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Jean Siméon Chardin
Biografie, Katalog und Ausstellung zum 300. Geburtstag des Malers

Hinzugefügt am 9. April 2011
Vom 1. März noch bis am 29. Mai 2011 zeigt der Prado in Madrid in Zusammenarbeit mit dem Pariser Louvre die erste Chardin-Ausstellung in der Geschichte Spaniens mit 57 Gemälden (Stillleben und Genremalerei mit häuslichen und familiären Szenen sowie Kinderbilder). Die Ausstellung kuratiert hat der französische Chardin-Spezialist Pierre Rosenberg. In Spanien selbst befinden sich nur drei Werke Chardins (alle im Museo Thyssen in Madrid).

Artikel vom September 1999

Vor der grossen Pariser Retrospektive (10.10.-22.11.1999) zum 300. Geburtstag von Jean Siméon Chardin (1699-1779) fand in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe von Juni bis August bereits eine Ausstellung zu diesem Maler statt. Der hier besprochene Katalog von Karlsruhe bildet eine nützliche Vorbereitung für den Besuch der Werkschau im Louvre, die vor kurzem ihre Tore geöffnet hat und die danach in Düsseldorf, London und New York zu sehen sein wird. Dass die deutsche Ausstellung, die nicht nur Chardin, sondern auch sein Umfeld und seine Wirkung auf andere Künstler umfasste, in Karlsruhe stattfand, macht Sinn. Von den rund 200 Gemälden, die der Künstler in seinem langen Leben fertig stellen konnte, erwarb die Markgräfin Karoline Luise von Baden (1723-1783) bereits 1759 und 1761, zu Lebzeiten des Künstlers, deren fünf für ihr privates Malereikabinett. Karlsruhe wurde damit neben St. Petersburg, Berlin, Wien und Stockholm zu einem Ort der Wertschätzung Chardins. Die kleine Wiederholung der Potsdamer Briefsieglerin ist allerdings seit 1853 verschollen, die vier Stilleben dagegen bilden den Kern der heutigen Kunsthalle-Sammlung.
 
In der Ausstellung wurden im vergangenen Sommer insgesamt 35 Gemälde von Jean Siméon Chardin präsentiert. Aus konservatorischen Gründen allerdings keine Pastelle und grossformatigen Stilleben. Dagegen hatten die Kuratoren in Ergänzung 84 Gemälde aus dem 17. und 18. Jahrhundert in die Ausstellung integriert, zusammen mit 40 zeitgenössischen Drucken nach Genrebildern und Portraits von Chardin sowie über 100 niederländischen und französischen Kupferstichen, Radierungen und Zeichnungen aus dem niederländischen und französischen Raum. So konnte sich der Besucher (und kann sich der Leser des Katalogs noch immer) ein Bild von den Künstlern machen, die Chardin beeinflusst haben oder auf die er ausgestrahlt hat, wobei allerdings seine Beziehung zur italienischen Kunst nicht berücksichtigt wurde. Die Ausstellung war in zwei grosse Bereiche gegliedert: die weitgehend nach Schulen und Gattungen geordneten Gemälde sowie die Zeichnungen, Original- und Reproduktionsgraphiken (vor allem Genredarstellungen, was die Reproduktionen anbetrifft), die nach ästhetischen, thematischen und motivischen Gesichtspunkten gegliedert waren.
 
Zu den Vorbildern des im Pariser Handwerkermilieus geborenen <Autodidakten> Jean Siméon Chardin zählten die Meister der niederländischen Schulen des 17. Jahrhunderts, die mit Werken und Graphiken von Frans Snyders, Willem Kalf, Pieter de Hooch, Rembrandt, Wallerant Vaillant und anderen vertreten waren. Aus der ihn beeinflussenden französischen Schule sind die Gebrüder Le Nain, Nicolas de Largillierre und François-Alexandre Desportes zu nennen. Die beiden letztgenannten gehörten bereits zu seiner Lehrergeneration.
 
Jean Siméon Chardin erlernte bei Pierre-Jacques Cazes (1676-1754) die Historienmalerei. Damals befand sich die französische Malerei in der Krise. Chardin gab es auf, Historienmaler werden zu wollen. Bald bekehrte er sich zum Stilleben. Er unternahm eine traditionelle Romreise. Erst später, als er in der Werkstatt von Noël-Nicolas Coypel (1690-1734) aushalf, lernte Chardin die Bedeutung des Malens nach der Natur kennen. Die ausserhalb der Akademie erhaltene Ausbildung scheint wesentlich zu seiner autodidaktisch entwickelten Maltechnik beigetragen zu haben.
 
Seine Lehrergeneration ist im Katalog übrigens mit Antoine Watteau, Alexis Grimou, André Brouys sowie den druckgraphischen Arbeiten nach  Werken von Charles-Antoine Coypel und Nicolas Lancret repräsentiert. Chardin malte, was der Markt seiner Zeit verlangte. Er beobachtete die unspektakuläre Welt des Pariser Bürgertums, familiäre Szenen der Häuslichkeit. Er malte tote Tiere, Kaninchen, Enten, Fische, Wildschweinköpfe, aber auch Früchte, Gemüse oder Gegenstände von Küche und Esstisch. 1728 wurde Jean-Siméon Chardin in die Académie royale de peinture et sculpture als Agréé aufgenommen. Ein Dokument der Zeit bezeichnet ihn gar als <Maler von Tieren, von Küchengeschirr und von verschiedenen Gemüseschalen>. Er stand deshalb als Stillebenmaler ganz unten in der Hierarchie jener Institution und war weit entfernt vom Ruhm eines Historienmalers. Deshalb konnte er auch nicht in den Rang eines Professors, Rektors oder Direktors der Akademie aufsteigen. Ab 1737 stellte er regelmässig in den Salons aus, den wichtigsten Veranstaltungen innerhalb der Akademie. Sein Lehrer Cazes, seit 1718 Professor, wurde 1743 zum Rektor und 1744 zum Direktor der Akademie ernannt. Chardin seinerseits wurde 1755 Schatzmeister der Akademie. Mit Hilfe seiner Frau gelang es ihm in den darauffolgenden Jahren, die defizitären Finanzen der Akademie zu sanieren und bis zu seinem Rücktritt im Jahr 1774 in ein Plus von rund 30 000 Livres zu verwandeln. Seit 1757 wohnte er mit königlicher Erlaubnis im Louvre. Chardin hatte von seinem guten Kontakt zum Direktor der Akademie seit 1747, Charles-Antoine Coypel (1694-1752), profitiert, über den er Beziehungen zum Bruder der Madame de Pompadour und anderen Persönlichkeiten hatte. Das änderte sich mit dem Antritt eines neuen Generaldirektors der königlichen Gebäude sowie der Ernennung eines neuen Direktors, Jean-Baptiste Marie Pierre (1714-1789), die ihn seine tiefe Stellung als Stilleben- und Genremaler fühlen liessen und ihm und seiner Frau eine Pension für ihre Tätigkeit als Schatzmeister verweigerten und seine Fachrichtung herabstuften. Der neue Direktor wollte die Historienmalerei wiederbeleben.
 
Die Zeitgenossen Chardins wie Jean-Baptiste Oudry, Michel-François Dandré-Bardon, François Boucher und Etienne Jeaurat waren ebenso in der Karlsruher Ausstellung präsent wie die bis um 1800 tätige Generation mit dem Chardin-Schüler Jean-Honoré Fragonard sowie Jean-Baptiste Greuze, Hubert Robert, Nicolas-Bernard Lépicié und Roland Delaporte. Gerade aber seine Schüler und Epigonen  haben Jean Siméon Chardins Ansehen Schaden zugefügt. Seine gefühlsbetonte Kunst wurde zur platten Malerei degradiert. Zur Rezeptionsgeschichte Chardins wäre dem Katalog anzufügen, dass seine Wiederentdeckung über Cézanne und Morandi erfolgte. Nun galt Chardin plötzlich als le premier des modernes (siehe Gian Casper Bott in der NZZ vom 9.8.1999).
 
Chardins Bedeutung liegt unter anderem in seiner Kunst, die Wechselwirkung von der Farbe des Objekts mit der seiner Umgebung in Rechnung zu stellen. Denis Diderot bezeichnete ihn als le grand magicien und beschrieb die optische Wirkung seiner Bilder als Dampf, der über die Leinwand gehaucht sei. Mit der Beziehung Chardins zu den Gattungen der Malerei setzt sich im Katalog Marianne Roland Michel auseinander. Zu den Anfängen seiner Malerei schrieb Pierre Rosenberg, der für die Pariser Retrospektive zuständig ist. Weitere Artikel untersuchen die Beziehung Chardins zur niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts oder diejenige zu David Teniers d.J.
 
Wir haben uns hier weitgehend auf ein name dropping konzentriert. Der Blick in den Kunstband lohnt sich, da Jean Siméon Chardin im grösseren kunsthistorischen Kontext gezeigt wird.

Jean Siméon Chardin 1699-1779. Werk - Herkunft - Wirkung, erschienen zur Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (5.6.-22.8.1999), mit Beiträgen von Dorit Hempelmann u.a., Ostfildern-Ruit, Hatje Cantz, 1999, 460 S., 531 Abb. (125 davon in Farbe). Bestellen bei Amazon.de.




Jean Siméon Chardin 1699-1779. Werk - Herkunft - Wirkung, erschienen zur AusstHempelmann u.a., Ostfildern-Ruit, Hatje Cantz, 1999, 460 S., 531 Abb. (125 davon in Farbe). Bestellen bei Amazon.de.