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Nr. 8, 15. Oktober/14. November 1999
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Die Geschichte Russslands von Martin Malia
Russia Under Western Eyes
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Die Geschichtsschreibung, nicht nur die russische, ist abhängig von der Perspektive des an die Historie Fragen Stellenden. Die Perzeptionen sind Schwankungen unterworfen, die vom philosophischen, ideologischen, kulturellen, nationalen und zeitlichen Blickwinkel abhängen. Nicht nur die Geschichte Russlands war Veränderungen unterworfen, sondern auch die westlichen entwickelten sich unterschiedlich. So reflektieren die Geschichtsbücher nicht nur Evolutionen und Revolutionen im untersuchten Russland, sondern werfen auch ein Licht auf die jeweiligen Herkunftsländer der verschiedenen Historiker.
 
Martin Malia, emeritierter Geschichtsprofessor der University of California, Berkeley, legt mit Russia under Western Eyes seine Bilanz der Geschichte Russlands aus europäischer Sicht vor. Sein Werk umfasst die Zeit von Peter dem Grossen bis zu Michail Gorbatschow. Martin Malia hat übrigens bereits 1994 eine Geschichte der Sowjetunion unter dem Titel The Soviet Tragedy vorgelegt, deren Titel bereits eine Bilanz seiner Sicht darstellt. Die Sowjetzeit wird bei ihm zu einem Irrweg der russischen Geschichte.
 
Gemäss Martin Malia sind Vorurteile, Missverständnisse und Selbstspiegelungen weitgehend für das verantwortlich, was manchmal in der westeuropäischen Geschichtsschreibung als russische Sphinx, russisches Mysterium oder barbarisches, irrationales Russland bezeichnet wird. Hoffnungen und Ängste des Westens tauchen in der Sicht des studierten "Objekts" wieder auf. Aufklärung, Rationalismus, Dialektik und Romantik, Positivismus und Utilitarismus, Nationalismus, Imperialismus und Liberalismus sowie schliesslich Sozialismus, Marxismus und Faschismus haben ihre Spuren im historischen Diskurs hinterlassen.
 
Häufig wird - oder zumindest wurde - in westlichen Geschichtsbüchern eine Linie von Iwan dem Schrecklichen, ja der Goldenen Horde, bis zu Stalin gezogen. Das byzantische Ideal des Cäsaren-Papismus wurde als Prototyp des absoluten Staates, ideologischer Orthodoxie und messianischem Eifer gesehen, der die Essenz des Sowjet-Totalitarismus ausmache. Gemäss Martin Malia fügten sich diese Elemente allerdings erst ab 1917 im kommunistischen Staat zusammen. Zuvor hätten die russischen Herrscher immer solchen Tendenzen widerstanden. Martin Malia versucht, Klischees zu zerstören. Er verweist auf Italien mit seiner Renaissance sowie Deutschland mit der Reformation und seinen Philosophen, die Mussolini und Hitler (ein Österreicher) hervorbrachten. Voltaire und Diderot hatten zu ihrer Zeit Katharina die Grosse als Verkörperung des aufgeklärten Monarchen betrachtet. Russland war nicht expansionistischer und imperialistischer als die Westmächte. Allerdings stellt auch Martin Malia ein kulturelles Gefälle von West nach Ost fest, wobei in Russland oft 50 Jahre später als im Westen Reformen durchgesetzt wurden. Daraus leitet Martin Malia jedoch kein allzeit gültiges Entwicklungsgesetz ab.
 
In Russland sind, seitdem Peter der Grosse das Tor zum Westen aufgestossen hat, die Debatten zwischen Westlern und solchen, die einen russischen Weg gehen wollen, Slawophilen, nicht verstummt. Dieser Antagonismus war im 19. Jahrhundert auch auf musikalischer Ebene spürbar. Martin Malia geht zwar auf Borodin, Rimsky-Korsakow, Mussorgskij und Tschaikowkij ein, doch Balakirew, den Gründer und Führer der <nationalrussischen> Schule erwähnt er nicht. Dieser hatte 1861 eine nationale, auf der Volksmusik aufbauende russische Musik gefordert. Die oben erwähnten Komponisten bildeten zusammen mit Cui, den man wie Balakirew vergeblich im Index sucht, eine von ihren Gegnern als "mächtiges Häuflein" verspottete Gruppe, die u.a. Tschaikowskij und seine Musik als zu westlich angriffen. Tschaikowskij orientierte sich an der deutschen Romantik, an der zeitgenössischen italienischen und französischen Musik. Von diesen Debatten und ihrem Echo in Westeuropa ist bei Martin Malia nichts zu lesen. Hat der Historiker hier einfach ein Detail übersehen?
 
Inwiefern Martin Malia recht hat mit seiner positiven Sicht, dass Russland im wesentlichen europäisch ist, und zwar seit Peter dem Grossen, und es für das Land nur den europäischen Weg gibt, wird die Geschichte zeigen. Hat Russland keine andere Wahl als die ideologische, politische und wirtschaftliche Konvergenz mit dem Westen? Martin Malia sieht die Chancen besser denn je für ein prosperierendes Russland, da dank dem technologischen Fortschritt erstmals die sibirischen Bodenschätze wirtschaftlich genutzt werden können. Doch westliche Historiker kommen meist nur mit Intellektuellen in den grossen Städten in Berührung, die einfachen Menschen, vor allem in Dörfern und Kleinstädten, entgehen oft ihrem Blick. Auch wir erinnern uns an intellektuelle Freunde während der Aera Gorbatschow, die zum Teil besser mit Sprache und Kultur Frankreichs oder Italiens vertraut waren als wir selbst. Doch inwiefern sind sie repräsentativ für Russland? Noch wichtiger ist die Frage, die wir bereits in Cosmopolis Nr. 2 aufgeworfen haben: Ist Jelzins Russland eine Art Weimarer Republik (natürlich in einem andern historischen Kontext, mit andern Problemen), die bald einem autoritären Regime weichen wird? Es gibt keinen historischen Determinismus - übrigens auch nicht bei Martin Malia. Die russischen Wähler werden bei der Duma-Bestellung kurz vor Weihnachten sowie bei den Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr ihr Wort zur Zukunft ihres Landes sagen können. Vor nicht allzulanger Zeit noch völlig undenkbar. Vieles hat sich seit 1989 in Russland verändert, ist neu gewachsen. "Noch ist Russland nicht verloren."


Martin Malia: Russia under Western Eyes: from the Bronze Horseman to the Lenin Mausoleum, Harvard University Press, 1999, 514 S. Buch bestellen bei Amazon.de, Amazon.com, Amazon.fr.
 
 

 
 

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