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Die Römer in
Deutschland
Artikel von Heinrich Speich vom 6. August 2008
Rom
fasziniert bis in die Peripherie, damals wie heute. Auch nach den
bedeutenden Römer-Ausstellungen in Stuttgart und Trier bricht die Welle
an Publikationen zur römischen Präsenz in Deutschland nicht ab. Quo
usque...
Das neue
Buch des Archäologen Andreas Thiel befasst sich mir der Präsenz Roms im
Alltag der damaligen Bevölkerung dies- und jenseits des Limes. In einem
konzisen Einführungskapitel zeigt er, dass im südlichen und westlichen
Deutschland eine keltische Hochkultur bestand und wo die germanischen
Siedlungsgebiete lagen. Er erklärt, wie Caesar und seine Nachfolger das
Gebiet nördlich der Alpen militärisch unter Kontrolle brachten. Die
zentrale Rolle als Vermittlerin römischer Zivilisation hatte das Militär
inne, welches in Legionslagern lebte und im Kontakt mit der Bevölkerung
römische Lebenskultur vermittelte und Verdienst und
Aufstiegsmöglichkeiten bot. Im ersten nachchristlichen Jahrhundert
zeigten die Kriege unter Augustus und Tiberius, dass eine dauerhafte
Integration der germanischen Gebiete nicht möglich waren. Die Grenzen an
Donau und Rhein wurden befestigt und die Verkehrswege im Hinterland
gebaut, welche die Provinzen an das reichsweite Handelsnetz anschlossen
und eine Versorgung mit all demjenigen erlaubte, was die römische
Zivilisation ausmachte: Wein und Öl aus Italien, Keramik aus
Südfrankreich und Glas aus dem Rheinland. Die Stadt etablierte sich
dabei als bedeutendster Ort der Kulturvermittlung. Römische
Stadtgründungen folgten einem rechtwinkligen Bauschema und boten der
Bevölkerung Annehmlichkeiten wie Theater, fliessendes Wasser,
Thermenanlagen, Tempel und Geschäfte aller Art zur Befriedigung von
menschlichen und überirdischen Bedürfnissen.
Die
veränderten Lebensbedingungen schlugen sich auch in der Landwirtschaft
nieder. Es wurden exotische Haustiere wie Pfauen, Tauben oder Fasane
gehalten, aber auch Hauskatze, Esel oder Maultier eingeführt. Schwerere
Arten von Rindern, Ochsen, Schweinen und Hühnern wurden herangezüchtet,
um den gestiegenen Fleischkonsum zu decken. Der Speisezettel wurde um
klassische mediterrane Kulturpflanzen erweitert, so bei Obst, Gemüse und
Gewürzen. In klimatisch günstigen Gegenden wurde Wein produziert, der
vorher stets in Amphoren abgefüllt importiert werden musste. Die Villa Rustica war nicht nur Wohnhaus der romanisierten Eliten auf dem Land,
sondern Zentrum eines Gutshofes, mit Wohnräumen, Ställen und
Verarbeitungsbetrieben der ländlichen Produktion. Die römische
Zivilisation wird von Thiel lebendig geschildert und mit zahlreichen
Illustrationen veranschaulicht. Der kurzweilige Text erfasst das
Wesentliche und beschreibt den grundlegenden Wandel der ersten beiden
nachchristlichen Jahrhunderte in Bezug auf Lebensweise, Wirtschaft und
Glaubenswelt. Die Bilder zeigen dazu Funde, Rekonstruktionen und Modelle
aus Deutschland.
Nach dieser
Schilderung römischer Blütezeit geht die Darstellung nahtlos in die Zeit
der Krise über. Seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts wurde das Reich
im Norden durch Germanen heimgesucht, die als kriegerische Gruppen in
den römischen Provinzen Raubzüge unternahmen. Die Zentralmacht war durch
Bürgerkriege und Wirtschaftskrisen geschwächt und konnte die
germanischen Provinzen in der Folge nur ungenügend schützen. Der
Romanisierungsgrad ging zurück und die Grenze wurde an Rhein und Donau
zurückverlegt, der Limes und Südwestdeutschland aufgegeben. Erst gegen
Ende des dritten Jahrhunderts wurden Armee und Reich wirksam
reorganisiert.
Nach dieser
Festigung des Reiches, die als Beginn der Spätantike gilt, war das
römische Reich auf Verteidigung des Erreichten, nicht mehr auf Expansion
und Zivilisierung ausgerichtet. Im vierten Jahrhundert wurde die Rhein-
und Donaugrenze mit Kastellen und Grenzpatrouillen auf dem Fluss
gesichert, die Städte stark befestigt sowie zivile und militärische
Verwaltung vereinigt und den Bedrohungen angepasst. Die grosszügigen,
mediterran anmutenden Verwaltungszentren in den Städten wurden zugunsten
von kompakteren ummauerten Kastellen vernachlässigt. Religion, Kunst und
Gesellschaft wurden zunehmend vom Christentum geprägt, das sich als neue
Religion durchgesetzt hatte. Die Städte, auf denen die römische
Zivilisation beruhte, erlebten im 4. Jahrhundert noch einmal eine Blüte,
vor allem Trier als kaiserliche Residenz wurde mit prachtvollen Bauten
ausgestattet. Trotz Abgrenzung und Kriegen gegen germanische Gruppen
bediente sich die Militärführung ihrer als Soldaten und liess sie im
Schutze der Legionen auf Reichsgebiet siedeln. Der Zustrom an Völkern,
die ihre angestammte Lebensweise und eigene Sozialstrukturen
mitbrachten, konnten im 5. Jahrhundert nicht mehr vom Reich absorbiert
werden. Als Folge bildeten sich germanische Königreiche innerhalb des
römischen Reiches.
Im
abschliessenden Kapitel geht Thiel den Spuren der Römer vom Mittelalter
bis in die heutige Zeit nach und beschreibt dabei, welche Erinnerungen
und Artefakte der Römerzeit im kollektiven Gedächtnis erhalten blieben
und wie sie auf die jeweilige Gesellschaft einwirkten. Er fasst die
wichtigsten Relikte der Römerzeit in Deutschland zusammen: Reichsidee,
Kirche, Baukunst, Sprache, Schrift und Recht gehen massgeblich auf die
römischen Vorbilder zurück. Das römische Reich und seine
Errungenschaften blieben in Erinnerung und wurden immer wieder politisch
instrumentalisiert. Thiel schlägt den Bogen auf die Präsenz des
römischen Erbes über die Antikensehnsucht des 19. Jahrhundert bis zu den
Comics unserer Zeit.
Ein
sorgfältig erarbeitetes Glossar und eine Zeittafel runden die
Darstellung ab. Thiel ist es gelungen, ein sprachlich schönes, nicht
komplex erscheinendes Buch zu einer nur scheinbar abgegriffenen Thematik
zu präsentieren. Allerdings konnte bei der sachlichen Breite die
angestrebte Tiefe nur ansatzweise erreicht werden. Thiels Werk hat den
Anspruch, eine Zusammenfassung des Forschungsstandes zu bieten. Dieses
Ziel hat der Autor insbesondere in den Kapiteln Romanisierung und
Spätantike in vorbildlicher Weise erreicht. Zu diesen beiden Bereichen
wurde in den vergangenen Jahren viel Neues bekannt, während die
Darstellung römischer Zivilisation einer stereotypen Auflistung bereits
landläufig bekannter Themenkomplexe wie Stadt, Militärwesen und Religion
gleicht und dem gebildeten Leser erspart bleiben könnte. Natürlich
konnten auch hier neue Funde und Befunde präsentiert werden, die Sicht
auf die Blütezeit römischer Lebensweise in Deutschland hat sich
allerdings dabei nicht massgeblich verändert. Die vielen qualitativ und ästhetisch hochstehenden Fotographien und Rekonstruktionen bereichern
den Text in angenehmer Weise und sind vorbildlich im Text platziert.
Schade, dass dabei nur museumsreife Stücke bzw. Baurekonstruktionen
gezeigt werden. Die Darstellung neigt zur Überhöhung der Fundqualität,
indem römische Funde jeweils perfekt erhalten dargestellt werden und
neue Abbildungen bekannter Rekonstruktionen vorgaukeln, den aktuellen
Forschungsstand wiederzugeben. In der Brust des Rezensenten schlagen
zwei Herzen. Einerseits liegt hier eine prachtvolle Darstellung der
römischen Geschichtsepoche in Deutschland vor, mit dem Fokus auf die
historisch erfassbaren Lebensbereiche. Andererseits vermisst der
Archäologe methodische Seitenblicke, Grabungspläne (nur der von
Ladenburg/Lopodunum ist da) und Hinweise auf die klassischen
archäologischen Kriterien wie Leitformen oder Verbreitungskarten. Diese
Ambivalenz schlägt sich im Gesamtbild nieder. Ich denke, hier wollte ein
Archäologe seinem Publikum einen historischen Überblick bieten; der
Komplexität von Epoche und Methode wurde dabei zu wenig Rechnung
getragen. Zu viel wurde über einen Kamm geschert, zuviel idealtypisch
verklärt. Die Römerzeit in Deutschland lässt sich auf 175 Seiten nicht
darstellen, auch wenn bis in wenigen Jahren unter den Auspizien neuer
Funde und Erkenntnisse dasselbe Unterfangen erneut angegangen werden
wird.
Andreas
Thiel, Die Römer in Deutschland, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2008.
175 Seiten, durchgehend farbig. ISBN 978-3-8062-2167-4. Buch bestellen
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Thiel, Die Römer in Deutschland, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2008.
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