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Shanghai
Hotels, Geschichte, Reiseführer. Basierend auf Oliver Fülling: Shanghai. Dumont Reise-Taschenbuch. 1999, 239 S.

Artikel vom 15. November/14. Dezember 1999

 
Nördlich von Shanghai ergiesst sich der Chang Jiang oder Yangzi Jiang (Yangtse) nach über 6300 km ins Ostchinesische Meer. Shanghai, die Stadt "über dem Meer" profitiert von dieser Nähe. Sie ist (neben dem neu in China eingegliederten "duftenden Hafen" Hong Kong) die führende Wirtschaftsmetropole Chinas. Von 1949 bis 1992 war Shanghai der wichtigste Steuerzahler der Volksrepublik China, doch erst ab 1992 durfte sie einen Grossteil ihrer Einnahmen in eigene Infrastrukturprojekte investieren, als sich die Stadt auf Geheiss von Deng Xiaoping der Aussenwelt öffnen durfte. Seither boomt die Stadt, die als ökonomische Lokomotive für ganz China fungieren soll. Doch Shanghai verfügt bis heute noch nicht über ein modernes Finanzsystem, die Rechtssicherheit ist nicht gegeben und die Bürogebäude der Wolkenkratzer im "Disney-Design" von Pudong stehen grösstenteils leer.
 
In Shanghai wird eine Untergruppe der Wu-Dialekte gesprochen, Hochchinesisch (Mandarin) aber von den meisten Menschen verstanden wird. Shanghai ist eine von vier regierungsunmittelbaren Städte Chinas und geniesst damit den Status einer Provinz. Ueber 14 Millionen Menschen leben offiziell in der Stadt, zu denen noch rund drei Millionen nicht registrierte Wanderarbeiter hinzuzufügen sind. Doch diese Entwicklung ist relativ neu. Um 7000 v.Chr. siedelten zwar in der Region bereits neolithische Kulturen. Doch erst im Jahr 1264 n.Chr. wurde das Dorf Shanghai im Kreis Huating mit drei weiteren Ortschaften zum Kreis Shanghai verschmolzen. 1553 erhielt Shanghai die Genehmigung zum Bau einer Stadtmauer, um sich vor den regelmässigen Piratenüberfällen besser schützen zu können. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickeln sich Grossbetriebe der Seiden-, Baumwoll- und Porzellherstellung. Um 1830 ist die Stadt mit 400 000 Einwohnern, einem extensiven Kanalsystem und idealen Hafen bereits das grösste kommerzielle Zentrum im unteren Yangzi-Gebiet. Doch erst mit der erzwungenen Abtretung Hong Kongs an Grossbritannien nach dem verlorenen Opiumkrieg im Jahr 1842 und der damit verbundenen Oeffnung der Stadt für den Aussenhandel beginnt der eigentliche Aufstieg der Stadt. Amerikaner und Franzosen gründen ebenfalls Konzessionen in der Stadt.
 
1854 wird der Shanghai Municipal Council (SMC), womit gemäss Oliver Fülling die Herrschaft einer "<Anarcho-Plutokratie> beginnt, die nur sich selbst Rechenschaft schuldig ist und sich aus den mächtigsten Bossen - vor allem Briten, aber auch Amerikaner - konstituiert." Die Franzosen zogen sich 1862 aus dem SMC zurück und verwalteten ihre Konzession fortan ausschliesslich über den französischen Generalkonsul währenddem Briten und Amerikaner ihre Konzessionen zum International Settlement verschmolzen. Die Chinesen ihrerseits gründeten 1860 für ihren Teil der Stadt eine rudimentäre Verwaltung, die aber erst ab 1985 Konturen annahm. Der SMC war entgegen seinem Namen keine durch irgendeine Regierung legitimierte oder anerkannte Verwaltung, sondern eine Art Staat im Saat, ohne rechtliche oder gar völkerrechtliche Basis. Trotzdem erliess der SMC Gesetze, erhob Steuern und trieb sie ein, beschäftigte eine Polizei und ein eigenes Gericht. "Grundlage aller Entscheidungen und Bestimmungen war einzig das grosse Geld. Gesichert war die ausländische Präsenz allein durch privatrechtliche Erbpacht von Land." Die Reichen ausländischen Geschäftsleute bestimmten über das Schicksal von Shanghai. Erst 1925 wurden drei chinesische Repräsentanten in den SMC aufgenommen. Sie konnten ihre Sitze allerdings erst ab 1928 einnehmen. Das Ende der SMC kam mit der Besetzung Shanghais durch die Japaner im Jahr 1937.
 
Shanghai ist eine Stadt, deren Name mit Opium (der Grünen und der Roten Bande) oder den wilden 20er Jahren verbunden wird. Daneben aber auch mit Namen schwerreicher Kompradoren, die den Handel zwischen den ausländischen (zumeist britischen) Gentlemen und den Chinesen abwickelten. Diese Ausländer hätten es als erniedrigend empfunden, sich direkt mit Chinesen - und schon gar nicht mit Banditen - abzugeben. Die Kompradoren waren zumeist Chinesen, aber auch persische und irakische Juden befanden sich darunter. Die bekanntesten jüdischen Familien, die unermesslich Reich wurden, waren die Sassoons, die Hardoons sowie die Kadoories, über die man witzelte, sie seien auf Kamelen gekommen und im Rolls-Royce wieder weggefahren. David Sassoon floh mit seiner Familie vor Judenverfolgungen in Bagdad nach Bombay, wo die Familie im Baumwoll- und Opiumhandel bereits Reichtümer anhäufte. Der zweite Sohn von David, Elias Sassoon reiste 1844 erstmals nach China und etablierte bald darauf in Shanghai die zwei Firmen Old Sassoon und New Sassoon. Ein anderer Jude aus Badgad, Silas Hardoon, der für die beiden erwähnten Firmen gearbeitet hatte, machte sich selbständig und gelangte zu ähnlichem Reichtum wie die Sassoons. Unter einem Enkel von Elias Sassoon, Ellice Victor, erlangte die Shanghaier Firma der Sassoons ihren Höhepunkt. Ellice Victor liess das Sassoon House 1930 errichten, das u.a. das damals beste Hotel der Stadt, das Cathay Hotel beherbergte, das heute als Peace Hotel noch immer weltberühmt ist. Als die Japaner und danach die Kommunisten in der Stadt die Macht übernahmen, flog Ellice Victor auf die Bahamas, wohin er in weiser Voraussicht bereits sein Vermögen geschafft hatte.
 
Oliver Fülling erzählt in seinem Reiseführer nicht nur die Geschichte der Stadt, beleuchtet einzelne Ereignisse wie das Massaker von Shanghai von 1927, sondern führt den Leser natürlich auch durch Kunst, Kultur und Küche. Er stellt die Sehenswürdigkeiten der Stadt wie den Bund vor, die weltberühmte Hafenpromenade mit ihren westlich geprägten Gebäuden, und gibt auch eine Fülle praktischer Hinweise. Hinzu kommt die Beschreibung von Ausflugszielen in der Nähe von Shanghai. Als Manko ist das Fehlen bibliographischer Hinweise im Reisetaschenbuch - gerade bei historischen Diskursen - zu erwähnen. Auch erstaunt, dass Oliver Fülling zum Shanghai Museum lediglich einfällt, dass es "eine der besten Sammlungen chinesischer Kunst, Bronzen und Jade beherbergt." Etwas dürftig. Das Büchlein eignet sich als einführende Reiselektüre und passt in jede Tasche.









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