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Indien nach der Wahl 1999
Die grösste Demokratie der Welt hat anfangs Oktober gewählt.
Die bisherige bunte Nationale Demokratische Allianz unter der Führung
der nationalistischen Hindu-Partei BJP kann mit ihrem Premierminister Vajpayee
gemäss dem Volkswillen in Indien weiterregieren. Die BJP, die rund
60 % der Stimmen der Koalition gewonnen hat, die aus zwei Dutzend Parteien
besteht, ist keine einheitliche Partei, sondern ein Konglomerat, bestehend
aus einer Vielzahl von mehr oder weniger nationalistischen, hinduistischen,
rassistischen, faschistoiden, aber auch moderaten und reformwilligen Kräften.
Ihr charismatischer Führer, Premierminister Atal Bihari Vajpayee,
ist selbst in der RSS-Jan Sangh-Tradition aufgewachsen. Seit den 50er Jahren
in der Politik tätig, wurde er Ende der 80er Jahren als ein Kritiker
der BJP-Politik betrachtet, die im Zusammenhang mit der Zerstörung
von Ayodhya traurige Berühmtheit erlangt hat. Er gilt als Teil jener
moderat-reformwilligen Kräfte der BJP, denen vernünftiges Handeln
nicht abgesprochen wird.
Wie stark ist das Wählermandat für Koalition und BJP? Die
Koalition hat eine sichere Mehrheit gewonnen. Auch die BJP steht stärker
als vor zwei Jahren da, doch ohne den Grenzkonflikt mit Pakistan wäre
das Resultat wohl weniger rosig ausgefallen. Dieses ist zudem zu nuancieren,
da je nach Region herbe Verluste bzw. Gewinne zu verzeichnen waren. Zudem
lag die Wahlbeteiligung mit unter 60 % ungewohnt tief, was auch nicht gerade
als Unterstützung gedeutet werden kann. Der Wähler hat den Politikern
sein Misstrauen ausgesprochen. Dass die Regierung auch heute noch ihre
Kohäsion durch das Verteilen von siebzig Ministersesseln erkaufen
muss, erzeugt ebenfalls nicht übermässiges Vertrauen in die Stabilität
der Koalition. Dass mit einem solchen Kabinett keine effiziente Regierungspolitik
möglich ist und keine Zeichen für eine Straffung der Verwaltung
ausgesandt werden, liegt auf der Hand.
Trotzdem hat die indische Regierung bereits einige hoffnungsvolle Signale
ausgesandt. Dafür steht bereits die Wahl von Politikern wie dem Chefminister
von Andhra Pradesh, Chandrababu Naidu, welcher der Telugu Desam Partei
angehört und mitgeholfen hat, aus Hyderabad einen Software- und Informationstechnologie-Standort
zu machen. Zu den Reformern gehört ebenfalls der bisherige und neue
Industrieminister Murasoli Maran, der schon bisher die ausländischen
Direktinvestitionen gefördert hat. Zu den positiven Anzeichen gehört
zudem das liberalere Versicherungsgesetz, das nach den Wahlen verabschiedet
wurde. Die Börse hat mit Optimismus auf das Wahlresultat reagiert,
wobei natürlich das Weiterbestehen der heterogenen Regierungskoalition
eskomptiert worden war, und damit auch das Faktum der Machtaufteilung durch
24 Parteien mit unterschiedlichen Ideen. Die Inflation liegt auf einem
Langzeit-Tief, die Landwirtschaft konnte eine Rekordernte einfahren, wobei
die Naturkatastrophen und ihre Folgekosten einiges davon wieder zerstören
dürften. Auf der Negativseite steht die hohe Verschuldung von Indien.
Die Zinszahlungen berauben das Land jeden finanzpolitischen Spielraums.
Indien hatte bereits 1991 eine erste Reformwelle erlebt, die allerdings
aus einer Zwangslage heraus entstanden war, da mit dem Ende der UdSSR Indiens
zweitwichtigster Handelspartner verschwunden war. Der Golfkrieg kostete
Indien zudem drei Milliarden Dollar, da die Devisenüberweisungen der
indischen Gastarbeiter in der Region ausfielen und die Erdölpreise
stiegen. Indien erlebte anfangs 1991 seine grösste Devisenkrise, die
Reserven reichten nur noch für vierzehn Tage (Max-Jean Zins). Die
liberalen Reformen wurden also aus grösster Not heraus geboren. Und
auch wenn heute nun vielleicht gar eine zweite Reformwelle bevorsteht,
so sind noch immer zwei Drittel der Inder in der Landwirtschaft tätig,
weshalb die Massenarmut nicht so schnell verschwinden wird. Jahre von Blut,
Schweiss und Tränen liegen weiterhin vor den meisten Bewohnern des
Subkontinents.
Die Opposition hatte sich im Wahlkampf nicht klar zur Koalitionsfrage
geäussert und keine klare Alternative angeboten. Die Kongresspartei
ist zudem durch ihre Jahrzehnte an der Macht verbraucht. Inwiefern Sonia
Gandhis Entscheidung, in die Politik zu gehen, mit dem Umstand verbunden
war, dass sie in den Bofors-Skandal verwickelt ist, bei dem es um Provisionsschmiergelder
an mehrere Personen aus dem Umfeld ihres später ermordeten Mannes
geht, die im Zusammenhang mit dem Kauf von 400 schwedischen Haubitzen durch
Indien in den Jahren 1985 bis 1987 flossen, ist unklar. Erhofft sie sich
von ihrem politischen Mandat Einfluss, Protektion und Immunität für
sich und ihren Klan? Dass die Nehru-Gandhi-Familie, welche die indische
Nachkriegspolitik bis vor kurzem entscheidend geprägt hat, nicht nur
altruistisch und staatstragend tätig war, ist ein offenes Geheimnis.
In einem Land mit vielen Analphabeten und einer Mehrheit von 600 Millionen
Menschen, die in bitterer Armut leben, verwundert es nicht, dass eine korrupte
politische Klasse, die mit leeren Versprechungen und erfolglosen sozialistischen
Rezepten herrschte, sich fast 50 Jahre lang an der Macht halten konnte.
Dem Kongress sind nun allerdings die charismatischen Führer abhanden
gekommen, seine sozialistische Vergangenheit ist kein Ruhmesblatt und überzeugt
heute keinen Wähler mehr. Seit ihrem Machtverlust hat sich die Partei
noch nicht substantiell erneuert. Seit 1988 hat sie beständig an Wählerstimmen
verloren. Von knapp 40 % ist der Kongress auf unter 25 % gesunken und hat
heute seinen (vorläufigen?) Tiefpunkt erreicht. Der Erfolg der BJP
ist nicht zuletzt eine Folge der Schwäche der Opposition.
Zur Geschichte Indiens ist in Frankreich vor kurzem folgende einführende
Bröschüre erschienen: Max-Jean Zins: Inde. Un destin démocratique.
La Documentation française. 1999, 199 S. Der Autor begründet seinen Titel "ein demokratisches Schicksal" mit
dem Umstand, dass Indien auf Grund seiner religiösen, kulturellen,
ethnischen und sprachlichen Vielfalt nur als demokratisches Land eine Zukunft
hat. Zins setzt sich mit Aids, dem Kastensystem, der Agrarbevölkerung,
der sprachlichen Diversität, dem Islam, der Kongresspartei, der Gandhi-Nehru-Dynastie
und vielem mehr auseinander.
Siehe auch die englischsprachige Einführung: Selig S.
Harrison, Paul H. Kreisberg, Dennis Kux, ed.: India & Pakistan. The
First Fifty Years. Cambridge University Press, Woodrow Wilson Center series,
1999, 216 S.
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