Amerikanische Geschichte: Depression, New Deal,
Zweiter Weltkrieg
David M. Kennedy: Freedom from Fear
Artikel vom September 1999
David M. Kennedy, Professor an der Stanford University, legt mit Freedom
from Fear eine substantielle Geschichte der USA von 1929 bis 1945 vor.
Sie umspannt die Zeit von der Grossen Depression über den New Deal
bis und mit dem Zweiten Weltkrieg, also eine Epoche, die so gut untersucht
ist wie sonst nur noch die Zeit des Bürgerkriegs. Das trägt zum
Erfolg des Werkes bei, da dem Autor eine fast unerschöpfliche Zahl
von Quellen und erstklassige Sekundärliteratur zur Verfügung
stand. David M. Kennedy erzählt die amerikanische Geschichte äusserst
nuanciert. Klischees, die Glorifizierung von Personen und Taten, die vereinfachte
und zugespitzte Darstellung ist nicht seine Sache. Der Leser muss sich
allerdings durch über 900 Seiten hindurchkämpfen, da weder eine
einleitende noch eine abschliessende Zusammenfassung ihm die Aufgabe abnehmen,
die allerdings durch einen umfassenden Index (teilweise) erleichtert wird.
Die 20er Jahre waren nicht für alle Amerikaner Jahre des Wachstums
und der Prosperität. Die Einkommensschere zwischen dem Landwirtschafts-
und dem Industriesektor öffnete sich. Die Bauern hatten nach dem Ersten
Weltkrieg, während dem sie die landwirtschaftlichen Flächen ausgeweitet,
einen intensiveren Anbau betrieben und den Traktor eingeführt hatten,
mit einer Überproduktion und fallenden Preisen fertig zu werden. Erst
1939, mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, erholten sich die Preise
vollständig.
Die Einwanderungswelle nach der Jahrhundertwende brachte es mit sich,
dass 1930 10 % der Amerikaner im Ausland geboren waren und weitere 20 %
mindestens einen ausserhalb der USA geborenen Elternteil hatten. Als Reaktion
auf die Immigrationswelle und die Krise auf dem Land hat der Ku Klux Klan
anfangs der 20er Jahre um die fünf Millionen Mitglieder in seinen
Reihen versammelt, die sich gegen jüdische und katholische Immigranten
sowie gegen die Neger wandten. Noch 1930 lebten über vier von fünf
Schwarzen im Süden der USA, zumeist in ärmlichen Verhältnissen,
dem Jim Crow system, das in den 30er Jahren mit seiner sozialen
und wirtschaftlichen Segregation seine <Perfektion> erreichte (gemäss
dem Historiker C. Vann Woodward). Auch die aufkommende industrielle Massenproduktion,
der Fordismus, hatte Schattenseiten. So wurde durch die Arbeitsteilung
weniger der qualifizierte als der ungelernte Arbeiter gebraucht. Die Jahre
der Coolidge-Prosperität von 1923 bis 1928 waren auch in diesem modernen
Wirtschaftssektor von einer Arbeitslosigkeit um die 10 % begleitet. Das
Fehlen einer Arbeitslosenversicherung, in Europa in vielen Ländern
bereits eingeführt, war auch auf die Opposition der AFL (American
Federation of Labour) zurückzuführen. Die Gewerkschaft verlor
allerdings von Kriegsende bis 1929 rund 30 % ihrer Mitglieder.
David M. Kennedy beurteilt die oft sehr negativ bewertete Präsidentschaft
von Herbert Hoover milde, ja er rehabilitiert ihn als Vorläufer des
New
Deal. Unter ihm wurde zum Beispiel im Juni 1929 der Anstoss zur bis
damals umfassendsten Studie von Sozialwissenschaftlern zur amerikanischen
Gesellschaft in Auftrag gegeben, auf die sich Kennedy ausgiebig stützt.
Hoover wollte die Lebensbedingungen über eine engere Kooperation von
Wirtschaft und Regierung, öffentliche Arbeiten und gezielte staatliche
Eingriffe verbessern. Das war vor dem Börsenkrach. Bis 1931 blieb
Hoover optimistisch. Erst dann realisierte er, dass es sich bei dieser
Depression nicht um irgend einen normalen Wirtschaftszyklus handelte. Er
erkannte auch die fatalen Auswirkungen des Versailler Vertrages, durch
den u.a. die deutsche und damit die europäische Wirtschaft geschwächt
wurde. Hoover verfolgte allerdings damals von der Wissenschaft weitgehend
gestützte Massnahmen wie Steuererhöhungen, die sich als kontraproduktiv
erwiesen. Selbst Keynes trat noch im Mai 1931 lediglich für Zinssenkungen
in den USA ein: In Amerika sei das Argument für grössere öffentliche
Arbeiten als Stimulation für die Wirtschaft viel schwächer als
in Grossbritannien.
Hoover kann als Vorläufer des New Deals betrachtet werden,
insofern als er im Januar 1932 die Reconstruction Finance Company (RFC)
ins Leben rief. Der Präsident kam von seiner bisherigen Strategie
des Voluntarismus ab und verfolgte zunehmend eine des direkten staatlichen
Eingriffs in die Wirtschaft. Das wurde später von Columbia University-Professor
Rexford Tugwell anerkannt, der zu einem Hauptarchitekten des
New Deals
werden sollte: <... praktisch der gesamte New Deal wurde von
Programmen extrapoliert, die Hoover startete ...>. Der Term New Deal
stammt
übrigens von Franklin Delano Roosevelts Rede am Nationalkonvent der
Demokratischen Partei im Jahr 1932, als er seine Nomination zum Präsidentschaftskandidaten
annahm: <I pledge you, I pledge myself, to a new deal for the American
People.> David M. Kennedy verfällt keiner Mystifikation. Was Roosevelt
mit diesen Worten meinte, war damals noch unklar (Roosevelt wusste es wohl
selbst noch nicht).
Die 1930er Jahre (und nicht nur sie, wie schon bei Tocqueville zu lesen
ist) waren hervorragende Zeiten für Demagogen wie Huey Pierce Long,
Senator aus Louisiana, der 1934 die Idee von The Share Wealth Society
propagierte. Durch die Konfiskation grosser Vermögen, stark progressiver
Einkommenssteuern und grossangelegter Umverteilung wollte er jedem Haushalt
5000 $ zukommen lassen. Das war fast das doppelte des damaligen mittleren
jährlichen Familieneinkommens. <Every man a king> war seine populistische
Parole. Zudem forderten Basisbewegungen - auch solche innerhalb der Demokraten
- Reformen, die damals in der Luft lagen. Die New Dealers waren
folglich nicht nur Führer, die weitsichtig der Masse vorangingen,
sondern selbst oft Gefolgsleute.
In diesem Klima kam Roosevelt im Frühling 1935 mit der <Big
Bill> durch den Kongress, die mehr Staatsausgaben vorsah, als die Summe
aller Bundeseinnahmen im Jahr 1934 umfasste. Trotz aller Anstrengungen
(seit 1933) kam die Wirtschaft 1937 erneut ins Rutschen und im Oktober
traf es zusätzlich die Aktienmärkte. Die Roosevelt Recession,
wie es seine Kritiker nannten, war in David M. Kennedys Augen eine <Depression
innerhalb der Depression>. Der Historiker zieht eine nuancierte Bilanz
des New Deals. Dieser hat nicht das Ende der Depression herbeigeführt,
dass vermochte erst der Zweite Weltkrieg, der für den Wiederaufschwung
verantwortlich war. Der New Deal führte zu keiner substantiellen
Einkommensumverteilung. Es wurden keine grossen Staatsfirmen gegründet,
das kapitalistische Fundament der amerikanischen Wirtschaft wurde nicht
angetastet. Insgesamt betrachtet David M. Kennedy den New Deal als
Erfolg, weil er verletzlichen Individuen wieder Sicherheit gegeben habe,
ohne dass die Verfassung zerfetzt oder die Bürger gegeneinander aufgebracht
wurden. Sicherheit für Kapitalisten und Konsumenten, für Arbeitnehmer
und -geber, für Unternehmen, Bauern, Hausbesitzer, Bankiers und Bauunternehmer
seien die zählbaren Erfolge. Selten in der amerikanischen Geschichte
sei es zu substantiellen und anhaltenden sozialen Veränderungen gekommen.
Der New Deal mit seinen sozialen Errungenschaften (social security,
unemployment insurance), der Banken- und Börsenreform sowie der
Integration der Immigranten sei so ein Fall. Allerdings blieb die Rassenfrage
weiterhin ungelöst. Doch das Los der Schwarzen verbesserte sich. Ein
äusseres Zeichen davon war Roosevelts erstmalige Ernennung eines Schwarzen
Bundesrichters. Allerdings blieb einiges graue Theorie und wurde vor allem
im Süden, wo auch rassistische Demokraten das Zepter führten,
nicht umgesetzt. Die Leistung von FDR bestehe darin, das amerikanische
System mit dem New Deal verbessert zu haben, ohne dass es zu einer Konfrontation zwischen Orthodoxie und Revolution gekommen sei, ist David
M. Kennedys Fazit.
Als den grössten Erfolg Roosevelts sieht David M. Kennedy jedoch,
dass er den amerikanischen Isolationismus überwunden und die Nation
in den Krieg gegen die Nazis geführt habe. Dabei verschweigt er nicht
die Hindernisse, die es von 1935 bis 1941 zu überwinden galt. Von
den Neutralisten drohte Roosevelt gar das Impeachment-Verfahren, sollte
er die American Neutrality Act verletzen. Kennedy verschweigt auch
nicht die Internierung der japanischstämmigen Amerikaner während
dem Krieg oder die beschämende Politik der USA gegenüber den
Juden. So hatte das Aussenministerium gegenüber den jüdischen
Flüchtlingen eine Obstruktionspolitik betrieben. Erst als das Finanzministerium
und ihr Chef, der einzige Jude im Kabinett, Henry Morgenthau, einen geharnischten
<Bericht über die fügsame Einwilligung dieser Regierung in
die Ermordung der Juden> verfasste, änderte sich die Politik und das
War
Refugee Board wurde eingerichtet. Allerdings kann man bei David S.
Wyman (The Abandonment of the Jews), auf den sich David M. Kennedy
stützt, klare Worte finden, die auch Roosevelt belasten, die in Freedom
from Fear nicht zu finden sind. So hat Roosevelt erst reagiert, als
durch eine bevorstehende Diskussion im Parlament die Gefahr der Aufdeckung
der skandalösen Politik bestand. Viele amerikanische Offizielle schenkten
zuerst den Berichten über den Massenmord an den Juden keinen Glauben
oder blieben ihnen gegenüber gar indifferent.
David M. Kennedy schildert detailliert die Kriegereignisse und -debatten.
Zur Frage der Zweiten Front meint er, die Amerikaner hätten vor allem
die Russen mit ihrem Material kämpfen lassen und erst spät eingegriffen.
Daneben diskutiert er die Forderung des Unconditionnel Surrender
ebenso wie weitere kontroverse Themen. Die USA siegten vor allem auf Grund
ihrer immensen Produktionskapazität. Amerikas Wirtschaft prosperierte
dank dem Krieg, während dem seine Gegner wie auch die alliierten europäischen
Staaten dadurch (temporär) ruiniert wurden. Kennedy hat kein Heldenepos
verfasst. Der Krieg war ein brutaler, von allen Seiten unerbittlich geführter
Kampf. Die alliierten Untaten wie die massive Bombardierung deutscher Städte
oder das Abwerfen der zwei Atombomben über Japan verharmlost er nicht.
Die Amerikaner führten in Asien einen grausamen Krieg. Wobei wir nicht
alle Aussagen Kennedys teilen, so z.B. wenn er vom <wahrscheinlich vermeidbaren
Krieg mit Japan, in einer Region, in der wenig amerikanische Interessen
auf dem Spiel standen>, schreibt. Hingegen folgen wir dem Autor wieder,
wenn er von FDRs naiver Vorstellung und schwacher Vorbereitung einer Nachkriegsordnung
berichtet (One World wäre hier ein Stichwort, das im Index
leider nicht zu finden ist).
David M. Kennedy: Freedom From
Fear. The American People in Depression and War 1929-1945, The Oxford
History of the United States vol. 9, Oxford, OUP, 1999, 936 S.
Bestellen bei Amazon.com,
Amazon.ca,
Amazon.de,
Amazon.co.uk,
Amazon.fr.