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Leo Castelli 1907-1999
Zum Tode des Kunsthändlers und Mäzens
Artikel vom September 1999


Leo Castelli wurde am 4. September 1907 als Sohn des jüdischen hohen Angestellten einer lokalen Bank Ernest Krauss aus Ungarn und der reichen Erbin Bianca Castelli im damals noch österreichisch-ungarischen Triest geboren. Als die Italiener mit dem Ende des ersten Weltkrieges 1919 Triest annektierten, verkürzten die Krauss-Castelli ihren Namen zu Castelli. Während dem Krieg hatten sie in Wien gewohnt, weshalb der kleine Leo perfekt deutsch sprach (daneben beherrschte der polyglotte Castelli italienisch, englisch, französisch und griechisch) und die dolce vita genoss. Er studierte Jura in Mailand, arbeitete im Versicherungsgeschäft in Triest, später in Bukarest. 1933 heiratete er zum ersten Mal. Seine Frau Ileana Schapira war die noch nicht zwanzigjährige Tochter eines der reichsten Männer Rumäniens. 1935 gingen die Castellis nach Paris, wo Leo dank seinem Schwiegervater im Bankgeschäft tätig wurde. Die Familie knüpfte Kontakt zu Surrealisten wie Max Ernst oder Salvodor Dali. 1939 eröffnete Castelli zusammen mit seinem Freund, dem Architekten und Innendekorateur René Drouin eine Galerie an der mondänen Place Vendôme. Der Krieg bereitete dem Handel mit modernen Möbeln und Dekorationsgegenständen sowie surrealistischen Werken ein Ende. 1941, erst lange nach dem Einmarsch der Deutschen, übersiedelten sie nach New York, wo Schwiegervater Michail Schapira sich bereits niedergelassen hatte. Castelli bildete sich an der Columbia Universität in Geschichte weiter. 1943 meldete er sich zur US-Army, wo er bald dem intelligence-service zugeteilt wurde. Die Behörden belohnten ihn für seine Dienste mit der Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Der Schwiegervater verschaffte Castelli später einen Job in der Textilbranche. Doch der längst nicht mehr junge Leo interessierte sich mehr für Kunst.
 
Castelli bildete sich selbständig weiter, sammelte nicht nur Kunst, sondern verkaufte auch Gemälde und trug 1951 zur Finanzierung der Ninth Street Show in New York bei, der grosse Bedeutung bei der Durchsetzung des Abstrakten Impressionismus zukommt. Castelli war bereits up to date und handelte nicht etwa mit surrealistischer Kunst. Er verkaufte zwar mehrere (expressionistische) Kandinskys, doch strebte er danach, junge Künstler zu entdecken. Er eröffnete im Alter von 50 Jahren in seinem Wohnzimmer eine eigene Galerie, angeregt durch die Begegnung mit Jasper Johns und Robert Rauschenberg. Die amerikanische Kunst und insbesondere New York lösten definitiv die Seine-Metropole als Kunstzentrum sowie die Ecole de Paris als Avantgarde ab. Zusammen mit dem Künstler Jackson Pollock, der zusammen mit Alberto Giacometti und Marcel Duchamp zu seinen Künstlerfreunden gehörte, trug Castelli entscheidend zur Akzeptanz der amerikanischen Kunst in der Welt bei. Dabei half ihm, dass er kultiviert, kosmopolitisch und polyglott war, ein Europäer der High Society, verheiratet mit einer vermögenden Frau.
 
Castelli war einerseits ein Mäzen, der junge Künstler jahrelang durch monatliche Stipendien unterstützte, ohne auf den sofortigen Profit zu achten. So verweist John Russell in der New York Times auf das Jahr 1967, als Castelli Richard Serra für drei Jahre monatliche Zahlungen garantierte, obwohl höchst unklar war, ob sich seine experimentale Kunst jemals würde verkaufen lassen. Anderseits verstand er es, sich ein umfassendes Beziehungsgeflecht zu schaffen. Dazu gehörten Kontakte zu Museen, denen er grosszügig Werke schenkte und so Öffentlichkeit für seine Künstler schuf, Beziehungen zu Galerien sowie Privatsammlern. Berühmt geworden ist der Ausspruch von de Kooning: "You could give that son of a bitch two beer cans and he could sell them." Jasper Johns goss daraufhin zwei Bierdosen in Bronze, die Castelli tatsächlich umgehend an einen Sammler verkaufen konnte. Leo war der beste Kunstpromoter der Nachkriegsgeschichte. Dank ihm gewann mit Rauschenberg 1964 erstmals ein amerikanischer Künstler an der Biennale in Venedig den International Grand Prize for Painting.


 
Castelli hatte mit Jackson Pollock und Willem de Kooning mit dem Abstrakten Expressionismus begonnen. Doch schmückte er sich nicht mit arrivierten Künstlern, im Gegenteil. Er handelte nicht mit Malern der Klassischen Moderne wie Picasso. Er zeigte auch keine de Koonings in seiner Galerie, obwohl er mit ihm befreundet war, sondern entdeckte und zeigte als erster in Einzelausstellungen die Werke von Jasper Johns, mit dessen Ausstellung er sich ein Jahr nach der Gründung der Castelli Gallery die finanzielle Zukunft sicherte, sowie Frank Stella und Roy Lichtenstein. Die flags, targets, numbers von Johns sowie die Rauschenberg-Ausstellung wenig danach, ebenfalls 1958, faszinierten nicht nur Castelli, sondern die one-man-shows dieser Künstler führten zu Ankäufen durch das Museum of Modern Art sowie zu Artikeln in Zeitungen und Kunstmagazinen. Eine neue Kunstrichtung war geboren. Zu seinen frühen, bahnbrechenden Ausstellungen gehörten auch diejenigen mit Frank Stella und Cy Twombly 1960. Später zeigte er Roy Lichtenstein, Andy Warhol, James Rosenquist, Claes Oldenburg. Er förderte massgeblich Ellsworth Kelly, Bruce Naumann, Dan Flavin, Donald Judd oder Richard Serra. Castelli widmete sich Malern und Plastikern, die er von Beginn ihrer Karriere an betreuen konnte. Er merkte 1984 gegenüber Calvin Tomkins vom New Yorker an, jeder könne einen Künstler entdecken. Das Geheimnis aber liege darin, den Künstler zu dem zu machen, was er sei und ihm Bedeutung zu verleihen. Dazu sei neben einem guten Auge ein offenes Ohr nötig. Castelli verstand es, zu Künstlern ein gutes Verhältnis aufzubauen. Er war in der Lage, neue Kunstströmungen, neue Trends aufzuspüren und ihre besten Repräsentanten herauszufiltern. Castelli öffnete sich Mitte der 60er Jahre, nachdem er den Abstrakten Expressionismus und die Pop Art gefördert hatte, dem Minimalisums und dem Konzeptionalismus (mit Marcel Duchamp, dem geistigen Vater vieler jünger konzeptioneller Künstler, verband ihn nicht nur eine enge Freundschaft, sondern er betrachtete ihn als den grössten Künstler seiner Zeit).
 
1971 verlegte Castelli seine Galerie nach SoHo, was der Gegend den entscheidenden Impuls zur Etablierung als Zentrum der Kunstszene gab. Doch Castelli selbst verkaufte immer weniger. Nach einer Phase der Stagnation schloss er ab 1981 Allianzen mit Mary Boone und Larry Gagosian (mit dem zusammen er in SoHo eine Galerie betrieb), verlor aber immer mehr Künstler an die Konkurrenz, darunter Illeana Sonnabend, von der er sich 1960 hatte scheiden lassen und deren Galerien in Paris und SoHo nun die seinen als Forum für Jungstars überschattete. Dabei blieben allerdings Leo und Illeana Freunde und Partner im Kunstgeschäft. Larry Gagosian, Arnold Glimcher (Pace Gallery) und Mary Boone, die Richard Artschwager von Castelli übernahm, gruben allerdings Castelli ebenfalls das Wasser ab. Fünf Bildhauer, die Skulpturenkünstler Claes Oldenburg, Dan Flavin, Richard Serra, Donald Judd und John Chamberlain wechselten zur Pace Gallery. Einzelne Maler und Plastiker klagten, Leo promote vor allem Jasper Johns und Roy Lichtenstein und vernachlässige die andern Künstler unter seinen Fittichen. Bis 1992 in rund einem Jahrzehnt verliessen ihn gut zehn Künstler. Nach der Ermordung Andy Warhols 1987 und mit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise Ende der 80er Jahre ging es auch seiner Galerie schlechter. Robert Rauschenberg und Frank Stella unterhielten nur proforma Beziehungen zu Castelli und wurden vor allem von der Knoedler Gallery vertreten, Ellsworth Kellys Werke zeigte vor allem die Blum Helman Gallery. Auch Julian Schnabel und David Salle kehrten Leo den Rücken, der in jenen Jahren seine gesamte Minimalistische Künstlergruppe verlor.
 
1990 richtete Castelli den alle zwei Jahre vergebenen "Leo Award" ein, mit dem Leistungen für die Gegenwartskunst ausgezeichnet werden. Am 21. August 1999 schliesslich verstarb er im Alter von 91 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit. Er hinterlässt eine dritte Frau (die zweite, Antoinette Fraissex du Bost war 1987 verstorben), die junge italienische Kunstkritikerin Barbara Bertozzi, sowie einen Sohn aus erster und eine Tochter aus zweiter Ehe.



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