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Nr. 9, 15. November/14. Dezember 1999
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Korea - Die Alten Königreiche
Geschichte, Kunst, Kultur -  Katalog und Ausstellung

Korea ist ein Land, über dessen Geschichte und Kunst auch heute noch der Schatten seiner mächtigen Nachbarn Japan und China bzw. das Leinentuch westlicher Ignoranz liegt. Die Koreaner sind gemäss Charles Armstrong "ein komplexes und widersprüchliches Volk; spontan und diszipliniert, brüsk und gastfreundlich, puritanisch und obszön." (Das lässt sich allerdings über so manches Volk dieser Welt sagen). Einer der seltenen Versuche im deutschsprachigen Raum, der erste seit Mitte der 80er Jahre, sich der Kunst und Kultur Koreas anzunähern, bildet die Ausstellung Korea: Die Alten Königreiche. Es ist ein Versuch, die Eigenständigkeit des Landes zu beweisen, das in seiner Vielfalt im religiösen Bereich Schamanismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Daoismus und Christentum umfasst. Obwohl Korea geschichtlich und kulturell als Vermittler und Brücke zwischen China und Japan diente, entwickelten und bewahrten sich die Koreaner eine unverwechselbare Kultur. Die über 200 Ausstellungsstücke führen von der Zeit schamanistischer Herrscher (vom 6. Jahrhundert vor bis zum 6. Jahrhundert nach Christus) über das buddhistische Zeitalter bis zu den konfuzianischen Herrschern der Choson-Dynastie (1362-1910). Die Ausstellung mit den thematischen Schwerpunkten Schamanen, Buddhas und neo-konfuzianischen Literaten kreist um die Glaubensrichtungen, Staatsreligionen und -ideologien der verschiedenen koreanischen Reiche sowie um die jeweilige Kunst und Kultur.
 
Von circa 6000 bis 2000 v.Chr. dauerte in Korea die neolithische Epoche. Auf Grund des besonderen Dekors ihrer Keramik wird sie auch als "Periode der Kammkeramik" bezeichnet, die sich von derjenigen des chinesischen Neolithikums aus dem Becken des gelben Flusses deutlich unterscheidet, hingegen mit der frühen Jômon-Keramik in Japan Ähnlichkeit zeigt. Seit etwa 1300 v.Chr. stellten die Koreaner Bronzegerät her. Bis vor dreissig Jahren waren die meisten Archäologen noch davon überzeugt, dass diese Geräte aus China auf Handelswegen nach Korea gelangten. Erst heute weiss man von mehreren unabhängigen Produktionsstätten der Bronzezeit, die in Korea bis 300 v.Chr dauerte. Das Reich Alt-Choson wurde lange Zeit lediglich als Mythos betrachtet. Doch Entdeckungen der jüngsten Zeit erlauben es, diesen legendären Staat der Bronze- und frühen Eisenzeit zuzuordnen. Auch kann die Zeit der Proto-Drei-Reiche vom 1.Jh.v.Chr. bis zum 3.Jh.n.Chr. nun eindeutig von der Zeit der Drei Reiche vom 3.Jh. bis zum Jahr 668 n.Chr. getrennt werden. Dieser ersten Zeit der koreanischen Geschichte ist der Schamanismus als die heimliche Urreligion zuzuordnen. Der Schamanismus prägte zudem den Gründungsmythos des Landes.
 
Die Drei Königreiche hiessen Koguryo, Shilla und Paekche. Das grösste, Koguryo, reichte bis ins heutige China hinein. Unter dem Einfluss der Han-Kolonie Lelang (108 v.Chr. bis 313 n. Chr.) es die chinesische Schrift, gründete 372 n.Chr. eine staatliche konfuzianische Akademie und führte im Jahr 382 n. Chr. offiziell den Buddhismus ein. Von allen Religionen Koreas kommt ihm die grösste Bedeutung zu. Der Buddhismus drang zwischen dem 4. und 6. Jh. n. Chr. von Indien über China auf die Halbinsel vor. Die früheste datierbare buddhistische Plastik Koreas wurde 539 in Koguryo gegossen. Von der späten Periode der Drei-Reiche im 6. Jh. bis zum Ende der Koryo-Dynastie im Jahr 1392 war der Buddhismus Staatsreligion.
 
Das Königreich Paekche im Südwesten der Halbinsel unterhielt Seeverbindungen mit Südchina und Japan, führte 384 den Buddhismus ein und brachte die Lehre mit buddhistischen Schriften und Bildnissen 552 nach Japan. Durch politische Unruhen gelangten zudem zwischen dem 5. und 9. Jh. zahlreiche Koreaner und Chinesen ins japanische Yamato-Reich. Der früheste bekannte buddhistische Bildhauer Japans, Tori, war ein Enkel eines chinesischen Einwanderers von der koreanischen Halbinsel. An der Südspitze Koreas hatte sich der kleine Staat Kaya lange die Unabhängigkeit von den grösseren Nachbarn Shilla und Paekche bewahrt. Historisch ist seine Bedeutung gering, doch leistete Kaya durch die Entwicklung eines Tunnelbrennofens, der Temperaturen bis zu 1000 Grad Celsius ermöglichte, einen wichtigen Beitrag zum Fortschritt des Kunsthandwerks. Erstmals konnten aus Steingut flüssigkeitsundurchlässige Gefässe entstehen.
 
Im Jahr 668 wurde die Halbinsel nach Eroberungsfeldzügen unter der Führung Shillas politisch geeint. Aus der Verschmelzung verschiedener ethnischer Elemente und regionaler Traditionen entstand die Basis für die Entwicklung einer einheitlichen koreanischen Sprache, Kunst und Kultur. Das erste bekannte Druckerzeugnis der Welt, eine 630 cm lange Sûtrenrolle, wurde zwischen 706 und 751 in Shilla hergestellt. In der darauffolgenden Koryo-Dynastie (918-1392) verfeinerte sich die Keramikkunst, die auch im Westen bewunderten und gesammelten Koryo-Seladone entstanden. Die Koryo pflegten Kontakte sowohl zu den chinesischen Nord-Song (960-1127) wie auch zu dem weiter nördlich in der heutigen Manschurei gelegenen Khitan-Reich der Liao (937-1125). Als die Jurchen zuerst die Liao und dann die Song verdrängten und im Norden Chinas die Jin-Dynastie gründeten, nahm die Koryo-Dynastie auch zum neuen mächtigen Nachbar diplomatische Beziehungen auf. In den Jahren 1271 und 1281 zwang Kublai Khan Koryo zur Teilnahme an seinen Feldzügen gegen Japan. Auch nach deren Misserfolg blieb ein militärischer Stützpunkt auf koreanischem boden bestehen. Koreas Eigenständigkeit wurde auf ein Minimum beschränkt. Koreanische Könige wurden mit mongolischen Prinzessinnen verheiratet. Der erste "Mischlingskönig" auf dem koreanischen Thron war Ch'ungson-wang. Er war der Sohn einer Tochter von Kublai Khan und regierte 1298 sowie 1308-1313. Die Koryo-Dynastie ging nicht zuletzt an der Vergnügungssucht und Dekadenz von Adel und Klerus zugrunde.
 
Der Koryo-Befehlshaber Yi Song-gye (1335-1408) erhob sich gegen den eigenen König gründete 1392 die Choson-Dynastie, die bis 1910 an der Macht blieb. Choson bedeutet "Land der Morgenfrische". Der Name taucht schon in Han-zeitlichen Texten auf und wird heute noch von Nord-Korea benutzt. Träger von Politik und Kultur wurde nun eine puritanische, konfuzianische Beamtenschaft. Spätestens seit Ende des 2. Jh. nach Christus waren die konfuzianischen Lehren im Zusammenhang mit der Errichtung einer chinesischen Kolonie im nordwestlichen Teil der Halbinsel nach Korea gelangt. Zunächst prägte die konfuzianische Ethik vor allem das staatliche Verwaltungssystem, ehe mit dem Beginn der Choson-Dynastie der Neo-Konfuzianismus zur geistigen und moralischen Richlinie für das Herrscherhaus und die Gesellschaft wurde. Auf staatlicher wie familiärer Ebene erhielt der Ahnenkult eine besondere Bedeutung. Vor allem dank der Schicht der Literaten erlebte Korea eine Zeit der Blüte in Malerei, Kalligraphie, Musik und Literatur. Anders als in China rekrutierte sich in Korea allerdings die zu den Examina zugelassene Elite nur aus der Aristokratie. Die Choson-Gelehrten, obwohl der chinesischen Schriftsprache verbunden, entwickelten zwischen 1443 und 1446 das koreanische Alphabet. Der eintretende Umbruch spiegelt sich am deutlichsten in den Gegensätzen zwischen den eleganten Seladonen der Koryo-Zeit und den kraftvoll-robusten, beinahe monumentalen Keramik der frühen Choson-Dynastie.
 
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts drangen die Japaner in zwei Feldzügen auf die Halbinsel vor. Korea wurde weitgehend zerstört, sodass mit Ausnahme der Keramik kaum noch Kunstschätze aus der Koryo- und der frühen Choson-Zeit erhalten sind. So kam das Ende der punch'ong-Keramik. Ueber 300 Brennöfen wurden zerstört und die Handwerker nach Japan verschleppt, wo sie der dortigen Keramik zur Blüte verhalfen. In späterer Zeit ist z.B. der Einfluss der chinesischen Zhe-Literatenmalerschule in Korea spürbar. Im 17. Jahrhundert schliesslich arbeitet der grösste koreanische Landschaftsmaler, Chong Son (1676-1759). Die koreanische Genremalerei erlebt im späten 18. Jh. ihren Höhepunkt mit den Werken der Hofmaler Kom Hong-do und Sin Yun-bok. In jener Zeit bestanden auch wichtige Kontakte zu japanischen Künstlern wie dem Literatenmaler Ike Taiga (1723-1776).
 
Beiträge von namhaften Spezialisten aus Korea und Europa ergänzen den Katalog, dem wir die obenstehenden Ausführungen aus der Einführung von Burglind Jungmann entnommen haben. Sie untersuchen zum Beispiel die koreanische Mythologie, Glaube und Kunst des Buddhismus, die Seladonkeramik, die Literaten der Choson-Zeit, die Landschaftsmalerei der Südschule in Korea oder die Gründzüge der koreanischen Architektur. Der Daoismus sowie die Zeit der japanischen Kolonialherrschaft, die selbst in der Zeittafel keine Erwähnung findet, bleiben in Katalog und Ausstellung ausgeblendet. Für den deutschen Sprachraum bildet der Katalog trotzdem das einführende Standardwerk zur koreanischen Geschichte, Kunst und Kultur.


 

 

 

 

 

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Korea: die Alten Königreiche. Ausstellung in der Kulturstiftung Ruhr Essen, Villa Hügel, in München, Hypo-Kunsthalle, in Zürich im Museum Rietberg. Katalog: Hirmer Verlag, München, 1999, 395 S.
 
Weitere empfehlenswerte Bücher zu Korea:
- Als Einführung: Michael Breen: The Koreans. What They Want, Where Their Future Lies, Orion Business Books, London.
- Zur Geschichte: Bruce Cummings: Korea's Place in the Sun.
- Zu den Beziehungen zwischen den beiden Korea: Don Oberdorfer: The Two Koreas.
- Zur Wirtschaft: Mark Clifford: Troubled Tiger.

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