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Korea ist ein Land, über dessen Geschichte und Kunst auch heute
noch der Schatten seiner mächtigen Nachbarn Japan und China bzw. das
Leinentuch westlicher Ignoranz liegt. Die Koreaner sind gemäss Charles
Armstrong "ein komplexes und widersprüchliches Volk; spontan und diszipliniert,
brüsk und gastfreundlich, puritanisch und obszön." (Das lässt
sich allerdings über so manches Volk dieser Welt sagen). Einer der
seltenen Versuche im deutschsprachigen Raum, der erste seit Mitte der 80er
Jahre, sich der Kunst und Kultur Koreas anzunähern, bildet die Ausstellung Korea:
Die Alten Königreiche. Es ist ein Versuch, die Eigenständigkeit
des Landes zu beweisen, das in seiner Vielfalt im religiösen Bereich
Schamanismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Daoismus und Christentum umfasst.
Obwohl Korea geschichtlich und kulturell als Vermittler und Brücke
zwischen China und Japan diente, entwickelten und bewahrten sich die Koreaner
eine unverwechselbare Kultur. Die über 200 Ausstellungsstücke
führen von der Zeit schamanistischer Herrscher (vom 6. Jahrhundert
vor bis zum 6. Jahrhundert nach Christus) über das buddhistische Zeitalter
bis zu den konfuzianischen Herrschern der Choson-Dynastie (1362-1910).
Die Ausstellung mit den thematischen Schwerpunkten Schamanen, Buddhas und
neo-konfuzianischen Literaten kreist um die Glaubensrichtungen, Staatsreligionen
und -ideologien der verschiedenen koreanischen Reiche sowie um die jeweilige
Kunst und Kultur.
Von circa 6000 bis 2000 v.Chr. dauerte in Korea die neolithische Epoche.
Auf Grund des besonderen Dekors ihrer Keramik wird sie auch als "Periode
der Kammkeramik" bezeichnet, die sich von derjenigen des chinesischen Neolithikums
aus dem Becken des gelben Flusses deutlich unterscheidet, hingegen mit
der frühen Jômon-Keramik in Japan Ähnlichkeit zeigt. Seit etwa
1300 v.Chr. stellten die Koreaner Bronzegerät her. Bis vor dreissig
Jahren waren die meisten Archäologen noch davon überzeugt, dass
diese Geräte aus China auf Handelswegen nach Korea gelangten. Erst
heute weiss man von mehreren unabhängigen Produktionsstätten
der Bronzezeit, die in Korea bis 300 v.Chr dauerte. Das Reich Alt-Choson
wurde lange Zeit lediglich als Mythos betrachtet. Doch Entdeckungen der
jüngsten Zeit erlauben es, diesen legendären Staat der Bronze-
und frühen Eisenzeit zuzuordnen. Auch kann die Zeit der Proto-Drei-Reiche
vom 1.Jh.v.Chr. bis zum 3.Jh.n.Chr. nun eindeutig von der Zeit der Drei
Reiche vom 3.Jh. bis zum Jahr 668 n.Chr. getrennt werden. Dieser ersten
Zeit der koreanischen Geschichte ist der Schamanismus als die heimliche
Urreligion zuzuordnen. Der Schamanismus prägte zudem den Gründungsmythos
des Landes.
Die Drei Königreiche hiessen Koguryo, Shilla und Paekche. Das grösste,
Koguryo, reichte bis ins heutige China hinein. Unter dem Einfluss der Han-Kolonie
Lelang (108 v.Chr. bis 313 n. Chr.) es die chinesische Schrift, gründete
372 n.Chr. eine staatliche konfuzianische Akademie und führte im Jahr
382 n. Chr. offiziell den Buddhismus ein. Von allen Religionen Koreas kommt
ihm die grösste Bedeutung zu. Der Buddhismus drang zwischen dem 4.
und 6. Jh. n. Chr. von Indien über China auf die Halbinsel vor. Die
früheste datierbare buddhistische Plastik Koreas wurde 539 in Koguryo
gegossen. Von der späten Periode der Drei-Reiche im 6. Jh. bis zum
Ende der Koryo-Dynastie im Jahr 1392 war der Buddhismus Staatsreligion.
Das Königreich Paekche im Südwesten der Halbinsel unterhielt
Seeverbindungen mit Südchina und Japan, führte 384 den Buddhismus
ein und brachte die Lehre mit buddhistischen Schriften und Bildnissen 552
nach Japan. Durch politische Unruhen gelangten zudem zwischen dem 5. und
9. Jh. zahlreiche Koreaner und Chinesen ins japanische Yamato-Reich. Der
früheste bekannte buddhistische Bildhauer Japans, Tori, war ein Enkel
eines chinesischen Einwanderers von der koreanischen Halbinsel. An der
Südspitze Koreas hatte sich der kleine Staat Kaya lange die Unabhängigkeit
von den grösseren Nachbarn Shilla und Paekche bewahrt. Historisch
ist seine Bedeutung gering, doch leistete Kaya durch die Entwicklung eines
Tunnelbrennofens, der Temperaturen bis zu 1000 Grad Celsius ermöglichte,
einen wichtigen Beitrag zum Fortschritt des Kunsthandwerks. Erstmals konnten
aus Steingut flüssigkeitsundurchlässige Gefässe entstehen.
Im Jahr 668 wurde die Halbinsel nach Eroberungsfeldzügen unter
der Führung Shillas politisch geeint. Aus der Verschmelzung verschiedener
ethnischer Elemente und regionaler Traditionen entstand die Basis für
die Entwicklung einer einheitlichen koreanischen Sprache, Kunst und Kultur.
Das erste bekannte Druckerzeugnis der Welt, eine 630 cm lange Sûtrenrolle,
wurde zwischen 706 und 751 in Shilla hergestellt. In der darauffolgenden
Koryo-Dynastie (918-1392) verfeinerte sich die Keramikkunst, die auch im
Westen bewunderten und gesammelten Koryo-Seladone entstanden. Die Koryo
pflegten Kontakte sowohl zu den chinesischen Nord-Song (960-1127) wie auch
zu dem weiter nördlich in der heutigen Manschurei gelegenen Khitan-Reich
der Liao (937-1125). Als die Jurchen zuerst die Liao und dann die Song
verdrängten und im Norden Chinas die Jin-Dynastie gründeten,
nahm die Koryo-Dynastie auch zum neuen mächtigen Nachbar diplomatische
Beziehungen auf. In den Jahren 1271 und 1281 zwang Kublai Khan Koryo zur
Teilnahme an seinen Feldzügen gegen Japan. Auch nach deren Misserfolg
blieb ein militärischer Stützpunkt auf koreanischem boden bestehen.
Koreas Eigenständigkeit wurde auf ein Minimum beschränkt. Koreanische
Könige wurden mit mongolischen Prinzessinnen verheiratet. Der erste
"Mischlingskönig" auf dem koreanischen Thron war Ch'ungson-wang. Er
war der Sohn einer Tochter von Kublai Khan und regierte 1298 sowie 1308-1313.
Die Koryo-Dynastie ging nicht zuletzt an der Vergnügungssucht und
Dekadenz von Adel und Klerus zugrunde.
Der Koryo-Befehlshaber Yi Song-gye (1335-1408) erhob sich gegen den
eigenen König gründete 1392 die Choson-Dynastie, die bis 1910
an der Macht blieb. Choson bedeutet "Land der Morgenfrische". Der Name
taucht schon in Han-zeitlichen Texten auf und wird heute noch von Nord-Korea
benutzt. Träger von Politik und Kultur wurde nun eine puritanische,
konfuzianische Beamtenschaft. Spätestens seit Ende des 2. Jh. nach
Christus waren die konfuzianischen Lehren im Zusammenhang mit der Errichtung
einer chinesischen Kolonie im nordwestlichen Teil der Halbinsel nach Korea
gelangt. Zunächst prägte die konfuzianische Ethik vor allem das
staatliche Verwaltungssystem, ehe mit dem Beginn der Choson-Dynastie der
Neo-Konfuzianismus zur geistigen und moralischen Richlinie für das
Herrscherhaus und die Gesellschaft wurde. Auf staatlicher wie familiärer
Ebene erhielt der Ahnenkult eine besondere Bedeutung. Vor allem dank der
Schicht der Literaten erlebte Korea eine Zeit der Blüte in Malerei,
Kalligraphie, Musik und Literatur. Anders als in China rekrutierte sich
in Korea allerdings die zu den Examina zugelassene Elite nur aus der Aristokratie.
Die Choson-Gelehrten, obwohl der chinesischen Schriftsprache verbunden,
entwickelten zwischen 1443 und 1446 das koreanische Alphabet. Der eintretende
Umbruch spiegelt sich am deutlichsten in den Gegensätzen zwischen
den eleganten Seladonen der Koryo-Zeit und den kraftvoll-robusten, beinahe
monumentalen Keramik der frühen Choson-Dynastie.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts drangen die Japaner in zwei Feldzügen
auf die Halbinsel vor. Korea wurde weitgehend zerstört, sodass mit
Ausnahme der Keramik kaum noch Kunstschätze aus der Koryo- und der
frühen Choson-Zeit erhalten sind. So kam das Ende der punch'ong-Keramik.
Ueber 300 Brennöfen wurden zerstört und die Handwerker nach Japan
verschleppt, wo sie der dortigen Keramik zur Blüte verhalfen. In späterer
Zeit ist z.B. der Einfluss der chinesischen Zhe-Literatenmalerschule in
Korea spürbar. Im 17. Jahrhundert schliesslich arbeitet der grösste
koreanische Landschaftsmaler, Chong Son (1676-1759). Die koreanische Genremalerei
erlebt im späten 18. Jh. ihren Höhepunkt mit den Werken der Hofmaler
Kom Hong-do und Sin Yun-bok. In jener Zeit bestanden auch wichtige Kontakte
zu japanischen Künstlern wie dem Literatenmaler Ike Taiga (1723-1776).
Beiträge von namhaften Spezialisten aus Korea und Europa ergänzen
den Katalog, dem wir die obenstehenden Ausführungen aus der Einführung
von Burglind Jungmann entnommen haben. Sie untersuchen zum Beispiel die
koreanische Mythologie, Glaube und Kunst des Buddhismus, die Seladonkeramik,
die Literaten der Choson-Zeit, die Landschaftsmalerei der Südschule
in Korea oder die Gründzüge der koreanischen Architektur. Der
Daoismus sowie die Zeit der japanischen Kolonialherrschaft, die selbst
in der Zeittafel keine Erwähnung findet, bleiben in Katalog und Ausstellung
ausgeblendet. Für den deutschen Sprachraum bildet der Katalog trotzdem
das einführende Standardwerk zur koreanischen Geschichte, Kunst und
Kultur. |
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Korea: die Alten Königreiche. Ausstellung in der Kulturstiftung
Ruhr Essen, Villa Hügel, in München, Hypo-Kunsthalle, in
Zürich im Museum Rietberg. Katalog: Hirmer Verlag, München, 1999,
395 S.
Weitere empfehlenswerte Bücher zu Korea:
- Als Einführung: Michael Breen: The Koreans. What They Want,
Where Their Future Lies, Orion Business Books, London.
- Zur Geschichte: Bruce Cummings: Korea's Place in the Sun.
- Zu den Beziehungen zwischen den beiden Korea: Don Oberdorfer: The
Two Koreas.
- Zur Wirtschaft: Mark Clifford: Troubled Tiger. |