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Reitervölker im Frühmittelalter
Hunnen, Awaren und Ungarn
Artikel von Heinrich Speich vom 1. Juni 2008
 
Hunnen, Awaren und Ungarn waren die drei Reitervölker, die Mitteleuropa zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert heimsuchten. Wer sie wirklich waren und was von ihnen übrig blieb, wird im Buch der drei Archäologen Anke, Révész und Vida kompakt, aktuell und vorurteilsfrei dargestellt.

Wir kennen sie alle, die Darstellungen der schmutzigen bärtigen Männer, die von ihren Pferden aus Angst und Schrecken unter der überfallenen Bevölkerung verursachen. Die römischen Schriften rechneten die Hunnen ebenso zu den unzivilisierten und grausamen Barbaren, wie die frühmittelalterlichen Quellen die Awaren und Ungarn. Dabei handelt es sich natürlich um eine parteiische Aussensicht, die den Lebenswelten der verschrienen Völker nicht gerecht wird.

In der knappen Einführung werden die Lebensgrundlagen der Steppenvölker erläutert. Die nomadische Lebensweise war die angepasste Form der Landnutzung in den weiten und wenig fruchtbaren Steppengebieten Eurasiens. Als Reitervölker werden diejenigen Nomaden bezeichnet, deren Transportmittel hauptsächlich das Pferd war. Eine hohe Mobilität war ihre Überlebensstrategie.

Der Kontakt mit den europäischen Reichen der Spätantike und des Mittelalters bildete für die reiternomadischen Gruppen Höhepunkt und Niedergang zugleich. Aus den innerasiatischen Steppen kommend, gelang es ihnen innert kürzester Zeit, sich in den europäischen Randgebieten festzusetzen. Dabei bevorzugten sie Regionen, die der nomadischen Lebensweise entgegenkamen, wie das nördliche Schwarzmeergebiet oder das Karpatenbecken. Ihre kriegerischen Expansionen erfolgten aus diesen Zentren heraus unter Mithilfe einheimischer Krieger.



Die Hunnen, welche als Reitervolk ab der Mitte des vierten Jahrhunderts links der Wolga fassbar waren, integrierten die eroberten Völker in ihre klienteläre Stammeskultur. Die Teilhabe an Kriegsbeute und Tributzahlungen bildete die Grundlage der gemeinsamen Aktionen. Kennzeichnend für die Zugehörigkeit zum hunnischen Stammesverband waren Nomadentum und kriegerische Aktivitäten, die hunnische Herkunft war nicht Voraussetzung. So bildete sich eine Mischkultur, in der einerseits germanische und reiternomadische Elemente verschmolzen, andererseits traditionelle Formen weder abgelegt noch von anderen übernommen wurden. Diese bilden wichtige archäologische Hinweise, zum Beispiel die Hunnischen Kessel oder die Beigabe eines zerbrochenen Spiegels in hunnischen Gräbern. Die Autoren stellen in diesem Zusammenhang die berechtigte Frage „Hunnische Kultur“ oder „Reiternomadischer Kulturkomplex spätantiker Prägung?“, denn auch der Einfluss des nahen spätrömischen Reiches zeigt sich in Importen und Kriegsbeute. Unter der Leitung ihrer Kriegerfürsten zogen die Hunnen und ihre germanischen Verbündeten 395-469 regelmässig in das römische Reich. Der Versuch zur Reichsbildung schlug trotzdem fehl, da dem hunnischen Stammesverband die Kohärenz fehlte. 453, nach dem Tode des hunnischen Grosskönigs Attila lehnten sich germanische Stämme gegen dessen Nachfolger auf. Gepiden, Heruler, Rugier und Sarmaten besiegten die hunnische Koalition. Danach zogen sich die Hunnen in das Schwarzmeergebiet zurück und verschwanden aus dem Licht der (europäischen) Geschichte. Interessant ist die These, dass die Präsenz der Hunnen die germanischen Völker von Wanderungen in das römische Reich abgehalten hätten.

Die materielle Hinterlassenschaft der Hunnen zeigt sich vor allem in Waffenfunden. Die nomadische Schwertform der Spatha hatte eine schmale zweischneidige Klinge, die bis zur Spitze gleichmässig breit war und eine massive eiserne Parierstange. Die effektivste Waffe der Reiternomaden war der Reflex- oder Kompositbogen, der aus mehreren Teilen aus Holz und Knochen zusammengesetzt wurde und auf dem hölzernen Sattel reitend eingesetzt wurde. Waffen, Schmuck und edle Materialien waren zu Repräsentationszwecken hoch geschätzt. Die künstlerische Ausrichtung, Herrschaftszeichen und Statussymbole der germanischen Oberschicht orientierte sich an den hunnischen Vorgaben und wechselte nach deren Niederlage abrupt zu römischen Vorbildern. Im Bereich der Religion galten die Hunnen als tolerant, ihre Riten sind nicht überliefert. Kultische Funktionen könnten die Kessel haben, magische Symbole sind bekannt. Eine Besonderheit war die künstliche Schädeldeformation, die nur im Kontext hunnischer Stammesverbände praktiziert wurde. Die Bestattungen der Hunnen, traditionales und daher beliebtes archäologisches Merkmal, sind schwer fassbar und auch Siedlungen sind keine bekannt.

Im Jahre 562 drangen die Awaren, ein reiternomadischer Verband aus Innerasien, bis an die Elbe vor. Ihre Basis lag damals nördlich der unteren Donau. Im Süden verhinderten byzantinische Befestigungen ein Überschreiten des Flusses und im Osten drängten die Türken nach. Die rund 100'000 Awaren liessen sich ab 567 im Karpatenbecken nieder. Ihre wirtschaftliche Grundlage bildete der Viehbestand und ihre Militärmacht basierte auf einem Heer aus Panzerreitern mit Lanze, ergänzt von leichter Reiterei und Hilfstruppen zu Fuss. Ihre Kampftaktik beinhaltete die typisch nomadischen Merkmale von Reiterattacken, vorgetäuschter Flucht und Hinterhalt, sie benutzten als erste in Europa eiserne Steigbügel und kannten den Reflexbogen. Gegen hohe Tribute aus Byzanz waren sie bereit, dessen Gegner zu bekämpfen, allerdings ohne Ostrom wirklich die Treue zu halten. Die Awaren verschmolzen mit der sesshaften Bevölkerung zu einer Wertegemeinschaft und integrierten reiternomadische und spätantike Elemente zu einer neuen Kultur, wobei sich die Sachkultur den Vorbildern aus Byzanz annäherte. 791-796 eroberten die Franken das awarische Gebiet stückweise, wobei Karl der sagenhafte Ring (Schatz) der Awaren in die Hände fiel. Abhängige awarische Fürstentümer bestanden bis 828, Reste der awarischen Kultur überdauerten wohl bis zur Landnahme der Ungarn.



Die Ungarn liessen sich um 895 in der Ungarischen Tiefebene nieder, nachdem sie aus Innerasien stammend lange zwischen den Flüssen Wolga und Ural gelebt hatten. Dort scheint in den 20er und 30er Jahren des 9.Jh. ein Bürgerkrieg ausgebrochen zu sein, der die Ungarn in zwei Teile spaltete. Die nach Süden gegen Persien abgedrängten Sawarden-Ungarn pflegten noch lange mit der Hauptgruppe Kontakt, die sich im Grossraum zwischen Dnjestr und Dnjepr niederliess. Von dort aus erfolgten die Vorstösse nach Westen, 881 schlugen sie eine Schlacht in der Gegend von Wien. Die exponierte Lage in der weissrussischen Tiefebene bewegte die Ungarn, sich im von den Karpaten geschützten Ungarischen Tiefland niederzulassen, das optimale Bedingungen für ihre angestammte Lebensweise bot und nach dem Zerfall des Karolingerreiches von keiner Macht wirksam geschützt werden konnte. Wie vor ihnen schon Hunnen und Awaren zogen sie mehrfach nach Westen, um Tributzahlungen für ihr klienteläres Herrschaftssystem zu erhalten. Ab 899 erschienen sie wiederholt in Mitteleuropa und Italien. Wenn die Fürsten keinen Tribut zahlten, wurde angegriffen. Die Ungarn hatten weder Infanterie noch Panzerreiter. Ihr Heer teilten sie in Schwärme auf, die den Einwohnern den Tribut abpressten. Dagegen wehrten sich die regelmässig Geschädigten, indem sie über Jahrzehnte Festungen und Städte bauten, die von den leicht ausgerüsteten Reiterheeren nicht belagert werden konnten. Erst die reichsweit koordinierte Politik der Kaiser Heinrich und Otto I. war ab 932 gegen die Ungarn erfolgreich, die 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg vernichtend geschlagen wurden und nur noch sporadisch und wenig erfolgreich bis 970 Raubzüge unternahmen. Um die Mitte des Jahrhunderts verlegten die ungarischen Grossfürsten ihren Schwerpunkt vom Theiss-Gebiet nach Westen in die Region um das heutige Budapest. Die Funde deuten auf breite Umsiedlungen hin, was in neuer Siedlungsweise und Grabbelegung zum Ausdruck gebracht wurde. Die Ungarn beherrschten Acker- und Weinbau, pflegten aber insbesondere Vieh- und Pferdezucht sowie die Jagd. Im Gegensatz zu Hunnen und Awaren glückte den Ungarn die Reichsbildung. Im Jahre 1000 nahm König Stephan der Heilige Königskrone und Christentum an und etablierte Ungarn als stabile Dynastie im entstehenden europäischen Gefüge.

Der Band zu den drei „europäischen“ Reitervölkern Hunnen, Awaren und Ungarn bringt dem Leser eine in übersichtlicher Weise und mit reichem Bildmaterial versehene konzise Geschichte der drei Völker. Charakteristisch für das Theiss-Verlagsprogramm und ganz speziell in diesem Band ist die konsequent angewandte archäologische Sichtweise, die dem breiten Publikum fast beiläufig vermittelt wird. Scheinbar trockene Themen wie Bestattungskultur, Trachtenbestandteile oder Gebrauchskeramik werden geschickt in die flüssige Darstellung eingebunden. Rekonstruktionen und schematische Zeichnungen ergänzen die abgebildeten Funde und den Text. Der neueste Forschungsstand und sogar ungarische Grabungen des Jahres 2007 konnten berücksichtigt werden. Als Rezensent und Archäologe freue ich mich sehr über solch übersichtliche Werke, die es verstehen, dem interessierten Laien Inhalt und Methode der Archäologie als Teil einer erweiterten Geschichtswissenschaft näher zu bringen.

Bodo Anke, Làszló Révész, Tivadar Vida: Reitervölker im Frühmittelalter. Hunnen – Awaren – Ungarn. Theiss Verlag Stuttgart 2008. 110 Seiten, durchgehend farbig. Buch bestellen bei Amazon.de. - Alle Aktionen bei Amazon.de.




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