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Brzezinski: Second
Chance
Buchkritik zur Aussenpolitik
von Bush Senior, Clinton und Bush Junior
Artikel vom 5. Dezember 2007
Der ehemalige Sicherheitsberater von Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, hat sich
als Politikwissenschafter und Buchautor einen Namen gemacht.
Sein neuestes Werk, Second Chance, analysiert die Aussenpolitik der
Präsidenten Bush Senior, Clinton und Bush Junior.
Mit dem Ende der Sowjetunion und des Kalten Krieges seien diese drei zu den
ersten globalen Führen geworden, ohne
dafür von der internationalen Gemeinschaft offiziell den Segen erhalten zu
haben. Brzezinski macht von Beginn an
klar, dass seine drei Landsleute diese einmalige Chance sowie amerikanisches
Prestige vergeudet hätten.
Bush Senior - verpasste Chancen
George H. W. Bush kommt noch am besten weg. Ihn beschreibt
Brzezinski als erfahrensten und
diplomatisch geschicktesten der drei
Präsidenten; er sei jedoch von keiner mutigen Vision geleitet worden. Als begabter
Machtpolitiker habe er eine
traditionelle Politik in einem
nichttraditionellen Umfeld gemacht. Er habe Gorbatschows Slogan einer "neuen
Weltordnung" übernommen, ohne jedoch ernsthaft
daran gedacht zu haben, diese zu implementieren. Als "Polizist" habe Bush
Senior auf Macht und Legitimität vertraut, um die
traditionelle Stabilität zu erhalten. Sowohl beim Zerfall des Sowjetimperiums
wie auch bei Saddam Husseins Kuwait-Invasion habe er mit
beeindruckendem diplomatischen Geschick und mit militärischer Entschlossenheit
reagiert. Doch beide Triumphe habe er nicht in
historische Erfolge verwandelt. Amerikas politischen Einfluss und moralische
Legitimität habe er strategisch nicht ausgenutzt, um
Russland zu transformieren oder den Mittleren Osten zu befrieden.
Brzezinski nennt Deutschlands Wiedervereinigung und die fortbestehende
NATO-Mitgliedschaft Bushs Sternstunde, für die
er nicht nur die Zustimmung der Sowjetunion, sondern auch Frankreichs und
Grossbritanniens gefunden habe. Deutschland habe zudem die
Oder-Neisse Grenze akzeptiert und Weissrussland, die Ukraine und Kasachstan seien
nach dem Zerfall der UdSSR nicht zu Nuklearmächten geworden; ein Prozess, der
unter Clinton 1996 abgeschlossen wurde.
Brzezinski vergleicht die chaotischen Regierungsjahre unter Jelzin mit der
amerikanischen Depression der 1930er Jahre. Er merkt kritisch an,
eine Reihe westlicher, weitgehend amerikanischer "Wirtschaftsberater"
habe zu oft mit russischen "Reformern" bei der Selbstbereicherung
während der "Privatisierung"
der Industrie- und Energievermögen konspiriert, wobei die drei Anführungs- und
Schlusszeichen des Autors zumindest teilweise berechtigt sind.
Im Fall des Tiananmen Massakers in China habe das Bush-Team rhetorische
Indifferenz signalisiert. Bushs Argument, Saddam Hussein
zu verjagen und daher Bagdad zu stürmen, hätte die Kriegskoalition verrissen und
die arabischen Alliierten vor den Kopf gestossen.
Brzezinski wendet ein, ein entschlossener Versuch, die geschockten und
demoralisierten Militärführer gegen Saddam zu wenden, hätte
vielleicht funktioniert. Hier wie auch anderswo hätte Brzezinski in seiner
Argumentation weiter gehen müssen, denn den Diktator im Amt
zu lassen, war nicht nur unmoralisch, sondern behob das Problem nicht, das
schlicht und ergreifend "Saddam Hussein" hiess. Brzezinski folgert
immerhin, Bushs nicht vollzogener Erfolg im Irak sei zur Erbsünde seines
Vermächtnisses geworden. Zunehmend seien die Amerikaner
im Nahen Osten als pro-israelisch wahrgenommen worden, mit einer
Verzögerungstaktik, welche die Ausdehnung der jüdischen Siedlungen
erleichtert habe.
Abschliessend bemerkt Brzezinski, das grösste Manko von Bush Senior sei nicht
gewesen, was er getan habe, sondern das, was er nicht getan
habe. Dabei denkt der Autor vor allem an eine “globale Architektur” wie nach dem
Zweiten Weltkrieg, unter Einbeziehung von Russland,
China und aufstrebenden Staaten der Dritten Welt, wobei unklar bleibt, ob diese
Mächte tatsächlich zu einer solchen Neu-Ordnung bereit gewesen wären.
Bill
Clinton - Aussenpolitik als erweiterte Innenpolitik - Fehlschläge in Serie
Bill Clinton beschreibt Brzezinski als den brillantesten und visionärsten der
drei Führer; gefehlt habe ihm jedoch die strategische Folgerichtigkeit im
Einsatz der amerikanischen Macht. Er habe eine optimistische Sicht
der Globalisierung vertreten, die auf mulilaterale
Zusammenarbeit in einer immer stärker vernetzten Welt setzte. Clinton habe eine
"mythologische" Version der Globalisierung vertreten, die
verantwortlich das Schicksal der Menschheit leite.
Brzezinski umschreibt sein Clinton gewidmetes Kapitel mit den Worten “Die
Impotenz guter Absichten (und der Preis of Self-Indulgence)”.
Für Clinton sei Aussenpolitik “weitgehend eine Ausdehnung der Innenpolitik”
gewesen. Die innenpolitische Erneuerung sei
das zentrale Thema seiner ersten Amtszeit gewesen. Die Globalisierung habe eine
griffige Formel geliefert, um die Innen- und
Aussenpolitik in eine einzige, anscheinend kohärente Politik zu verschmelzen, die ihn von der Verpflichtung
befreite, eine disziplinierte
aussenpolitische Strategie zu definieren und zu verfolgen.
Clintons Managementstil habe fast alle Regeln eines ordentlichen Prozesses
verletzt. Brzezinski beschreibt ihn mit dem deutschen
Wort “Kaffeeklatsch”. Selbst in der zweiten Amtszeit habe niemand der
Aussenpolitik eine klare Richtung gegeben.
Die Lobbys seien hingegen in ihrer Bedeutung gewachsen.
Konkret wirft Brzezinski Clinton versagen im Umgang mit Nordkoreas Nuklearplänen
vor. Bei Indien und Pakistan seien die
Bemühungen ähnlich fruchtlos gewesen, doch hier hätten die USA weniger
Einflussmöglichkeiten gehabt. Clintons Versagen in Somalia
und angesichts der Massaker in Ruanda erwähnt Brzezinski nur kurz.
Clinton habe 1995 bei der Gründung der WTO geholfen. China sei 2001 in diese
neue Weltwirtschaftsstruktur eingebunden worden.
Bereits 1994 habe Clinton China den Status der "most favored nation" mit dem
Argument gegeben, auf lange Sicht werde China
die internationalen Regeln akzeptieren. Diese aufsteigende Wirtschaftsmacht
hätte eine eingehendere Analyse verdient.
Clintons Reputation wurde beschädigt, weil er den Vertrag für den neuen
Internationalen Strafgerichtshof zwar signierte,
dieser jedoch nie von den USA ratifiziert wurde. Noch verheerender stuft
Brzezinski die Nicht-Ratifizierung des Kyoto-Protokolls ein.
Zurecht vermerkt er, dass der Senat sich mit 95:0 Stimmen dagegen stimmte, doch
erwähnt er nicht, dass Clinton und Gore
nie einen Alternativvorschlag ausarbeiteten.
Brzezinski bezeichnet die Ausdehnung und Konsolidierung der "Atlantischen
Gemeinschaft" als einzige dauerhafte strategische
Errungenschaft Clintons. Im israelisch-palästinensischen Konflikt, im Irak, in
Somalia, in Ruanda sowie im Kampf gegen den
Terrorismus habe Clinton gezögert, die USA zu involvieren. Einzig
Madeleine Albright habe in Ex-Jugoslawien kraftvoll interveniert.
Doch wurde keine Präventivschlag-Strategie ausgearbeitet. Obwohl Clinton wie
F.D.R. und Kennedy bewundert worden sei und den Intellekt
und die Persönlichkeit dafür hatte, habe er sein Charisma nicht zur globalen
Führung genutzt. Seine opportunistische Entscheidungsfindung
und sein Globalisierungs-Determinismus führten nicht zu einer klaren Strategie,
die er ohnehin nicht für nötig hielt.
Bush Junior - Dilettantismus und Desaster
George W. Bush wird laut Brzezinski von "starken Bauchgefühlen" (gut
instincts)geleitet,
doch verstehe er die globalen Komplexitäten
nicht und tendiere zu dogmatischen Formulierungen in einem Gut-und-Böse Schema. Der Autor überschreibt sein
entsprechendes
Kapitel treffend mit "katastrophaler Führung (und die Politik der Angst)".
Zu den drei Bush inspirierenden Beratern zählt der Autor nicht Dick Cheney oder Karl Rove, sondern die Sicherheitsberaterin und spätere
Aussenministerin Condoleezza Rice, den Stabschef des Vizepräsidenten, Lewis Libby, sowie den Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz.
Insbesondere mit Rice geht Brzezinski
mehrfach hart ins Gericht. Sie tendiere zu einer kategorischen Perzeption der
internationalen Komplexitäten, die kongenial zur moralistischen Dichotomie des Präsidenten
stehe und dessen Vorliebe für reduktive Rhetorik über Gut und Böse noch verstärke und rechtfertige.
Brzezinski unterstreicht als wichtigsten Punkt im Zusammenhang mit dem
Irakkrieg, das dieser den globalen Führungsanspruch
der USA untergraben habe. Der Verlust von Soft Power führe zum Verlust
von Hard Power. Der Verteidigungsminister und sein Vize
hätten zudem für die Brutalitäten in Abu Ghraib und in Guantanamo zur
Rechenschaft gezogen werden sollen. Der Irakkrieg sei ein
geopolitisches Desaster, da er Ressourcen und Aufmerksamkeit von der
Terrorbedrohung abgezogen habe. Dem Anfangserfolg in
Afghanistan sei eine Wiedererstarkung der Taliban gefolgt, wodurch neue
Rückzugsgebiete für die Kaida entstanden seien. Durch
die Fokussierung auf den Irak konstatiert der Autor in Somalia eine ähnliche
Entwicklung zum Negativen wie in Afghanistan sowie
eine fehlende Stabilität in Pakistan. Brzezinski untermauert die negative Bilanz
des Irakkriegs mit dem Hinweis auf die Toten Amerikaner
und Iraker, die exorbitanten Kriegskosten, die Zunahme antiamerikanischer
Gefühle sowie die erhöhte Terrorgefahr.
Brzezinski behauptet, wenn die Demokratie traditionellen Gesellschaften, die
keinen progressiven Ausbau der zivilrechte und keine graduelle Entstehung des
Rechtsstaates durchgemacht hätten, zu schnell aufgezwungen werde, hätten
diese die Tendenz, in Konflikten und Gewalt zwischen intoleranten Extremen zu
enden. Genau dies sei in Irak, Palästina, Ägypten und Saudi Arabien durch kurzsichtige amerikanische Bemühungen zur Demokratieeinführung geschehen.
China und Russland könnten von der desolaten amerikanischen Aussenpolitik, nicht
zuletzt durch gegenseitige Zusammenarbeit, profitieren. Sie arbeiteten bereits
in Nordkorea, im Iran, dem Nahen Osten und Zentralasien zusammen, was weder Bush
noch Rice bemerkt zu haben schienen. Ölproduzierende Länder könnten sich China
zuwenden. China zeige Bush die kalte Schulter, doch mit Indien wollten die USA
eine strategische Partnerschaft bilden. Brzezinski unterschlägt, dass Indien im
Gegensatz zu China eine Demokratie ist, und dass keine eine unselige Rolle in
Tibet, Darfur, Nordkorea, Burma sowie im Verhältnis mit dem demokratischen
Taiwan spielt. Hingegen bemerkt er, Bush habe sein positives Bild von Putin
trotz dessen Restauration des Autoritarismus in Russland nicht geändert.
Im israelisch-palästinensischen Konflikt bedauert Brzezinski die Entwicklungen
sowohl unter Clinton wie unter Bush Junior, da sich die USA zu einseitig auf
Israels "vollendete Tatsachen" als Basis für ein zukünftige Lösung gestützt hätten.
Dazu zählt er unter anderem die Entfernung Yasser Arafats von der politischen
Bühne, die Indifferenz gegenüber der Ausweitung der israelischen Siedlungen im Westjordanland sowie präventive Schläge, darunter gezielte Tötungen von
Palästinensern. Bush habe die zwei Streitparteien sich selbst überlassen,
ignorierend, dass sie ohne die amerikanische Vermittlung nicht zum Frieden
finden würden.
Bushs Betonung, er sei ein Kriegspräsident, hält Brzezinski für deplaziert. In
den Hochzeiten des Kalten Krieges hätten innerhalb weniger Stunden 150 Millionen
Menschen ihr Leben verlieren können, doch deshalb habe keine Präsident eine
Politik der Angst betrieben. Er kommt zum Schluss, Bush habe in gefährlicher
Weise Amerikas geopolitische Position mit einer Politik basierend auf
Selbsttäuschung
unterminiert.
Fazit und
Blick in die Zukunft
Brzezinskis kritischer Blick auf die amerikanische Aussenpolitik seit dem
Zerfall des Sowjetblocks ist durch keine parteipolitische Brille gefärbt. Doch
liest sich sein Text oft wie eine Zusammenfassung, zu der man gerne die Details
der zugrundeliegenden Analyse studiert hätte. Er bietet wenig konkrete Ratschläge
für den nächsten Präsidenten. Immerhin stellt er bezüglich Moskau klar, dass der
Westen Putin hätte klar machen sollen, dass ein Rückfall in den Autoritarismus
im Inland und in neoimperialistische Taktiken im Ausland Russland in die
Isolation führen würde. Die Nicht-Lösung des israelisch-palästinensischen
Konflikts, durch den Irakkrieg intensiviert, könne langfristig zur Vertreibung
der USA aus der Region führen, wovon China profitieren würde. In China wiederum
sei unklar, wie das Land den Gegensatz zwischen der freien Wirtschaft und dem
bürokratischen Zentralismus seines politischen Systems (ein Euphemismus) lösen
wolle. Für China wäre ein in die NATO integriertes Japan eine kleinere Gefahr
als ein freischwebendes ("freewheeling") Japan.
Brzezinski plädiert für das Zurückbinden der Lobbyisten in den USA und die
Schaffung eines gemeinsamen, institutionalisierten Mechanismus von Exekutive und
Legislative zur globalen Planung. Keine Macht könne die Rolle übernehmen, welche
die USA potentiell spielen könnte und sollte. Die USA und Europa zusammen
könnten die entscheidende Kraft für das Gute in der Welt sein. Die
Umweltverschmutzung spricht er nur am Rande an. Zur politisch erwachenden
Dritten Welt meint er, ihr Rückstand sei vor allem auf inkompetente und korrupte
Führer zurückzuführen, die für Demokratie und Marktwirtschaft noch nicht bereit
seien. Doch die aufstrebende Dritte Welt werde die globalen Machtverhältnisse
verschieben. In der Zukunft werde kein Land mehr die Welt alleine dominieren
können. Er erwähnt die Möglichkeit einer antiamerikanischen Allianz bestehend
aus China, Indien und Russland. Brzezinskis positive Endnote ist sein Glaube an
an eine zweite Chance für die USA, doch werde es keine dritte geben. Zbigniew Brzezinski: Second
Chance. Three Presidents and the Crisis of American Superpower. Basic Books,
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Zbigniew Brzezinski: Second
Chance. Three Presidents and the Crisis of American Superpower. Basic Books,
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