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Nr. 59, Mai 2004
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Peter Ustinov
16. April 1921 - 28. März 2004

Artikel vom 3. Mai 2004
 
Am 28. März 2004 verstarb einer der nicht nur im deutschsprachigen Raum populärsten Schauspieler: Sir Peter Ustinov. Jede Biografie dieses humorvollen und vielseitig begabten Verstorbenen sollte mit einer Anekdote beginnen. Über seinen Weg in die Welt meinte er, er sei "in St. Petersburg gezeugt, in London geboren und in Schwäbisch Gmünd getauft" worden. Nach dem Spruch gefragt, der dereinst auf seinem Grabstein stehen sollte, antwortete er: "Betreten des Rasens verboten" (Keep off the grass).

Der polyglotte Kosmopolit Peter Alexander Ustinov wurde am 16. April 1921 in Cottage Village, London, geboren. Er war Brite von Geburt, doch seine Vorfahren stammten Russland, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Italien und Äthiopien.

Peter Ustinovs Grossvater war ein russischer Offizier in den Diensten der Armee des Zaren gewesen. Weil er als Protestant keinen Eid auf die Orthodoxe Kirche ablegen wollte, wanderte er 1868 nach Deutschland aus. Peter Ustinovs in Jaffa geborener Vater war denn auch deutscher Staatsbürger, der im Ersten Weltkrieg in der Armee des Kaisers diente, ehe er 1918 nach England zog, wo er journalistisch tätig war, u.a. als Vertreter der Deutschen Presse-Agentur. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Presseattaché für die Deutsche Botschaft in London. Laut Peter Ustinov war sein Vater während dem Krieg als britischer Agent tätig. Er soll der Mann gewesen sein, der im Herbst 1938 die englische Regierung über Hitlers Pläne zum Einmarsch in die Tschechoslowakei informierte.

Die Mutter von Peter Ustinov war die französische Bühnenbildnerin und Kostümzeichnerin Nadia Benois. Sie war ihrerseits die Tochter von Alexandre Benois, dem Designer der ersten bedeutenden Ballette von Sergei Diaghilev. 

Bei diesem Familienhintergrund erstaunt es etwas weniger, dass Peter Ustinov in London viersprachig aufwuchs und am Lebensende über ein Dutzend Sprachen beherrschte.

Mit 16 ging er nach drei Jahren vom verhassten Westminster College ab, um am London Theatre Studio eine Schauspielausbildung zu absolvieren, wo Michael Saint-Denis sein Lehrer war. Mit 17 ergatterte er sich bereits die erste Theaterrolle. Er debütierte 1939 mit selbstgeschriebenen Sketchen in der Revue Late Joys im Player's Club.
 
Der junge Mann betätigte sich neben seiner Schauspielausbildung auch als Autor. 1939 wurde sein Stück The Bishop of Limpopoland uraufgeführt. Und nur ein Jahr später stand er für Hullo Fame! erstmals für eine kleine Rolle vor der Filmkamera.

Der aufstrebende Stern heiratete 1940 die Schauspielerin Isolde Denham, die Halbschwester der Schauspielerin Angela Lansbury und Tochter von Reginald Denham (Regisseur, Autor, Schauspieler, Produzent) und Moyna MacGill (Schauspielerin). Isolde und Peter Ustinov hatten eine Tochter, Tamara, die ebenfalls Schauspielerin wurde. Die Ehe wurde nach zehn Jahren 1950 geschieden.

1942 wurde Peter Ustinovs Schauspiel House of Regrets uraufgeführt, daneben spielte er im Film The Goose Steps Out mit. Im selben Jahr wurde er einberufen und diente bis Kriegsende in der Film-Einheit der britischen Armee - und zwar als Offiziersbursche von David Niven. Im Militär schrieb Ustinov 1944 das Drehbuch zum Film The Way Ahead, in dem er auch mitspielte.

Und 1946 führte er beim Streifen School of Secrets erstmals Regie. Fünf Jahre später gelang ihm der grosse Sprung nach Hollywood, wo er schlagartig durch seine Rolle als beschränkter Kaiser Nero im Monumentalfilm Quo Vadis weltberühmt wurde.

1954 heiratete der Schauspieler ein zweites Mal. Die Ehe mit der Schauspielerin Suzanne Cloutier hielt bis 1971. Zusammen setzten sie die Kinder Pavla, Igor und Andrea in die Welt.

Ebenfalls 1954 erhielt Peter Ustinov für seine Sprechrolle in Peter und der Wolf einen Grammy. Daneben spielte er im Film Beau Brumell - Rebell und Führer. 1955 stand er an der Seite von Humphrey Bogart in Wir sind keine Engel. Im selben Jahr spielte er zudem in Lola Montez; die Darstellung bezeichnete er selbst als seine beste in seiner gesamten Filmkarriere. Doch den ersten Höhepunkt der Anerkennung durch die Filmindustrie erhielt er 1960 mit dem Oscar als Bester Nebendarsteller für seine Rolle als Sklavenhändler und Vorsteher der Gladiatorenschule Lentulus Batiatus in Stanley Kubrick's Spartacus.

1961 schrieb Peter Ustinov die Ost-West-Satire Romanoff and Juliet. Auf seine Rolle als Captain Vere im Abenteuerfilm Billy Budd von 1962 folgte der zweite Academy Award als Bester Nebendarsteller für seine Leistung als feiger Ganove Arthur Simpson im Agententhriller Topkapi von 1964.

1963 stieg Peter Ustinov aus dem Film The Pink Panther aus und wurde deshalb von der Mirisch Company verklagt. Ustinov durch Peter Sellers, der so zur Rolle seines Lebens fand.

Von 1968 an bis zu seinem Tod war Peter Ustinov als Goodwill Ambassador für das Kinderhilfswerk UNICEF weltweit unterwegs.

1971 inszenierte das Multitalent die Zauberflöte in Hamburg. Weitere Operninszenierungen folgten u.a. in Berlin, Edinburgh, Paris und Salzburg.

1972 heiratete Peter Ustinov zum dritten Mal. Die Glückliche war für einmal keine Schauspielerin, sondern die Schriftstellerin Hélène du Lau d'Allemans, mit der er bis zu seinem Lebensende in seinem Haus in Bursin in der Nähe von Genf zusammen lebte.

1977 spielte Peter Ustinov in Agatha Christies Tod auf dem Nil erstmals in seiner Paraderolle als Hercule Poirot. Das Böse unter der Sonne (1982), Mord à la carte (1985) und Rendezvous mit einer Leiche (1897) sind weitere Filme, in denen er als belgischer Meisterdetektiv unterwegs war und bis heute unerreicht ist.

1990 reiste er In 80 Tagen um die Welt, in einer eher faden Umsetzung von Jules Vernes Stoff mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle. 

Nachdem Peter Ustinov bereits 1975 zum Companion of the Order of the British Empire (CBE) ernannt worden war, erhob ihn Queen Elizabeth II. 1990 in den Adelsstand, weshalb fortan von Sir Peter Ustinov die Rede war. - Der so Geehrte hatte allerdings zeitlebens ein gespanntes Verhältnis zu den Briten. Die Franzosen ihrerseits ernannten Peter Ustinov 1985 zum Commandeur des Arts et des Lettres.

2001 begeisterte der geborene Conférencier die Fernsehzuschauer nicht zuletzt mit seinen Anekdoten anlässlich der ZDF-Gala zu seinem 80. Geburtstag. Für seine Fernsehauftritte wurde er übrigens dreimal mit einem Emmy Award ausgezeichnet.

Neben seinen Filmrollen, Drehbüchern, der Arbeit als Opern- und Film-Regisseur sowie als Produzent hat Peter Ustinov über zwanzig Theaterstücke sowie rund ein Dutzend Romane und Erzählbände geschrieben. Einen ersten Erfolg erzielte er mit The Love of Four Colonels 1951. Seine Autobiografie Dear Me erschien 1977. Der Roman Der Alte Mann und Mr. Smith wurde 1991 im deutschsprachigen Raum gar zu einem Bestseller. 1998 erschien Monsieur René auf deutsch (allerdings kein Meisterwerk).

Peter Ustinovs letzte Arbeit vor der Kamera kann zur Zeit, 2004, in den Schweizer Kinos bewundert werden. Er ist als sächsischer Kurfürst Friedrich der Weise im Film Luther zu sehen.

Seit 1992 war Peter Ustinov Chancellor der University of Durham. Dort sowie in Budapest entstanden 2000 Institute für Vorurteilsforschung. Im August 2003 gründete die Universität Wien in Zusammenarbeit mit der Stadt das Sir Peter Ustinov Institut. Der Namensgeber hielt zum Thema übrigens nicht nur Vorträge, sondern widmete ihm auch sein letztes Buch: Achtung! Vorurteile (Hoffmann & Campe, 2003, bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz).

Der an schwerer Diabetes leidende Sir Peter Ustinov war zuletzt auf den Rollstuhl angewiesen. Er verstarb am 28. März 2004, zwei Wochen vor seinem 83. Geburtstag, in einer Klinik in Genolier in der Nähe seines jahrzehntelangen Wohnortes Bursin bei Genf.

Weitere Filmkritiken: deutsch + English.
 




 

 

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Filmografie von Peter Ustinov: Schauspieler, Regisseur, Produzent, Drehbuchautor
- Hullo Fame!, 1940
- One of our Aircraft is Missing, 1941
- The Goose Steps Out, 1942
- The Way Ahead, 1944
- School for Secrets, 1946
- Vice Versa, 1946
- Private Angelo, 1949
- Quo Vadis, 1951
- Peter und der Wolf, 1954 (Grammy für seine Sprechrolle)
- Beau Brummell - Rebell und Verführer, 1954
- Sinuhe, der Ägypter, 1954
- We're No Angels/Wir sind keine Engel, 1955
- Lola Montez, 1955
- Der Hund, der Bozzi hiess, 1957
- Der endlose Horizont, 1959
- Spartacus, 1960 (erster Oscar als Bester Nebendarsteller)
- Romanoff and Juliet, 1961 (beruhend auf Ustinovs gleichnamigem Stück von 1956)
- Die Verdammten der Meere, 1961
- Billy Budd, 1962
- Topkapi, 1964 (zweiter Oscar als Bester Nebendarsteller)
- Eine zuviel im Harem, 1964
- Lady L., 1965
- Die Stunde der Komödianten, 1967
- Beach Red, 1967
- Viva Max, 1969
- Hot Millions, 1969 (Oscar-Nominierung für das Komödien-Drehbuch)
- Hammersmith Is Out, 1972
- Robin Hood, 1973 (Sprecher von Prinz John)
- Wer hat unseren Dinosaurier geklaut, 1975
- Käpt'n Blackbeards Spuk-Kaschemme, 1976 (Kinderfilm)
- Flucht ins 23. Jahrhundert, 1976
- Der Goldschatz der Matecumbe, 1976
- Tod auf dem Nil, 1977
- Drei Fremdenlegionäre, 1977
- Vom Blitz getroffen, 1977
- Ashanti, 1978
- Charlie Chan und der Fluch der Drachenkönigin, 1980
- Das Böse unter der Sonne, 1981
- Mord à la carte, 1985
- Tödliche Parties, 1986
- Mord mit verteilten Rollen, 1986
- Rendezvous mit einer Leiche, 1987
- In 80 Tagen um die Welt, 1989
- Spatzi, Fratzi & Co., 1990
- Lorenzos Öl, 1992
- Weltmacht Vatikan, 1995 (Präsentiert die TV-Dokumentation)
- Der Junggeselle, 1999
- Deutschlandspiel, 2000 (Russischer Botschafter in diesem TV-Doku-Drama)
- ZDF-Fernsehgala zu seinem 80. Geburtstag, 2001
- Luther, 2003
- Wintersonne, 2003

 

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