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Die Alamannen
Karin Krapp: Die Alamannen. Krieger – Siedler – frühe
Christen. Theiss-Verlag Stuttgart, 2007. 160 Seiten, 131 farbige
Abbildungen.
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Rezension von Heinrich Speich vom 12. September 2007
Die Alamannen kommen. Was heute klingt wie die
Ankündigung einer folkloristischen Darbietung war in der Spätantike der Anfang
einer Katastrophe – oder der Beginn einer neuen Epoche. Karin Krapp beschreibt
in ihrer reich illustrierten Einführung Entstehung und Alltag dieses Volkes
aufgrund der reichen archäologischen Quellen.
Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrhunderts war die Welt hinter dem
obergermanischen Limes noch in Ordnung. Nach der römischen Eroberung war das
Dekumatland zwischen Donau und Rheinknie in das expandierende römische Reich
eingegliedert worden und entwickelte sich zu einer prosperierenden Grenzregion,
deren westliche Hälfte zu Obergermanien und deren östliche Hälfte zur Provinz
Rätien gehörten. Ab 233 führten Kriege gegen Persien dazu, dass Rom einen Teil
der Grenztruppen abzog, 259/60 wurden die verbliebenen Truppen aus Rätien in
innerrömischen Machtkämpfen eingesetzt. Gleichzeitig fielen Gruppen aus
Germanien mehrfach ein und plünderten die Grenzregion. Die Bevölkerung verblieb
schutzlos, davon zeugen die vielen Hortfunde aus diesen verheerenden Jahren.
Viele verliessen wohl damals die agri decumates, nur Wenige verblieben. Diese
These wird dadurch unterstützt, dass die Münzfunde nach 259/60 rasch
zurückgehen. Die Gegend war allerdings nicht menschenleer, sondern die
Bevölkerung aus gallischen Zuwanderern und angesiedelten Germanen lebte
weiterhin, ohne römische Administration. Die Zentralorte wie z.B. Ladenburg,
Heidenheim oder Rottweil bestanden wohl mit romanischer Bevölkerung in
bescheideneren Ausmassen bis zum Ende des 4.Jahrhunderts fort. Der Kontakt mit
dem römischen Reich blieb über Handelsbeziehungen erhalten.
Seit dem späten 3.Jahrhundert kamen aus Germanien neue Siedler ins Land. Ob dies
bereits Alamannen waren, ist ungewiss, da schriftliche Zeugnisse dafür fehlen.
Römische Quellen nennen die Alamannen sporadisch seit Anfang des 3.Jahrhunderts,
jedoch in unterschiedlichen Zusammenhängen. Heute wird angenommen, dass das Wort
alamanni als Selbstbezeichnung der Zuwanderer entstand, welche die
gleiche Sprache in verschiedenen Dialekten sprachen und ähnliche Rechts- und
Gesellschaftssysteme hatten. Krapp legt nahe, die ersten Alamannen eher als
„einen organisierten Waffenbund zu sehen als einen eigenständigen Volksstamm“.
Die archäologischen Quellen sind sehr spärlich, so dass daraus keine direkten
Aussagen gemacht werden können. Es gibt Parallelen zu Fundmerkmalen im
Elbe-Saale-Gebiet, die allerdings auch durch beidseitige Kontakte zum römischen
Reich erklärt werden können. Die Namensforschung weist zudem auf die Möglichkeit
hin, dass die Alamannen als Traditionsnachfolger der Sueben gesehen werden
könnten. Alamannia ist in den römischen Quellen eine Zusammenfassung von
Stammesterritorien. Diese Benennung wurde dann von den Bewohnern als
Selbstbezeichnung übernommen und bezeichnete das bis 746 bestehende Herzogtum
der Alamannen.
Seit dem 4. Jahrhundert gibt es wieder mehr archäologische Quellen. Die
Alamannia war locker besiedelt und die Bindungen zum benachbarten römischen
Reich waren intensiv und vielfältig. Der Dienst in der römischen Armee war für
junge Alamannen attraktiv, die römische Geldwirtschaft funktionierte bis weit
ins 4.Jahrhundert, beides weist auf einen starken ökonomischen Einfluss Roms
hin. Der Zuzug von neuen Siedlern erfolgte wohl unter vertraglicher Absicherung
(foedus), unter festgelegten Bedingungen. Die Ansiedlung von Wehrbauern (laeti)
erlaubte es, die Produktivität des Landes ohne direkte Herrschaft weiterhin zu
nutzen und von den locker assoziierten Kleinkönigen Steuerleistungen,
Heeresdienste und Getreidelieferungen einzufordern. Denselben Prozess hat Alfons
Zettler für Nordgallien nachgewiesen, das im 3. Jahrhundert entvölkert wurde und
dann von Franken besiedelt wurde. Die Vertragsinhalte sind überliefert, weil
öfter über deren Bruch verhandelt werden musste – die Bevölkerung war offenbar
nicht mit ihrem Status zufrieden. Ab 352 kam es zu Machtkämpfen im römischen
Reich, bei der auch Alamannen aktiv mitmischten. 357 besiegten in der Schlacht
bei Strassburg (Argentorate) römische Truppen den Alamannenkönig Chnodomar und
seine Verbündeten, alamannische Gebiete wurden verheert und Bündnisbrüche fortan
durch Strafexpeditionen vergolten. Seit der Regierungszeit des Kaisers
Valentinian I. 364-375 verschlechterten sich die Beziehungen zum Reich,
Alamannen rückten nicht mehr in höhere Positionen des Reiches auf. Das römische
Reich befestigte zu dieser Zeit die Rheingrenze und die Brückenorte mit massiven
Kastellen, gab aber seine Ansprüche auf die rechtsrheinischen Gebiete nicht
völlig auf.
Auf alamannischer Seite des Rheins entstanden gegenüber den römischen Kastellen
so genannte Höhenstationen als räpresentative, befestigte Fürstensitze, zum
Beispiel der Runde Berg bei Urach oder der Zähringer Burgberg bei Freiburg. Im
Jahre 406 mussten die römischen Grenztruppen abgezogen werden, um gegen
eindringende Westgoten vorzugehen. Danach machten alamannische Scharen mehrfach
Raubzüge über die kaum noch relevanten Grenzen, sie zogen bis vor Passau, nach
Italien und nach Gallien bis Troyes und erpressten Tributzahlungen, ohne die
unterworfenen Gebiete zu besiedeln. Selbst für das Elsass und die Nordschweiz
ist eine intensivierte Ansiedlung für das 5.Jahrhundert nicht nachweisbar, eine
vermehrte Einflussnahme ist allerdings wahrscheinlich.
Die benachbarten Franken gingen anders vor: sie konnten sich westlich des Rheins
festsetzen und erreichten dadurch eine Integration im römischen Reich, was den
Alamannen nie gelungen war. Um 460 kontrollierten die Franken das Reich zwischen
Rhein und Normandie und legten damit den Grundstein für ihre Expansion. Der
Frankenkönig Chlodwig verwaltete ab 481/82 die Provinz Belgica und herrschte ab
486 auch über das gallische Teilreich des Syagrius um Paris, das als Rest des
römischen Imperiums bis dahin überlebt hatte. Er verstand es, die anderen
fränkischen Könige zu unterwerfen und die Elite der romanischen Bevölkerung an
sich zu binden, durch Morde, Heiraten und die Vergabe hoher Posten in der
Verwaltung.
Am Ende des 5.Jahrhunderts kam es zum Zusammenstoss der beiden expandierenden
Völker. Im Jahre 496 trafen fränkische Truppen und Alamannen bei Zülpich in der
Eifel aufeinander. Dieses früher als Entscheidungsschlacht gehandelte Ereignis
reiht sich in eine Kette von Ereignissen ein, die die Unterwerfung der Alamannen
unter fränkische Oberhoheit zur Folge hatte. Eine weitere Niederlage der
Alamannen im Jahre 506 veranlasste den Ostgotenkönig Theoderich dazu, Chlodwig
zum Sieg zu gratulieren und ihm gleichzeitig nahe zu legen, die Reste der
Alamannen in Ruhe zu lassen, die sich unter seinen Schutz begeben hatten. Die
Frage, ob die Alamannen zu diesem Zeitpunkt mehrere Kleinkönige hatten oder ob
sie sich unter einem einzigen Grosskönig zusammengeschlossen hatten, ist
umstritten.
Die Franken teilten die Alamannia längs des Rheins in zwei Herzogtümer auf, die
weitgehend selbständig blieben. Ortsnamen mit –heim häufen sich nach der
fränkischen Machtübernahme, ein Indiz für die sich ausbildende Grundherrschaft,
die nicht mehr nur über Personen, sondern auch über klar bezeichneten Raum
ausdehnte. Gleichzeitig geht die Gründung alamannischer –ingen Orte proportional
zurück. Erst im 7.Jahrhundert verdichtete sich die fränkische Präsenz in der
Alamannia. Den Hausmeiern, welche das Reich der Franken zusammen hielten, gefiel
die eigenständige Macht der Herzöge nicht. Im Jahre 746 kam es zur Schlacht
zwischen Karlmann und alamannischen Adligen. In der Folge wurde das Herzogtum
aufgelöst und das Land in Grafschaften aufgeteilt. Der Name der Alamannen
verschwindet.
Die Siedlungen der Alamannen unterschieden sich grundlegend von den römischen.
Sie waren ländlich geprägt und bestanden aus mehreren Höfen. Diese bestanden
meist aus Haupthaus, Stallungen, Speicher, Wirtschaftsgebäuden sowie den
Bestattungsplätzen der Bewohner. Diese neuen Höfe befanden sich oft in der Nähe
verlassener römischer Villen. Die Bauten waren einstöckige, meist einschiffige
Pfosten- oder Bohlenhäuser mit 5-7m Breite und 10-20m Länge, die oft
gleichzeitig als Ställe genutzt wurden. Zum Kochen wurden Keramiktöpfe über
offenem Herdfeuer benutzt, die Habe wurde in Holztruhen und Regalen aufbewahrt.
Daneben gab es Tische, Bänke, Stühle, Betten und weitere
Einrichtungsgegenstände, je nach Reichtum der Bewohner. Wasser wurde aus Brunnen
geschöpft oder direkt aus einem Gewässer geholt. Als Getreidespeicher dienten
viereckige Pfostenbauten. Textilien wurde der optimalen Verarbeitungsbedingungen
wegen in Grubenhäusern produziert.
Seit dem Beginn des 5.Jahrhunderts wurden anstelle von Einzelbestattungen
grössere, oft nur kurzfristig belegte Reihengräberfelder angelegt, die wohl zu
bedeutenderen, dorfartigen Siedlungen gehörten, von denen allerdings meist jede
Spur fehlt. Die am besten erforschte Alamannensiedlung ist derzeit Mittelhofen
bei Lauchheim, wo auf einem 9ha umfassenden Areal vom 6.-8. Jahrhundert etwa
250-300 Personen lebten. Das Beispiel von Wittislingen legt nahe, dass hier bis
zu neun Weiler zusammengelegt worden waren und der Standort der Siedlung
variieren konnte, da man in derselben Siedlungskammer neun Gräberfelder
ausmachen konnte. Im Laufe des 7.Jahrhundert etablierte sich die
Grundherrschaft, welche die Mobilität der Siedlungen stark einschränkte, als der
Herrenhof zum Zentrum adliger Grundherrschaft wurde. Zudem wurden seit dem
8.Jahrhundert zunehmend Kirchen mit Friedhöfen in den Siedlungen gebaut. Auch
Kirchenbauten aus Holz wurden dann stets über dem Vorgängerbau errichtet. Bauen
mit Stein setzte sich erst ab dem 12. Jahrhundert durch.
Die Alamannen waren grundsätzlich Selbstversorger auf der Basis von Ackerbau und
Viehzucht; Tauschwirtschaft herrschte vor. Der Kriegsdienst bildete einen
wichtigen Erwerbszweig, ob im Rahmen eines Raubzug oder einer Schutzleistung.
Sold, Beute oder Geschenke stellten den Nachschub an Gebrauchsgegenständen in
die Alamannia sicher. Handwerker haben keine hohe Stellung in der Gesellschaft,
die Gesetzestexte nennen sie als Unfreie. Das Textilhandwerk war wohl
Frauensache, da sich nur in Frauengräbern Spinnwirtel und Webschwerter finden.
Die Lebensmittelversorgung wurde insbesondere durch den Anbau von Gerste
sichergestellt, die rasch reifte und vielseitig verwendbar war, auch zum Brauen
von Bier. Der Anbau erfolgte im Wechsel mit Weidewirtschaft, einem Vorläufer der
mittelalterlichen Dreifelderwirtschaft. Gemahlen wurde das Getreide vorwiegend
mittels Handmühlen, obwohl bereits für das 7./8. Jahrhundert Wassermühlen
nachgewiesen werden konnten. Die These, römisches Wissen um die Mühlentechnik
sei im Frühmittelalter nicht verfügbar gewesen, ist somit widerlegt. Daneben
hatten die Alamannen Gärten, wobei der Anbau einiger der von den Römern
kultivierten Sorten übernommen wurde, zum Beispiel der Feige und der Weintraube.
Die Viehzucht als zweites Standbein der Versorgung basierte auf der Haltung von
Rindern, Schweinen, Schafen, Hühnern, Enten, Gänsen. Die Jagd spielte keine
entscheidende Rolle. Pferde waren der Oberschicht vorbehalten.
Die Bewaffnung der Alamannen lässt sich hauptsächlich aus den Grabbeigaben
rekonstruieren. Zu Beginn der Siedlung im südwestdeutschen Raum finden sich in
elbgermanischer Tradition stehende symbolische Beigaben von zwei bis drei
bronzenen Pfeilspitzen. Ab dem 6.Jahrhundert wurden Äxte öfters beigegeben,
während Schwerter nur selten beigegeben wurden. Die zweischneidige Spatha ist
dabei noch viel rarer zu finden als die einschneidige Sax, welche die im
7.Jahrhundert dominierende Waffe war. Daneben wurden auch Schilde, Lanzen und
Speere gefunden. Zur Heeresorganisation gibt es wenig gesichertes Wissen. Sicher
waren die Krieger in Gefolgschaften mit Treuepflicht eingebunden, in die sie
sich auch in Friedenszeiten fügten.
Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 35 Jahre beim Mann
und nur 29 Jahre bei der Frau. Allerdings können nur 20% der Gräber an Personen
unter 20 Jahren zugewiesen werden, nur 4% der Funde sind Säuglinge. Diese Zahlen
sind zu tief, man geht davon aus, dass die Bestattungen nur Säuglinge und Kinder
oberer sozialer Schichten umfassen. Am häufigsten starben Männer und Frauen
zwischen 20 und 30 Jahren – die Frauen im Kindbett und die Männer im Kampf. Das
medizinische Wissen stammte wohl hauptsächlich von römischen Militärärzten.
Heilerinnen (strigae), die sich nicht nur mit Verletzungen auseinander
setzten, hatten keinen guten Ruf.
An Rohstoffen war die Alamannia arm. Edelmetalle, Blei und Zinn mussten
importiert werden. Häufig wurden daher zur Herstellung von neuen Geräten oder
Schmuck ältere Stücke eingeschmolzen. Eisen wurde in Form von Bohnerz auf der
Schwäbischen Alb abgebaut und verarbeitet. Für Einlegearbeiten wurde Almandin
verwendet. Scheibengedrehte terra nigra war die vorherrschende Keramikform.
Gegenstände aus organischem Material wurden aufgrund der Erhaltungsbedingungen
kaum gefunden. Die alamannische Tracht stand in elbgermanischer Tradition.
Regionale Unterschiede gab es vor allem bei Form oder Verzierung der metallenen
Bestandteile. Gesellschaftliche Differenzierung wurde in Pracht und Material zur
Schau gestellt. Männer trugen eine lange Hose mit einer Tunika darüber. Die
Beine wurden mit Wadenbinden umwickelt. Römische Militärgürtel fanden Eingang in
die Männermode und wurden imitiert. Der Mantel wurde auf der rechten Schulter
mit einer Fibel geschlossen. Die Frauentracht bestand bis ins 5. Jahrhundert aus
einem langen Untergewand ein schlauchförmiges Kleid, das bis unter die Achseln
gezogen und dort mit einer Fibel pro Seite befestigte. Ab dem 5. Jahrhundert
setzte sich bei den Alamanninnen die römische Tunika durch. Die beiden Fibeln
wurden nun benutzt, um an der Taille Schärpe oder Gürtel zu befestigen und
später fixieren sie bei höher gestellten Verstorbenen das Gehänge, schmale
Lederriemen, an denen Schmuckstücke befestigt waren. Fibeln waren wohl
Standesabzeichen, da es nur Luxusausführungen davon gab. Der Mantel wurde im
Gegensatz zur Männertracht bis ins 7. Jahrhundert mit einem kleineren Fibelpaar
geschlossen. Als Schmuck dienten Ohrringe, Kolbenarmreifen, Halsreifen,
Fingerringe und Ketten aus Metall, mit Glasperlen, Kristallen und Bernsteinen
verziert. Die Stoffe entstanden aus Wolle oder Flachs vorwiegend in lokaler
Produktion; Färbemitteln konnten bisher keine belegt werden, sind aber
wahrscheinlich.
Der älteste erhaltene Rechtstext, der pactus oder pactus Alamannorum
ist eine Gesetzessammlung, die dem ersten Drittel des 7. Jahrhunderts
zugewiesen wird. Die lex alamannorum scheint 709-730 entstanden zu sein.
Rechtstexte schriftlich festzuhalten entsprach nicht den germanischen
Traditionen, sondern wurde über die Franken von den Römern übernommen.
Gerichtsverhandlungen wurden nach dem mündlich überlieferten Gewohnheitsrecht
öffentlich und periodisch geführt. Um der romanischen Bevölkerung gerecht zu
werden, verfassten germanische Könige nach dem Ende des Römischen Reiches
Sammlungen der Rechtspraxis. Diese leges sind allerdings keine fertigen
Gesetzestexte, sondern Bussenkataloge. Aus den Texten kann auch die
Sozialstruktur der Alamannen erschlossen werden: es gab Freie (ingenui, liberi),
Halbfreie (liten, laten) und Unfreie (servi), wobei die Freien noch in
Kategorien unterteilt waren und sich auch nicht ausserhalb der streng
hierarchischen Gesellschaft bewegen konnten. Alle waren eingebunden in Familien-
und Gefolgschaftssysteme. Die sozialen Unterschiede spiegelten sich in den
Grabbeigaben wider. Der persönliche Status musste ständig neu abgesichert
werden, die gesellschaftliche Mobilität war offenbar hoch. Heiraten über
Standesgrenzen hinweg war nicht zuletzt aus erbrechtlichen Gründen unter Strafe
gestellt.
Für eine Frau gab es mehrere Formen, um mit einem Mann zusammenzuleben: Die
Muntehe, die Friedelehe oder als Kebse. Unter Freien war die Muntehe wohl die
Regel. Diese wurde durch Verlobung von den Familien beschlossen und beinhaltete
für die Frau eine Ausstattung, die vom Brautvater an den Bräutigam übergeben
wurde. Dafür zahlte dieser der Brautfamilie die dos, die Brautgabe, die
als Pfand für die Braut diente und eigentlich dieser gehörte. Daneben erhielt
die Braut nach vollzogener Ehe eine Morgengabe. Beides stand der Frau nach dem
Tod des Mannes oder einer Scheidung zu, deshalb förderte die christliche Kirche
allein diese Form der Verbindung. Die Friedelehe war eine freie Vereinbarung der
Eheleute, ohne Munt und meist ohne Morgengabe. Die Familie der Frau konnte die
Braut gerichtlich zurückfordern. Diese Form der Ehe war wohl in unteren
Schichten verbreitet, weil die Mittel für Munt bzw. Morgengabe fehlten. Als
anerkannte Scheidungsgründe nennen die Gesetze Kinderlosigkeit oder bestimmte
Krankheiten wie zum Beispiel Lepra. Auch Trennungen im gegenseitigen
Einvernehmen waren möglich. In der Alamannia war nur die Frau zur Treue
verpflichtet; so konnte ein Mann mehrere Frauen heiraten, aber nur eine in
Muntehe. Nahm der Mann sich einfach eine Frau, meist aus schlechter gestellten
Kreisen, sprach man von ihr als Kebse. Kinder aus Munt- Friedel- und
Kebsverbindungen waren unterschiedlich erbberechtigt, wobei die Anerkennung
eines Kindes durch den Vater ausschlaggebend war. Bei den Alamannen waren Frauen
nur erbberechtigt, wenn keine männlichen Nachkommen gab.
Die Religion der Alamannen vor der Christianisierung ist schwer zu
rekonstruieren. Sicher waren Opferzeremonien zentral, die an besonders dafür
geeigneten Orten wie Mooren, Flüssen, Seen und Bäumen, aber auch in Brunnen
vorgenommen werden konnten. Eventuell glaubten die Alamannen an eine beseelte
Natur, mit gewissen geheiligten Orten oder an allmächtige Ahnengeister. Erst im
Kontakt mit dem römischen Paganismus bildete sich bei den Germanen ein
entsprechend besetzter Götterhimmel und die Identifikation mittels Attribute
germanischer Götter ist seit dem 5.Jahrhundert durch Funde belegt, zum Beispiel
mit den kleinen Donarskeulen oder Thorshämmern. Nach der Taufe des Frankenkönigs
Chlodwig nach 496 übernahmen auch zahlreiche Adlige der Alamannia das
Christentum. Krichen und Klöster wurden allerdings in nur sehr wenige errichtet.
Die eingesessene romanische Bevölkerung verblieb auch im 5. und 6. Jahrhundert
beim christlichen Glauben und die christliche Durchdringung begann erst im
6.Jahrhundert, beim Adel beginnend. Die typischen Goldblattkreuze, die auf
Kopfhöhe auf die Leichentücher genäht wurden, finden sich sonst nur bei den
Langobarden, was nicht auf eine Christianisierung durch die Franken spricht. Ab
dem 7.Jahrhundert wurden die alten Bischofssitze wieder besetzt und neue
Bistümer begründet, so um ca. 600 in Konstanz für die Alamannia. Direkter
fränkischer Einfluss scheint aber über die Sitte der Kirchenbestattungen Eingang
gefunden zu haben. Die herzogliche Familie besass wohl nur wenige Eigenkirchen
sondern machte ihren Einfluss direkt über das Bischofsamt in Konstanz geltend.
Klöster wurden vor dem 8. Jahrhundert nur im vormals römischen alpennahen Gebiet
gegründet oder in Gegenden am Rhein, die von den fränkischen Bistümern aus
betreut wurden. Die zwei berühmtesten Klöster waren St. Gallen und die
Reichenau. Während Othmar, der Initiator des Klosters St.Gallen (719/20) vom
alamannischen Herzog gefördert wurde, stand Pirmin, der Gründer der Reichenau
(724) unter dem Schutz der fränkischen Hausmeier und musste wie sein Nachfolger
nach kurzer Zeit fliehen. Für das achte Jahrhundert wird aufgrund der Texte der
Lex Alamannorum eine Kirchenorganisation vorausgesetzt, was noch nichts über die
Verankerung des Christentums in der ländlichen Bevölkerung aussagt.
Die Darstellung von Karin Krapp besticht durch ihre saubere Methodik und die
kurzweilige Erzählweise. Sie scheut sich nicht, Kollegen zu zitieren und auch
umstrittene Thesen als Möglichkeiten aufzuzeigen. In Zweifelsfällen versteckt
sie allerdings gerne etwas hinter den Thesen berühmter Kollegen anstatt
selbstbewusst ihre Position zu vertreten. Wo immer es sinnvoll ist, wird
aufgezeigt, mit welchen Mitteln und anhand welcher Beispiele sie ihre
Erkenntnisse gewonnen hat. Als ausgesprochene Stärke des Buches darf gelten,
dass Krapp für die Beschreibung des alamannischen Alltags archäologisch
gesichertes Wissen der Interpretation zeitgenössischer Schriftquellen vorzieht
und zur Illustration lieber Zeichnungen einsetzt als spätere mittelalterliche
Darstellungen heranzieht. Die zahlreichen, sorgfältig ausgewählten Abbildungen
sind zudem vorbildlich beschriftet. Es handelt sich bei diesem Werk nicht um die
Präsentation neuester Details, sondern um eine gut lesbare Einführung, die zehn
Jahre nach der letzten deutschsprachigen Überblicksdarstellung auch dem
aktuellen Forschungsstand Rechnung trägt und als methodisch gelungene Verbindung
von Geschichtsschreibung und Archäologie gesehen werden darf.
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Karin Krapp: Die Alamannen. Krieger – Siedler – frühe
Christen. Theiss-Verlag Stuttgart, 2007. 160 Seiten, 131 farbige
Abbildungen. ISBN 978-3-8062-2044-5.
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