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Nr. 9, 15. November/14. Dezember 1999
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Arundhati Roy
Das Ende der Illusion - The Cost of Living

Arundhati Roy: Das Ende der Illusion. Politische Einmischungen. Karl Blessing Verlag, 1999, 157 S. Bestellen bei Amazon.de.

Arundhati Roy, die mit ihrem Erstlingsroman Der Gott der kleinen Dinge 1997 gleich den renommierten Booker Prize gewann, setzt ihr Prestige seit 1998 in politischen Fragen ein. Die indischen Atombombenversuche vom Mai 1998 in der Wüste Thar sowie der Bau des umstrittenen Narmada-Staudamms im Bundesstaat Gujarat haben ihren Widerspruch herausgefordert, der nun in Buchform auch auf deutsch vorliegt (Das Ende der Illusion) und den Sie mit einer weltweiten Tournee (u.a. am 15. November in Zürich) unterstützt.
 
Den Essay Das Ende der Illusion gegen die indische Atompolitik verfasste Arundhati Roy im Juli 1998. Er erschien als Titelgeschichte in den Zeitschriften Frontline und Outlook ebenso wie ihr zweiter Essay vom Juni 1999, ... dann ertrinken wir eben: Der Widerstand gegen das Narmada-Stauprojekt. Die Autorin hat nicht nur einfach ein engagiertes Buch geschrieben, sondern sich tief ins Thema gekniet und einen Haufen Fakten zusammengetragen. Ihr Urteil über die indische Staudammpolitik ist vernichtend. Gemäss Arundhati Roy besitzt Indien 3600 Staudämme. 3300 davon wurden nach der Unabhängigkeit errichtet. 1000 befinden sich im Bau. Trotzdem leben 200 Millionen Inder ohne sauberes Trinkwasser und 600 Millionen haben keinen Zugang zu den elementarsten sanitären Einrichtungen. Der Staat hat keinen einzigen der 3600 Staudämme bezüglich Erfüllung der in sie gesetzten Erwartungen überprüfen lassen. Rhetorisch brillant verweist Arundhati Roy darauf, dass der indische Staat genaue Zahlen über die Produktion von Speiseöl oder über die Anzahl der Männer veröffentlicht, die sich in einem bestimmten Jahr einer Vasektomie unterzogen haben. Doch niemand weiss, ob die Baukosten für die Staudämme gerechtfertigt waren, da nicht einmal ihre Höhe bekannt ist. "Wie kann der "Markt" Dingen wie Nahrung, Kleidern, elektrischem Strom oder Trinkwasser einen Preis geben, ohne dabei die wirklichen Herstellungskosten zu berücksichtigen?"
 
Die Staudammprojekte wurden gemäss Arundhati Roy bevorzugt in Regionen mit einem hohen Bevölkerungsanteil von Adivasi (Urvölkern/Stammesangehörigen) und Dalits (Unberührbaren) durchgeführt. Insgesamt liegt der Prozentsatz dieser Gruppen an der Gesamtzahl der Umgesiedelten bei rund 60 Prozent, obwohl der Anteil an der indischen Gesamtbevölkerung bei den Adivasi lediglich acht und bei den Dalits fünfzehn Prozent ausmacht. Daraus schliesst die Autorin auf eine gezielte Politik der Vertreibung von ethnischen Minderheiten und Armen. Die meisten Adivasi haben zudem keine Besitzurkunden für ihr Land, weshalb sie dafür auch keine Entschädigung beantragen können. Es handle sich um Flüchtlinge eines verdeckten Krieges. <Und wir, ähnlich den Bürgern des weissen Amerika, des französischen Kanada und Hitlerdeutschlands, billigen diesen Krieg, indem wir wegsehen. Warum? Weil uns gesagt wird, dass all dies dem Nutzen der Allgemeinheit dient." Fortschritt und nationales Interesse hätten Vorrang.
 
Hart ins Gericht geht Arundhati Roy mit der Weltbank. Ihre Mitarbeiter hätten dem Exekutivdirektorium zwischen 1947 und 1994 6000 Projekte vorgeschlagen, von denen das Direktorium der Weltbank kein einziges abgelehnt habe. Es sei um "Geld bewegen" und "ein bestimmtes Kreditvolumen erreichen" gegangen, wodurch sich Indien heute in der Schuldenfalle wiederfindet. Arundhati Roy beschuldigt die "internationale Dammbau-Industrie", die jährlich weltweit 20 Milliarden Dollar umsetze, zusammen mit der Politik und der Bürokratie, unsinnige Projekte aus Geldgier und gegen den Willen der betroffenen Bevölkerung, wenn nötig mit Gewalt, durchzusetzen. Die internationalen Umweltberater bezeichnet sie als "Gangster". Sie verweist auf eine Reihe von Staudämmen und belegt ihre Beispiele mit Zahlen und Fakten (so zu ökologischen Auswirkungen der Dämme oder zur Belegung der Inkompetenz der Verantwortlichen), die wir leider nicht überprüfen können. Im Fall des Sardar-Sarovar-Projektes in Indien setzte die Weltbank, nach scharfer und anhaltender Kritik, erstmals eine unabhängige Kommission ein, die zu einem so vernichtenden Urteil kam, dass sich die Weltbank 1993 genötigt sah, sich aus dem Projekt zurückzuziehen. Aus diesem Teilerfolg, die Inder wollen den Staudamm trotzdem - ohne den Kredit der Weltbank -  bauen, schöpft Arundhati Roy wohl ihre Hoffnung auf Erfolg im Kampf gegen den Narmada-Staudamm.
 
Bezüglich der indischen Nuklearrüstung attackiert Arundhati Roy die Theorie des Gleichgewichts des Schreckens, der erfolgreichen Abschreckung und Kriegsverhinderung durch Atomwaffen. Der Dritte Weltkrieg könne noch immer kommen. Sein Ausbleiben bis heute beweise gar nichts. Sie greift die USA an, die "Herren des Universums", denen wir das Nukleargeschenk zu verdanken hätten. Auch mit den indischen Nationalisten geht Arundhati Roy hart ins Gericht. Sie feierten die Atombombe und "verurteilten" zugleich die westliche Kultur, indem sie Kästen mit Cola und Pepsi in den Gulli leerten. Ich verstehe diese Logik nicht ganz: Cola ist also westliche Kultur, aber die Atombombe ist eine alte indische Tradition?"
 
Das Buch von Arundhati Roy bietet viel Bedenkenswertes, aber auch Bedenkliches, bei dem sich uns unsere liberalen Haare zu Berge streuben. So schreibt Arundhati Roy zu Beginn vom indischen Morast aus u.a. "falschem Sozialismus". Ihrer Meinung nach muss es also einen guten und richtigen Sozialismus geben. Oder handelt es sich hier nur um ein ungeschickt geschriebenes Detail? Auch ihr Vergleich der indischen Staudamm-Politik mit der weitgehenden Vernichtung der amerikanischen Indianer durch die Weissen sowie mit der Politik Hitlerdeutschlands ist zumindest "unglücklich". Die Inder wurden verjagt, nicht umgebracht. Insgesamt bietet Arundhati Roy eine Fülle an Informationen, die manchen Leser - nicht nur von der indischen Regierung und der Weltbank - zum Denken anregen wird bzw. bereits angeregt hat. Vielleicht zu spät, um den Narmada-Staudamm zu stoppen, doch früh genug, um eine substantielle Diskussion und die Überdenkung zukünftiger Projekte in Gang zu bringen. Was das Atomprogramm anbetrifft, ist klar, dass ein Land wie Indien, dass sich als regionale Grossmacht sieht, nicht freiwillig auf sein Nukleararsenal verzichten wird.


 

 

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