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Arundhati Roy
Das Ende der Illusion
- The Cost of Living
Arundhati Roy: Das Ende der Illusion. Politische Einmischungen. Karl
Blessing Verlag, 1999, 157 S. Bestellen bei Amazon.de.
Arundhati Roy, die mit ihrem Erstlingsroman Der Gott der kleinen
Dinge 1997 gleich den renommierten Booker Prize gewann, setzt ihr Prestige
seit 1998 in politischen Fragen ein. Die indischen Atombombenversuche vom
Mai 1998 in der Wüste Thar sowie der Bau des umstrittenen Narmada-Staudamms
im Bundesstaat Gujarat haben ihren Widerspruch herausgefordert, der nun
in Buchform auch auf deutsch vorliegt (Das Ende der Illusion) und
den Sie mit einer weltweiten Tournee (u.a. am 15. November in Zürich)
unterstützt.
Den Essay Das Ende der Illusion gegen die indische Atompolitik
verfasste Arundhati Roy im Juli 1998. Er erschien als Titelgeschichte in
den Zeitschriften Frontline und Outlook ebenso wie ihr zweiter
Essay vom Juni 1999, ... dann ertrinken wir eben: Der Widerstand gegen
das Narmada-Stauprojekt. Die Autorin hat nicht nur einfach ein engagiertes
Buch geschrieben, sondern sich tief ins Thema gekniet und einen Haufen
Fakten zusammengetragen. Ihr Urteil über die indische Staudammpolitik
ist vernichtend. Gemäss Arundhati Roy besitzt Indien 3600 Staudämme.
3300 davon wurden nach der Unabhängigkeit errichtet. 1000 befinden
sich im Bau. Trotzdem leben 200 Millionen Inder ohne sauberes Trinkwasser
und 600 Millionen haben keinen Zugang zu den elementarsten sanitären
Einrichtungen. Der Staat hat keinen einzigen der 3600 Staudämme bezüglich
Erfüllung der in sie gesetzten Erwartungen überprüfen lassen.
Rhetorisch brillant verweist Arundhati Roy darauf, dass der indische Staat
genaue Zahlen über die Produktion von Speiseöl oder über
die Anzahl der Männer veröffentlicht, die sich in einem bestimmten
Jahr einer Vasektomie unterzogen haben. Doch niemand weiss, ob die Baukosten
für die Staudämme gerechtfertigt waren, da nicht einmal ihre
Höhe bekannt ist. "Wie kann der "Markt" Dingen wie Nahrung,
Kleidern, elektrischem Strom oder Trinkwasser einen Preis geben, ohne dabei
die wirklichen Herstellungskosten zu berücksichtigen?"
Die Staudammprojekte wurden gemäss Arundhati Roy bevorzugt in Regionen
mit einem hohen Bevölkerungsanteil von Adivasi (Urvölkern/Stammesangehörigen)
und Dalits (Unberührbaren) durchgeführt. Insgesamt liegt der
Prozentsatz dieser Gruppen an der Gesamtzahl der Umgesiedelten bei rund
60 Prozent, obwohl der Anteil an der indischen Gesamtbevölkerung bei
den Adivasi lediglich acht und bei den Dalits fünfzehn Prozent ausmacht.
Daraus schliesst die Autorin auf eine gezielte Politik der Vertreibung
von ethnischen Minderheiten und Armen. Die meisten Adivasi haben zudem
keine Besitzurkunden für ihr Land, weshalb sie dafür auch keine
Entschädigung beantragen können. Es handle sich um Flüchtlinge
eines verdeckten Krieges. <Und wir, ähnlich den Bürgern des
weissen Amerika, des französischen Kanada und Hitlerdeutschlands,
billigen diesen Krieg, indem wir wegsehen. Warum? Weil uns gesagt wird,
dass all dies dem Nutzen der Allgemeinheit dient." Fortschritt und nationales
Interesse hätten Vorrang.
Hart ins Gericht geht Arundhati Roy mit der Weltbank. Ihre Mitarbeiter
hätten dem Exekutivdirektorium zwischen 1947 und 1994 6000 Projekte
vorgeschlagen, von denen das Direktorium der Weltbank kein einziges abgelehnt
habe. Es sei um "Geld bewegen" und "ein bestimmtes Kreditvolumen erreichen"
gegangen, wodurch sich Indien heute in der Schuldenfalle wiederfindet.
Arundhati Roy beschuldigt die "internationale Dammbau-Industrie", die
jährlich weltweit 20 Milliarden Dollar umsetze, zusammen mit der Politik
und der Bürokratie, unsinnige Projekte aus Geldgier und gegen den
Willen der betroffenen Bevölkerung, wenn nötig mit Gewalt, durchzusetzen.
Die internationalen Umweltberater bezeichnet sie als "Gangster". Sie verweist
auf eine Reihe von Staudämmen und belegt ihre Beispiele mit Zahlen
und Fakten (so zu ökologischen Auswirkungen der Dämme oder zur
Belegung der Inkompetenz der Verantwortlichen), die wir leider nicht überprüfen
können. Im Fall des Sardar-Sarovar-Projektes in Indien setzte die
Weltbank, nach scharfer und anhaltender Kritik, erstmals eine unabhängige
Kommission ein, die zu einem so vernichtenden Urteil kam, dass sich die
Weltbank 1993 genötigt sah, sich aus dem Projekt zurückzuziehen.
Aus diesem Teilerfolg, die Inder wollen den Staudamm trotzdem - ohne den
Kredit der Weltbank - bauen, schöpft Arundhati Roy wohl ihre
Hoffnung auf Erfolg im Kampf gegen den Narmada-Staudamm.
Bezüglich der indischen Nuklearrüstung attackiert Arundhati
Roy die Theorie des Gleichgewichts des Schreckens, der erfolgreichen Abschreckung
und Kriegsverhinderung durch Atomwaffen. Der Dritte Weltkrieg könne
noch immer kommen. Sein Ausbleiben bis heute beweise gar nichts. Sie greift
die USA an, die "Herren des Universums", denen wir das Nukleargeschenk
zu verdanken hätten. Auch mit den indischen Nationalisten geht Arundhati
Roy hart ins Gericht. Sie feierten die Atombombe und "verurteilten"
zugleich die westliche Kultur, indem sie Kästen mit Cola und Pepsi
in den Gulli leerten. Ich verstehe diese Logik nicht ganz: Cola ist also
westliche Kultur, aber die Atombombe ist eine alte indische Tradition?"
Das Buch von Arundhati Roy bietet viel Bedenkenswertes, aber auch Bedenkliches,
bei dem sich uns unsere liberalen Haare zu Berge streuben. So schreibt
Arundhati Roy zu Beginn vom indischen Morast aus u.a. "falschem Sozialismus".
Ihrer Meinung nach muss es also einen guten und richtigen Sozialismus geben.
Oder handelt es sich hier nur um ein ungeschickt geschriebenes Detail?
Auch ihr Vergleich der indischen Staudamm-Politik mit der weitgehenden
Vernichtung der amerikanischen Indianer durch die Weissen sowie mit der
Politik Hitlerdeutschlands ist zumindest "unglücklich". Die Inder
wurden verjagt, nicht umgebracht. Insgesamt bietet Arundhati Roy eine Fülle
an Informationen, die manchen Leser - nicht nur von der indischen Regierung
und der Weltbank - zum Denken anregen wird bzw. bereits angeregt hat. Vielleicht
zu spät, um den Narmada-Staudamm zu stoppen, doch früh genug,
um eine substantielle Diskussion und die Überdenkung zukünftiger
Projekte in Gang zu bringen. Was das Atomprogramm anbetrifft, ist klar,
dass ein Land wie Indien, dass sich als regionale Grossmacht sieht, nicht
freiwillig auf sein Nukleararsenal verzichten wird.
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