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Kofi Annan
Biografie und Analysen der Karriere des Uno-Generalsekretärs
Artikel vom 1. Oktober 2007
 
Drei Autoren mit unterschiedlichen Ansätzen befassen sich mit Kofi Annan, dem am 8. April 1938 in der Stadt Kumasi im heutigen Ghana (damals noch Goldküste genannt) geborenen späteren Uno-Generalsekretär.

Im Zentrum der Analysen stehen der Uno-Funktionär und sein berufliches Umfeld. Einzig Ulrike Bauer, ehemalige Journalistin der «Frankfurter Allgemeinen», hat eine eigentliche Biografie verfasst. Sie geht ausführlich auf die frühen Jahre Annans ein, ohne jedoch über den Privatmann viel Wesentliches beitragen zu können. Sie vermerkt mit Erstaunen, dass Annan in seinem Un-Curriculum seine erste Frau verschwieg. Bauer hat ihr Manuskript im März 2006 abgeschlossen, so dass sie das letzte Amtsjahr des Generalsekretärs kaum beleuchten kann.

Die breiteste Darstellung des Kontextes findet sich bei James Traub. Der langjährige Mitarbeiter des «New York Times Magazine» nimmt vorwiegend die Ära von Generalsekretär Annan (1997–2006) im Schatten der USA unter die Lupe. Stanley Meisler, langjähriger Afrika- und Uno-Korrespondent der «Los Angeles Times» und Autor einer Geschichte der Vereinten Nationen, legt sein Werk zu Beginn für Laien aus, die er behutsam ins Thema einführt, um dann die substanziellste der drei lesenswerten Analysen vorzulegen.

Unauffälliger Aufstieg eines Bürokraten

Traub schreibt, dass 1976, als Annan von einem anderen Job zur Uno in die Personalabteilung zurückkehrte, die Vereinten Nationen zu einer riesigen, Paper produzierenden Fabrik für risikoscheue Bürokraten geworden sei. Annan selbst blieb als kleiner Funktionär jahrelang unauffällig. Doch im Moment, in dem sich die Situation änderte, habe er sich ausgezeichnet.

Schwacher Chef der Friedensmissionen

Alle Autoren sind sich einig: Als Verantwortlicher für die Friedensmissionen der Uno machte Annan mit der Clinton-Administration schlechte Erfahrungen. In der Amtzeit von Boutros-Ghalis stand laut Meisler das Kürzel «SG» nicht mehr für Secretary General, sondern für Sündenbock («Scape Goat»).

Im Somalia-Desaster lud Washington «schamlos» die Schuld bei den Vereinten Nationen ab, wie Meisler kritisch vermerkt. Im Fall von Bosnien schätzte Aussenministerin Albright Annan als zu weich ein, um mit den «grossen Jungs» zu verhandeln. Immerhin registrierte Albright im Konflikt mit Milosevic, dass Annan in Abwesenheit von Boutros-Ghali als Stellvertreter des UN-Generalsekretärs die Zustimmung zur Bombardierung Serbiens gab. Meisler betont, dass dies bei der Wahl des Nachfolgers für die amerikanische Unterstützung Annans mitentscheidend war. Meisler bezeichnet ihn als «Zufalls-Generalsekretär».

Bauer erzählt im Zusammenhang mit der sich über quälend-lange Sitzungen des Sicherheitsrates hinziehenden Wahl von Annan zum Generalsekretär den Schwerz, wie es zur Einigung auf Annan kam. Madeleine Albright fragte die ermüdete Runde: «Who wants coffee?». Und alle hoben die Hand für «Kofi».

Im Zusammenhang mit Rwanda geht nicht nur Traub mit Annan zu recht hart ins Gericht. Die Uno sei 1994 überhaupt nicht eingeschritten. Annans Stellvertreter habe mit dessen Einverständnis eine Nachricht an den zuständigen General vor Ort verfasst, trotz dessen Warnung vor einem bevorstehenden Massaker nichts zu unternehmen. Später habe sich Annan nie als Mitschuldiger gesehen. Er sei vom Temperament und von der Ausbildung her ein Bürokrat und daher bis heute der Meinung, nur seine Arbeit getan zu haben. Meisler findet, dass Annan bezüglich Rwanda «mit Schuld lebt». Doch gebe es viel Schuldigere, darunter die Regierung der USA.

Eine unabhängige Kommission kam im Fall von Bosnien und Rwanda zum Schluss, es habe nicht nur der politische Wille gefehlt, sondern die Uno-Entscheidungsträger hätten realisieren müssen, dass jeweils das ursprüngliche Mandat nicht mehr adäquat gewesen sei. Traub gegenüber äusserte Annan, der Bericht lade zu viel Schuld auf die Uno und zu wenig auf die Mitgliedstaaten, allen voran die USA. Traub selbst kritisiert die Clinton-Administration ebenfalls hart. Für Bauer war Annans Einberufung einer Untersuchungskommission (auch im Fall von Srebrenica) ein mutiger Schritt und gleichzeitig ein kluger Schachzug, denn fortan konnte er bei Kritik an seiner Person immer auf die Ergebnisse der unabhängigen Kommission und die «kollektive Schuld der internationalen Gemeinschaft» verweisen.



Doktrin der humanitären Intervention

Das Versagen der Uno in Bosnien und Rwanda führte Annan laut Traub zur Doktrin humanitärer Interventionen. Meisler verweist darauf, dass Annans Doktrin im Gegensatz zur Uno-Charta Interventionen in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates erlaubt, allerdings nur mit dem Einverständnis des Sicherheitsrats; ihm allein komme die Legitimation zur Gewaltanwendung zu, da sonst Anarchie drohe, betonte Annan. Erstmals wandte der Generalsekretär seine Doktrin erfolgreich im Fall von Osttimor an, der allerdings ein Sonderfall blieb. In Darfur wagte sich Annan im Sinne des Uno-Reformers Malloch Brown mutig hervor, wurde jedoch sofort vom Sicherheitsrat zurückgepfiffen, so Traub. Bauer weist darauf hin, dass es auch Jahre später noch keine «objektiven und nachprüfbaren Kriterien» für eine humanitäre Intervention gebe. Die Ansicht, dass die Welt sehr wohl angehe, was hinter den Grenzen eines Landes geschehe, setze sich jedoch allmählich durch.

Im Konflikt mit der Administration Bush

Für Meisler war Annans Widerstand gegen die von den USA geführte Invasion des Irak seine bedeutendste Tat als Generalsekretär. Allerdings habe er nach der Verabschiedung der Uno-Resolution 1441 in der Krise keine signifikante Rolle mehr gespielt. Der Krieg bedrohte nicht nur seine Karriere, sondern die Bedeutung der Uno selbst. Bauer schreibt, Annan sei im Irak-Konflikt zutiefst verunsichert gewesen und habe seinen guten Instinkt im Umgang mit der Supermacht verloren. Da er in den USA studiert habe, sei er mit der amerikanischen Mentalität besser vertraut gewesen als alle Generalsekretäre zuvor, doch stehe er dem aufgeklärten Ostküstenmilieu und Grossbritannien näher als jenem Amerika, das von Rumsfeld und Cheney repräsentiert werde. Annan habe nie klar und offen Position bezogen, kritisiert Bauer.

Obwohl von Albright «handverlesen», war Annan nie «Amerikas Generalsekretär». Er verscherzte es sich laut Traub wie Meisler mit der Bush-Administration, als er vor der Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten vor einer Eskalation der Gewalt im Irak warnte; der Öffentlichkeit zugespielt, wurden die Briefe zu Wahlkampfmunition. Zudem hatte Annan wiederholt mehr oder weniger offen darauf hingewiesen, der Irak-Krieg sei «illegitim».

Bauer zitiert Annans vielgebrauchte Formel: «Die USA brauchen die UN, und die UN brauchen die USA.» Doch Traub kommt der Wahrheit näher mit der Feststellung, Annans Dilemma sei gewesen, dass die USA die Vereinten Nationen nicht bräuchten, die Uno jedoch von den USA abhängig sei.

Traub wie Meisler sehen im Oil-for-food- Skandal die Uno und Annan zu Sündenböcken gestempelt. Traub betont, das Sekretariat und der Generalsekretär hätten nur wenig echte Macht. Wenn etwas schief laufe, würden sie plötzlich zur mächtigen Uno, hinter der sich der Sicherheitsrat und die Mitgliedsstaaten versteckten. Meisler bezeichnet die Affäre als «aufgebauscht und manipuliert» und sieht darin eine Retourkutsche für Annans Widerstand gegen den Irak-Krieg. Annan sei der Meinung, das Programm «Oil for food» sei eine Kreation des Sicherheitsrates und liege daher in dessen Verantwortung.



Verdienste und Grenzen

Für Traub war Annan kein Generalsekretär der einsamen Entscheidungen, sondern einer, der sich auf die Berater abstützte. Seine Mitarbeiter kannte er zumeist seit Jahrzehnten. Seine offene, ehrliche und moralische Art machten ihn jedermann sympathisch. Er sei arbeitsam, aber kein herausragender Intellektueller, meint Traub. Er sieht die Limiten im einfachen Funktionär, der an die Spitze aufstieg und dem die harte Haut fehlte. Das Problem liege darin, dass das Uno-Sekretariat ein Instrument des Westens sei. Als einziger Autor macht er sich Gedanken über Alternativen zu den Vereinten Nationen. Eine einzige Institution könne die fragmentierte Welt nicht zusammenhalten. Die Uno werde aber auf vielen Feldern unentbehrlich bleiben.

Meisler bezeichnet als Erfolge der Annan-Administration die Einführung des Interventionsgrundes, dass «Menschen wichtiger als Souveränität» seien. Die Uno sei als führender Koordinator bei Hilfsaktionen gestärkt worden. Annan habe das geschwächte Peace-keeping-Departement wiederbelebt, für eine nie da gewesene Atmosphäre der Transparenz und Offenheit der Uno sowie dafür gesorgt, dass die Uno heute nicht irrelevant sei. Bauer kommt zum Schluss, Annan sei zuerst in den Himmel gejubelt und danach als unfähig verteufelt worden. Beides sei übertrieben gewesen, dies zeige, wie mühsam und undankbar, aber ebenso, wie wichtig sein Job sei.

Kofi Annan hat wie kein anderer Generalsekretär vor ihm die Uno von internen und unabhängigen Untersuchungskommissionen durchleuchten lassen, wobei sich die Autoren einig sind, dass ihm kaum eine andere Wahl blieb, um weiteren Schaden von der von Skandalen erschütterten Organisation abzuwenden. Seine im Frühjahr 2000 erstmals vorgestellten Milleniums-Entwicklungsziele sind sehr ambitioniert. Ob sie leere Versprechungen der Staatengemeinschaft bleiben oder bis 2015 weitgehend umgesetzt werden, ist noch nicht entschieden, aber es scheint sehr zweifelhaft. Immerhin kommt Annan laut Meisler das Verdienst zu, diese Probleme ins Licht der Öffentlichkeit gerückt zu haben.

Die drei Autoren hatten direkten Zugang zu Kofi Annan und seinen Mitarbeitern. Obwohl sie der Institution Uno positiv gegenüberstehen, haben sie kritische Analysen und Biografien verfasst. Man kann ihre Erkenntnisse mit der Kurformel «Funktionär der uneinigen Staaten» zusammenfassen.

Die Biografien, Analysen, Bücher

Stanley Meisler: Kofi Annan. A Man of Peace in a World of War. Wiley & Sons, Hoboken 2007. 372 S. Buch bestellen bei
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James Traub: The Best Intentions. Kofi Annan and the UN in the Era of American Power. Bloomsbury, 2006. 442 S. Buch bestellen bei
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Friederike Bauer: Kofi Annan. Ein Leben. Fischer-TB, Frankfurt am Main 2006, 367 S. Buch bestellen bei
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