieben deutsche Städte sowie durch Budapest, Göteborg, Helsinki, Oslo und Trondheim führte. - Christine Hopfengart, Hg.: Der Blaue Reiter. Gebundene Ausgabe, DuMont, Köln, 2000, 300 S. Buch bestellen bei Amazon.de. - Bücher zum Thema Der Blaue Reiter bestellen bei Amazon.de.





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