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Nr. 9, 15. November/14. Dezember 1999
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Laos - Geschichte und Kultur
Buch von Ann Helen & Walter Unger: Laos. Hirmer, 1999, 191 S.

Das Gebiet des heutigen Laos erwähnten chinesische Chronisten schon zu Beginn unserer Zeitrechnung unter dem Namen Fu Nan. Dieses Reich umfasste weite Teile von Burma (Myanmar), Kambodscha, Thailand und Laos. Als Gründer Fu Nans erwähnten diese Quellen den brahmanischen Priester Kaundinya, was auf den religiösen Einfluss Indiens hinweist. In der Mitte des 6. Jh. n. Chr. kam das Ende des Königreiches Fu Nan mit der Erhebung der bis dahin tributpflichtigen Khmer. Die ehemaligen Vasallen errichteten das Khmer-Reich Chen La, das sich über Kombodscha und Laos erstreckte. Bald zerfiel das Reich in zwei Teile. Die Herrscher konnten sich noch bis ins 8. Jh. an der Macht halten, ehe sie durch die Tai und ihr Zentrum Nan Chao verdrängt wurden. Die Khmer-Mon-Gruppen flüchteten vor den Tai in die Bergregionen. Diese gesellschaftliche Zweiteilung hält bis heute an. An Laos besitzen die hellheutigen Tai eine Vorrangstellung. Die meist dunkelhäutigen Khmer-Mon bezeichnen sie herablassend als kha, d.h. Sklaven. Das Tai-Reich Nan Chao bestand bis im 13 Jh., als es unter dem mongolischen Ansturm unter Kublai Khan zerbrach. Im Süden Indochinas, im heutigen Kambodscha, war inzwischen das Khmer-Reich mit dem Zentrum Angkor entstanden. In Thailand hatte sich das Königreich Sukhothai etabliert. Wenig später bildete sich in Laos der erste historische Königsstaat. Seine Gründung erfolgte im Jahr 1353 durch König Fa Ngum, der den Theravada-Buddhismus zur Staatsreligion erklärte. Diese tolerante Glaubenslehre erlaubte das nebeneinander und die Vermischung der Geister- und Ahnenverehrung mit dem Hinduismus.
 
Laos verdankt seine Entstehung dem Untreu gewordenen Fa Ngum, Sohn eines Tai-Fürsten in Luang Prabang, der am Hof der Angkor-Herrscher aufgezogen worden war. Fa Ngum wurde mit einem Herr von 10 000 Mann ausgeschickt, um aufsässige Stämme wieder Tributpflichtig zu machen. Doch da Angkor damals bereits erste Schwächen zeigte und gleichzeitig Sukhothai unter dem Druck des benachbarten Ayutthaya zu zerbröckeln begann, witterte Fa Ngum seine Chance und gründete sein eigenes Reich, Lane Xang, das Reich der "Millionen Elefanten". Grösser als Laos jemals danach, reichte Lane Xang von China im Norden bis an das Korat-Plateau im heutigen Thailand im Süden, von der Annamiten-Bergkette im Osten bis zum Salween-Strom im Westen. Unter Fa Ngums Sohn Samsenthai, der über 300 000 waffenfähige Männer registrieren liess und 43 Jahre lang herrschte, erlebte Laos eine seiner wenigen ruhigen Phasen. Mehr Diplomat als Krieger, heiratete Samsenthai zwei siamesische Prinzessinnen und pflegte gute Beziehungen zur chinesischen Ming-Dynastie. Mit seinem Tod setzten Kämpfe um den Thron, Intrigen und fremde Eingriffe der Nachbarstaaten Siam, Burma und Vietnam ein, die Laos bis heute - abgesehen von einer Ausnahme - nicht zur Ruhe kommen liessen. Mitte des 16. Jh. fühlte sich der laotische Herrscher König Settathiarat so bedrängt, dass er seine Hauptstadt nach Vieng Chan, das heutige Vientiane, verlegte. Dort liess er die Monumente errichten, die bis heute die historischen Schätze von Vientiane bilden: den That Luang oder auch den Palasttempel Wat Pra Keo, der heute als Museum die grösste Sammlung laotischer Buddha-Statuten beherbergt.
 
Die Zeit grösster kultureller Blüte erlebte Laos unter dem 61 Jahre lang regierenden König Souligna Vongsa, dessen Erbe in der Pagodenstadt Luang Prabang zu bewundern ist. Als sein Sohn die Frau eines Hofbeamten verführte, sah er sich dazu gezwungen, seinen einzigen Stammhalter enthaupten zu lassen. Nach dem Tod von König Souligna Vongsa im Jahr 1694 brachen Thronfeden zwischen Enkeln und Neffen aus. Laos zerbrach in vier Teile. Vientiane wurde in der Folge gar von den Siamesen dem Erdboden gleichgemacht, seine Bevölkerung deportiert, sein König gefangen genommen und in Bangkok in einem Käfig zur Schau gestellt. Wenig später wurde Laos zum Spielball der britischen und französischen Kolonialmächte, die auf der Suche nach Rohstoffquellen waren. Als den Franzosen 1866 klar wurde, dass der Mekong wegen unüberwindlicher Wasserfälle und zahlloser felsiger Untiefen als durchgehender Transportweg nicht nutzbar war, sank die Bedeutung von Laos. Doch als Pufferstaat war es für Briten und Franzosen weiterhin interessant. De französische Verwaltungsbeamte Auguste Pavie entschied schliesslich den Wettlauf um die Macht in Laos. Als chinesische Piraten Luang Prabang überfielen, rettete er den laotischen König Oun Kham, der sich daraufhin unter französischen Schutz stellte. Verträge zwischen England, Siam und Frankreich besiegelten zur Jahrhundertwende diese Situation.
 
Da Laos nicht wie Vietnam mit Erz- und Kohlevorkommen gesegnet war, wurden Land und Bevölkerung nicht wie die Vietnamesen ausgebeutet. Als Pufferstaat spielte Laos nur noch eine Nebenrolle. Deshalb wurde allerdings auch die Infrastruktur des Landes nicht ausgebaut und die bis heute andauernde Rückständigkeit des Landes geschaffen. Die französische Schutzherrschaft über Laos endete mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Einmarsch der Japaner. Nach dem Krieg entliessen die Briten ihr Protektorat Burma in die Unabhängigkeit. Die Franzosen jedoch wollten an Laos, Vietnam und Kambodscha festhalten: Selbstverwaltung ja, aber bei weiterbestehender Anbindung ans Mutterland. Der vietnamesische Widerstandskampf unter Ho Chi Minh fand sein Echo in Laos mit der Bewegung Lao Issara (Freies Laos). Eine chaotische Periode folgte. Nach der französischen Niederlage im vietnamesischen Dien Bien Phu entstand der kommunistische Pathet Lao (Nation Laos) einen Untergrundkrieg, in dem Laoten gegen Laoten kämpften. Die von Frankreich unterstütze königliche Armee kämpfte gegen den Pathet Lao. Auch die Genfer Konferenz von 1954 konnte dem kein Ende bereiten. Zu Beginn der 60er Jahre versuchten sich die USA zur Ordnungsmacht in der Region aufzuschwingen. Ab 1964 begannen die Amerikaner - in Verletzung ihrer Neutralitätsvereinbarung - einen systematischen Bombenkrieg gegen die Pathet Lao, der neun Jahre lang andauerte und bis 1969 geheim blieb, über sieben Milliarden Dollar kostete und rund 50 000 Zivilisten das Leben kostete. Trotzdem konnten sich die Kommunisten in Laos wie in Vietnam und Kambodscha durchsetzen. Ende 1975 wurde die kommunistische Volksdemokratische Republik gegründet, in der das Volk natürlich nichts zu sagen hatte und von einer Republik in westlichem Sinn keine Rede sein konnte. Eine Phase sozialistischer Experimente mit Planwirtschaft und Umerziehungslagern, so auch für den laotischen König und seine Frau, folgte. Erst in den letzten Jahren hat sich Laos langsam zu öffnen begonnen. Es ist heute eines der unterentwickeltsten Länder der Welt.
 
Die obigen Angaben haben wir dem Bildband von Ann Helen und Walter Unger entnommen. Die zwei haben bereits zwei Bücher zu Vietnam bzw. zu Hue für Hirmer verfasst. Zu Geschichte und Alltagskultur Laos' haben sie lesenwerte Passagen verfasst. Doch enttäuscht in ihrem Buch nicht nur das Fehlen einer weiterführenden Bibliographie. Natürlich hat die ehemalige vietnamesische Kaiserstadt mehr an kultureller Substanz zu bieten als Laos, doch kommt die Kunst bei ihnen in Wort und Bild zu kurz. Die erste Hauptstadt des von Denn Fa Ngum gegründeten Reiches Lane Xang war Luang Prabang. Die Stadt wurde 1995 in die UNESCO-Liste der erhaltenswerten Weltkulturstätten aufgenommen, da es die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts fast unversehrt überstand und seine Bausubstanz einzigartig in Südostasien ist, wie die Autoren notieren. Doch Bilder von der Architektur Luang Prabangs sucht der Leser vergebens. In Vientiane steht der Palasttempel Wat Pra Keo, der heute als Museum die grösste Sammlung laotischer Buddha-Statuen enthält. Die Autoren verschwenden lediglich einen Nebensatz auf diese Kunstsammlung und gehen auch im Bildteil nicht darauf ein. Der sozialistische Realismus ist in Laos noch heute in Form von billboards, gemalten Plakaten, für Touristen und Einheimische ein alltäglicher Anblick. In Ann Helen und Walter Ungers Band sind zwar mehrere dieser mit Propagandaparolen bemalten Werke abgebildet, über die Inhalte der Volksappelle informieren sie jedoch nicht. Ueber all diese Mängel können auch einige sehenswerte Bilder von dem Zerfall ausgesetzten historisch-kulturellen Monumenten, von poetischen Landschaften sowie vom Alltag der einfachen Menschen nicht hinwegtäuschen.


 
 
 

 
 
 

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