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Die Geschichte des Stillebens
Das Standardwerk von Sybille Ebert-Schifferer
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Artikel vom September 1999
Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, Sybille
Ebert-Schifferer, die Lehraufträge an den Universitäten Frankfurt
und Bonn wahrnimmt, ist einem grösseren Publikum dank der für
das Fernsehen leider fast einmaligen Diskussionen Bilderstreit. Kunst
im Gespräch auf 3sat bekannt. Mit dem prachtvollen, grossformatigen
Band zur Geschichte des Stillebens legt sie ein Werk vor, das nicht
nur wegen seiner Farbabbildungen eine Zierde für jede Bibliothek ist,
sondern auch durch seinen Inhalt besticht.
Die Geschichte des Stillebens umfasst die Entwicklung dieser
heute bei Kunstsachverständigen, Intellektuellen, Sammlern und <einfachen>
Menschen beliebten Gattung der Malerei von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.
Vor allem Mosaike und Malereien aus römischer Zeit sind uns von den
Anfängen dieser Kunstform erhalten geblieben. Doch auch den Griechen
war die Mimesis, die Nachahmung der Natur bis zur Täuschung,
nicht fremd. Stilleben dienten in der Antike der Dekoration und Repräsentation
(Xenien). Die eigene Fähigkeit zum Konsum wurde dargestellt,
zum Beispiel im Speiseraum. Aber auch bereits im privaten Empfangsraum
begegnete der Gast der Vorführung des Ertrags der Domäne des
Hausherrn. Danach verschwand das Stilleben für längere Zeit aus
der europäischen Kunst (die arabische, chinesische oder japanische
Geschichte dieser Gattung bleibt bei Ebert-Schifferer ausgeblendet). Im
Mittelalter galt die irdische Realität als nicht abbildungswürdig.
Diese Einstellung änderte sich erst gegen Ende der spätscholatischen
Philosophie mit dem Nominalismus von Wilhelm von Ockham (1285-1349). Der
bedeutendste Schüler Giottos, Taddeo Gaddi (1300-1366) knüpfte
wieder an die illusionistische Malerei an und schuf zum Beispiel Scheinnischen
in Florenz, gefüllt mit Gegenständen. Im 15. Jahrhundert, als
Memento
mori, <Bedenke, dass du sterben wirst>, eine jedermann geläufige
Mahnung war, erschienen Totenschädel auf den Rückseiten niederländischer
und italienischer Portäts. Vanitas-Darstellungen - verbunden mit programmatischen
Texten - fanden weite Verbreitung. Um 1504 entstand das früheste bekannte,
signierte und datierte Trompe-l'oeil. Das Stilleben stammte von
Jacopo de' Barbari (ca. 1440 bis vor 1515). Die einsetzende Forschung und
Auseinandersetzung mit Mensch, Tier und Natur gab dem Stilleben neue Impulse.
Die weltbekannten Naturstudien von Leonardo da Vinci (1452-1519) sind hierzu
ein Beispiel. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts sind keine autonomen Stilleben
bekannt. Stillebenpartien waren in Historienbilder und Porträts integriert.
Die <symbolische Bedeutung von Dingen und die Funktonalität ihrer
illusionistischen Darstellung> verschmolzen dabei innerhalb der Bildaussage.
Im 16. Jahrhundert entstanden Gemälde <christlicher Mahlzeiten>
als Anspielung auf das Abendmahl und unterstrichen so die Frömmigkeit
der dargestellten Personen. Bald hielten Überfluss und Laster Einzug ins
Bild. In niederländischen Küchenstücken finden sich obszöne
Anspielungen. Fleischliche Genüsse - im engsten Wortsinn - rückten
ebenso in den Vordergrund. Der Fleischerladen wurde zu einem Motiv der
Malerei. Doch auch die Naturillustration machte Fortschritte, zum Beispiel
mit Albrecht Dürer (1471-1528). Auch Giuseppe Arcimboldos (1527-1593)
<Gemüse- und Fruchtporträts> sind jedem Kunstinteressierten
ein Begriff. Der Kaiser wurde in einem Capriccio oder Scherzo
als Jahreszeit gefeiert.
Sybille Ebert-Schifferer zeichnet das Entstehen der ersten modernen
Stilleben um 1600 nach, die sich gleichzeitig an verschiedenen Orten in
Europa sich entwickelten: In den Niederlanden, in Deutschland, Spanien
und Italien. Die frühesten Vanitas- und Mahlzeitdarstellungen stammten
aus den Niederlanden. Bei der Früchtemalerei gingen italienische Künstler
voran. Teller mit Pfirsichen von Ambrogio Figino (ca. 1550-1608)
ist ein Beispiel. Die Blütezeit des Stillebens allerdings folgte im
17. und 18. Jahrhundert. Mahlzeit-, Vanitas- und Früchtestilleben
wurden äusserst beliebt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
stieg das Trompe-l'oeil zur eigenen Gattung auf. Die Anzahl der
hervorragenden Künstler explodierte. Georg Flegel, Daniel Soreau, Jan Brueghel der Ältere
oder Abraham Mignon seien hier nur einige Namen. Sybille Ebert-Schifferer
zeichnet von allen Künstlern Kurzporträts, zeigt ihren Beitrag
zur Entwicklung der Stilleben-Malerei auf und verweist auf weiterführende
Literatur. Der Personen- und Sachindex erlaubt es zudem, leicht die gewünschte
Stelle im Buch zu finden. Bei der Vielzahl der aufgeführten Künstler
ist es natürlich immer möglich, dass der eine oder andere Leser
etwas zu wenig genau beschrieben findet. Wir hätten zum Beispiel gerne
mehr über Rachel Ruysch erfahren (1664-1750), die von Willem van Aelst
(1627-1682) beeinflusst war, der Amsterdam zu einem Hauptzentrum der Stillebenmalerei
machte. Nicht nur weil sie <zusammen mit Jan van Huysum [...] den entscheidenden
Schritt zum technisch perfekten, dekorativen Blumenstilleben des 18. Jahrhunderts>
machte oder weil einige ihrer Stilleben (nicht nur Blumen) vor einigen
Jahren im Auktionshandel hohe Preise erzielten, sondern weil sie eine Frau
ist. Bis zum 20. Jahrhundert sind hervorragende Künstlerinnen - nicht
nur der Stillebenmalerei - die Ausnahme. Die Autorin verliert leider kann
Wort darüber. Abgesehen von diesem Detail widmet sich Sybille Ebert-Schifferer
ausführlich und zurecht auf über 150 Seiten der Blütezeit
der Stillebenmalerei.
Dass die dem Band gewidmete Gattung nicht ohne Einfluss auf das 20.
Jahrhundert ist, beweist ein Blick auf das Werk von Samuel van Hoogstraten
(1627-1678). Sein Steckbrett-Stilleben (Abb. 119) verweist wie das Steckbrett
mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder (1658) von Wallerant Vaillant
(1623-1677) auf Jasper Johns, Robert Rauschenberg oder Andy Warhol. Bekannt
ist der Zusammenhang zwischen unserem Jahrhundert und den amerikanischen
Stillebenmalern John Frederick Peto (1854-1907), William Michael Harnett
(1848-1892) oder Ferdinand Danton Jr. (1877-1912). Dantons Time is Money
(1894) zeigt eine Uhr und Dollarnoten, die an einer Holztür festgemacht
sind.
Daneben beschäftigt sich Sybille Ebert-Schifferer mit dem Biedermeier,
Courbet, den Impressionisten, Cézanne, den Fauves und den
Expressionisten,
Kubismus, Magischem Realismus oder der Pop-Art. Kurzum, der Band führt
bis in die Gegenwart und zeigt auf, dass das Stilleben nicht nur hoch im
Kurs steht, sondern sich auch beständig weiterentwickelt hat. Gleichzeitig
aber besteht ein traditionalistischer Stil, der sich weiterhin weitgehend
auf die Abbildung, die realistische Darstellung beschränkt. Sybille
Ebert-Schifferers Band spricht sowohl den Geist wie auch die Sinne an.
Trotz seinem hohen Preis ist ihr Band jedermann zu empfehlen.
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Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens, München,
Hirmer, 1998, 419 S. Bestellen bei Amazon.de.
Edition française, 418 pages, publiée en 1999 chez Citadelle &
Mazenod (Les Phares). Commandez le livre chez Amazon.fr.
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