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Nr. 9, 15. November/14. Dezember 1999
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Indonesien nach der Wahl
Biografien von Megawati Sukarnoputri und Wahid Abdurrahman

Sukarno (1901-70) rief 1945 nicht nur mit Hatta die Unabhängigkeit der Republik Indonesiens aus und wurde 1949, nach der Anerkennung der Eigenstaatlichkeit durch die Niederland als erster Präsident bestätigt, sondern er orientierte sich mit seinen "fünf Prinzipien" an hindu-javanesischen, islamischen und sozialistischen Ideen. Er gehörte zwar zu den Initiatoren der 1955 im indonesischen Bandung verkündeten Politik des Non-alignment, doch in seinem 1959 eingeführten System der "gelenkten Demokratie" räumte er den Kommunisten stärkeren Einfluss ein und näherte sich der Volksrepublik China an. Ab 1963 verfolgte er eine Konfrontationspolitik gegenüber Malaysia. Beim gescheiterten kommunistischen Putschversuch von 1965 nahm er eine unklare Haltung ein. In der Folge verlor er an Einfluss, trat 1967 offiziell als Staatspräsident zurück und stand fortan unter Hausarrest. Auch wenn die Tochter nicht für die Politik ihres Vaters verantwortlich ist, so beunruhigt doch, dass die neue Vizepräsidentin Indonesiens Megawati Sukarnoputri bisher nicht gerade durch klare Positionen aufgefallen ist, sich von den sozialistischen und antiwestlichen Ideen ihre Vaters Sukarno nicht distanziert und keine besonderen politischen Qualitäten an den Tat gelegt hat, sonst wäre wahrscheinlich sie und nicht Abdurrahman "Gus Dur" Wahid heute Präsident des Landes. Tochter sein allein qualifiziert noch nicht für ein politisches Amt. Am - in ihrem Fall zudem zweifelhaften - Familienbonus allein kann Indonesien nicht genesen.
 
Biografie von Megawati Sukarnoputri 
 
Die 1946 während dem Unabhängigkeitskrieg geborene Megawati verbrachte ihre Jugend im Merdeka Palast. Sie studierte an der Padjadjaran Universität in Bandung Agrarwissenschaften, brach jedoch ihr Studium ab, als ihr Vater 1967 die Macht verlor. 1970 begann Megawati die University of Indonesia zu besuchen, doch nach zwei Jahren brach sie auch ihr Psychologiestudium bereits wieder ab. Ihr erster Mann verstarb 1970 auf tragische Weise bei einem Flugzeugunfall. 1972 heiratete sie einen in Jakarta tätigen ägyptischen Diplomaten. Doch da es keine offizielle Deklaration des Todes ihres ersten Mannes gab, wurde die Ehe annuliert. Als die gewünschte offizielle Bescheinigung kam, war der Diplomat bereits wieder nach Aegypten entschwunden. 1973 schliesslich heiratete Megawati ihren heutigen Ehemann Taufik Kiemas. Megawati, die drei Kinder hat, kam erst 1987 zur Politik. Das politische Fehlkalkül von Suharto erlaubte ihr dies. Für ihre Hilfe während der 1987er Wahlkampagne wurde sie von der Indonesischen Demokratischen Partei (PDI) zusammen mit ihrem Mann mit Sitzen im Repräsentantenhaus belohnt. Sie war von 1987 bis 1993 Parlamentarierin. Dank dem repressiven Regime von Suharto, der regierenden Golkar Partei und dem Militär, die Megawati wie die viele Indonesier drangsalierten, erlangte sie rasch als Integrationsfigur im Kampf gegen das Regime vor allem unter der armen Bevölkerung grosse Popularität. 1992 begann die Regierung eine Kampagne gegen den Sukarnismus und 1993, als klar wurde, dass Megawati den Kampf um den PDI-Vorsitz gewinnen würde, intervenierte das Miliär. Doch noch im selben Jahr musste die Regierung dem Druck der Bevölkerung nachgeben. Von 1993 bis 1998 amtete Megawati als PDI-Vorsitzende. 1996 versuchten Regierung und Militär erneut, sie mittels Intrigen von der Präsidentschaft zu entfernen. Doch dadurch wurde sie erst recht zu einem Symbol des Widerstandes. Da sie nur mit legalen Mitteln arbeitete und Kampfgeist zeigte, war ihr Aufstieg fast  unaufhaltbar. Die Wirtschaftskrise und der Sturz Suhartos im Mai 1998 verstärkten ihre Position entscheidend. Zu Beginn von 1999 taufte sie die von ihr geführte Partei in PDI Perjuangan (Kampf) um, um sie von der von der Regierung unterstützten pseudo-PDI zu unterscheiden. Doch in der Krisenzeit dieses Jahres tat sich Megawati nicht besonders mit klaren politischen Positionen hervor und versuchte auch nicht, sich mit andern Reformführern zu verständigen, weshalb ihr Programm bis heute unklar ist.
 
Politik und Wirtschaft in Indonesien bilden einen Misthaufen, der aufgeräumt werden muss. Der neue Präsident Abdurrahman Wahid hat am Samstag auf seiner USA-Reis angekündigt, dass er die Ablösung von drei Ministern in Erwägung zieht, die der Korruption, der Kollusion und des Nepotismus beschuldigt werden. Das wäre ein Anfang und ein erstes Zeichen in die richtige Richtung. Auch scheint er keine anti-westliche Politik wie der Staatsgründer und erste Präsident Sukarno einschlagen zu wollen. In der Frage Osttimors hat er zudem Flexibilität gezeigt und die Realitäten anerkannt. Weitere Unruhen bedrohen aber noch immer das indonesische Staatengebilde, das weiter auseinanderzufallen droht. Wie lange dem die Militärs, insbesondere ihr starker Mann, General Wiranto, zusehen werden, ist nicht abzusehen. Zudem verdankt Wiranto seine Karriere dem gefallenen Diktator Suharto, dessen Klan mehrere Milliarden Dollar in die eigene Tasche gewirtschaftet hat, was nicht unbedingt Vertrauen bezüglich der Korrektur vergangener Fehler gibt. Zudem hat Präsident Wahid auf seiner USA-Reise ebenfalls angedeutet, dass er nicht allzu forsch gegen Suharto vorzugehen gedenkt und ihm die Versprochene Begnadigung bei einer allfälligen Verurteilung nicht vorzuenthalten will, was der Wahl Wahids wiederum eine gewisse Logik gibt. Wiranto seinerseits verbleibt als Minister für Politik und Sicherheit im Kabinett. Gleichzeitig hat Wahid mit dem politischen Freund Megawatis, dem chinesischstämmigen Kwik Kian Gie, einen IMF-Kritiker zum Wirtschaftsminister ernannt. Kwik hat sich allerdings in letzter Zeit gemässigt. Sein Ernennung ist zudem eine Konzession an die wirtschaftlich einflussreiche chinesische, zumeist christliche, Minorität. Mit dem 47-jährigen Finanzminister Bambang Sudibyo, der in den USA studiert und bisher an der Universität in Yogyakarta gelehrt hat, sitzt ein besonnener und vertrauenswürdiger Mann im Kabinett, der die wirtschaftliche Entwicklung Indonesiens ebenfalls mitbestimmen wird.
 
Biographie von Wahid Abdurrahman
 
Der 1940 im ostjavanischen Jombang geborene, heute halbblinde Abdurrahman "Gus Dur" (hochverehrte Heiligkeit) Wahid profitierte von Megawatis Unentschlossenheit und fehlender Klarheit bei der Präsidentenwahl. Sein Vater war ein religiöser Führer und unter Sukarno vorübergehend Religionsminister. Er sandte seinen Sohn auf traditionelle islamische Schulen. 1964 begann Wahid sein Studium an der Al-Azhar Islamic University im ägyptischen Kairo. Zwei Jahre später reiste Wahid zum Literaturstudium an die Universität von Bagdad im Irak. Dort soll er der Baath Partei des aufsteigenden Saddam Hussein und ihren sozialistischen Rezepten nahe gestanden haben. Nach seiner Rückkehr nach Indonesien wurde er Dekan der theologischen Fakultät der Hasjim Asyari University in Jombang. Danach wurde er Zentralsekretär der islamischen Tebuireng Pesantren Schule in Jombang. Von 1974 bis 1980 war er zudem Kolumnist beim Magazin Tempo. 1978 wandte er sich in Jakarta der Politik zu. Die von seinem Grossvater mitbegründete Nahdlatul Ulama (NU), die grösste islamische Organisation der Welt mit 30 Millionen Mitgliedern, wurde zu seiner neuen (politischen) Heimat. Ab 1980 war er Vorsitzender des Domkratischen Forums. 1979 wurde er erster Sekretär des höchsten religiösen Rates der NU und ist seit 1984 dessen Vorsitzender. Trotz seinem starken Glauben tritt der gemässigt-tolerante Muslim Wahid für die Trennung von Religion und Staat ein, im mulitreligiösen Indonesien eine entscheidende Qualität. Ab 1984 setzte er sich für die Rückkehr der NU auf die politische Bühne ein. Mit der von ihm 1998 als NU-Flügel gegründeten National Awakening Party gehörte er zu den Reformschrittmachern im Land. Wahid arbeitete bis vor kurzem mit - oder besser für - Megawati, ehe diese sich der Zusammenarbeit mit anderen Parteien verweigerte und es so zum Bruch kam. Wahid wird allerdings auch als kontroverse und zeitweilig unvorhersehbare Figur beschrieben. Nun sind er, der in den letzten Jahren bereits zwei Schlaganfälle erlitten hat, und Megawati wieder vereint. Nicht mehr in der Opposition, sondern an der Macht. Vom Durchsetzungsvermögen "des Blinden und der Lahmen" hängt die Zukunft des grössten muslimischen Landes der Welt ab. Die USA-Reise Wahids scheint bisher gezeigt zu haben, dass es um seine Gesundheit doch nicht so schlecht bestellt ist, wie einige Beobachter bisher vermutet haben. Die moralische Autorität des "Lehrers der Nation" und Vater von vier Töchtern wird ihm bei seiner Aufgabe, um die ihn niemand beneidet, nur zu Beginn eine Hilfe sein. Bei (zu erwartenden) Misserfolgen könnte die Stimmung rasch umschlagen.
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Zur Geschichte Indonesiens siehe die einführende Bröschüre, die Hintergründe erhellt, allerdings Sukarnos Irrwege nicht erwähnt: François Raillon: Indonésie. La réinvention d'un archipel. La Documentation française. 1999, 177 S.


 
 

 
 

 
 

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