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Gorbatschow holt in seinem neuesten Werk, Wie es war, weit aus.
Er beginnt mit der alliierten und sowjetischen Politik gegenüber Hitlerdeutschland
gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegspolitik. Zurecht verweist
er auf die anfänglich harte Haltung von Amerikanern, Briten und Franzosen
auf ihre zum Teil revanchistischen Programme und Teilungspläne für
Deutschland. Auch die Andeutung eines Umschwungs, beginnend mit der Byrnes-Rede
vom 12. Juni 1946 am letzten Tag der Pariser Konferenz der Aussenminister
der vier Besetzungsmächte bleibt nicht unerwähnt. Was bezweckt
Gorbatschow mit diesem historischen Exkurs? Er versucht zu beweisen, dass
die Teilung Deutschlands nicht eine Folge der sowjetischen Politik gewesen
ist, sondern alle Mächte ihren Anteil daran haben, wobei er betont,
keine Macht anklagen zu wollen. Dabei bleibt er bezüglich der Politik
der UdSSR vage. Die Sowjetisierung, die ab 1948 in der Ostzone einsetzte,
aber noch nicht bestimmend gewesen sei, habe sich <sofort auf die wirtschaftliche
Lage und die Stimmung unter der Bevölkerung aus[gewirkt]>. Er kritisiert
die sowjetische Reaktion auf den Zusammenschluss der Westzonen, die in
einer Abkapselung (der Ostzone) bestanden habe. Euphemistisch als <ein
noch weniger durchdachter Schritt> bezeichnet er die Berliner Blockade
der UdSSR. Die westlichen Alliierten, insbesondere die Amerikaner, seien
in den Augen der deutschen Bevölkerung durch die Luftbrücke zu
<edlen Rettern> geworden. <Die Sowjetunion dagegen erschien vielen
Menschen - sowohl in Deutschland als auch jenseits seiner Grenzen - als
eine aggressive Macht.> Warum Gorbatschow <erschien> schreibt, wird
wohl sein Geheimnis bleiben. Dass die stalinistische UdSSR ein totalitärer
Staat war, deutet er nur hier und da verbrämt an. Er stellt die Sowjetunion
als einen an Deutschlands Einheit interessierten Staat dar. Dazu verweist
er auf die berühmte Stalin-Note vom 10. März 1952. Dass es sich
hierbei gemäss der Mehrzahl der Historiker um ein Destabilisierungsmänover
und nicht um ein ernstgemeintes Angebot handelte, verschweigt er. Stattdessen
ist er der Meinung, dass nur ein Eingehen auf jene Vorschläge es erlaubt
hätte, die Ernsthaftigkeit von Stalins Absichten zu überprüfen.
Dass sich die UdSSR wohl nie auf ein unabhängiges und demokratisches
Deutschland eingelasssen hätte, verschweigt er ebenso wie die Gefahr
der Destabilisierung Europas im Falle der Schaffung eines neutralen Deutschlands
im Herzen des alten Kontinents. Dass Gorbatschow die Wirkung eines Machtvakuums
auf eine Region nicht versteht, zeigte sich auch in den Jahren 1989/90,
doch davon weiter unten. Der ehemalige Kremlherrscher verweist auf weitere
sowjetische Initiativen in den Folgejahren, welche auf die Wiederherstellung
der deutschen Einheit abzielten. Dass sie illusorisch und wohl reine Propaganda
waren, scheint ihm entgangen zu sein. Gorbatschow ist der Meinung, die
Sowjetunion habe nie die Spaltung Deutschlands gewollt. Stalin sei historisch
scharfsinnig und objektiv gewesen mit der Formulierung: <Die Hitler
kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.> Wohl
war. Aber auch die Stalin kommen und gehen. Damals aber war er noch an
der Macht. Auch seine Nachfolger herrschten weiterhin über einen Unrechtsstaat
und ein Unrechtsimperium, mit dem jede Verständigung gefährlich
blieb und wohl überlegt werden musste, da die UdSSR an einem vereinten
demokratischen Deutschland nicht wirklich interessiert sein konnte.
Gorbatschow schreibt: <Ich kann also sagen: Als ich mich in die Lösung
der deutschen Frage einschaltete, handelte ich im Sinne der zwingenden
Logik der Geschichte.> Dabei unterschlägt er, dass er noch vor seinem
Aufstieg zum Generalsekretär der KPdSU in den Jahren der NATO-Nachrüstung
Erich Honecker im Auftrag des Politbüros verbot, in die Bundesrepublik
zu reisen (wie PDS-Chef Gregor Gysis festhält). Den Sowjetgerontokraten
und Gorbatschow gefiel damals die Politik Honeckers nicht, der in den Jahren
der Konfrontation auf Schadensbegrenzung drängte. In den Folgejahren
erst kehrten sich die Rollen um. Der SED-Generalsekretär versteinerte
zunehmend, während dem in der UdSSR der (beschränkte) Reformeifer
um sich griff und eine Eigendynamik entwickelte, die schliesslich das
Sowjetsystem mitsamt dem Generalsekretär der KPdSU zu Fall brachte.
In diesem Zusammenhang verschweigt Gorbatschow auch, dass er mit Glasnost
und Perestroika nicht die Abschaffung, sondern die Modernisierung des Sozialismus
zum Ziel hatte. In diesen Tagen war übrigens zu lesen, dass der ehemalige
Generalsekretär nach rund drei Jahren abseits der Politik bei der
Vereinigten Sozialdemokratischen Partei, die im Dezember gegründet
werden soll, eine führende Rolle einnehmen wolle. Heute scheint sich
Gorbatschow der republikanischen Staatsform verschrieben zu haben.
Ist nun Wie es war ein unnützes Buch, in dem sich Gorbatschow
gegen seine Kritiker, insbesondere und namentlich Valentin Falin,
zur Wehr setzt? Nein. Natürlich erzählt Gorbatschow vieles, das
längst aus der Memoirenliteratur bzw. aus historischen Studien bekannt
ist. Er verweist nicht nur auf seine Kontakte zu westlichen Staatsmännern
in den Jahren 1985 bis 1988, wodurch eine Vertrauensbasis geschaffen wurde,
welche später die Regelung der deutschen Frage erleichterte, sondern
er zitiert auch ausführlich aus Gesprächen, namentlich mit Helmut
Kohl, wodurch Wie es war zu einer lesenswerten historischen Quelle
wird. Als Wende in der Beziehung zwischen dem Generalsekretär und dem deutschen
Bundeskanzler bezeichnet Gorbatschow das Vier-Augen-Gespräch vom 24.
Oktober 1988 im Katherinensaal des Kreml, aus dem er Seitenweise zitiert.
Kohl erklärte damals zur deutschen Spaltung, dies sei nicht das letzte
Wort der Geschichte und fügte hinzu, ihr ein Ende zu setzen sei allerdings
nicht eine Aufgabe ihrer Generation. Kohl fürchtete damals die Kritik
an seiner Politik der Verständigung mit Russland, die vor allem aus
Frankreich kam, während dem die Engländer gelassen reagierten.
Der Kanzler habe die Eiserne Lady hier erneut unterschätzt, meint
Gorbatschow. Margaret Thatcher hatte ja als erste darauf hingewiesen hatte,
dass in der Sowjetunion eine <neue Zeit> angebrochen war.
Die Geschichte habe 1989 ihr Tempo beschleunigt. Doch für ihn,
Gorbatschow, habe ausser Zweifel gestanden, dass die Deutschen ein Recht
darauf hätten, über ihr eigenes nationales Schicksal zu entscheiden
- unter Berücksichtigung der Interessen ihrer Nachbarn. Gewaltanwendung
gegen die Bevölkerung der DDR und die Unterdrückung des demokratischen
Strebens nach Wiedervereinigung sei für ihn nie in Frage gekommen,
aus moralischen, politischen und strategischen Gründen. Er telefonierte
auch mit Kohl am 11. Oktober 1989 und teilte ihm seine unveränderte
Haltung mit, wobei es um eine allmähliche Annäherung der beiden
deutschen Staaten ging. Kohl versicherte ihm, die Bundesrepublik sei in
keiner Weise an einer Destabilisierung der DDR interessiert. Bereits am
18. Oktober wurde Honecker abgesetzt, am 9. November fiel die Mauer. Zwei
Tage später telefonierten Kohl und Gorbatschow erneut miteinander.
Wiederum versicherten sie sich, jedes Chaos vermeiden zu wollen. Kohl verwies
auf die eben zu Ende gegangene Sitzung der Bundesregierung, welche in eben
diesem Geist statt gefunden hatte. Kohl: <In der deutschen Sprache existiert
ein sehr wichtiger Begriff: "Augenmass".> Das rechte Mass wie auch die
persönliche Verantwortung seien damit verbunden, dessen sei er, Kohl,
sich bewusst. Mit Unmut konstatiert Gorbatschow: <Aber schon drei Wochen
später trat der Bundeskanzler ohne jedwede vorherige Konsultation
oder auch nur eine Information mit seinen "zehn Punkten" im Bundestag auf.
Helmut Kohl hatte es offenbar eilig und fürchtete, jemand könnte
ihm in dieser Angelegenheit zuvorkommen, zumal im Frühjahr 1990 Bundestagswahlen
bevorstanden.> Am 5. Dezember teilte Gorbatschow seine Empörung dem
deutschen Aussenminister bei einem Treffen in Moskau mit. Dieser verteidigte
tapfer die mit dem Kanzler <gemeinsam> betriebene Politik. Zurecht verweist
Gorbatschow darauf, dass Genscher in Tat und Wahrheit zum ersten Mal von
den "zehn Punkten" hörte, als Kohl diese im Bundestag vortrug.
Gorbatschow traf am 10. Februar 1990 erneut Helmut Kohl in Moskau. Bei
diesem Gespräch teilte ihm der Kanzler mit, die deutsche Grenze werde
im Fall der Wiedervereinigung dort gezogen werden, wo sie jetzt verlaufe.
<Er bat mich, diese Frage vorläufig nicht öffentlich aufzuwerfen,
sondern die Gefühle von Millionen von Übersiedlern in Betracht zu
ziehen, die als Folge des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat geflüchtet
oder vertrieben worden seien.> Gorbatschow plädierte für ein
vereintes Deutschland <ausserhalb der militärischen Bündnisse,
mit nationalen Streitkräften> und verwies auf Indien und China, die
auch <nichtpaktgebunden> seien. Weshalb solle ein solcher Status die
Deutschen erniedrigen? Dies sei keine Neutralität. Wie oben erwähnt,
sah Gorbatschow nicht ein, dass eine solche Konstruktion destabilisierend
auf Europa gewirkt hätte, insbesondere, wenn man die damaligen aussenpolitischen
Vorstellungen der SPD in Betracht zieht. Kohl selbst äusserte in vertrautem
Kreis Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Mitbürger, für
den Fall einer solchen Bündnislosigkeit, was der ehemalige Generalsekretär
nicht erwähnt. Doch Gorbatschow musste sich den Realitäten beugen.
Als er am 28. Februar mit Bush telefonierte, stellte er fest, dass der
amerikanische Präsident mit Kohl bereits endgültig die Zugehörigkeit
Deutschlands zur NATO vereinbart hatte. Eben das hatte Gorbatschow im Frühling
1990 in seinen öffentlichen Auftritten als unannehmbar bezeichnet.
Doch er fand, abgesehen von der Regierung Modrow, <nicht einmal bei
den Mitgliedern des Warschauer Paktes, einschliesslich Polens>, Unterstützung
für seine Position. Weshalb Gorbatschow in der Folge noch davon schreibt,
dass die Wiedervereinigung in einen gesamteuropäischen Prozess hätte
eingegliedert werden sollen, bei dem NATO und Warschauer Pakt <vorwiegend
[in] politische Systeme> hätten umgewandelt werden sollen, erstaunt.
Selbst seine Verbündeten wollten der russischen Umarmung entfliehen.
Zur deutschen Grundsatzentscheidung bezüglich der DDR Enteignungen,
Rückgabe vor Entschädigung, merkt Gorbatschow an, dies sei seiner
Meinung nach ein Fehler gewesen [hier stimmen wir ihm zu]. Dies sei jedoch
eine innerdeutsche Angelegenheit gewesen, in die sich die UdSSR nicht eingemischt
habe. Entgegen anderslautenden Meldungen seien diese Dinge <niemals
in irgendwelchen Dokument fixiert [worden], die von offiziellen Vertretern
der Sowjetunion unterschrieben wurden>.
Bezüglich Honecker ist Gorbatschow der Meinung: <Ich war Zeuge
seiner Tragödie und der Tragödie der DDR.> Honecker habe zwar
politische Fehler begangen, sich jedoch keines Amtsmissbrauchs schuldig
gemacht. Tatsächlich war Honecker eine tragisch-biedere Figur, die
nicht mit Stalin oder Ulbricht verglichen werden kann. Doch die DDR war
ein Unrechtsstaat, in dem viele in der Verfassung verbriefte Rechte mit
Füssen getreten wurden. Insofern trifft Honecker sehr wohl konkrete
Schuld.
Zum Schluss verweist Gorbatschow noch <auf einige voreilige Schritte
des Bundeskanzlers [...], die seinen Versprechungen und seinen - öffentlichen
oder unter vier Augen abgegebenen - pathetischen Erklärungen widersprachen.>
Dazu zählt die Haltung Kohls nach dem Putschversuch in der UdSSR vom
August 1991. Im Bundestag habe er am 4. September 1991 die Solidarität
mit der rechtmässigen sowjetischen Regierung bekräftigt. <Zugleich
aber unterzeichneten die Vertreter der Bundesregierung und der russischen
Föderation während des Besuchs von Jelzin in Bonn eine gemeinsame
Erklärung, welche die russisch-deutschen Beziehungen gleichsam auf
eine Stufe mit den sowjetisch-deutschen stellte. Gleich nach dem Putschversuch
vom August erkannte Deutschland nach Russland die Unabhängigkeit der
baltischen Staaten an, ohne die Entscheidung der Unionsregierung abzuwarten.>
Dadurch sei der europäische Prozess praktisch zum Stillstand gekommen.
<Die Westmächte begannen von den Prinzipen [...] der Pariser Charta
für das neue Europa [abzuweichen]>. Gorbatschow erwähnt namentlich
<die überstürzte Anerkennung Kroatiens und Sloweniens durch
Deutschland>. Dies habe dem ethnischen Separatismus Auftrieb gegeben, welcher
wiederum zum Bürgerkrieg geführt habe.
Gorbatschows Darstellung der Geschichte bietet nicht nur für Apologeten,
sondern auch für Kritiker des ehemaligen Kremlherrschers lesenswerte
Passagen.
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Michail Gorbatschow: Wie es war. Die deutsche Wiedervereinigung.
Ullstein. Gebundene Ausgabe, 1999, 176 S. Bestellen bei Amazon.de.

Archie Brown: The Gorbachev Factor. OUP, Oxford und N.Y., Paperback
1997 (1996), 406 S. Bereits in seiner Vorlesung vom 22. Oktober 1980 (!) an der Yale University
verwies Archie Brown auf <ein Ereignis von ausserordentlichem Potential>,
die Ernennung Gorbatschows zum Vollmitglied des Politbüros. Brown
kam aus zwei Gründen zu diesem Schluss: Aus dem kleinen Kreis jener
Personen, die zugleich Vollmitglieder von Politbüro und Sekretäre
des Zentralkomitees waren, würde sich wie bei den vergangenen drei
Wahlen der zukünftige Generalsekretär rekrutieren - Gorbatschow
war 20 Jahre jünger als alle andern Anwärter. Zudem war Brown
zum Schluss gekommen, dass Gorbatschow ein ernsthafter Reformer sein würde.
Bereits Michails Ernennung zu einem der Sekretäre des ZKs im Jahr
1978 hatte sein Interesse für den aufsteigenden Mann geweckt. Dieses
wurde im Juni 1979 durch ein Gespräch mit dem 1968er-Prager Frühling-Reformer
Zdenek Mlynar, der ein Mitinitiator der Charta 77 war, verstärkt.
Dieser kannte Gorbatschow aus gemeinsamen Studienjahren 1950 bis 1955 an
der Moskauer Rechtsfakultät. Browns Gorbatschow-Biographie setzt Massstäbe,
auch wenn wir seine positive Einschätzung des ehemaligen Kremlherrn
nicht ganz teilen. Bestellen bei Amazon.de.
Am 12.9.2002 eingefügt: Die deutsche Version ist seit 2000 erhältlich.
Bestellen bei Amazon.de.

Pavel Palazchenko, Don Oberdorfer: My Years With Gorbachev and
Shevardnadze:
The Memoir of a Soviet Interpreter. Pennsylvania State Univ Pr (Trd),
Hardcover, April 1997, 384 S.

Philip Zelikow, Condoleezza Rice: Sternstunde der Diplomatie. Die
deutsche Einheit und das Ende der Spaltung Europas. Ullstein TB-Vlg.
Berlin, 1999, 632 S. Bestellen bei Amazon.de.

(US-Originalausgabe) Philip Zelikow, Condoleezza Rice: Germany Unified
and Europe Transformed : A Study in Statecraft. Paperback, Harvard
University Press, April 1997, 520 S. Bestellen bei Amazon.de
oder Amazon.com.
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