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Nr. 8, 15. Oktober/14. November 1999
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Gorbatschow. Wie es war.
Das neueste Buch des ehemaligen Kremlherrschers

Gorbatschow holt in seinem neuesten Werk, Wie es war, weit aus. Er beginnt mit der alliierten und sowjetischen Politik gegenüber Hitlerdeutschland gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegspolitik. Zurecht verweist er auf die anfänglich harte Haltung von Amerikanern, Briten und Franzosen auf ihre zum Teil revanchistischen Programme und Teilungspläne für Deutschland. Auch die Andeutung eines Umschwungs, beginnend mit der Byrnes-Rede vom 12. Juni 1946 am letzten Tag der Pariser Konferenz der Aussenminister der vier Besetzungsmächte bleibt nicht unerwähnt. Was bezweckt Gorbatschow mit diesem historischen Exkurs? Er versucht zu beweisen, dass die Teilung Deutschlands nicht eine Folge der sowjetischen Politik gewesen ist, sondern alle Mächte ihren Anteil daran haben, wobei er betont, keine Macht anklagen zu wollen. Dabei bleibt er bezüglich der Politik der UdSSR vage. Die Sowjetisierung, die ab 1948 in der Ostzone einsetzte, aber noch nicht bestimmend gewesen sei, habe sich <sofort auf die wirtschaftliche Lage und die Stimmung unter der Bevölkerung aus[gewirkt]>. Er kritisiert die sowjetische Reaktion auf den Zusammenschluss der Westzonen, die in einer Abkapselung (der Ostzone) bestanden habe. Euphemistisch als <ein noch weniger durchdachter Schritt> bezeichnet er die Berliner Blockade der UdSSR. Die westlichen Alliierten, insbesondere die Amerikaner, seien in den Augen der deutschen Bevölkerung durch die Luftbrücke zu <edlen Rettern> geworden. <Die Sowjetunion dagegen erschien vielen Menschen - sowohl in Deutschland als auch jenseits seiner Grenzen - als eine aggressive Macht.> Warum Gorbatschow <erschien> schreibt, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Dass die stalinistische UdSSR ein totalitärer Staat war, deutet er nur hier und da verbrämt an. Er stellt die Sowjetunion als einen an Deutschlands Einheit interessierten Staat dar. Dazu verweist er auf die berühmte Stalin-Note vom 10. März 1952. Dass es sich hierbei gemäss der Mehrzahl der Historiker um ein Destabilisierungsmänover und nicht um ein ernstgemeintes Angebot handelte, verschweigt er. Stattdessen ist er der Meinung, dass nur ein Eingehen auf jene Vorschläge es erlaubt hätte, die Ernsthaftigkeit von Stalins Absichten zu überprüfen. Dass sich die UdSSR wohl nie auf ein unabhängiges und demokratisches Deutschland eingelasssen hätte, verschweigt er ebenso wie die Gefahr der Destabilisierung Europas im Falle der Schaffung eines neutralen Deutschlands im Herzen des alten Kontinents. Dass Gorbatschow die Wirkung eines Machtvakuums auf eine Region nicht versteht, zeigte sich auch in den Jahren 1989/90, doch davon weiter unten. Der ehemalige Kremlherrscher verweist auf weitere sowjetische Initiativen in den Folgejahren, welche auf die Wiederherstellung der deutschen Einheit abzielten. Dass sie illusorisch und wohl reine Propaganda waren, scheint ihm entgangen zu sein. Gorbatschow ist der Meinung, die Sowjetunion habe nie die Spaltung Deutschlands gewollt. Stalin sei historisch scharfsinnig und objektiv gewesen mit der Formulierung: <Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.> Wohl war. Aber auch die Stalin kommen und gehen. Damals aber war er noch an der Macht. Auch seine Nachfolger herrschten weiterhin über einen Unrechtsstaat und ein Unrechtsimperium, mit dem jede Verständigung gefährlich blieb und wohl überlegt werden musste, da die UdSSR an einem vereinten demokratischen Deutschland nicht wirklich interessiert sein konnte.
 
Gorbatschow schreibt: <Ich kann also sagen: Als ich mich in die Lösung der deutschen Frage einschaltete, handelte ich im Sinne der zwingenden Logik der Geschichte.> Dabei unterschlägt er, dass er noch vor seinem Aufstieg zum Generalsekretär der KPdSU in den Jahren der NATO-Nachrüstung Erich Honecker im Auftrag des Politbüros verbot, in die Bundesrepublik zu reisen (wie PDS-Chef Gregor Gysis festhält). Den Sowjetgerontokraten und Gorbatschow gefiel damals die Politik Honeckers nicht, der in den Jahren der Konfrontation auf Schadensbegrenzung drängte. In den Folgejahren erst kehrten sich die Rollen um. Der SED-Generalsekretär versteinerte zunehmend, während dem in der UdSSR der (beschränkte) Reformeifer um sich griff und eine Eigendynamik entwickelte, die schliesslich das Sowjetsystem mitsamt dem Generalsekretär der KPdSU zu Fall brachte. In diesem Zusammenhang verschweigt Gorbatschow auch, dass er mit Glasnost und Perestroika nicht die Abschaffung, sondern die Modernisierung des Sozialismus zum Ziel hatte. In diesen Tagen war übrigens zu lesen, dass der ehemalige Generalsekretär nach rund drei Jahren abseits der Politik bei der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei, die im Dezember gegründet werden soll, eine führende Rolle einnehmen wolle. Heute scheint sich Gorbatschow der republikanischen Staatsform verschrieben zu haben.
 
Ist nun Wie es war ein unnützes Buch, in dem sich Gorbatschow gegen seine Kritiker, insbesondere und namentlich Valentin Falin,  zur Wehr setzt? Nein. Natürlich erzählt Gorbatschow vieles, das längst aus der Memoirenliteratur bzw. aus historischen Studien bekannt ist. Er verweist nicht nur auf seine Kontakte zu westlichen Staatsmännern in den Jahren 1985 bis 1988, wodurch eine Vertrauensbasis geschaffen wurde, welche später die Regelung der deutschen Frage erleichterte, sondern er zitiert auch ausführlich aus Gesprächen, namentlich mit Helmut Kohl, wodurch Wie es war zu einer lesenswerten historischen Quelle wird. Als Wende in der Beziehung zwischen dem Generalsekretär und dem deutschen Bundeskanzler bezeichnet Gorbatschow das Vier-Augen-Gespräch vom 24. Oktober 1988 im Katherinensaal des Kreml, aus dem er Seitenweise zitiert. Kohl erklärte damals zur deutschen Spaltung, dies sei nicht das letzte Wort der Geschichte und fügte hinzu, ihr ein Ende zu setzen sei allerdings nicht eine Aufgabe ihrer Generation. Kohl fürchtete damals die Kritik an seiner Politik der Verständigung mit Russland, die vor allem aus Frankreich kam, während dem die Engländer gelassen reagierten. Der Kanzler habe die Eiserne Lady hier erneut unterschätzt, meint Gorbatschow. Margaret Thatcher hatte ja als erste darauf hingewiesen hatte, dass in der Sowjetunion eine <neue Zeit> angebrochen war.
 
Die Geschichte habe 1989 ihr Tempo beschleunigt. Doch für ihn, Gorbatschow, habe ausser Zweifel gestanden, dass die Deutschen ein Recht darauf hätten, über ihr eigenes nationales Schicksal zu entscheiden - unter Berücksichtigung der Interessen ihrer Nachbarn. Gewaltanwendung gegen die Bevölkerung der DDR und die Unterdrückung des demokratischen Strebens nach Wiedervereinigung sei für ihn nie in Frage gekommen, aus moralischen, politischen und strategischen Gründen. Er telefonierte auch mit Kohl am 11. Oktober 1989 und teilte ihm seine unveränderte Haltung mit, wobei es um eine allmähliche Annäherung der beiden deutschen Staaten ging. Kohl versicherte ihm, die Bundesrepublik sei in keiner Weise an einer Destabilisierung der DDR interessiert. Bereits am 18. Oktober wurde Honecker abgesetzt, am 9. November fiel die Mauer. Zwei Tage später telefonierten Kohl und Gorbatschow erneut miteinander. Wiederum versicherten sie sich, jedes Chaos vermeiden zu wollen. Kohl verwies auf die eben zu Ende gegangene Sitzung der Bundesregierung, welche in eben diesem Geist statt gefunden hatte. Kohl: <In der deutschen Sprache existiert ein sehr wichtiger Begriff: "Augenmass".> Das rechte Mass wie auch die persönliche Verantwortung seien damit verbunden, dessen sei er, Kohl, sich bewusst. Mit Unmut konstatiert Gorbatschow: <Aber schon drei Wochen später trat der Bundeskanzler ohne jedwede vorherige Konsultation oder auch nur eine Information mit seinen "zehn Punkten" im Bundestag auf. Helmut Kohl hatte es offenbar eilig und fürchtete, jemand könnte ihm in dieser Angelegenheit zuvorkommen, zumal im Frühjahr 1990 Bundestagswahlen bevorstanden.> Am 5. Dezember teilte Gorbatschow seine Empörung dem deutschen Aussenminister bei einem Treffen in Moskau mit. Dieser verteidigte tapfer die mit dem Kanzler <gemeinsam> betriebene Politik. Zurecht verweist Gorbatschow darauf, dass Genscher in Tat und Wahrheit zum ersten Mal von den "zehn Punkten" hörte, als Kohl diese im Bundestag vortrug.
 
Gorbatschow traf am 10. Februar 1990 erneut Helmut Kohl in Moskau. Bei diesem Gespräch teilte ihm der Kanzler mit, die deutsche Grenze werde im Fall der Wiedervereinigung dort gezogen werden, wo sie jetzt verlaufe. <Er bat mich, diese Frage vorläufig nicht öffentlich aufzuwerfen, sondern die Gefühle von Millionen von Übersiedlern in Betracht zu ziehen, die als Folge des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat geflüchtet oder vertrieben worden seien.> Gorbatschow plädierte für ein vereintes Deutschland <ausserhalb der militärischen Bündnisse, mit nationalen Streitkräften> und verwies auf Indien und China, die auch <nichtpaktgebunden> seien. Weshalb solle ein solcher Status die Deutschen erniedrigen? Dies sei keine Neutralität. Wie oben erwähnt, sah Gorbatschow nicht ein, dass eine solche Konstruktion destabilisierend auf Europa gewirkt hätte, insbesondere, wenn man die damaligen aussenpolitischen Vorstellungen der SPD in Betracht zieht. Kohl selbst äusserte in vertrautem Kreis Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Mitbürger, für den Fall einer solchen Bündnislosigkeit, was der ehemalige Generalsekretär nicht erwähnt. Doch Gorbatschow musste sich den Realitäten beugen. Als er am 28. Februar mit Bush telefonierte, stellte er fest, dass der amerikanische Präsident mit Kohl bereits endgültig die Zugehörigkeit Deutschlands zur NATO vereinbart hatte. Eben das hatte Gorbatschow im Frühling 1990 in seinen öffentlichen Auftritten als unannehmbar bezeichnet. Doch er fand, abgesehen von der Regierung Modrow, <nicht einmal bei den Mitgliedern des Warschauer Paktes, einschliesslich Polens>, Unterstützung für seine Position. Weshalb Gorbatschow in der Folge noch davon schreibt, dass die Wiedervereinigung in einen gesamteuropäischen Prozess hätte eingegliedert werden sollen, bei dem NATO und Warschauer Pakt <vorwiegend [in] politische Systeme> hätten umgewandelt werden sollen, erstaunt. Selbst seine Verbündeten wollten der russischen Umarmung entfliehen.
 
Zur deutschen Grundsatzentscheidung bezüglich der DDR Enteignungen, Rückgabe vor Entschädigung, merkt Gorbatschow an, dies sei seiner Meinung nach ein Fehler gewesen [hier stimmen wir ihm zu]. Dies sei jedoch eine innerdeutsche Angelegenheit gewesen, in die sich die UdSSR nicht eingemischt habe. Entgegen anderslautenden Meldungen seien diese Dinge <niemals in irgendwelchen Dokument fixiert [worden], die von offiziellen Vertretern der Sowjetunion unterschrieben wurden>.
 
Bezüglich Honecker ist Gorbatschow der Meinung: <Ich war Zeuge seiner Tragödie und der Tragödie der DDR.> Honecker habe zwar politische Fehler begangen, sich jedoch keines Amtsmissbrauchs schuldig gemacht. Tatsächlich war Honecker eine tragisch-biedere Figur, die nicht mit Stalin oder Ulbricht verglichen werden kann. Doch die DDR war ein Unrechtsstaat, in dem viele in der Verfassung verbriefte Rechte mit Füssen getreten wurden. Insofern trifft Honecker sehr wohl konkrete Schuld.
 
Zum Schluss verweist Gorbatschow noch <auf einige voreilige Schritte des Bundeskanzlers [...], die seinen Versprechungen und seinen - öffentlichen oder unter vier Augen abgegebenen - pathetischen Erklärungen widersprachen.> Dazu zählt die Haltung Kohls nach dem Putschversuch in der UdSSR vom August 1991. Im Bundestag habe er am 4. September 1991 die Solidarität mit der rechtmässigen sowjetischen Regierung bekräftigt. <Zugleich aber unterzeichneten die Vertreter der Bundesregierung und der russischen Föderation während des Besuchs von Jelzin in Bonn eine gemeinsame Erklärung, welche die russisch-deutschen Beziehungen gleichsam auf eine Stufe mit den sowjetisch-deutschen stellte. Gleich nach dem Putschversuch vom August erkannte Deutschland nach Russland die Unabhängigkeit der baltischen Staaten an, ohne die Entscheidung der Unionsregierung abzuwarten.> Dadurch sei der europäische Prozess praktisch zum Stillstand gekommen. <Die Westmächte begannen von den Prinzipen [...] der Pariser Charta für das neue Europa [abzuweichen]>. Gorbatschow erwähnt namentlich <die überstürzte Anerkennung Kroatiens und Sloweniens durch Deutschland>. Dies habe dem ethnischen Separatismus Auftrieb gegeben, welcher wiederum zum Bürgerkrieg geführt habe.
 
Gorbatschows Darstellung der Geschichte bietet nicht nur für Apologeten, sondern auch für Kritiker des ehemaligen Kremlherrschers lesenswerte Passagen.


Michail Gorbatschow: Wie es war. Die deutsche Wiedervereinigung. Ullstein. Gebundene Ausgabe, 1999, 176 S. Bestellen bei Amazon.de.
 

Archie Brown: The Gorbachev Factor. OUP, Oxford und N.Y., Paperback 1997 (1996), 406 S. Bereits in seiner Vorlesung vom 22. Oktober 1980 (!) an der Yale University verwies Archie Brown auf <ein Ereignis von ausserordentlichem Potential>, die Ernennung Gorbatschows zum Vollmitglied des Politbüros. Brown kam aus zwei Gründen zu diesem Schluss: Aus dem kleinen Kreis jener Personen, die zugleich Vollmitglieder von Politbüro und Sekretäre des Zentralkomitees waren, würde sich wie bei den vergangenen drei Wahlen der zukünftige Generalsekretär rekrutieren - Gorbatschow war 20 Jahre jünger als alle andern Anwärter. Zudem war Brown zum Schluss gekommen, dass Gorbatschow ein ernsthafter Reformer sein würde. Bereits Michails Ernennung zu einem der Sekretäre des ZKs im Jahr 1978 hatte sein Interesse für den aufsteigenden Mann geweckt. Dieses wurde im Juni 1979 durch ein Gespräch mit dem 1968er-Prager Frühling-Reformer Zdenek Mlynar, der ein Mitinitiator der Charta 77 war, verstärkt. Dieser kannte Gorbatschow aus gemeinsamen Studienjahren 1950 bis 1955 an der Moskauer Rechtsfakultät. Browns Gorbatschow-Biographie setzt Massstäbe, auch wenn wir seine positive Einschätzung des ehemaligen Kremlherrn nicht ganz teilen. Bestellen bei Amazon.de. Am 12.9.2002 eingefügt: Die deutsche Version ist seit 2000 erhältlich. Bestellen bei Amazon.de.
 

Pavel Palazchenko, Don Oberdorfer: My Years With Gorbachev and Shevardnadze: The Memoir of a Soviet Interpreter. Pennsylvania State Univ Pr (Trd), Hardcover, April 1997, 384 S.
 

Philip Zelikow, Condoleezza Rice: Sternstunde der Diplomatie. Die deutsche Einheit und das Ende der Spaltung Europas. Ullstein TB-Vlg. Berlin, 1999, 632 S. Bestellen bei Amazon.de.
 

(US-Originalausgabe) Philip Zelikow, Condoleezza Rice: Germany Unified and Europe Transformed : A Study in Statecraft. Paperback, Harvard University Press, April 1997, 520 S. Bestellen bei Amazon.de oder Amazon.com.
 

 

 

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