|
Japanische Malerei 1910 - 1970
Die andere Moderne - Ausstellung
und Katalog
Die japanische Malerei ist auch heute noch im Westen fast völlig
unbekannt. Als Höhepunkt der Veranstaltungsreihe "Japan in Deutschland"
präsentiert die Ausstellung Die andere Moderne - Japanische Malerei
von 1910 bis 1970 über 100 Werke von 26 Künstlern. Die bis
Ende Oktober in Chemnitz und nächstes Jahr in Frankfurt am Main gastierende
Ausstellung ist die bisher grösste Uebersichtsschau japanischer Malerei
im 20. Jahrhundert in Deutschland.
Das erste gegenstandslose oder abstrakte Bild in modernem Sinn wurde
in Japan bereits 1912/13 vom Maler Yorozu Tetsugorô (1885-1927) geschaffen.
Mu
dai (Ohne Titel), das heute dem Iwate-Präfekturmuseum in
Morioka gehört und in der Ausstellung zu sehen ist, zeigt eine bläulich-rötliche,
wie Irmtraud Schaarschmidt-Richter anmerkt, fast tachistisch gemalte, durch
rötliche Kurven konturierte Fläche. Es entstand fast zeitgleich
zu Kandinskys erster abstrakter Kunst, obwohl Yorozu sich erst ab 1915
mit diesem westlichen Maler beschäftigte. In jenen Jahren begannen
sich viele japanische Maler mit der europäischen Moderne
auseinanderzusetzen,
ohne dass sie zu reinen Imitatoren wurden und auf ihre individuelle Sichtweise
verzichteten.
Dass Saitô Yoshishige mit seinem Toro-Wood aus dem Jahr
1938 sich auf dem Umschlag des Bandes wiederfindet, ist kein Zufall, denn
er verkörpert eine japanische Moderne, die anders ist. Sofort als
Kunst des 20. Jahrhunderts identifizierbar und zugleich als spezifisch
an die japanische Aesthetik anknüpfend erkennbar, ist sein Bild ein
gelungenes Beispiel der Auseinandersetzung mit dem Westen, was nicht auf
alle in der Ausstellung Die andere Moderne
gezeigten japanischen
Künstler zutrifft. Doch viele Künstler verknüpfen mehr oder
weniger erfolgreich - wie die Wissenschaft, Politik und Wirtschaft Japans
ebenfalls - Elemente der westlichen Moderne mit ihrer eigenen Tradition
und Schaffen so eine Synthese, die einen eigenständigen Schritt nach
vorne bedeutet. Sakai Tadayasu bezweifelt in seinem Artikel, dass die japanischen
avantgardistischen Künstler, die dem Modernismus gegenüber unterschiedliche
Meinungen vertraten, letztlich die gleichen Empfindungen hegten wie die
Europäer. Natur, Tradition und das Schönheitsbewusstsein machten
aus der japanischen Moderne in gewissem Sinne eine Ausnahme.
Es gibt durchaus - entgegen westlichen Vorurteilen - japanische Künstler
wie Abe Nobuya (1913-1971), die sich mit dem Krieg und seinen Greueln auseinandersetzen.
Er malte 1949 abgemagerte Gestalten - wobei er in seinem Bild die traditionelle
japanische Flächenaufteilung beibehielt. Und Furuzawa Iwami stellte
sich in seiner seit 1960 über Jahre hinweg angefertigten Serie von
dreissig Radierungen völlig ungeschützt den Scheusslichkeiten
des Krieges.
Der Artikel der Herausgeberin zum japanischen Weg in die Moderne sowie
vier weitere Beiträge japanischer Spezialisten zu Japan als Ausnahme,
zum Aufkeimen der Abstraktion in der japanischen Kunst nach 1910, zum japanischen
Surrealismus in der zweiten Hälfte der dreissiger Jahre sowie zur
Kunst der 50er und 60er Jahre ergänzen den Bildteil des Kataloges,
der durch Kurzbiographien der 26 Künstler abgerundet wird.
Katalog: Irmtraud Schaarschmidt-Richter, Hg.: Die andere Moderne: Japanische
Malerei von 1910 bis 1970. Edition Stemmle, Zürich und New York, 1999,
208 S. Die Herausgeberin ist die Witwe des 1998 verstorbenen Uebersetzers
japanischer Literatur, Siegfried Schaarschmidt. Ausstellungen in den Kunstsammlungen Chemnitz und
Schirn Kunsthalle Frankfurt. - Weitere Bücher siehe rechte Seite.
|
|