Hinzugefügt am 18. August 2006 Der Steidl Verlag hat auf Grund der SS-Debatte die Veröffentlichung von
Beim Häuten der Zwiebel auf Mitte August vorgezogen. Von den 150,000 Büchern
der Erstauflage seien 130,000 bereits verkauft, die zweite Auflage sei bereits
im Druck. Hoffentlich kommen die Profite der "Vergangenheitsaufarbeitung" zu
Gute.
Hier der Link zum ARD-Interview von Ulrich Wickert mit Günter Grass:
"Wickerts
Bücher".
Hinzugefügt am 15. August 2006 Der Spiegel meldet, dass zwei bisher unbekannte Dokumente
der US-Militärbehörden belegen, dass Grass ihnen gegenüber 1945 seine
SS-Vergangenheit nicht verschwieg. Er wird in den von ihm unterschriebenen
Papieren als Schütze der 10. SS-Panzer-Division "Frundsberg" geführt.
Hinzugefügt am 14. August 2006
In der FAZ
online vom 13.8.2006 steht als besonderer Clou, dass die SS-Division
Frundsberg, der Grass zugeteilt war, von Spremberg in der Lausitz
vorstossend Hitler aus Berlin hätte herausholen sollen. Die Geschichte
verlief zum Glück anders.
Hinzugefügt am 12. August 2006
In einem FAZ-Interview vom 11. August 2006 sagt Günter Grass erstmals
- und schreibt dies auch in seiner im
September 2006 erscheinenden Autobiografie Beim Häuten der Zwiebel (Steidl,
480 S. September 2006, bestellen bei
Amazon.de) -, dass er sich mit 15 Jahren freiwillig zur U-Boot-Truppe
habe melden wollen, doch wegen seines Alters nicht genommen worden sein.
1944 erhielt er dann mit 17 Jahren den Einberufungsbefehl. Im Winter 1944/45
sei er jedoch nicht wie bisher angegeben Flakhelfer in der Wehrmacht
gewesen, sondern der Waffen-SS zugeteilt worden. In der Zeit von
Februar/März 1945 bis zu seiner Verwundung am 20. April 1945 habe er jedoch
keinen Schuss abgegeben. Seine Empfänglichkeit als Jugendlicher für die
Nazi-Propaganda hat Grass nie verschwiegen.
Nr. 8, 15. Oktober/14. November 1999, erweiterter Artikel gegenüber Cosmo7 Günter Grass
Biografie und Werk Zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur
Der 1927 in der freien Stadt Danzig geborene Günter Grass ist der
Sohn eines kleinen Kolonialwarenhändlers. Dieser hatte zuvor in einer
Papierfabrik gearbeitet, ehe er arbeitslos wurde. Die Mutter von Günter
Grass ist eine Kaschubin, also Angehörige einer kleinen slawischen
Volksgruppe aus dem Danziger Raum. Der zukünftige Schriftsteller wuchs
in kleinbürgerlichen Verhältnissen im Danziger Vorort Langfuhr
auf. Mit zehn Jahren Mitglied des Jungvolkes, mit vierzehn der Hitlerjugend,
mit fünfzehn Luftwaffenhelfer und 1944 als Siebzehnjähriger als
Panzerschütze eingezogen: Günter Grass gehörte zur Generation
der verführten Jugend. Er war weder fanatischer Nazi noch oppositioneller
Geist, doch seine politische Läuterung kam erst nach dem Krieg - wen
wundert's bei einem Teenager - im amerikanischen Gefangenenlager in Bayern.
1946 liess er sich ins britische Lager in der Lüneburger Heide verlegen.
Eine Schulterverletzung ersparte ihm eine Kriegsgefangenschaft als Bergarbeiter
in Großbritannien. Nach seiner Entlassung ging er nach Köln,
den Kontakt zu seinen Eltern hatte er noch nicht wieder herstellen können.
Mit Hilfe der Mutter eines ehemaligen Mitgefangenen stieg er in kleinere
Schwarzmarktgeschäfte ein. In Göttingen wollte er später
sein Abitur nachholen, doch bald verließ er die Schule wieder und
wurde Bergarbeiter in einem Kalibergwerk bei Hannover. Als er die erste
Nachricht von seinen Eltern und seiner kleinen Schwester erhielt, die nun
bei einem Bauern im Rheinland lebten, zog er zu ihnen und absolvierte bis
1949 eine Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer.
Im Wintersemester 1949 begann Günter Grass ein Studium an der Kunstakademie
in Düsseldorf, wo er im Caritasheim lebte. Anfang der 50er Jahre unternahm
er Reisen nach Italien und Paris. Bereits 1952 zog er nach Westberlin,
wo er zum Schüler des Bildhauers Karl Hartung wurde. 1954 verstarb
seine erst 59jährige Mutter. Im selben Jahr heiratete Günter
Grass seine erste Frau, Anna Margaretha Schwarz. Seine erste Anerkennung
als Schriftsteller erhielt er bereits 1955 bei einem Lyrikerwettbewerb
des Stuttgarter Rundfunks. Mit dem Gedicht Lilien aus dem Schlaf gewann
er den Hauptpreis. Am Jahresende erschien sein erster Lyrikband: Die
Vorzüge der Windhühner. Er schuf auch dramatische Werke,
die jedoch trotz teilweise positiver Kritik den Weg auf keine Bühne
fanden. Ab 1956 lebte Günter Grass mit seiner Familie in Paris, wo
er die Arbeit an der Blechtrommel aufnahm. 1958 las er auf einer Tagung
der Gruppe 47 - einer 1947 gegründeten lockeren Vereinigung
deutscher Schriftsteller und Kritiker - Teile seines noch unfertigen Romans
Die Blechtrommel. Dafür erhielt er den mit 3000 DM dotierten
Literaturpreis. Im Frühjahr 1959 beendet, kam Die Blechtrommel
im Herbst des gleichen Jahres auf den Markt und wurde zu einem Welterfolg,
der seinen Ruhm begründete und ihn von materiellen Sorgen befreite.
Seither wird Günter Grass an jenem Roman gemessen, den er gemäss
den meisten Kritikern nicht mehr übertroffen hat.
1960 erschien sein Gedichtband Gleisdreieck. In jenem Jahr erhielt
er den Literaturpreis des Verbandes deutscher Kritiker. 1961 folgte seine
Novelle Katz und Maus. Von 1957 an wurden auch dramatische Stücke
von ihm aufgeführt, so zum Beispiel Noch zehn Minuten bis Buffalo,
das 1959 in Bochum uraufgeführt wurde. 1963 veröffentlichte Günter
Grass den Roman Hundejahre, der zusammen mit der Blechtrommel
und Katz und Maus die Danziger Trilogie bildet. Als Merkmale
von Günter Grass' Werk gelten <detailreicher Realismus, skurrile
Phantasie und scharfe Zeitsatire>.
Der politisch engagierte Grass war Mitarbeiter des Spandauer Volksblatts.
Zusammen mit Wolfgang Neuss und Uwe Johnson versuchte er, gegen die <Uniformität>
der Berliner Presse anzukämpfen. Daneben protestierte er gegen die
Unterdrückung der Freiheit in der DDR, kritisierte aber auch die bundesdeutsche
Politik. Im Theaterstück Die Plebejer proben den Aufstand setzte
er sich kritisch mit Bertolt Brechts Verhalten während des Berliner
Aufstandes vom 17. Juni 1953 auseinander. Günter Grass reiste in jenen
Jahren nach Spanien, Grossbritannien, Skandinavien und besuchte von 1964
bis 1970 jährlich die USA. 1965 erhielt er den Georg-Büchner-Preis
verliehen, 1968 den Fontane- und den Theodor-Heuss-Preis. Lyrikbände
entstanden, Reden, Aufsätze, offene Briefe und Kommentare erschienen
in einem Band. Sein Roman Örtlich betäubt, ein Protest
gegen den Vietnamkrieg, erschien 1969 und wurde insbesondere in den USA
ein grosser Erfolg. 1977 erscheint Der Butt (1977), eine Weltchronik,
die sich mit der Geschichte der Frau auseinandersetzt und aus der Küchenperspektive
berichtet. 1986 folgt Die Rättin, eine Endzeitvision, unter
dem Eindruck der nuklearen und Umweltbedrohung entstanden. 1986 und 1987
lebte Günter Grass einige Monate in Vororten des indischen Armenhauses Kalkutta. Bereits 1975 hatte er eine erste Reise auf den Subkontinent unternommen.
1987 erschien sein Tagebuch Zunge zeigen, in dem er die westliche
<Mitschuld> am Elend der indischen Bevölkerung darstellt. 1995
schliesslich veröffentlichte er Ein weites Feld.
Nach Heinrich Böll (1972) erhält nach 27 Jahren mit Günter
Grass erstmals wieder ein Deutscher den Nobelpreis für Literatur.
Die Akademie erklärt, Günter Grass erhalte den Preis, weil er
<in munter schwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet>
habe. Ausdrücklich erwähnt wird sein Werk Die Blechtrommel
(1959), die zu den bleibenden Werken der Literatur des 20. Jahrhunderts
gehöre. Grass selbst hält Hundejahre (1963) für das
wichtigere Buch, aber wer höre schon auf den Autor. Oft wird vergessen,
dass Günter Grass Bildhauerei und Grafik studiert hat und sich als
Zeichner und Maler auszeichnete, wovon seine illustrierten Bücher
Zeugnis ablegen. Seine Grafik wird zum Beispiel vom 21.11.-22.12.1999 in
der Galerie im Rathaus in Attendorn (D) zusehen sein.
Für viele ist Die Blechtrommel der wichtigste deutsche Nachkriegsroman.
Günter Grass behandelt darin die Zeit des Nationalsozialismus. Die
Geschichte von Oskar Matzerath, der beschliesst, nicht mehr weiter zu wachsen,
brachte ihm sofort Weltruhm. <Ein Spätaufklärer in vernunftmüder
Zeit> nennt ihn das Nobelpreis-Komitee. Günter Grass, der sich mit
seinen 70 Jahren als Vertreter des <Luftwaffenhelferjahrgangs> bezeichnet,
hat in jungen Jahren gelernt, was es bedeuten kann, wenn Menschen den Weg
der Rationalität verlassen. Er ist ein streitbarer Mensch geblieben,
der sich in die politische Debatte einmischt. Günter Grass war ein
Gegner Adenauers. Als Bergarbeiter setzte er sich mit Kommunisten und ewiggestrigen
Rechten auseinander und fand zur SPD, für die er ab 1961 in einer
Wahlhilfsgruppe arbeitete. Er kämpfte in der Gruppe 47 an der
Seite des zehn Jahre älteren Freundes Heinrich Böll, der sich
in Wo warst du Adam? wie Grass in Die Blechtrommel mit der
deutschen Vergangenheit auseinander setzte. 1972 fragte Böll rhetorisch,
als er den Nobelpreis für Literatur erhielt, warum der Preis nicht
an Grass gegangen sei. Als sich die Studenten 1968 auflehnten, sprach sich
Grass gegen die Revolution aus und hielt den Jungen vor, die Alternative
sei nicht Springer oder Dutschke. Günter Grass setzte sich 1965 für
Willy Brandt ein, und seine Erzählung
Aus dem Tagebuch einer Schnecke
(1972) zeugt von seiner Erinnerung an den Wahlkampf 1969 an <Willys>
Seite. Grass trat für den Ausgleich mit Osteuropa ein und warnte vor
Franz Josef Strauss. 1992 verliess der Schriftsteller die SPD aus Protest
gegen den von den Sozialdemokraten mit der Regierung geschlossenen Kompromiss
in der Asylpolitik. Es war die Zeit der Anschläge gegen Asylbewerber.
In Ein weites Feld schliesslich durchwandert Günter Grass die
deutsche Geschichte an der Seite Fontanes und setzt sich kritisch mit der
Wiedervereinigung auseinander, die er für misslungen hält. Dieser
Appell für eine moralische Politik stiess vielen auf. Günter
Grass zeigte in Ein weites Feld zuviel Sympathie für die vergangene
DDR und übte zuviel Kritik an der Bundesrepublik und wie sie die Wiedervereinigung
durchgeführt hatte. Vor allem aber wurde seine Sicht der Geschichte
als sich ewig wiederholender Kreislauf kritisiert. Als Symbol dafür
stand der Pater Noster-Aufzug. Seine undifferenzierte Behauptung einer
Kontinuität der deutschen Geschichte vom Kaiserreich über Nazis
und DDR zur Gegenwart bedurfte des Widerspruchs.
Günter Grass ist gemäss Reich Ranicki, einem der schärfsten
Kritiker des Autors, manchmal politisch weltfremd und hat noch keinen richtigen
Roman geschrieben. Trotzdem verdiene er den Preis wie kein anderer. Die
meisten Kommentatoren sind der Meinung, Grass' letzte Bücher seien
schlecht gewesen. Frank Schirrmacher ging in der FAZ so weit, zu
schreiben, Grass sei mit seiner Partei, der SPD zerfallen, <und seine
Warnungen und Proteste wurden immer wunderlicher, seine Bücher immer
miserabler.> Doch auch er meint, kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller
habe den Nobelpreis so verdient wie er. Nur gerade Die Welt ist
in ihren Kommentaren ablehnend, ja feindselig. <Es trifft den Falschen>
(Tilmann Krause). Liegt der Grund der Hassgefühle Der Welt
neben Grass' DDR-Nostalgie in Ein weites Feld und seiner linken
Grundeinstellung in Grass' Unterstützung für Willy Brandts Neue
Ostpolitik? Natürlich können auch wir uns als Liberale nicht
mit der Weltsicht von Grass identifizieren. Doch mit seinem Eintreten für
die Sozialdemokratie können wir insofern leben, als er darunter einen
Sozialismus versteht, der ohne Demokratie nicht leben könne und eine
Demokratie, die immer auch sozial sein müsse.
Das Nobelpreis-Komitee hat in der Vergangenheit oft - mehr oder weniger
offen - politische Intentionen mit dem Preis verbunden. Mit der Wahl von
Günter Grass, dem deutschen Moralisten, hat die Akademie wohl nicht
zuletzt eine Mahnung an das nun von Berlin aus regierte Deutschland senden
wollen.
Am 13.9.2002 hinzugefügt: Michael Jürgs: Bürger Grass. Bertelsmann,
2002. Die Biografie bestellen bei Amazon.de.
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