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Robert Reich und Bill Clinton
Die Memoiren des ehemaligen Arbeitsministers
Artikel vom September 1999

Der amerikanische Titel der Memoiren des ehemaligen Arbeitsministers Robert Reich über die Zeit in der Regierung Clinton ist bereits eine erste Bilanz: Locked in the Cabinet. Als Minister in die Kabinettsdisziplin eingebunden, kann er nicht frei handeln und reden, wie er es gerne würde. In Goodbye, Mr. President (dt. Titel der Memoiren) erzählt Robert Reich all das, was er als aktiver Politiker nicht sagen durfte. Dazu gehören eine Menge fiktiver Dialoge und Reden, in denen er nachholt, was er gerne dem Präsidenten, Kollegen, Gegnern, Journalisten und dem amerikanischen Volk gesagt hätte. Zumeist sind sie gefolgt von dem, was er damals wirklich von sich gegeben hatte. Es versteht sich von selbst, dass so ein höchst amusänter Band entstanden ist, der aus der grauen Memoirenliteratur hervorsticht und die Zeit vom 17. Juni 1992 bis zum 16. Februar 1997 chronologisch umfasst, ergänzt um ein paar Seiten unter dem Titel Ein Jahr später.
 
Robert Reich, Professor für Volkswirtschaft, in Cambridge (Massachusetts), ist ein langjähriger Studienfreund von Hillary und Bill Clinton. Hillary lernte er kennen, als sie ein undergraduate in Wellesley war. Bill traf er auf dem Schiff nach Oxford, wohin sich beide dank einem Rhodes Stipendium begaben. Alle drei besuchten die Yale Law School. Reich erwartete sich vor der Wahl, als sein Favorit in Umfragen vorne lag, folgendes: <Wenn die Zeit einen starken Präsidenten fordert, wird Bill etwa so regieren wie Franklin D. Roosevelt - mit grenzenloser Energie, grossem Charme und kühnem Initiativgeist.> Ein hoher Anspruch, dem Clinton nicht gerecht werden konnte. Reich hatte Clinton zuvor lange zugeredet, er solle kandidieren, was er denn auch tat. Dabei benutzte er gemäss Robert Reich seine Ideen, weshalb er sich dem Ruf Bills zum Eintritt in die Regierung nicht verwehren konnte.


 
Robert Reich präsentiert sich als Professor glaubwürdig als Washingtoner-Aussenseiter, der naiv und gutherzig heere Ziele verfolgte. Vor allem lag und liegt ihm die sich ausbreitende Einkommensschere zwischen Arm und Reich am Herzen. Auch über vierzig Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung sind in seinen Augen untolerierbar. Als Robert Reich sich vier Jahre später, kurz vor der Wiederwahl Clintons, dazu entschliesst, bald nach Boston an die Universität zurückzugehen, um sich Frau und Kindern vermehrt widmen zu können, ist er desillusioniert.
 
Der Arbeitsminister hat sein Buch vor der Lewinsky Affäre niedergeschrieben. Er selber hatte zwar von Gerüchten über angebliche <Weibergeschichten> gehört, doch keine festen Anhaltspunkte dafür gefunden und <auch nie das Gefühl gehabt, dass es in ihrer Ehe rumorte>. Naiv? Vielleicht. Er interessierte sich mehr für Sachfragen. In Robert Reichs Augen ist der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan der mächtigste Mann der USA. Clinton habe ihm und jenen im Kabinett nachgegeben, die er als Defizit-Falken bezeichnet (Bentsen, Rubin, Panetta). Robert Reich ist wie Stephanopoulos einer jener amerikanischen Liberalen, der sich fälschlicherweise, wie wir heute wissen, gegen die Priorität des ausgeglichen Budgets stemmte. Clinton wirft er vor allem fehlende Führungsqualitäten vor. Er habe sich zu sehr in Washington angepasst und sei den Republikanern so sehr entgegen gekommen, dass er die Sicht auf seine grösseren Ziele (Gesundheitswesen, Sozialstaat) verloren habe.
 
Schon zu Beginn der Präsidentschaft enttäuschten ihn Bill und Hillary mit ihrer Erwägung, Lloyd Bentsen, den altgedienten Vorsitzenden des Finanzausschusses des Senats zum Finanzminister zu machen. Bentsen gehört nicht zum liberalen Lyndon-Johnson-Flügel der texanischen Demokraten. Er ist ein Verfechter von Freihandel und trug gemäss Robert Reich weitgehend die wirtschaftsfreundliche Politik von Bush und Quale mit. Zudem war er ein Defizit-Falke [zum Glück für die USA!]. Robert Reich kamen deshalb bereits damals wegen dieser Personalentscheidung Zweifel an Bill und Hillarys Absicht, <die Aussichten der Arbeiter und der Armen zu verbessern>.
 
Robert Reich berichtet auch Bedenkliches, das aus liberaler Sicht in europäischen Sinn zu denken gibt. So hatte das Führungsgremium der Demokraten eine Liste ungerechtfertigter Steuervorteile und Subventionen im Gesamtwert von 100 Milliarden Dollar pro Jahr zugunsten bestimmter Firmen und Industriezweige veröffentlicht. Darunter jährlich zwei Milliarden Dollar für Erdöl-, Erdgas- und Bergbauunternehmen sowie vier Milliarden für die pharmazeutische Industrie oder 400 Millionen für Christbaumpflanzer. Den Fernsehnetze erhalten ihre Funkfrequenzen gratis. Dafür müssten sie eigentlich rund vier Milliarden Dollar bezahlen, etc. Selbst im vermeintlichen Land des Kapitalismus gibt es noch genügend auszumerzende Pfründe.
 
Der Arbeitsminister berichtet auch über die Fettnäpfchen, in die er als Exekutivmitglied trat. Manche sind ganz lustig und der Autor wird dadurch sympathisch, doch mit der Zeit gewinnt der Leser den Eindruck, dass Robert Reich manchmal doch allzu dilettantisch gehandelt hat. Zudem scheint er hin und wieder seine Erzählung geschönt zu haben, wie der Journalist Jonathan Rauch in Slate nachgewiesen hat.
 
Interessant ist der Vergleich Clinton - Gore, den Reich anstellt. Der Vizepräsident Al Gore <macht stets seine Hausaufgaben und ist das perfekte Gegenstück zu B [Bill Clinton]: methodisch, während B alles dem Zufall überlässt, geradlinig, wo B kreativ ist, vorsichtig anstatt ungestüm wie B, überlegt im Gegensatz zu Bs spielerischer Art, zurückhaltend, während B seine Gefühle mit jedermann teilt. Die beiden brauchen einander, und sie spüren es. Vor allem aber hat Gore Geduld, während B immer alles sofort haben will. Gore kann warten, bis der richtige Augenblick gekommen ist. Jetzt wartet er darauf, Präsident zu werden [wegen Bush junior dürfte er wahrscheinlich bis zum jüngsten Gericht und darüber hinaus warten]. Zum Teil ist er deswegen hier: Er will sich bei der organisierten Arbeiterschaft ein Fundament verschaffen, nicht nur für 96, sondern für die Jahrtausendwahl danach.>
 
Wie George Stephanopoulos (siehe den Artikel in Cosmopolis Nr. 7) hasst auch Robert Reich den spin doctor Dick Morris, den er als Schwarzes Loch bezeichnet, von dem Bill Clinton angezogen werde. Morris sei ein Mephistoles und ultimativer Verderber (Clintons und seiner Politik). Morris und consultants wie er <verkaufen [politische] Kandidaten genau so, wie auf der Madison Avenue Cornflakes und Seife an den Mann gebracht werden. Sie stellen Telefonerhebungen und Meinungsumfragen an, veranstalten tiefenpsychologische "Focus-Gruppen" auf der endlosen Suche nach dem, was die Oeffentlichkeit will. Sodann benutzen sie die Methoden der Werbund und des Marketing, um den Kandidaten in ein Produkt zu verwandeln. Im günstigsten Fall verhilft ein politische Consultant Männern und Frauen mit Prinzipien zum Wahlsieg, indem er der Oeffentlichkeit beibringt, woran solche Kandidaten glauben und warum sie es tun. Im schlimmsten Fall treibt ein politischer Consultant einem Kandidaten noch den letzten Anflug von Prinzipien aus und modelt ihn sich einzig und allein im Hinblick auf seine Vermarktbarkeit zurecht. Morris gilt als einer der besten Techniker in diesem Geschäft, und als derjenige, der eisern gegen jeglichen Grundsatz ist.>
 
Nicht ohne Schadenfreude berichtet Robert Reich von Morris' Fall. Auf seinen Reisen nach Washington, um Clinton zu beraten, hatte er sich mit einer Prostituierten vergnügt und ihr dabei erlaubt, die Telefongespräche zwischen ihm und dem Präsidenten mitzuhören. Zudem hatte er ihr vertrauliche Dokumente gezeigt. Die Prostituierte dankte es ihm mit dem Verkauf der Story und einiger Photos an ein Schundblatt. Das war das Ende von Dick Morris. Robert Reich war ungläubig: <Morris? Sex? Irgendwie wäre ich nie auf die Idee gekommen. Morris schien immer ziemlich geschlechtslos, wie Computer-Software.>
 
In seinem Nachwort Ein Jahr später verweist Robert Reich nicht nur auf die starke amerikanische Wirtschaft mit niedriger Arbeitslosenquote und Inflationsrate, auf boomende Aktienmärkte und den ausgeglichenen Bundeshaushalt, sondern auch auf die dunklen Seiten der amerikanischen Gesellschaft. Zwischen 1993 und 1997 wurde zuwenig für die Kinder getan. Viele Schulen sind in einem erbärmlichen Zustand. Die Gesundheitsversorgung erreicht noch immer nicht alle und das Heer der Armen ist nicht verschwunden. Das könnte sich in der nächsten Rezession, die früher oder später kommen wird, rächen.


Robert Reich: Goodbye, Mr. President. Aus dem Tagebuch eines Clinton-Ministers, München, Econ & List, (1998) Taschenbuch 1999, 496 S. (Amerikan. Originalausgabe: Locked in the Cabinet, New York, Albert A. Knopf, 1997). Buch bestellen bei Amazon.de oder Amazon.com.
 

 


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