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Stanley Kubrick
Biografie und Filme -
Zum Tod des Regisseurs - Leben
und Werk
Artikel vom Oktober 1999
Der am 7. März 1999 in England verstorbene amerikanische Regisseur
Stanley Kubrick war am 26. Juli 1928 in der New Yorker Bronx geboren worden,
also rund drei Jahre nachdem Arthur Schnitzler seine Traumnovelle in
Die
Dame veröffentlicht hatte, auf der Kubricks letztes Werk,
Eyes
Wide Shut, beruht. Dazwischen liegt eine lange Karriere mit relativ
wenigen Filmen.
Sein Vater, der Medizinstudent Jacques Kubrick heiratet 1927 in der
Bronx Gertrude Perveler, die aus einer jüdischen Familie österreichischer
Herkunft stammt. Im Jahr darauf wird Stanley geboren. 1942, er ist noch
auf der highschool, publiziert das Magazin Look ein Foto
von ihm. 1945, im zarten Alter von 17 Jahren, kann er Look das Bild
eines Zeitungsverkäufers verkaufen, der von der Nachricht von Präsident
Roosevelts Tod überwältigt ist. Im selben Jahr nimmt Stanley
Kubrick die Ausbildung als Fotograf bei Look auf. 1946 wird er Reporter
für das Magazin und bereist die USA und Europa. 1948 heiratet er seine
Klassenkameradin Toba Metz. Zu seinen berühmten Fotos aus jener Zeit
gehört die Serie über den Boxchampion Walter Cartier. Mit seinem
Schulfreund Alfred Singer, einem Büroboten, beschliesst er 1950, billige
Kurzfilme zu drehen. So entsteht der 16-minütige Kurzfilm Day of
the Fight über Walter Cartier. Im Jahr darauf verlässt er
Look,
um sich ganz dem Film zuzuwenden. Nach seiner Scheidung heiratet Stanley
Kubrick 1955 Ruth Sobotka, Tänzerin im New York City Ballet. Nach
weiteren Filmen und erneuter Scheidung heiratet er 1958 die deutsche Malerin
und Schauspielerin Christiane Harlan, die er auf dem Set zu seinem Antikriegsdrama
Paths of Glory (der Film bleibt in einigen Ländern, so der
Schweiz, jahrelang verboten) kennengelernt hat, und mit der er bis zu seinem
Tod zusammenbleiben wird. Marlon Brando engagiert ihn im selben Jahr für
seinen Western War and Peace als Regisseur, doch er geht im Streit,
und mit einer Abfindung von 100 000 $. Brando hatte sich ständig in
seine Arbeit eingemischt und führte nach seinem Abgang auch tatsächlich
selbst Regie.
1959 übernimmt er vom nach nur acht Drehtagen gefeuerten
Anthony Mann die Regie in Spartacus, obwohl er keinen Einfluss auf
Drehbuch, Produktion und Verleih hat. Der Film ist Kubricks erster kommerzieller
Erfolg und gewinnt mehrere Oscars und den Golden Globe für den besten
Film. Er bleibt seine einzige All-Hollywood-Produktion. 1961 folgt Lolita,
beruhend auf Nabakows gleichnamigem Buch. Der Film ist ein kommerzieller
Erfolg, von der Kritik jedoch wird er kritisch aufgenommen. Stanley Kubrick
gründet seine eigene Produktionsfirma und beschliesst, in Grossbritannien
zu leben, wo er fast vierzig Jahre später sterben wird. 1963 dreht
er für Columbia Pictures Dr. Stangelove or: How I Learned to Stop
Worrying and Love the Bomb. Die Vorlage zu dieser Satire über
den Kalten Krieg mit Peter Sellers in drei Rollen bietet der Roman Red
Alert von Peter George. 1968 folgt Kubricks 2001: A Space Odyssey.
Erneut ein kommerzieller Erfolg, der von (Teilen zumindest) der US-Kritik
zerrissen wird. Im Jahr darauf erhält er seinen ersten und einzigen
persönlichen Oscar. Nicht für die Regieführung, sondern
für die visuellen Effekte in seinem Science Fiction Film. 1970 folgt
A Clockwork Orange, eine Satire auf filmische Gewaltorgien. Damit
gewinnt er den New York Film Critics Award. Wegen Nachahmungstätern,
copycat crimes, wird sein Werk nach zwei Jahren in Grossbritannien
kritisiert und vom verletzten Kubrick zurückgezogen.
1973 beginnen
die Arbeiten am Kostümdrama Barry Lyndon, nach dem Roman von
William Makepeace Thackeray. 1976 erhält der Film vier Oscars. Drei
Jahre später dreht er The Shining mit Jack Nicholson in der
Hauptrolle. Wieder ein kommerzieller Erfolg und wieder Schläge von
der Kritik. 1986 verstirbt sein Kameramann und Freund John Alcott, dessen
innovative Kameraführung Kubrick in mehreren Filmen eingesetzt hatte.
Bereits zuvor hat er die Arbeit am Vietnam-Kriegsdrama
Full Metal Jacket,
basierend auf der Novelle von Gustav Hasford, begonnen. Der Film kommt
1987 raus. Danach arbeitet Stanley Kubrick an mehreren Projekten, die nicht
realisiert werden. Schliesslich kommt er auf Arthur Schnitzlers Traumnovelle
zurück, mit der er sich seit Beginn der siebziger Jahre beschäftigt.
1996 nimmt das Projekt Formen an. Das Schauspielehepaar Nicole Kidman und
Tom Cruise soll die Hauptrolle spielen. 1997 wird Stanley Kubrick in Venedig
in Abwesenheit für sein Gesamtwerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
Nach fünfzehn Monaten - und nachdem Harvey Keitel aus <Gründen
der Disziplin> durch Syndey Pollack ersetzt worden war - enden die Dreharbeiten
zu Eyes Wide Shut. Am 2. März 1999 kann Kubrick gerade noch
Warner Bros. seine Endfassung präsentieren, bevor er fünf Tage
später im Schlaf überraschend einem Herzversagen erliegt.
Der Perfektionist Stanley Kubrick, der Szenen bis zu 50 mal wiederholen
liess, wird von verschiedenen Seiten als kühl, absolut kontrolliert
sowie als genial, aber schwierig beschrieben. Kirk Douglas (Spartacus)
nannte ihn einen "talentierten Idioten". Matthew Modine (Full Metal
Jacket) gegenüber erklärte Kubrick seine Gewohnheit, Szenen
oft wiederholen zu lassen, am Beispiel von Jack Nicholson: Der habe erst
auf dem Set die Zeilen gelernt. Bei den ersten takes habe man den
gewohnten Jack Nicholson gekriegt, mit dem die meisten Regisseure zufrieden
gewesen wären. Nach zehn oder fünfzehn takes sei das Ganze
schrecklich geworden. Dann habe Nicholson begonnen zu verstehen, was die
Zeilen bedeuteten und schliesslich sei er sich nicht mehr darüber
bewusst gewesen, was er sagte. Nach 30 oder 40 takes seien so die
zu sprechenden Zeilen zu etwas Neuem geworden. Stanley Kubrick meinte dazu:
Die Leute machen nicht ihre Hausaufgaben. Terry Semel von der Warner Bros.
Film Division, der seit Barry Lyndon eng mit Kubrick zusammenarbeitete,
legte dar, dass Stanley seine Filme immer mit kleinen Crews und zu einem
sehr tiefen Tagesansatz schoss. Deshalb sei er nie aus finanziellen Gründen
unter Zeitdruck gestanden und habe sich so lange Zeit genommen, wie er
brauchte. Wir fügen hinzu, dass für Stanley Kubrick der Film
in erster Linie eine Kunstform und nicht - wie für viele in Hollywood
- ein Business war.
Eyes Wide Shut beruht auf Arthur Schnitzlers Traumnovelle.
Doch sind Unterschiede klar erkennbar. Stanley Kubricks Film spielt im
heutigen New York und nicht ihm Wien Schnitzlers. Sich abstützend
auf Freuds Traumdeutung kommt der Traum als unbewusste Wunscherfüllung
bei Schnitzler und Kubrick vor. Doch während dem bei Schnitzler die
Anspielung auf unbewusste und unerfüllte Sehnsüchte mit Dänemark
verbunden ist und als Motiv sehr direkt, um nicht zu sagen etwas plump,
als "Parole", d.h. als Kennwort zum Einlass zur Orgie wieder auftaucht,
heisst das Passwort bei Kubrick "Fidelio". Georg Seesslen (Filmbulletin)
sieht in "Fidelio" einen Verweis auf Beethoven und Nietzsche, d.h. Fidelio
als Ausbruch des Dionysischen, und zugleich ist es das Wort für Treue
und somit eine Mahnung. Bei der Entlarvung an der Orgie ist Bill (Tom Cruise)
sehr in der Rolle des Opfers, das die Maske abnimmt. Bei Schnitzler wehrt
sich Fridolin tapfer, verlangt Genugtuung und behält die Maske auf.
Der Schluss ist sowohl in Buch wie Film enttäuschend und bis auf den Schlusssatz in der Essenz gleich. Kubrick fügt ein: Alice:
"Äh,
ja, und es gibt etwas sehr Wichtiges, das wir äusserst dringend machen
müssen." Bill: "Was denn?" Alice: "Ficken." Noch viele Details
sind unterschiedlich, ganze Szenen und Personen sind von Kubrick erfunden
und eingefügt worden, so Ziegler (Syndey Pollock). Doch auf den wichtigsten
Unterschied ist unseres Wissens nach keine Kritik eingegangen: Der bei
Schnitzler vorhandene und für seine Werke charakteristische innere
Monolog fehlt bei Kubrick. So können wir nur aus der Mimik und
Gestik von Bill (Tom Cruise) auf seine innere Konstitution schliessen.
Eyes
Wide Shut ist ein unterhaltsamer Film über die Brüchigkeit
von Liebe und Wahrheit. Lediglich der auf der literarischen Vorlage beruhende
uninspirierte Schluss missfällt uns. Ist "das Leben geht weiter"
zumindest bei Kubrick, entgegen dem ersten Anschein, doch der alte pessimistische
Kubrick?
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Stanley Kubrick: Eyes Wide Shut (Drehbuch); Arthur Schnitzler: Die
Traumnovelle. Fischer-TB-Vlg, 1999, 87 S. Das Buch erlaubt
den direkten Vergleich von Vorlage und Film. Ein Bildteil sowie Cast und
Credits zu Eyes Wide Shut ergänzen den Band. 1907 begonnen,
aber erst 1925 abgeschlossen, ist die Traumnovelle auch ein Mix
von Vor- und Nachkriegsgesellschaft. Als Schnitzler sein Werk schuf, befand
er sich in einer Lebenskrise. Das Thema <Schein und Lüge> seiner
Novelle ist auch Ausdruck dieser Tatsache. Den Film Eyes Wide Shut auf
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Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Taschenbuch, Fischer-TB-Vlg, November
1991, 662 S., DM 24.90. Freud fasst den Traum nicht mehr als Zukunftsdeutung
auf, sondern als Ausdruck des Unbewussten. Zur Deutung entwickelt er eine
Sprache, die das Unbewusste in die Sprache des Bewusstseins übersetzt.
Auf die Traumdeutung kam Freud im Kontakt mit seinen Patienten, denen die
Quellen ihrer Leiden nicht bewusst waren. Sein epochales Werk verkaufte
sich zuerst schlecht, doch bald führte es ihm Schüler zu, die
mehr über die Psychoanalyse wissen wollten. Schnitzler war über
die Arbeiten seines Landsmannes orientiert, interessierte sich als Arzt
dafür und der Traum spielt in seiner Novelle eine zentrale Rolle. Bestellen
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Demnächst erscheint Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Gebundene
Ausgabe, S. Fischer Vlg, 1999, 384 S. Die ursprüngliche
Erstausgabe wird durch drei Essays renommierter Freud-Forscher ergänzt,
die den Leser über die Bedeutung, Editionsgeschichte und Modernität
dieses Jahrhundertbuchs informieren.
Georg Seeßlen, Fernand Jung: Stanley Kubrick und seine Filme.
Taschenbuch, Schüren Presse, 1999, 240 S. Bestellen bei Amazon.de.

Rainer Crone, Petrus Graf Schaesberg: Stanley Kubrick: Still Moving
Pictures. Stanley Kubrick: Fotografien 1945-50. Schnell & Steiner.
Gebundene Ausgabe, 1999, 160 S. Bestellen bei Amazon.de.
Stanley Kubrick (1928-1999) gilt als Fotograf unter den Regisseuren.
So sind in 2001. Odyssee im Weltraum Sequenzen zu sehen, die sich
dem Standbild nähern. Kubricks Anfänge als Fotoreporter der Zeitschrift
Look
sind noch im (symmetrischen) Bildaufbau von Shining erkennbar. Der
Sammelband Still Moving Pictures. Stanley Kubrick: Fotografien 1945-50
vereint seine Fotoserien für Look, die Kubrick vor seinem ersten
Dokumentarfilm Der Tag des Kampfes (1950) über den Mittelgewichtsboxer
Walter Cartier publiziert hat. Geschichten von Menschen auf Chicagos Strassen
oder im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis gehören dazu. Manchmal versteckte
Kubrick seinen Fotoapparat in einer präparierten Papiertüte,
um grössere Authentizität erreichen zu können.
Alexander Walker: Stanley Kubrick. Die Biographie.
Gebundene Ausgabe, Henschel Vlg., Berlin, 1999, 512 S. Bestellen bei Amazon.de.
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