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Nr. 71, Mai 2005
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Muxmäuschenstill
Filmkritik und DVD

Artikel vom 13. Mai 2005
 
Am 8. Juli 2004 war der Film Muxmäuschenstill in die deutschen Kinos gekommen, wo der Schreibende die Berliner Vorpremiere besucht hat. Seit einiger Zeit liegt er nun auch auf DVD vor.

Die sehenswerte rabenschwarze Komödie mit politisch-moralischem Unterton wurde mit einem Mini-Budget von lediglich 40'000 Euros gedreht - was insbesondere bei der Bildqualität zu spüren ist, sich aber gleichzeitig als "authentisch" begründen lässt, denn schliesslich sieht der Kinozuschauer u.a. "Video-Dokumentaraufzeichnungen".

Muxmäuschenstill erinnert entfernt an den belgischen Lowbudgetfilm C'est arrivé près de chez vous (Belgien, 1992). Bei der ebenfalls in schwarzweiss gedrehten bitterbösen Komödie geht es in einem angeblichen Dokumentarfilm um einen Berufskiller, der sich von einem jungen Reporter mit einer Kamera begleiten lässt und dabei sehr direkte Einblicke in sein Metier gewährt.

Muxmäuschenstill entstand unter der Regie von Marcus Mittermeier (*1969), nach dem Drehbuch-Debüt von Jan Henrik Stahlberg (*1970), der gleich auch noch den Protagonisten Mux darstellt. Produziert wurde er von Martin Lehwald - Filmförderung und Fernsehanstalten waren für den kontroversen Stoff nicht zu begeistern. Gedreht wurde der Streifen an 25 Tagen im August 2002 sowie an einem Tag in Rom. Er schreckt übrigens nicht vor Off-Monologen und Überblendungen zurück.

Der Film wurde für den Deutschen Filmpreis 2004 in der Kategorie "Bester Film" nominiert, war aber der Jury wohl zu schräg - humorlose politisch korrekte Gesellen? Zudem wurde Fritz Roth ("Gerd") als "Bester Nebendarsteller" nominiert. Immerhin gewonnen hat Muxmäuschenstill den Filmpreis in Gold für den "Besten Schnitt" von Sarah Clara Weber, eine junge Berliner Schnitt-Studentin, die ein Jahr lang am Streifen arbeitete. Beim Max-Ophüls-Filmfestival 2004 schliesslich war das Spielfilmdebüt des Schauspielers und Theaterregisseurs Marcus Mittermeier mit vier Auszeichnungen der grosse Abräumer: Max-Ophüls-Preis, Drehbuchpreis, Publikumspreis und Preis der Schülerjury.

Zum Inhalt von Muxmäuschenstill: Der Weltverbesserer Max (Jan Henrik Stahlberg) will seine Mitmenschen auf den Pfad der Tugend, der verlorenen Ideale und der Selbstverantwortung zurückführen. Dabei geht er ziemlich unzimperlich gegen Falschparker, Schwarzfahrer, Ladendiebe, Graffiti-Sprayer und Schwimmbad-Pinkler vor. Da wird einem Raser schon einmal nicht nur eine "Geschwindigkeits-Übertretungspauschale" aufgebrummt, sondern auch noch gleich als "pädagogische Massnahme" das Lenkrad abgeschraubt und in Mux' Kofferraum verstaut, in dem sich bereits weitere Lenkräder stapeln.

Den Kopf eines uneinsichtigen Hundebesitzers drückt Mux schon mal zur Abschreckung mitten auf der Strasse in den Kothaufen seines Lieblings. Bei solchen Methoden verwundert es nicht, dass die Rückfallquote der Bestraften unter zehn Prozent liegen soll. Allerdings hat es Mux nur auf die Kleinen und Schwachen abgesehen.

Als Assistenten bei seinem blühenden Geschäft in Berlin heuert Mux den Langzeitarbeitslosen Gerd an, einen klassischen Mitläufer, der die Heldentaten seines Chefs auf Video dokumentiert, ohne sie zu hinterfragen. Die so entstandenen Sequenzen werden mit entsprechenden Kommentaren versehen und von Mux als Schulungsvideo eingesetzt; sie bilden natürlich auch eine zweite Filmebene, den pseudo-authentischen "Dokumentarteil" von Muxmäuschenstill

Gleichzeitig zu den Videos arbeitet Mux an einem Manifest. Doch seine Gesellschaftsutopie kommt über immer wieder geänderte Entwürfe nicht hinaus, denn die vielen Straftäter nehmen seine Zeit zu sehr in Anspruch.

Das überzeugende an Muxmäuschenstill ist, dass hier bei allem rabenschwarzen Humor dennoch nicht nur schwarz-weiss gemalt wird. Mux hat durchaus einige gute Argumente auf seiner Seite, auch wenn seine Methoden höchst zweifelhaft sind. Der Film ist eine Gratwanderung, die dem Zuseher schon mal das Lachen im Hals stecken lässt.

Mux ist kein Neonazi, sondern ein Idealist Anfang 30 mit faschistoiden Anwandlungen, der das in einer moralischen Krise steckende Deutschland mit seinem Kampf gegen Bagatelldelikte (echte und angebliche - Raser töten schliesslich hin und wieder, auch stoppt er einen Vergewaltiger) aufrütteln will. Eine ältere Dame dankt ihm für die Bekehrung. Nun drangsaliert sie nicht mehr ihre türkischen Nachbarn, sondern setzt sich für ein freies Kurdistan ein.

Der Kreuzzug des selbsternannten Westentaschen-Sheriffs gegen (vor allem kleines und kleinstes) Unrecht und Gleichgültigkeit endet, wie er enden muss: Der schmale Grat zwischen Zivilcourage, Rechthaberei und Selbstjustiz führt zum Gesetzesbruch. Einem Graffiti-Sprayer sprüht er Farbe ins Gesicht. Dieser torkelt halbblind über die Geleise und wird von einer S-Bahn überfahren.

Das Privatleben von Mux entwickelt sich auch nicht so, wie er hofft. Die Kellnerin Kira verkennt er als reine und gute Unschuld. Doch der Weltverbesserer versteht die Wünsche seines "Gretchens" nicht, weshalb die Beziehung nur konsequent und abrupt endet.

Das Unternehmen von Mux floriert, expandiert und nennt sich "Gesellschaft für Gemeinsinnpflege". Der Gründer ist auf Grund seiner Taten gar auf allen Fernsehkanälen präsent, doch muss er auf Grund seiner Rechtsbrüche das Land verlassen. Zusammen mit Gerd möchte er nicht einfach in Italien abtauchen, sondern das Land auch gleich mit einer Zweigstelle bekehren. Doch dieses Unterfangen ist von "kulturellen Missverständnissen" geprägt und endet jäh...

Jan Henrik Stahlberg beschäftigte nach dem Fall der Mauer schon lange die wachsende Ellbogenmentalität, die verloren gegangenen Werte wie Solidarität und Verantwortung. Doch einen moralischen Film mit erhobenem Zeigefinger wollte er nicht machen. Stattdessen wählte er mit Mux eine durchgeknallte Figur, die weder zu sympathisch, noch zu widerlich ist und bei aller Komik an der deutschen Realität nicht ganz vorbeigeht und deshalb zum Nachdenken anregt.

Die Idee zum Drehbuch kam Stahlberg im Jahr 2000 in der Berliner S-Bahn, als er einen Langzeitarbeitslosen beobachtete, wie er bei jeder Haltestelle nach dem Kontrolleur Ausschau hielt. "Was wäre, wenn man von dem Typen jetzt einfach mal den Fahrschein verlagen würde? Natürlich hätte so ein Verhalten etwas Faschistoides - aber es wäre eine Situation mit einer starken Dramaturgie." Das war die Geburtsstunde des politisch-inkorrekten Mux.


Muxmäuschenstill
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