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Nr. 63, September 2004
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Peter Lorre Biografie Teil 2
Diese Biographie beruht auf
Peter Lorre. Ein Fremder im Paradies. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2004, 270 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz
Artikel vom 13. September 2004
 
Nach dem Erfolg von M - Eine Stadt sucht einen Mörder 1931 war Peter Lorre abwechselnd für Film, Bühne und Rundfunk tätig, so an den Reinhardt-Bühnen (Deutsches Theater und Kammerspiele), 1933 auch in Victor Barnowkys Komödienhaus und im Kabarett der Komiker. In der Berliner Funkstunde ist er mit berühmten Kollegen wie Josef Schmidt, Oskar Karlweis, Helene Weigel, Fritz Kortner und Cäcilie Lvovsky, seiner späteren ersten Frau, zu hören.

Rund ein halbes Dutzend Filme später reiste Lorre am 25. Februar 1933 nach Wien, der ersten Station seines Exils, wo er allerdings nicht mehr gefragt war. Er wirkte noch im Kontingentfilm Unsichtbare Gegner sowie als Judas in den Passionsspielen im Zirkus Renz mit. 

Als ihm die Ufa per Telegramm mitteilte, das Kaspar-Hauser-Projekt sei unterschriftsreif, kabelte der "Lieblingsschauspieler des Führers" und Film-Kindermörder zurück: "Für zwei Mörder wie Hitler und mich ist in Deutschland kein Platz."

Peter Lorre reiste nach Znaim ab, noch bevor er weitere Projekte wie Ein Kaspar Hauser von heute und Der Kaufmann von Hamburg realisieren konnte. Im Spätsommer kam er zusammen mit Cäcilie Lvovsky in Paris an. Sie wohnten im Hotel Ansonia, das deutsche Emigranten wie Billy Wilder und Friedrich Holländer beherbergte.

In Paris bestritt Lorre seinen Lebensunterhalt mit Synchronisieren und drehte vier Tage mit Georg Wilhelm Pabst Du haut en bas. Daneben gab es keine Arbeit für ihn.

Erst am 15. Mai 1934 schloss Columbia in Hollywood einen Vertrag mit ihm ab. Davor drehte er noch mit Alfred Hitchcock The Man Who Knew Too Much (1934) in London, wo Lorre und Lvovsky am 22. Juni in Westminster heirateten. Vier Wochen später reiste das Paar mit der Majestic in die USA.

Die Columbia empfing Peter Lorre als Star, wusste aber nichts Rechtes mit ihm anzufangen. Als man ihn in einen B-Movie stecken wollte, beharrte Lorre auf Harry Cohns Versprechen, ihn in einem wichtigen Film einzusetzen. Viele Projekte wurden nie realisiert, so ein Drehbuch von Pabst sowie eine Version von Der brave Soldat Schwejk, mit Lorre in der Hauptrolle und Charles Chaplin als Regisseur.

Zu Beginn teilte Lorre übrigens mit Billy Wilder ein winziges Zimmer im Chateau Marmont in Hollywood, ehe die Lorres in ein komfortables Domizil am 722 Linden Drive zogen.

Erst am 12. Juli 1935, ein Jahr nach seiner Ankunft in den USA, war Peter Lorre erstmals in einem amerikanischen Film zu sehen: Er spielte den glatzköpfigen Dr. Gogol im von MGM produzierten Streifen Mad Love. Erst danach drehte er unter der Regie von Josef von Sternberg seinen ersten und letzten Columbia-Film für die nächsten fünf Jahre, Crime and Punishment.

1936 drehte Lorre erneut mit Hitchcock in London, diesmal Secret Agent. Danach reiste er mit Cäcilie in der Karwoche zur Österreich-Premiere des Sternberg-Films nach Wien, wo er seinen alten Freunden Karl Kraus und Theodor Csokor einen letzten Besuch abstattete.

Columbia und Lorre trennten sich einvernehmlich. Danach bot Darryl F. Zanuck, der Chef der Twentieth Century Fox, dem Schauspieler ein befristeten, mit $750 pro Woche gut dotierten Vertrag an. Lorre akzeptierte und übernahm eine Rolle in Crack Up, die ihm wieder einmal erlaubte, sein komisches Talent einzubringen.

Nachdem sich einige Projekte zerschlagen haben, so eine Verfilmung von Maxim Gorkis Nachtasyl sowie Lorres Bühnendebüt in Ferdinand Bruckners Napoleon. Den Part des Captain Delmar in Love Under Fire musste er krankheitsbedingt an John Carradine abgeben.

Doch 1937 schlug erneut Peter Lorres Stunde, als am 27. Juli Think Fast, Mr. Moto in die US-Kinos kam. Die Rolle des japanischen Meisterdetektivs verhalf ihm zu grosser Popularität. Bis 1939 drehte er insgesamt acht Filme der Mr. Moto-Serie.

Für die folgenden vier Jahre verzichtete er auf einen fixen Studiovertrag und arbeitete freiberuflich für Columbia, MGM, Republic und RKO. Mit Geld konnte er allerdings nicht gut umgehen und geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Bereits im Oktober 1939 musste er ein Darlehen von $2150.30 bei der William Morris Agency Inc. aufnehmen, damit er für sich und seine engsten Familienangehörigen lebenswichtige Güter kaufen konnte. Im Gegenzug trat er der Gesellschaft alle Gelder und sonstigen Einkünfte aus seinem Vertrag mit der Muttergesellschaft von MGM, Loew's Incorporated, ab.

Nach fünf Filmen 1940 spielte Lorre 1941 den ungarischen Emigranten Janos Szabo in The Face Behind The Mask, die Rolle die seiner eigenen Biografie am nächsten kam. Im selben Jahr wurde er Bürger der Vereinigten Staaten und drehte erstmals für Warner Bros.

The Maltese Falcon war einer von vier Filmen, bei denen Peter Lorre 1941 mitspielte. Der Regisseur John Huston bemerkte dazu, dass die Schauspieler normalerweise am Ende des Tages jeder für sich alleine nach Hause gingen, jedoch nicht so bei diesem Streifen. Humphrey Bogart, Ward Bond, Mary Astor, Peter Lorre und John Huston sassen nach Drehschluss im Lakeside Country Club bis Mitternacht bei Drinks und Abendessen zusammen.

Das in 34 Tagen gedrehte Regiedebüt von John Huston legte den Grundstein für Peter Lorres erfolgreiche Karriere bei Warner Bros. Zumeist war Lorre als Gegenspieler des in jeder Hinsicht gewichtigen Sydney Greenstreet zu sehen. Zu diesen Filmen gehörten Background to Danger, Passage to Marseille, The Mask of Dimitrios, The Conspirators, Three Strangers, The Verdict sowie 1943 Casablanca

1943 unterzeichnete Lorre mit Warner Bros. einen Einjahresvertrag, der ihm mindestens zwei Filme pro Jahr sowie ein Anfangseinkommen von $1750 pro Woche garantierte.

Mit seinen Versuchen, auf der New Yorker Bühne zu reüssieren, hat Peter Lorre jedoch weiterhin keinen Erfolg. Mehrere Broadway-Projekte zerschlagen sich. Ein Auftritt am Dramatic Workshop, ein umjubelter Brecht-Abend im Studio Theater an der New School of Social Research sowie ein Autritt im Rahmen der antifaschistischen Massenveranstaltung We Fight Back sind die magere Ausbeute. Alle Projekte mit Bertolt Brecht, der seit Sommer 1941 als Exilant in Kalifornien lebt, zerschlagen sich.

1944 wurde Peter Lorre Mitglied des Council for a Democratic Germany, dem so illustre Namen wie Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann angehörten. Im September jenen Jahres kam mit dreijähriger Verspätung einer von Peter Lorres grössten Erfolgen im komischen Fach ins Kino: Arsenic and Old Lace. Im 1941 gedrehten Streifen mit Cary Grant brillierte Lorre in einer Nebenrolle.

Am 13. März 1945 liessen sich Cäcilie (Cecilie) und Peter Lorre scheiden. Am 25. Mai heiratete er die Berlinerin Kaaren Verne (1918-1967), geborene Ingeborg Klinkerfuss, die er 1942 bei den Dreharbeiten zu All Through the Night kennengelernt hatte. Sie kauften sich eine Ranch in Brentwood. Nun führte er ein relativ ruhiges Leben und kümmerte sich um seine Pferde.

Peter Lorre gehörte damals zu den meistbeschäftigten Schauspielern Hollywoods. Im Oktober 1945 organisierte er zusammen mit Paul Henreid, Hedy Lamarr und Fritz Kortner die Veranstaltung "Help for anti-Nazi theatre people in Austria" (Actor's Lab). 1946 drehte er Black Angel, The Chase, The Verdict und The Beast With Five Angers. Noch im selben Jahr machte er sich selbständig und gründete Lorre Incorporated, eine Partnerfirma der Mickey Rooney Inc. Doch kein Projekt kommt zustande. Auch ein Film mit Warner Bros. wird nicht gedreht.

Im März 1947 trat Lorre in Veranstaltungen des Kabaretts der Komiker von New York auf und nahm an einer Karl-Kraus-Feier teil, bei der er Gedichte und Epigramme sprach. Im selben Monat wurde er wegen Drogenbesitz festgenommen; seit Jahresanfang war er wegen seiner Sucht in ärztlicher Behandlung. My Favorite Brunette war sein einziger Film 1947; in den Folgejahren sollten es auch nicht mehr sein.

Peter Lorre wandte sich deshalb verstärkt dem Radio und hatte mit Hörspielen in der Reihe Mystery in the Air von NBC Erfolge, so mit der Hörspielfassung von Edgar Allan Poes The Tell-Tale Heart.

Im Oktober 1947 begann der Kongressausschusses für unamerikanische Umtriebe Schriftsteller, Regisseure und Schauspieler unter die Lupe zu nehmen, um der "kommunistischen Infiltration" der Filmindustrie entgegen zu treten. Zusammen mit anderen Künstlern antwortete Peter Lorre darauf mit der Radiosendung Hollywood Fights Back.

Am 21. Mai 1949 musste Peter Lorre Bankrott erklären. Im Juli verliess er mit Kaaren die USA. Für kleine Gagen, aber vor vollem Haus trat er sechs Monate lang mit Poes Einakter durch die britischen Provinztheater. Danach drehte er bei Gaumont British den Film Double Confession und trat in der BBC mit The Tell-Tale Heart auf.

Im Oktober 1949 ging Peter Lorre in Wiggers Kurheim - ob wegen Gelbsucht, einer Operation oder zwecks Entzug ist nicht geklärt. Damals begannen seine Pläne für seine erste und einzige Regiearbeit: Der Verlorene, 1951 an der Biennale ausser Konkurrenz gezeigt. Daneben führte er in München Engagementverhandlungen, macht eine Lesereise durch die Amerikahäuser und lehnte Brechts Angebot ab, den Hamlet im Berliner Ensemble zu spielen.

1952 unterschrieb Lorre einen Vertrag für zwei Spielzeiten mit dem Plymouth Theatre am Broadway, gleichzeitig schloss er einen Zweijahresvertrag mit RKO ab. Da wie dort sollte er den Maler Toulouse-Lautrec in Moulin Rouge verkörpern, doch die Rolle übernahm schliesslich José Ferrer. Andere Projekte zerschlagen sich ebenfalls. Einzig A Night at Madam Tussaud's wird realisiert, mit Peter Lorre als Theaterregisseur und Modellierer sowie Miriam Hopkins als Hauptdarstellerin.

Am 20. Juni 1953 liess sich Peter Lore in Las Vegas von Kaaren Verne scheiden, die Jahre später an Brechts Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann schrieb, welche grosse Hilfe sie ihr "während dieser grauenhaften N.Y.-Mandeville-Zeiten" gewesen sei, ohne die sie "heute wahrscheinlich nicht mehr am Leben wäre."

Bereits am 23. Juli 1953 heiratete Peter Lorre die Hamburgerin Anne Marie Brenning (1922-1972), die in erster Ehe mit dem Chef des früheren Kabaretts Bonbonnière, Stoldt, verheiratet gewesen war. Noch im selben Jahr wurde ihre gemeinsame Tochter Catharine geboren. Im Herbst jenen Jahres ging Lorre als Gastgeber und Erzähler seiner eigenen Hörspielreihe Nightmare auf Sendung.

Am 12. März 1954 lief Peter Lorres letzter gemeinsamer Film mit Humphrey Bogart und John Huston an: Beat The Devil. Darin spielte er mit Selbstironie einen menschenfreundlichen Gangster. Der Wunsch, seine Regiearbeit Der Verlorene in den USA rauszubringen zerschlug sich ebenso wie Pläne, mit Roberto Rosselini und Ingrid Bergmann in Italien zu drehen; erst lange nach Lorres Tod, 1983, wurde Der Verlorene als The Lost One deutsch mit englischen Untertiteln beim San Francisco Film Festival gezeigt.

Aus Deutschland kamen keine Angebote. Stattdessen holte ihn Disney für 20,000 Leagues Under the Sea. Danach schien seine Filmkarriere am Ende. Ende der 1950er Jahre arbeitete Lorre vor allem für das Fernsehen und versuchte erneut vergeblich, am Broadway Fuss zu fassen.

Am 10. Mai 1959 erlitt er bei den Dreharbeiten zu Scent of Mystery in Spanien eine Herzattacke. Der als Sonnenstich verharmloste fast tödliche Zwischenfall war das Resultat von Krankheiten seit seiner Jugend (Skorbut, zeitweiliger Stimmverlust, Gelbsucht, etc.) sowie Konsum von Narkotika und Alkohol.

Im März 1961 wurden Peter und Anne Marie Lorre wegen $4494 Einkommenssteuerschuld gepfändet. Im Jahr darauf war der Schauspieler gezwungen, für den Billigfilmer Roger Corman in den drei Horrorkomödien Tales of Terror, The Raven und The Comedy of Terrors vor der Kamera zu stehen. Seine Partner waren Boris Karloff, Vincent Price und Basil Rathbone. Heute sind es Kultfilme. Daneben hatte Lorre noch einen kleinen Auftritt in Five Weeks in a Balloon.

Im Oktober 1962 trennte sich Lorre von seiner Frau. Seine neunjährige Tochter Cathy sah er regelmässig. Im Sommer 1963 strengte Lorre einen Prozess gegen Eugene Weinand an, der sich den Künstlernamen Peter Lorre Jr. zugelegt hatte, und siegte vor Gericht. In jenem Jahr stand er in The Patsy unter der Regie von Jerry Lewis zum letzten Mal vor der Kamera. Am 23. März 1964, vier Tage nach Drehschluss, fand in seine Haushälterin im Schlafanzug auf dem Fussboden neben dem Bett; laut den Ärzten erlag er vermutlich einem Schlaganfall. Er wurde auf dem Hollywood Memorial Cemetery beigesetzt.

Teil 1 der Biografie von Peter Lorre.
 

Peter Lorre. Ein Fremder im Paradies. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2004, 270 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz. Das Buchcover schmückt ein Szenenbild aus M - Eine Stadt sucht einen Mörder. Das Buch ist die Quelle für die nebenstehende Biografie. Neben alten und neuen Artikeln zu seinem Leben sowie einer konzisen Biografie beinhaltet der Band eine detaillierte Liste von Lorres Auftritten auf der Bühne, im Film, im Fernsehen sowie seine Arbeiten für das Radio. Das Buch ist allen Fans von Peter Lorre ans Herz zu legen.


Fritz Lang: M- Eine Stadt sucht einen Mörder. DVD bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.


Arsenic and Old Lace, 1944. Regie: Frank Capra. 1941 gedreht. Mit Cary Grant, den zwei älteren Damen Josephine Hull und Jean Adair sowie Peter Lorre. DVD bestellen bei Amazon.com, Amazon.co.uk oder Amazon.de.


Die Spur des Falken, 1941. Regie: John Huston. Mit Humphrey Bogart, Sydney Greenstreet und Peter Lorre. DVD bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.
 

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