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Die Geschichtsschreibung, nicht nur die russische, ist abhängig
von der Perspektive des an die Historie Fragen Stellenden. Die Perzeptionen
sind Schwankungen unterworfen, die vom philosophischen, ideologischen,
kulturellen, nationalen und zeitlichen Blickwinkel abhängen. Nicht
nur die Geschichte Russlands war Veränderungen unterworfen, sondern
auch die westlichen entwickelten sich unterschiedlich. So reflektieren
die Geschichtsbücher nicht nur Evolutionen und Revolutionen im untersuchten
Russland, sondern werfen auch ein Licht auf die jeweiligen Herkunftsländer
der verschiedenen Historiker.
Martin Malia, emeritierter Geschichtsprofessor der University of
California,
Berkeley, legt mit Russia under Western Eyes seine Bilanz der Geschichte
Russlands aus europäischer Sicht vor. Sein Werk umfasst die Zeit von
Peter dem Grossen bis zu Michail Gorbatschow. Martin Malia hat übrigens
bereits 1994 eine Geschichte der Sowjetunion unter dem Titel The Soviet
Tragedy vorgelegt, deren Titel bereits eine Bilanz seiner Sicht darstellt.
Die Sowjetzeit wird bei ihm zu einem Irrweg der russischen Geschichte.
Gemäss Martin Malia sind Vorurteile, Missverständnisse und
Selbstspiegelungen weitgehend für das verantwortlich, was manchmal
in der westeuropäischen Geschichtsschreibung als russische Sphinx,
russisches Mysterium oder barbarisches, irrationales Russland bezeichnet
wird. Hoffnungen und Ängste des Westens tauchen in der Sicht des studierten
"Objekts" wieder auf. Aufklärung, Rationalismus, Dialektik und
Romantik, Positivismus und Utilitarismus, Nationalismus, Imperialismus
und Liberalismus sowie schliesslich Sozialismus, Marxismus und Faschismus
haben ihre Spuren im historischen Diskurs hinterlassen.
Häufig wird - oder zumindest wurde - in westlichen Geschichtsbüchern
eine Linie von Iwan dem Schrecklichen, ja der Goldenen Horde, bis zu Stalin
gezogen. Das byzantische Ideal des Cäsaren-Papismus wurde als Prototyp
des absoluten Staates, ideologischer Orthodoxie und messianischem Eifer
gesehen, der die Essenz des Sowjet-Totalitarismus ausmache. Gemäss
Martin Malia fügten sich diese Elemente allerdings erst ab 1917 im
kommunistischen Staat zusammen. Zuvor hätten die russischen Herrscher
immer solchen Tendenzen widerstanden. Martin Malia versucht, Klischees
zu zerstören. Er verweist auf Italien mit seiner Renaissance sowie
Deutschland mit der Reformation und seinen Philosophen, die Mussolini und
Hitler (ein Österreicher) hervorbrachten. Voltaire und Diderot hatten
zu ihrer Zeit Katharina die Grosse als Verkörperung des aufgeklärten
Monarchen betrachtet. Russland war nicht expansionistischer und imperialistischer
als die Westmächte. Allerdings stellt auch Martin Malia ein kulturelles
Gefälle von West nach Ost fest, wobei in Russland oft 50 Jahre später
als im Westen Reformen durchgesetzt wurden. Daraus leitet Martin Malia
jedoch kein allzeit gültiges Entwicklungsgesetz ab.
In Russland sind, seitdem Peter der Grosse das Tor zum Westen aufgestossen
hat, die Debatten zwischen Westlern und solchen, die einen russischen Weg
gehen wollen, Slawophilen, nicht verstummt. Dieser Antagonismus war im
19. Jahrhundert auch auf musikalischer Ebene spürbar. Martin Malia
geht zwar auf Borodin, Rimsky-Korsakow, Mussorgskij und Tschaikowkij ein,
doch Balakirew, den Gründer und Führer der <nationalrussischen>
Schule erwähnt er nicht. Dieser hatte 1861 eine nationale, auf der
Volksmusik aufbauende russische Musik gefordert. Die oben erwähnten
Komponisten bildeten zusammen mit Cui, den man wie Balakirew vergeblich
im Index sucht, eine von ihren Gegnern als "mächtiges Häuflein"
verspottete Gruppe, die u.a. Tschaikowskij und seine Musik als zu westlich
angriffen. Tschaikowskij orientierte sich an der deutschen Romantik, an
der zeitgenössischen italienischen und französischen Musik. Von
diesen Debatten und ihrem Echo in Westeuropa ist bei Martin Malia nichts
zu lesen. Hat der Historiker hier einfach ein Detail übersehen?
Inwiefern Martin Malia recht hat mit seiner positiven Sicht, dass Russland
im wesentlichen europäisch ist, und zwar seit Peter dem Grossen, und
es für das Land nur den europäischen Weg gibt, wird die Geschichte
zeigen. Hat Russland keine andere Wahl als die ideologische, politische
und wirtschaftliche Konvergenz mit dem Westen? Martin Malia sieht die Chancen
besser denn je für ein prosperierendes Russland, da dank dem technologischen
Fortschritt erstmals die sibirischen Bodenschätze wirtschaftlich genutzt
werden können. Doch westliche Historiker kommen meist nur mit Intellektuellen
in den grossen Städten in Berührung, die einfachen Menschen,
vor allem in Dörfern und Kleinstädten, entgehen oft ihrem Blick.
Auch wir erinnern uns an intellektuelle Freunde während der Aera Gorbatschow,
die zum Teil besser mit Sprache und Kultur Frankreichs oder Italiens vertraut
waren als wir selbst. Doch inwiefern sind sie repräsentativ für
Russland? Noch wichtiger ist die Frage, die wir bereits in Cosmopolis Nr.
2 aufgeworfen haben: Ist Jelzins Russland eine Art Weimarer Republik (natürlich
in einem andern historischen Kontext, mit andern Problemen), die bald einem
autoritären Regime weichen wird? Es gibt keinen historischen Determinismus
- übrigens auch nicht bei Martin Malia. Die russischen Wähler
werden bei der Duma-Bestellung kurz vor Weihnachten sowie bei den Präsidentschaftswahlen
nächstes Jahr ihr Wort zur Zukunft ihres Landes sagen können.
Vor nicht allzulanger Zeit noch völlig undenkbar. Vieles hat sich
seit 1989 in Russland verändert, ist neu gewachsen. "Noch ist Russland
nicht verloren."
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Martin Malia: Russia under Western Eyes: from the Bronze Horseman to
the Lenin Mausoleum, Harvard University Press, 1999, 514 S. Buch bestellen bei Amazon.de,
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