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Nr. 63, September 2004
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M - Eine Stadt sucht einen Mörder 
Der Film von Fritz Lang mit Peter Lorre, Gustav Gründgens, Otto Wernicke, Theo Lingen
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Artikel vom 13. September 2004
 
Der erste Tonfilm von Fritz Lang, M - Eine Stadt sucht einen Mörder, entstand 1930/31. Der 3208 m lange Film hatte am 11. Mai 1931 im Berliner Ufa-Palast am Zoo Premiere. Im März 1960 kam er in einer auf 2693 m gekürzten Fassung unter dem Titel M, Dein Mörder sieht Dich an erneut in die Kinos.

Die hier auf DVD vorliegende Fassung beruht auf dem Originalnegativ der Version von 1960, die im Bundesarchiv-Filmarchiv gelagert ist. Die fehlenden Szenen wurden so weit wie möglich aus zeitgenössischen Kopien ergänzt, sodass der Film nun 3024 m umfasst. Die restaurierte Fassung wurde erstmals anlässlich der Berlinale 2001 öffentlich gezeigt. Für die erstmalige Veröffentlichung auf DVD wurde die Film- und Tonqualität nochmals (digital) verbessert.

Der expressionistische Filmemacher Fritz Lang kontrollierte seine Filme bis ins letzte Detail. Jede Geste, jeder Tonfall, jede Kameraeinstellung, alles war in einem detaillierten Skript im voraus festgelegt. Er liess seine Schauspieler nicht improvisieren, in M - Eine Stadt sucht einen Mörder war kein Platz für den Zufall.

Gedreht wurde der Film im Berliner Atelier Staaken, einem ausrangierten Zeppelinhangar von 10'000 Quadratmetern und einer Höhe von 42 Metern, der für das neue Medium Tonfilm extra hergerichtet wurde.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder verdankt seinen Status als Klassiker der Filmgeschichte nicht nur dem Regisseur Fritz Lang, sondern auch den vielen herausragenden Darstellern, nicht zuletzt Peter Lorre, dem ersten Kindermörder der Tonfilmgeschichte.
Wie damals üblich wurden mehrere Sprachversionen des Films gedreht. Peter Lorre spielte die Rolle in der deutschen und englischen Version.

Nach rund fünf Minuten erscheint sein Schatten an einer Litfasssäule. Daran prangt ein behördliches Plakat das um Mithilfe bei der Jagd auf den Kindermörder bittet, der in acht Monaten bereits sieben Kinder auf dem Gewissen hat. Ein Kopfgeld von 10'000 Mark ist auf ihn ausgesetzt. Bedrohlich beugt sich nun der Schatten zu einem ebenfalls ausserhalb des Bildes stehenden Mädchen herunter mit den Worten: "Du hast aber einen schönen Ball." Eine der berühmtesten und eindringlichsten Einführungen eines Protagonisten in der Geschichte des Films.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder ist ein Sittenbild der späten Weimarer Republik und gleichzeitig zeitlos. Die Suche nach dem Triebtäter mobilisiert alle Gesellschaftsschichten: Politik und Polizei, die einfache Bevölkerung, den Mob, sogar die organisierte Kriminalität, für die die vielen Razzien so geschäftsschädigend sind, dass sie erfolgreich die Bettler zur Ergreifung des Kindermörders einspannen. Nachträglich wie ein Fanal für die Judenverfolgung in der Nazizeit wirkt das "M" für Mörder, das dem gejagten Kindsmörder im Film mit Kreide auf den Rücken gemalt wird.

Gustav Gründgens stellt den Anführer der Ganoven dar. Im wirklichen Leben sollte Gründgens in der bald anbrechenden Nazizeit Karriere machen und dabei die Protektion von Hermann Göring geniessen; im Film fordert er - in einem uns Nachgeborene an die SS-Schergen erinnernden Mantel - den Tod des Mörders Beckert. Dieser, dargestellt von Peter Lorre, verteidigt sich in einem verzweifelten Plädoyer mit den Worten, dass er nicht anders kann. Im wirklichen Leben emigrierte der Jude Lorre in die USA.

Die Nazi-Propaganda wiederum setzte Fritz Langs Filmbilder des Kindermörders Beckert im "Kampf gegen das Judentum" ein. Bereits 1932 deutete das Hetzblatt Der Angriff den Film in nationalsozialistischen Sinn. Die antisemitischen Propagandafilme Juden ohne Maske (1938) und Der ewige Jude (1940) benutzten Sequenzen von M - Eine Stadt sucht einen Mörder, um Peter Lorre als Juden und damit als Kindermörder zu denunzieren.

Der Karriere von Peter Lorre gab die grandiose, geniale Darstellung des wahngetriebenen Mörders den entscheidenden Schub. Doch das so geprägte Image klebte an ihm. In der Folge wurde er oft auf die Rolle des getriebenen, kriminellen Aussenseiters, der psychisch kranken Randexistenz und des marginalen, wurzellosen Emigranten festgelegt.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder, die Geschichte um einen psychisch kranken Triebtäter, entstand nicht im luftleeren Raum. Der Fall des kurz zuvor gefassten Massenmörders Peter Kürten bewegte die Gemüter, als der Film gedreht wurde. Fritz Lang ging es daher nicht um das nahe Ende der Weimarer Republik und die aufkommenden Nazis, sondern vielmehr um Recht und Moral, Sensationsgier, Massenhysterie, Schuld und Sühne sowie die condition humaine.

Beeindruckend an M - Eine Stadt sucht einen Mörder sind die heute noch modern wirkende und nach wie vor aktuelle Geschichte. Die Besetzung ist bis in die kleinsten Nebenrollen brillant, ein überzeugender Berliner Mikrokosmos. Bildführung, Regie und Dramaturgie ziehen den Zuschauer bis zum letzten Augenblick in den Bann. Ein Meisterwerk eben.
 

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Peter Lorre. Ein Fremder im Paradies. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2004, 270 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz. Das Buchcover schmückt ein Szenenbild aus M - Eine Stadt sucht einen Mörder.
 
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