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Türkei: Wiege der
Zivilisation
Rezension von Heinrich Speich vom 1. August 2008. Hinzugefügt um 00:05.
Anatolien, so haben die Forschungen der
letzten Jahre ergeben, lag nicht am Rande des fruchtbaren Halbmondes, sondern
war lange Motor und Zentrum der kulturellen Entwicklung des Menschen. Der Autor
schlägt in einer gewagten Überblicksdarstellung den Bogen von der Entstehung der
ersten Grossbauten vor fast 12'000 Jahren bis zur Blüte der ionischen
Küstenstädte im 6. Jahrhundert.
Michael Zick begeht
nicht den Fehler, die Lorbeeren ganzer Forschergenerationen einheimsen zu
wollen. Sein Buch will keine bahnbrechende Kulturgeschichte menschlicher
Frühgeschichte sein, sondern die Entwicklung im als Türkei definierten Raum
übersichtlich darstellen. Über 10'000 Jahre in einem handlichen Buch
sinnstiftend zusammenzufassen ist ein übermenschliches Unterfangen und wäre von
vornherein zum Scheitern verurteilt, hätte der Autor nicht tief in die
stilistische Trickkiste gegriffen. Seine Krimi-artige Erzählweise und sein
Jonglieren mit Expertenmeinungen zeugen von schriftstellerischem Talent, das
bisher in archäologische Darstellungen selten Eingang gefunden hat. Der Autor
nimmt den Leser mit auf eine Reise, die ihn vom heutigen Istanbul zurückführt in
die „Morgenröte der Menschheit“, zu den Anfängen der Kultur im nördlichen
Mesopotamien, im Südosten der Türkei.
Zick beansprucht nicht, selber alle Details und Ausgrabungsstätten zu kennen. So
treten im Laufe der Reise viele Experten auf, die die Fundstellen und deren
Bedeutung diskursiv erläutern und dem Leser den Eindruck geben, selbst als
Betrachter am Rande der Grabung zu stehen und sich direkt vom Grabungsleiter
einen Überblick geben zu lassen. Überwältigende Landschaftsbilder, Luftaufnahmen
von Grabungen, Pläne und Rekonstruktionszeichnungen ergänzen die
abwechslungsreichen Besuche vor Ort.
Am Beginn menschlicher
Architektur stehen die Kultbauten auf dem Göbekli Tepe. Hier steht ein
Kultkomplex des frühen vorkeramischen Neolithikums (PPN A) aus der Zeit um 9600
v. Chr., mit dem die Ansicht, dass Sesshaftigkeit Voraussetzung zu kultureller
Leistung sei, widerlegt wird. Die Menschen der späten Jäger- und
Sammlerinnenkulturen bauten runde, von verzierten T-Pfeilern gestützte Kulträume
von 15-20 Metern Durchmesser. Als diese nicht mehr benötigt wurden, wurden sie
absichtlich zugeschüttet und um 7500 v. Chr. endgültig aufgegeben. Der Autor
lässt den Entdecker und Ausgräber der Siedlung, Klaus Schmidt des Deutschen
Archäologischen Institutes in Berlin, die Forschungsgeschichte und Bedeutung
erzählen. Dabei dürfen auch holzschnittartig formulierte Thesen nicht fehlen,
wie die Voraussetzungen zum Bau des Kultzentrums, die Schmidt als
„Teilzeit-Sesshaftigkeit mit Feierabend-Ackerbau“ verständlich bezeichnet.
Es wird denn auch bewusst keine direkte Verbindung zwischen Kultbezirk und
Siedlung (Nevalı Çori) des PPNA/B und der ersten stadtartigen Siedlungen von
Çatal Höyük des 7./6. Jahrtausends hergestellt. Hier wohnten bis zu 8000
Menschen in gemauerten Häusern, deren Wände innen mit spektakulären Malereien
geschmückt waren.
Ob sich bereits während
dieser Phasen die neue Lebensweise allgemein durchgesetzt hatte, lässt der Autor
offen. Er zitiert Harald Hauptmann, der die neolithische Revolution „ das
neolithische Paket“ nennt, das sich aus festen Häusern (Sesshaftigkeit),
Ackerbau und Viehzucht (produzierende Wirtschaftsweise) und Kochtopf
zusammensetzt. Andreas Müller-Karpe rechnet die Kultivierung der Pflanzen
hauptsächlich der Frau an: „Die Frau kannte die Pflanzen und hatte doch den
weinenden Säugling am Hals, dem sie schnell eine Suppe kochen musste.“ Die
brennende Frage, warum der Mensch nun wirklich sesshaft wurde, beantwortet Zick
nicht. Er stellt dazu Theorien zur Ernährung und Gesellschaftsordnung vor. Mit
weiterführenden Interpretationen hält er sich zurück; er legt sie entweder
direkt den beteiligten Experten in den Mund oder äussert sie mit der dem
Archäologen anstehenden Vorsicht. Das Buch bietet keine den archäologischen
Funden vorgreifenden Hypothesen und scheut sich auch nicht, offene Fragen
unbeantwortet zu lassen. Der Leser spürt, dass trotz der Fülle an Befunden und
neuen Informationen die Forschung zur anatolischen Geschichte noch beträchtliche
Lücken aufweist. So wird die Entwicklung Anatoliens zwischen der Aufgabe von
Çatal Höyük um 5400 v. Chr. und den Anfängen der Bronzezeit um 3000 v. Chr. in
wenigen Sätzen abgehandelt und der Graben (das ist schon keine Lücke mehr) mit
einem Seitenblick auf die rasche Neolithisierung Europas und den Aufstieg
Mesopotamiens umgangen. Als Begründung zieht er die Aussage von Ulf-Dietrich
Schoop heran, der für die Kupfersteinzeit in Anatolien zugibt: „wir strampeln
noch auf der untersten Ebene der archäologischen Erkenntnis herum“. Nachdem der
über 30m hohe Hügel von Norşuntepe mit seiner Siedlung des 4./3. Jahrtausends in
den Fluten des Atatürk-Stausees für immer entschwunden ist, kann Anatolien erst
wieder für die frühe Bronzezeit einen bedeutenden Fundplatz vorweisen: Alaca
Höyük, den bedeutenden Fürstensitz östlich Ankara, der ungefähr zwischen 2500
und 1200 v. v. Chr. besiedelt war und bedeutende Funde lieferte.
Die Bronzezeit stellt
Zick unter den Titel „Im Bannkreis der Hethiter“. Für diese Epoche malt der
Autor das Bild einer frühen „globalisierten“ Gesellschaft mit weitreichenden
politischen und wirtschaftlichen Kontakten. Entfaltung von Schrift- und
Stadtkultur prägen das dritte vorchristliche Jahrtausend. Zwischen Euphrat und
Tigris lag seit etwa 2700 v. Chr. die planmässig angelegte Stadt Urkisch (heute
Tell Mozan in Syrien), später Zentrum des Reiches der eingewanderten
indogermanischen Hurriter, Mitanni genannt. Wie ihre südlichen Nachbarn bildeten
auch die Hethiter ein Netz von Stadtstaaten, über das sich ab ca. 1800 v. Chr.
die Herren der Stadt Hattuscha erhoben. Fast 20'000 Tontafeln in Keilschrift
geben Auskunft über den Staat der Hethiter, der im 16.-14. Jahrhundert seine
Blütezeit erlebte. Das ausgedehnte Reich der Hethiter, das von den Dardanellen
bis zum Golan reichte, wurde ab ca. 1500 v. Chr. aus dem Westen bedroht. „Ahhijawa“
taucht in den hethitischen Tafeln als neue Macht jenseits des Meeres auf –
Achäer nennt Homer seine Griechen, die mit den Hethitern um die kleinasiatischen
Küstenstädte rangen. Den Kriegern aus Ahhijawa musste bereits die erste
asiatische Stadt, als unendlich reich erscheinen. Die Eroberung und Zerstörung
der im Schutze mächtiger Mauern gelegenen Residenz Wilusija (Troja) bildet den
mythisch überhöhten Stoff zur Ilias Homers. Als Sprungbrett der Ahhijawa nach
Osten diente die Stadt Millawanda (Milet). Die Theorie, dass die „Seevölker“ die
ganze Region erschüttert hätten, ist heute allerdings überholt. Die Unruhen, die
das Hethiterreich zu Fall brachten, beruhten wohl auf Wanderungen innerhalb
Kleinasiens. Als Nachfolgereiche bildeten sich Phrygien, Tarhuntassa, Karkamissa,
Urartu, etc., aus denen bis um 800 v. Chr. kaum schriftliche Nachrichten
überliefert sind. Dafür sprudeln die Quellen für die nunmehr griechischen
Küstenstädte Kleinasiens. Milet als Heimat der drei bedeutenden Philosophen
Thales, Anaximander und Anaximenes stehen für einen Aufbruch der Menschheit in
eine neue geistige Welt der Antike. Damit ist die Reise, auf die uns der Autor
durch die Zeiten mitgenommen hat, an ihrem Ende angelangt. Harald Hauptmann ist
zwar bereits zur Neolithisierung sinngemäss zitiert worden „die grosse Linie
der Entwicklung bis heute war damit vorgegeben. Seitdem, so hat es den Anschein,
haben sich nur noch Nuancen verändert“, die Darstellung von Zick beweist im
Gegenteil, wie vielfältig und reich der Boden der Türkei an archäologischen
Zeugnissen ist. Er versteht es, die Zitate seiner Gesprächspartner sinnstiftend
in den Text einzubetten und so eine abwechslungsreiche Gesamtschau zu
präsentieren, die spielerisch die Forschungsgeschichte einbindet und Desiderate
benennt. Er hinterfragt angestammte Deutungen und setzt Fragezeichen, anstelle
unreflektierter Wiederholung alter Doktrinen. Zick bedient sich einer
erfrischenden, beinahe romanesken Art archäologischer Wissensvermittlung und
wird dem Eingangs geäusserten Anspruch eines „Appettitmachers“ mehr als gerecht.
Michael Zick, Türkei, Wiege der Zivilisation. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart
2008. 176 Seiten, durchgehend farbig. Buch bestellen bei
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