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Anselm Kiefer
Biografie, Biographie, Leben und Werk.
Geschichte als Material Arbeiten 1969-83.
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Nr. 8, 15. Oktober/14. November 1999
Sabine Schütz setzt sich in ihrer Dissertation von 1998 an der
Technischen Hochschule Aachen mit Anselm Kiefer und seinen Arbeiten von
1969 bis 1983 auseinander. Gleich vorneweg, was uns in dem Band fehlt:
eine Kurzbiographie des Künstlers. Sabine Schütz verweist diesbezüglich
lediglich in einer Fussnote (!) auf weiterführende Literatur. Sie
ordnet seine Arbeiten 1969-83 nicht in sein Gesamtwerk ein - zwei bis drei
Seiten hätten genügt -, schliesslich hat Anselm Kiefer seither
weitere sechzehn Jahre lang gearbeitet. Störend ist zudem, dass die
Werke des Künstlers nur in schwarz-weiss-Photos abgebildet sind.
Mit Geschichte als Material hat Sabine Schütz ein grundlegendes
Buch geschrieben, das den Leser in die Kunst Anselm Kiefers von 1969 bis
1983 einführt und die Rezeptionsgeschichte umfasst. Im Mittelpunkt
jener Jahre steht fast ausschliesslich die deutsche Geschichte. <[D]er
Hauptakzent liegt auf der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands,
deren kulturelle und ideologische Ursprünge Kiefers Werke und Werkreihen
ebenso thematisieren wie deren politische und mentale Folgen für die
westdeutsche Nachkriegsgesellschaft.> Sabine Schütz holt weit aus
und untersucht u.a. die Beziehung zwischen der Kunst der Moderne und der
Historie. Seit der Erfindung der Fotografie in der Mitte des 19. Jahrhunderts
nimmt die Bedeutung der vormals hochgeschätzten Historienmalerei ab.
Sabine Schütz zitiert Henri Matisse mit der Bemerkung: <Der Maler
braucht sich nicht mehr um kleinliche Einzelheiten zu bemühen, dafür
ist die Photographie da, die es viel besser und schneller macht.> Matisse
merkte auch an: <Es ist nicht mehr Sache der Malerei, Ereignisse aus
der Geschichte darzustellen; sie findet man in Büchern. Wir haben
von der Malerei eine höhere Meinung. Sie dient dem Künstler dazu,
seine inneren Visionen auszudrücken.> Nach dem Krieg beschäftigten
sich in Deutschland vor allem Sigmar Polke und Gerhard Richter mit dem
kunstgeschichtlichen Zitat um Vergangenes zu aktualisieren. Anselm Kiefer
gehört zu jener ersten Generation, die frei von der Schuldverstrickung
in die Nazizeit ist. Er illustriert nicht, sondern interpretiert
die Geschichte <als freier Künstler, der mit Daten und Namen spekulieren
kann>.
Anselm Kiefer begann seine Laufbahn mit <provokanten fotografischen
"Selbstversuchen", in denen er konzeptuell die Identifikation mit den Tätern
simuliert>, so in seiner bekannten Fotoserie Besetzungen, <in
der er sich mit Hitlergruss vor europäischen Kulturstätten zeigt>.
Darin manifestierte sich nicht nur der Tabubruch, sondern gemäss Sabine
Schütz auch die Sichtbarmachung individueller Erfahrung, welche <die
Konfrontation mit der historischen Schuld der Deutschen für jeden
einzelnen impliziert>. Der innere Konflikt wird über die Kunst zum
Objekt der öffentlichen Diskussion. Auch wenn sich Anselm Kiefer vordergründig
mit Parsifal oder Hermann, dem Cherusker, auseinandersetzt, geht es um
die ideologische Vereinnahmung der Geisteshelden des 19. Jahrhunderts durch
die Nazis.
Zur Rolle des Künstlers und zu seinem Engagement hielt Anselm Kiefer
fest: <Es gibt zu viel ars gratia artis, die dem Denken nicht viel Stoff
bietet. Die Kunst ist inzestuös: sie reagiert auf andere Kunst, ohne
über die Welt nachzudenken. Am besten ist es, wenn Kunst auf Dinge
ausserhalb ihrer selbst reagiert, und zwar aus einem tiefen Bedürfnis
heraus.> Kiefer geht es um die Rolle deutscher Künstler und Intellektueller
in Bezug auf den Nationalsozialismus, als Wegbereiter und Opportunisten
oder als Verfemte und Verfolgte des Systems. Er verknüpfte als erster
die Diskussion um Aufgabe und Verantwortung der Kunst mit der Frage um
die Verarbeitung des Nationalsozialismus.
Missverständnisse und Fehlinterpretationen von Kiefers Kunst rühren
unter anderem daher, dass ein Teil seiner Bilder mit der Irreführung
spielen. Manchmal schreibe er auf ein Bild, was er meine, manchmal aber
auch das Gegenteil davon. Einige Kritiker warfen Anselm Kiefer einen geschwätzigen,
aufgesetzten und leicht künstlichen Symbolismus vor. Der amerikanische
Kunstkritiker Arthur C. Danto schrieb von einer lediglich vorgetäuschten
Bedeutsamkeit. Gleichzeitig war er der Meinung, Kiefers Symbolismus sei
nur von einer Bildungselite entschlüsselbar, während dem die
breite Öffentlichkeit Unverständlichkeit mit Tiefgang verwechsle.
Mark Stevens dagegen schrieb von einem <Meister des Symbols>. Für
Voigt gehört Anselm Kiefer <nicht zu den intellektuellen Aufklärern,
die Zusammenhänge durch die Kunst neu erfahrbar machen - wie etwas
sein Lehrer Beuys. Letztlich stand Kiefers Kunst den historischen Phänomenen
oft fassungslos (von Schmerz) überwältigt gegenüber, zeugte
sie gewiss von Erschütterung und dem Willen, gegen Verdrängung
anzuarbeiten. Doch diese Bilder konstatieren Sujets in abstrahierender
Symbol- und Materialsprache, oft zu wenig kommentierend und kaum emotional
berührend.> In den 80er Jahren gehörte Anselm Kiefer zu den <international
meistbeachteten und -diskutierten deutschen Künstlern>, bemerkt Sabine
Schütz. Die breite öffentliche Rezeption seiner Kunst habe erst
1980 eingesetzt. Lag das nicht auch an seinen Inhalten? Der Holocaust rückte
mit der berühmten Fernsehserie damals wieder in den Blickpunkt der
Medien und der Massen.
Kiefers Kunst wurde kontrovers diskutiert, vor allem weil er darin die
nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands nicht ausdrücklich
verdammte. Zudem fiel sein steigender Bekanntheitsgrad in die Zeit des
Historikerstreits 1985/86, was ihn für einige Kritiker verdächtig
machte. Seine Ikonographie war durch Ironie und Zerstückelung gebrochen,
seine Bilder erschienen doppelsinnig. Werner Spiess warf ihm 1989 schlecht
kaschierten Masochismus vor. Sein amerikanischer Erfolg (vor allem in der
zweiten Hälfte der 80er Jahre) gründe auf <klischeehaften Vorstellungen
des Deutschen>. Sabine Schütz bezeichnet dies als unhaltbare Verdächtigungen
gegenüber Kiefer und seiner Kunst. Als Gegenposition steht Bazon Brocks
bereits 1980 gemachte Stellungnahme, in der er auf das konzeptionelle und
subversive Potential in Kiefers Kunst verweist, auf Kiefer Absicht, Unsicherheit
und Irritation im Umgang mit seinen Inhalten zu stiften. Nazi-Symbole und
-Gesten setze Kiefer nur scheinbar affirmativ ein, als bewusste Provokation.
Sabine Schütz liefert eine Fülle von Informationen und Anregungen.
So sind Anselm Kiefers <Besetzungen> vieldeutig: Die Nazi-Besetzungen
fremder Länder. Studenten <besetzten> 1968 und danach öffentliche
Orte und Institutionen. Die Nazis hatten durch Missbrauch Symbole und Bilder
<besetzt>, deren Gebrauch in der Nachkriegszeit anstössig, ja unmöglich
wurde. Selbst der deutsche Wald als Motiv wurde in Mitleidenschaft gezogen.
Kiefer setzt nun mit seiner Kunst dem Triumph der Autonomie des Künstlers
in der Nachkriegszeit ein Engagement entgegen, das gemäss Sabine Schütz
frei sei von Eindeutigkeit und Einfachheit und sich deshalb nicht politisch
missbrauchen lasse. Ihre Dissertation ist für die Beschäftigung
mit Anselm Kiefer hilfreich und umfasst natürlich weit mehr, als wir
hier andeuten konnten.
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Sabine Schütz: Anselm Kiefer. Geschichte als Material. Arbeiten
1969-1983. Taschenbuch, DuMont, Köln, 1999, 400 S. Bestellen bei Amazon.de.
Anselm Kiefer: Über euren Städten
wird das Gras wachsen. Gebundene Ausgabe, Schirmer, Mosel, München,
1999, 68 S. Bestellen bei Amazon.de.

Anselm Kiefer: Dein und mein Alter und das Alter der Welt. Gebundene
Ausgabe, Schirmer, Mosel, Müchen, 1998, 64 S.
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