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Sukarno (1901-70) rief 1945 nicht nur mit Hatta die Unabhängigkeit
der Republik Indonesiens aus und wurde 1949, nach der Anerkennung der Eigenstaatlichkeit
durch die Niederland als erster Präsident bestätigt, sondern
er orientierte sich mit seinen "fünf Prinzipien" an hindu-javanesischen,
islamischen und sozialistischen Ideen. Er gehörte zwar zu den Initiatoren
der 1955 im indonesischen Bandung verkündeten Politik des Non-alignment,
doch in seinem 1959 eingeführten System der "gelenkten Demokratie"
räumte er den Kommunisten stärkeren Einfluss ein und näherte
sich der Volksrepublik China an. Ab 1963 verfolgte er eine Konfrontationspolitik
gegenüber Malaysia. Beim gescheiterten kommunistischen Putschversuch
von 1965 nahm er eine unklare Haltung ein. In der Folge verlor er an Einfluss,
trat 1967 offiziell als Staatspräsident zurück und stand fortan
unter Hausarrest. Auch wenn die Tochter nicht für die Politik ihres
Vaters verantwortlich ist, so beunruhigt doch, dass die neue Vizepräsidentin
Indonesiens Megawati Sukarnoputri bisher nicht gerade durch klare Positionen
aufgefallen ist, sich von den sozialistischen und antiwestlichen Ideen
ihre Vaters Sukarno nicht distanziert und keine besonderen politischen
Qualitäten an den Tat gelegt hat, sonst wäre wahrscheinlich sie
und nicht Abdurrahman "Gus Dur" Wahid heute Präsident des Landes.
Tochter sein allein qualifiziert noch nicht für ein politisches Amt.
Am - in ihrem Fall zudem zweifelhaften - Familienbonus allein kann Indonesien
nicht genesen.
Biografie von Megawati Sukarnoputri
Die 1946 während dem Unabhängigkeitskrieg geborene Megawati
verbrachte ihre Jugend im Merdeka Palast. Sie studierte an der Padjadjaran
Universität in Bandung Agrarwissenschaften, brach jedoch ihr Studium
ab, als ihr Vater 1967 die Macht verlor. 1970 begann Megawati die University
of Indonesia zu besuchen, doch nach zwei Jahren brach sie auch ihr Psychologiestudium
bereits wieder ab. Ihr erster Mann verstarb 1970 auf tragische Weise bei
einem Flugzeugunfall. 1972 heiratete sie einen in Jakarta tätigen
ägyptischen Diplomaten. Doch da es keine offizielle Deklaration des
Todes ihres ersten Mannes gab, wurde die Ehe annuliert. Als die gewünschte
offizielle Bescheinigung kam, war der Diplomat bereits wieder nach Aegypten
entschwunden. 1973 schliesslich heiratete Megawati ihren heutigen Ehemann
Taufik Kiemas. Megawati, die drei Kinder hat, kam erst 1987 zur Politik.
Das politische Fehlkalkül von Suharto erlaubte ihr dies. Für
ihre Hilfe während der 1987er Wahlkampagne wurde sie von der Indonesischen
Demokratischen Partei (PDI) zusammen mit ihrem Mann mit Sitzen im Repräsentantenhaus
belohnt. Sie war von 1987 bis 1993 Parlamentarierin. Dank dem repressiven
Regime von Suharto, der regierenden Golkar Partei und dem Militär,
die Megawati wie die viele Indonesier drangsalierten, erlangte sie rasch
als Integrationsfigur im Kampf gegen das Regime vor allem unter der armen
Bevölkerung grosse Popularität. 1992 begann die Regierung eine
Kampagne gegen den Sukarnismus und 1993, als klar wurde, dass Megawati
den Kampf um den PDI-Vorsitz gewinnen würde, intervenierte das Miliär.
Doch noch im selben Jahr musste die Regierung dem Druck der Bevölkerung
nachgeben. Von 1993 bis 1998 amtete Megawati als PDI-Vorsitzende. 1996
versuchten Regierung und Militär erneut, sie mittels Intrigen von
der Präsidentschaft zu entfernen. Doch dadurch wurde sie erst recht
zu einem Symbol des Widerstandes. Da sie nur mit legalen Mitteln arbeitete
und Kampfgeist zeigte, war ihr Aufstieg fast unaufhaltbar. Die Wirtschaftskrise
und der Sturz Suhartos im Mai 1998 verstärkten ihre Position entscheidend.
Zu Beginn von 1999 taufte sie die von ihr geführte Partei in PDI Perjuangan
(Kampf) um, um sie von der von der Regierung unterstützten pseudo-PDI
zu unterscheiden. Doch in der Krisenzeit dieses Jahres tat sich Megawati
nicht besonders mit klaren politischen Positionen hervor und versuchte auch
nicht, sich mit andern Reformführern zu verständigen, weshalb
ihr Programm bis heute unklar ist.
Politik und Wirtschaft in Indonesien bilden einen Misthaufen, der aufgeräumt
werden muss. Der neue Präsident Abdurrahman Wahid hat am Samstag auf
seiner USA-Reis angekündigt, dass er die Ablösung von drei Ministern
in Erwägung zieht, die der Korruption, der Kollusion und des Nepotismus
beschuldigt werden. Das wäre ein Anfang und ein erstes Zeichen in
die richtige Richtung. Auch scheint er keine anti-westliche Politik wie
der Staatsgründer und erste Präsident Sukarno einschlagen zu
wollen. In der Frage Osttimors hat er zudem Flexibilität gezeigt und
die Realitäten anerkannt. Weitere Unruhen bedrohen aber noch immer
das indonesische Staatengebilde, das weiter auseinanderzufallen droht.
Wie lange dem die Militärs, insbesondere ihr starker Mann, General Wiranto, zusehen werden, ist nicht abzusehen. Zudem verdankt Wiranto seine
Karriere dem gefallenen Diktator Suharto, dessen Klan mehrere Milliarden
Dollar in die eigene Tasche gewirtschaftet hat, was nicht unbedingt Vertrauen
bezüglich der Korrektur vergangener Fehler gibt. Zudem hat Präsident
Wahid auf seiner USA-Reise ebenfalls angedeutet, dass er nicht allzu forsch
gegen Suharto vorzugehen gedenkt und ihm die Versprochene Begnadigung bei
einer allfälligen Verurteilung nicht vorzuenthalten will, was der
Wahl Wahids wiederum eine gewisse Logik gibt. Wiranto seinerseits verbleibt
als Minister für Politik und Sicherheit im Kabinett. Gleichzeitig
hat Wahid mit dem politischen Freund Megawatis, dem chinesischstämmigen
Kwik Kian Gie, einen IMF-Kritiker zum Wirtschaftsminister ernannt. Kwik
hat sich allerdings in letzter Zeit gemässigt. Sein Ernennung ist
zudem eine Konzession an die wirtschaftlich einflussreiche chinesische,
zumeist christliche, Minorität. Mit dem 47-jährigen Finanzminister
Bambang Sudibyo, der in den USA studiert und bisher an der Universität
in Yogyakarta gelehrt hat, sitzt ein besonnener und vertrauenswürdiger
Mann im Kabinett, der die wirtschaftliche Entwicklung Indonesiens ebenfalls
mitbestimmen wird.
Biographie von Wahid Abdurrahman
Der 1940 im ostjavanischen Jombang geborene, heute halbblinde Abdurrahman
"Gus Dur" (hochverehrte Heiligkeit) Wahid profitierte von Megawatis Unentschlossenheit
und fehlender Klarheit bei der Präsidentenwahl. Sein Vater war ein
religiöser Führer und unter Sukarno vorübergehend Religionsminister.
Er sandte seinen Sohn auf traditionelle islamische Schulen. 1964 begann
Wahid sein Studium an der Al-Azhar Islamic University im ägyptischen
Kairo. Zwei Jahre später reiste Wahid zum Literaturstudium an die
Universität von Bagdad im Irak. Dort soll er der Baath Partei des
aufsteigenden Saddam Hussein und ihren sozialistischen Rezepten nahe gestanden
haben. Nach seiner Rückkehr nach Indonesien wurde er Dekan der theologischen
Fakultät der Hasjim Asyari University in Jombang. Danach wurde er
Zentralsekretär der islamischen Tebuireng Pesantren Schule in Jombang.
Von 1974 bis 1980 war er zudem Kolumnist beim Magazin Tempo. 1978
wandte er sich in Jakarta der Politik zu. Die von seinem Grossvater mitbegründete
Nahdlatul Ulama (NU), die grösste islamische Organisation der Welt
mit 30 Millionen Mitgliedern, wurde zu seiner neuen (politischen) Heimat.
Ab 1980 war er Vorsitzender des Domkratischen Forums. 1979 wurde er erster
Sekretär des höchsten religiösen Rates der NU und ist seit
1984 dessen Vorsitzender. Trotz seinem starken Glauben tritt der gemässigt-tolerante
Muslim Wahid für die Trennung von Religion und Staat ein, im mulitreligiösen
Indonesien eine entscheidende Qualität. Ab 1984 setzte er sich für
die Rückkehr der NU auf die politische Bühne ein. Mit der von
ihm 1998 als NU-Flügel gegründeten National Awakening Party gehörte
er zu den Reformschrittmachern im Land. Wahid arbeitete bis vor kurzem
mit - oder besser für - Megawati, ehe diese sich der Zusammenarbeit
mit anderen Parteien verweigerte und es so zum Bruch kam. Wahid wird allerdings
auch als kontroverse und zeitweilig unvorhersehbare Figur beschrieben.
Nun sind er, der in den letzten Jahren bereits zwei Schlaganfälle
erlitten hat, und Megawati wieder vereint. Nicht mehr in der Opposition,
sondern an der Macht. Vom Durchsetzungsvermögen "des Blinden und der
Lahmen" hängt die Zukunft des grössten muslimischen Landes der
Welt ab. Die USA-Reise Wahids scheint bisher gezeigt zu haben, dass es
um seine Gesundheit doch nicht so schlecht bestellt ist, wie einige Beobachter
bisher vermutet haben. Die moralische Autorität des "Lehrers der Nation"
und Vater von vier Töchtern wird ihm bei seiner Aufgabe, um die ihn
niemand beneidet, nur zu Beginn eine Hilfe sein. Bei (zu erwartenden) Misserfolgen
könnte die Stimmung rasch umschlagen.
____________________ Zur Geschichte Indonesiens
siehe die einführende
Bröschüre, die Hintergründe erhellt, allerdings
Sukarnos Irrwege nicht erwähnt: François Raillon: Indonésie.
La réinvention d'un archipel. La Documentation française.
1999, 177 S. |
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