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Nr. 8, 15. Oktober/14. November 1999
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Arthur Schnitzler
Traumnovelle - Spiel im Morgengrauen - Der Weg ins Freie

Dank Stanley Kubricks Eyes Wide Shut wird Arthur Schnitzler einem grösseren Publikum wieder zu einem Begriff, da der letzte Film des Regisseurs, kurz vor seinem Tod abgeschlossen, auf der Traumnovelle des österreichischen Schriftstellers beruht. Bei S. Fischer erscheint zur Zeit eine achtbändige Auswahlausgabe von Schnitzlers Werken. Darunter ist auch der Roman Der Weg ins Freie. Den 1997 erschienen Tagebüchern des Schriftstellers aus den Jahren 1927 bis 1930 kann der Leser nicht nur entnehmen, dass Schnitzler diesen Roman hoch einschätzte, sondern auch, dass Hofmannsthal mit seiner "gehässigen" Ablehnung des Werkes "aus tiefen Snobismen heraus" ihn schwer verletzte.
 
Der Weg ins Freie entstand in den Jahren 1905 bis 1907 und erschien zunächst 1908 als Fortsetzungen in der Deutschen Rundschau sowie danach, im selben Jahr noch, in Buchform bei S. Fischer in Berlin. Zuvor hatte Schnitzler bereits mit Erzählungen und Theaterstücken Erfolge gefeiert und wurde deshalb ebenfalls 1908 mit dem begehrten Grillparzer-Preis ausgezeichnet. In der Wiener Neuen Freien Presse stand zu seinem Romandebüt zu lesen: "Selten noch ist ein Buch freudiger erwartet worden. als dieser neue Roman von Arthur Schnitzler." Die Erstauflage von 5,000 Büchern war rasch vergriffen. Bis zum Sommer 1908 wurden insgesamt 20,000 Bände verkauft.
 
Der Weg ins Freie wurde in der Verlagsanzeige als "der erste zeitgeschichtliche Roman des heutigen Wien" angepriesen und von vielen Zeitgenossen Schnitzlers als Enthüllungs- und Skandalgeschichte verstanden. Einige, wie Jakob Wassermann, glaubten, sich im Roman wiederzuentdecken. Schnitzlers Tagebuch belegt, dass der Autor tatsächlich viele Figuren nach lebendigen Vorbildern geschaffen hat. Doch ist Der Weg ins Freie kein Schlüsselroman. "Ohne Tendenz" habe er "Menschen und Beziehungen darstellen wollen", schrieb Schnitzler an den Kritiker und Literaturhistoriker Georg Brandes. Es ging ihm weder um die Enthüllung der Geschichte einer Person noch eines Ereignisses. Der Zeitroman sollte vielmehr die Wiener Gesellschaft des Fin de Siècle möglichst genau wiedergeben. Die von Schnitzler selbst redigierte Verlagsanzeige wirbt dementsprechend: "Reich bewegte Bilder aus den verschiedensten Gesellschaftskreisen werden vor uns entrollt. Eine Fülle von Gestalten lernen wir kennen, die in der besonderen Atmosphäre der Stadt, unter den komplizierten Verhältnissen ihres Landes, zu den mannigfachen Beziehungen miteinander verknüpft sind. Allerlei Probleme der Zeit werden berührt, insbesondere den Schicksalen der modernen Juden, innerhalb der eigentümlichen Gruppierung der Wiener Gesellschaft, wird mehr noch nach der seelischen als der rein sozialen Seite nachgegangen."
 
Schnitzler ist manchen heutigen Historikern weit voraus, wenn er von "den Schicksalen der modernen Juden" schreibt. Der Weg ins Freie zeigt die unterschiedlichen Lebensläufe und die Vielschichtigkeit des Milieus. Eigentlich beinhaltet das Buch zwei Romane, wie der Schriftsteller selbst anmerkt, die nicht in einer notwendigen Beziehung zueinander stehen: Das Verhältnis eines Barons zu seiner (nichtjüdischen) Geliebten sowie die Beziehung des Barons zu den jüdischen Figuren des Romans. Die neue Lage der jüdischen Bevölkerung Wiens durch den Antisemitismus, der Schlüssel zur Lösung der "Judenfrage", eben Der Weg ins Freie, allerdings nicht nur für Juden, ist das Leitmotiv des Buches.
 
Der soziale Konsens der liberalen Ära im Verhältnis zu den jüdischen Bürgern wird durch die neue Generation aufgekündigt. Da sind ein bürgerlicher, liberaler Vater und ein sozialdemokratischer Sohn. Der Sohn eines anderen Vaters ist christlichsozial. Dieses politische Lager bekämpft mit den Deutschnationalen zusammen vor allem zwei Feinde: Die Juden als Inbegriff des österreichischen Liberalismus sowie die Sozialdemokraten. Daneben gibt es eine Tochter, die eine gemässigt konservative Position vertritt, frei von Antisemitismus. Eine Vielzahl weiterer Figuren erlaubt es dem Schriftsteller, die verschiedenen Facetten der "Judenfrage" auszuleuchten, "ohne dass etwa die Stimme eines überlegenen Erzählers diese oder jene Position ablehnen oder sanktionieren würde." Rund ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen von Der Weg ins Freie bezahlt der jüdische Autor Arthur Schnitzler für diese Position. Er wird "wegen angeblicher Dekadenz zunehmend öffentlich attackiert [...]." Seinem Tagebuch vertraut der Autor an, er sei Relativist, da er all zu viele Werte kenne, doch nun stehe der "Glaube" hoch im Kurs. Er sei jedoch ein "Dichter für Schwindelfreie". Die meisten Kommentare zu Der Weg ins Freie haben wir dem Nachwort von Michael Scheffel zum S. Fischer-Band entnommen.
 
Ebenfalls zur achtbändigen Auswahlausgabe von Schnitzlers Werken bei S. Fischer gehören sieben Erzählungen, die in einem Band unter dem Titel Spiel im Morgengrauen erschienen sind. Darin finden sich u.a. die Traumnovelle, Fräulein Else oder eben Spiel im Morgengrauen. Es handelt sich um "die grossen Erzählungen aus Arthur Schnitzlers Alterswerk". Michael Scheffel, auf dessen Nachwort auch zu diesem Sammelband wir uns stützen, bezeichnet die Ende 1923 beendete Monolog-Novelle Fräulein Else als "gewissermassen das Gegenstück zu der mehr als zwanzig Jahre zuvor geschriebenen Erzählung Leutnant Gustl. Hier wie dort verzichtet Schnitzler auf jegliche Erzähldistanz und schafft die Illusion, dass der Leser unmittelbar am Denken der Figur teilhaben kann. [...]. An die Stelle des Leutnants, der männlichen Leitfigur der Jahrhundertwendegesellschaft, rückt nun eine junge Frau, die ihren Ort in dieser Gesellschaft noch finden muss." Elses Familie steht auf Grund der Spielleidenschaft des Vater vor dem Bankrott. Die Familie schreibt ihr im Namen des Vaters einen Expressbrief. Die Tochter soll von einem sich zufällig im gleichen Hotel aufhaltenden Geschäftsfreund des Vaters möglichst rasch eine grosse Geldsumme beschaffen. Der alternde Herr möchte Else eine Viertelstunde lang nackt betrachten dürfen. Ihre Dilemma: "Um den sozialen Status ihrer Familie und auch ihre eigene Reputation zu erhalten, soll sie den Anstand und damit genau das verletzen, was ihr Ansehen als gutbürgerliches Mädchen in den Augen der Gesellschaft begründet." Wie bei Leutnant Gustl sind nur die beiden beteiligten Personen Zeugen des Angriffs auf die Integrität der Protagonistin. Else ist mit der Frage der Ehre auf sich allein gestellt. Hauptmotive der Erzählung sind Ehre, Eros und Tod.
 
Der 1931 verstorbene "impressionistische" Autor Arthur Schnitzler, der den inneren Monolog eingeführt hat, ist eine "Wiederentdeckung" wert. Um niemandem das Überraschungsmoment bei der Lektüre zu nehmen, lassen wir es bei diesen kurzen Bemerkungen zu seinen Werken bewenden.
 


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