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Babylon Mythos und Wahrheit
Babylon. Mythos und Wahrheit. Ausstellung im Pergamon Museum Berlin vom 26. Juni 2008 bis 5. Oktober 2008. Zwei Kataloge. Hirmer, 2008, rund 900 Seiten. Bestellen Sie die zwei Bände bei Amazon.de.
Artikel vom 15. September 2008 von Heinrich Speich

Babylon. Mythos. Ausstellung im Pergamon Museum Berlin, 26.6.-5.10.2008
 
Einen Mythos auszustellen - ist das möglich? Mythen der Ausstellungsbesucher durch Wahrheit zu ersetzen – ist das nötig? Gerade Babylon, wo kein Besucher die Ausstellung völlig vorurteilsfrei betritt, ist ein gelungenes Ziel für eine mehrschichtige Betrachtung. Babylon ist einer der wirkmächtigsten Mythen der Menschheitsgeschichte. Seit den Darstellungen der Bibel bis zu Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ geistern babylonische Motive in unserer Welt herum, die mit der historischen Wirklichkeit der Stadt im Zweistromland oft nur wenig zu tun haben. Dabei ist die Ausstellung selbst Teil des Mythos. Indem sie die alten Motive und Darstellungen präsentiert, wird sie Bestandteil der Tradition und eigenständiger Erinnerungsort für die Besucher. Einmal von der Wirklichkeit in die mythische Dimension entrückt, reproduzieren sich die Motive des mythischen Stoffes mit jeder Beschäftigung neu. Die Ausstellung führt den Besucher nicht nur methodisch geschickt in die Mechanismen des Mythos ein, sondern zeigt anhand der Wirkungsgeschichte der einzelnen Motive auf, wie die kolportierten Inhalte durch Umfeld und Weltsicht verändert werden.

Inhaltlich fokussiert die Ausstellung auf einige Hauptmotive, die dem Besucher anhand ihrer Rezeptionsgeschichte näher gebracht werden. Das Babylon-System zum Beispiel steht für ein Zwangssystem. Unter Nebukadnezar wurden im 6. Jahrhundert vor unserer Zeit unter anderem auch Juden in die Metropole des Reiches verbracht, was als babylonische Gefangenschaft Eingang in die Bibel fand und bis heute als Metapher für Exil, Verfolgung, Knechtschaft und staatliche Unterdrückung benutzt wird. In die Zeit des babylonischen Exils wird auch die Geschichte Daniels gelegt, der in die Löwengrube geworfen wird. Babylon wird damit zum Urbild eines tyrannischen Staatswesens und David zum Helden des Widerstandes. Auch Judith, die den assyrischen Feldherrn Holofernes enthauptet, wird zum Symbol des legitimen gewaltsamen Widerstandes. Die Ausstellung provoziert bewusst durch die Auswahl der Exponate. Während die Bilder der Uraufführung von Stefan Zweigs Jeremias im Jüdischen Kulturbund-Theater in Berlin 1934 noch als Selbstreflexion zur Lage in einem Zwangssystem aufgefasst werden können, zeigt der Bausatz „Lego Concentration Camp“ des Künstlers Zbigniew Libera eindrücklich, wie sich Mythos, Wirklichkeit und deren mediale Verwertung gelegentlich vermengen.

Ein weiteres Beispiel einer Schwarz-Weiss- Überlieferung ist die Person des Königs Nebukadnezar (II.), der in der Bibel als gottloser Tyrann dargestellt wird und im Alter dafür mit Wahnsinn bestraft wird. Als Leitmotiv für Hochmut und tiefen Fall wird sein Vorbild zitiert bei der Erwähnung von Nero, Caligula, Iwan dem Schrecklichen, Hitler und Stalin bis hin zu Saddam Hussein. Dieser sah sich selber als Neuen Nebukadnezar und wurde nach seiner Gefangennahme ähnlich dargestellt wie früher der Wahnsinnige: auf allen Vieren, mit langem Bart und irrem Blick.



Als Stadt der Sünde erschien Babylon bereits bei Herodot und Augustinus, der die Stadt im Gegensatz zum himmlischen Jerusalem beschrieb. Die sin-city ist wie das Motiv der Semiramis natürlich vor allem mit sexuellen Metaphern bestückt. Diese wird in Anspielung auf die apokalyptische Hure Babylon als männerverschlingende femme fatale gezeigt, die bei Dante (Inf. 5) für ihre masslose Wollust in der Hölle schmort und heute oft als Pseudonym beim Angebot sexueller Dienste verwendet wird.

Das geläufigste Motiv zu Babylon ist der Turm, eigentlich eine dem babylonischen Hauptgott Marduk gewidmete Stufenpyramide (Zikkurat). Die Darstellung des Turmes richtet sich jeweils nach den architektonischen Utopien jeder Generation. Im Mittelalter wurde er rechteckig als Wehrturm oder wie ein gotischer Kirchturm, seit der Renaissance unter dem Eindruck von Pieter Breughels stilbildendem Werk „Der Turmbau zu Babel“ rund dargestellt. Er ist Symbol für ambitionierte Monumentalarchitektur, als Idee des Bösen und als Zeichen des Hochmuts, wie in den den Filmen „Metropolis“ von Fritz Lang oder Peter Jacksons „Herr der Ringe“.

Die babylonische Sprachverwirrung gilt als biblische Strafe derer, die den Bezug zur göttlichen Sprache der Natur verloren haben. In der Folge beherrscht die Suche nach der verlorenen Ursprache und die Konstruktion von Kunstsprachen wie Esperanto oder Volapük die Forschung. Der „Babelfish“ von Douglas Adams als verschluckbare Übersetzungshilfe und die gleichnamige Suchmaschine von AltaVista belegen die anhaltende Attraktivität des Motivs.

Auf die wichtigste Frage der Besucher, wieso Babylon als zumeist negativ besetzter mythischer Stoff noch immer aktuell ist, gibt die Ausstellung eine verblüffende Antwort: Wissen und Scheinwissen, Wahrheit und Mythos zu Babylon vermehren sich jedesmal virusgleich, wenn man sich damit auseinandersetzt. Wir sind Babylon.

Babylon. Wahrheit. Ausstellung im Pergamon Museum Berlin, 26.6.-5.10.2008

Babylon, etwas südlich von Bagdad gelegen, steht im Zentrum der gleichnamigen Ausstellung. Den Schwerpunkt bilden in Berlin die gewichtigen Exponate aus den deutschen Grabungen im Irak zwischen 1898 und 1917.

Die reiche Ausbeute der Grabungen unter Robert Koldewey und Walter Andrae sind bis heute nicht zu übersehen. Der Südflügel des Pergamon-Museums wurde 1928-1930 eigens dafür gestaltet, doch sind die beiden bekanntesten Rekonstruktionen an mitteleuropäische Museumsausmasse angepasst worden: das Ischtar-Tor hatte ursprünglich zwei Torbogen und die Prozessionsstrasse eine Länge von 180 Metern. Das stört die Besucher nicht weiter und die Forscher sehen gnädig darüber hinweg. Aber wo sonst wird Kunst und Architektur Babyloniens so viel Platz eingeräumt wie in Berlin? Höchstens noch in Paris und London. Ein Glücksfall daher, dass diese drei Museen für die Sonderausstellung ihre Preziosen beisteuern und erstmals eine intensive Forschungszusammenarbeit stattfindet.

Die Berliner Ausstellung in den Räumen der Dauerausstellung des Vorderasiatischen Museums zu unterzubringen, hat allerdings Tücken: Die Objekte, die nicht in das Ausstellungskonzept passen, müssen aufwendig verdeckt werden, um den Besuchern eine thematisch sinnvolle Darstellung bieten zu können. Im Sommer herrschen wegen der hohen Temperaturen, fehlender Belüftung und hohem Besucheraufkommen teilweise beklemmende Raumverhältnisse, die den Kunstgenuss einschnüren.



Inhaltlich richtet sich der Fokus nicht allein auf Babylon, sondern auf die Region Babylonien, die südlich von Bagdad zwischen Euphrat und Tigris liegt. Dies ermöglicht eine Darstellung mit Funden, die nicht aus der Stadt Babylon kommen, sondern die Entwicklung der Region aufzeigen sollen, in der seit dem 5. Jahrtausend v. Chr. Landwirtschaft mit Bewässerungssystemen betrieben wird. Die Exponate setzen bei den frühesten Zeugnissen der Stadt Babylon ein, in der Spätzeit der Akkadischen Dynastie um 2200 vor Christus. Sie dokumentieren thematisch gegliedert die Entwicklungen bis nach der Zeitenwende. Dabei werden die Bereiche Königtum, Architektur, Religion, Recht, Arbeitswelt, Alltag, Wissenschaft und Nachleben Babylons mit den überreich vorhandenen Objekten aus Berlin, Paris, London und weiteren Leihgebern dokumentiert.

Zum Einstieg wird den Besuchern ein Überblick zur Entwicklung des Königtums geboten. Stelen von Göttern und Herrschern, Szepter, Waffen und Siegel dokumentieren Aufstieg, Niedergang und Abfolge der Dynastien im südlichen Mesopotamien. Sehr gut herausgearbeitet sind dabei die „königlichen Funktionen“, die als Selbstbild in der Titulatur der Herrscher abgebildet werden, zum Beispiel auf der Stele des Hammurapi (1792-1750 v.Chr.): Der König ist von göttlicher Abkunft, ist Hirte seines Volkes, Baumeister der Wasserkanäle und Ausstatter der Tempel. Er ist kompetent, weise und dient den Gottheiten (als Priester). Er ist Krieger und Beschützer des Landes.

Der Teil „Metropole aus Lehm“ wartet mit Rekonstruktionen einzelner Bauwerke und einem eigens angefertigten Stadtmodell auf, das den aktuellen Forschungsstand spiegelt. Sehr gut dokumentiert ist das Bauwesen: Gebrannte und beschriftete Ziegel geben Auskunft über die Baukunst, Grundrisse und Pläne erlauben einen Überblick über Architektur und Stadtplanung, von deren Monumentalität sich die Besucher jederzeit mit einem Blick auf die Prozessionsstrasse und das Ischtar-Tor vor Ort überzeugen können. Der folgende Block ist der reichen Götterwelt Babyloniens gewidmet, die sich im Laufe der Jahrtausende wandelt und den Einflüssen neu zugewanderter Gruppen ausgesetzt ist. Dies wird auch im Schöpfungsmythos Enuma elisch deutlich, der verschiedene Schöpfungstraditionen verwebt und neu gestaltet. In diesem Mythos wird auch der „Reichsgott“ Marduk als Hauptgott fassbar, bei dem andere Götter nur als „Aspekte des einen grossen Gottes“ Platz finden und der Bel, also „Herr“, genannt wurde. Als Gesetzestexte sind Codices seit dem 21. Jahrhundert v. Chr. vorhanden, die aber bereits auf eine lange vor-schriftliche Rechtstradition zurückblicken können. Der Codex Hammurapi auf dessen bereits erwähnten Stele gilt als die älteste fast vollständig erhaltene Rechtssammlung der Menschheit. Der Stein wurde öffentlich aufgestellt, damit der Text zugänglich war; Abschriften für den juristischen Gebrauch zeigen, dass der Text tatsächlich Anwendung fand. Tontafeln als Beispiele für Gerichtswesen, Prozessrecht, Familienrecht (Stellung von Frauen und Sklaven), Ehe- und Erbrecht, Schuldrecht, Darlehen, Kauf, Pacht etc. zeugen von elaborierter Rechtssatzung und -sprechung.

In Ergänzung zu den Tausenden Tontafeln mit juristischem Inhalt ist auch das Alltagsleben in Mesopotamien gut dokumentiert. Die Funde sind Metallobjekte, Gebrauchskeramik, Schmuck, Spielzeug, Kosmetikbehälter etc.

Im Schwarzen Walfisch zu Askalon, da bracht der Kellner Schar in Keilschrift auf sechs Ziegelstein dem Gast die Rechnung dar“ heisst es in einem alten Studentenlied. Auf „sechs Ziegelstein“ hätte allerdings ein halbes Epos Platz gefunden! Da sehr viele der Tontafeln mit Inschriften in Keilschrift erhalten sind, darf eine eingehende Erläuterung der Entwicklung von Schrift und Sprache in der Ausstellung natürlich nicht fehlen. Die Erforschung wird dadurch erleichtert, dass in einem Vielvölkergebilde wie Babylon Übersetzungshilfen für die verschiedenen Sprachen angefertigt wurden, die das Entziffern der Schrift seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ermöglichen. Das Resultat ist eine überaus breite schriftliche Überlieferung. Die ältesten Texte sind Wirtschafts- und Verwaltungsanweisungen, es sind aber auch literarische Werke überliefert, Epen wie z.B. Gilgamesch, Gedichtsammlungen, Rechtstexte und Gerichtsakten, Besitzurkunden, Grundsteine, mathematische Berechnungen, wissenschaftliche Texte zu Astrologie und Astronomie, Stadtbeschreibungen, Mantik (Kultpraxis), und Medizin. Die Schrifttradition basierte auf ausgebildeten Schreibern und der Überlieferung der klassischen Texte in den Tempeln.



Schriften aus römischer Zeit geben Aufschluss darüber, dass der Tempelbetrieb in Babylon die Fremdherrschaften hellenistischer und römischer Zeit überdauerte und dass chaldaioi und magoi genannte Schriftkundige Inhalt und Sprache der alten Texte bis ins 3. oder 4. Jahrhundert hinein weiter vermitteln. Die Tempel bleiben eventuell noch länger in Gebrauch. Aus dem 5.-7. Jahrhundert sind einige Texte des babylonischen Talmud nachweisbar. Die Stadt Babylon sinkt zunehmend zu einem Dorf herab, obwohl die islamischen Gelehrten der Blütezeit Bagdads sich in Bedeutung und Lokalisierung Babylons einig waren. Das Aramäische als Verkehrssprache der Region wird mit der Eroberung 636 durch das Arabische abgelöst. Die Überlieferung babylonischen Wissens wurde vor allem mittels griechischer Übersetzungen sicher gestellt, die seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. angefertigt wurden. Im Ausstellungsteil Transformation wird gezeigt, wie seit der Antike babylonisches Wissen und Traditionen weiter gegeben werden und wie stark diese islamische, christliche und jüdische Traditionen beeinflusst haben. Dabei vermischt sich die Sicht bereits mit den Themen der Ausstellung Mythos Babylon, hier allerdings aus archäologischer Warte.

Die Ausstellung ist thematisch klug gegliedert und der Besucher wird in sinnvoller Reihenfolge durch die Exponate geleitet. Einiges Kopfzerbrechen dürften den Besuchern allerdings die einführenden Texte in den Sälen bereiten: diese sind so weit oben angebracht, dass sogar der Rezensent Mühe hatte, diese im Halbdunkel der Säle zu entziffern. Wahre Erkenntnis bleibt wohl dem Benutzer der Audio-Guides vorbehalten, die zu benutzen der Schreibende verabscheut, um ungestört eigene Reflexionen anzustellen. Man kann aber auch den reich bebilderten, ausführlichen Katalog zur Ausstellung zur Hand nehmen, der in zwei Bänden Mythos von Wahrheit trennt. Hier sind die Bereiche auch thematisch gegliedert, eine chronologische und geographische Einordnung der Funde ist aber durch die wissenschaftliche Darstellungsweise besser gewährleistet als in der Ausstellung. Sehr hilfreich sind die kulturhistorischen Einführungen sowie der Anhang mit Karten, Plänen und einer übersichtlichen Chronologie. Die Ausstellung reduziert Babylonien eben doch zu stark auf Babylon, und erst die Analyse der Objektbeschriftungen erlaubt eine präzise Zuordnung der Exponate. Die thematische Gliederung der Ausstellung verhindert auch eine allfällige Präsentation von Fundzusammenhängen oder eine Übersicht der stilistischen Entwicklungen im Kunsthandwerk. Aus streng archäologischer Sicht ist daher das Potential für die museale Präsentation Babylons noch längst nicht ausgeschöpft. Trotz aller museographischer Vorbehalte bleibt aber das Verdikt zu dieser Ausstellung klar: gigantisch.

Babylon. Mythos und Wahrheit. Ausstellung im Pergamon Museum Berlin vom 26. Juni 2008 bis 5. Oktober 2008. Zwei Kataloge: Mythos. Wahrheit. Hirmer, 2008, rund 900 Seiten. Bestellen Sie die zwei Bände bei Amazon.de.




Babylon. Mythos und Wahrheit. Ausstellung im Pergamon Museum Berlin vom 26. Juni 2008 bis 5. Oktober 2008. Zwei Kataloge: Mythos. Wahrheit. Hirmer, 2008, rund 900 Seiten. Bestellen Sie die zwei Bände bei Amazon.de.



Der Drache der Prozessionsstrasse. Photo Copyright Pergamon Museum Berlin.


Das Rollsiegel des Wettergottes.
Photo Copyright Pergamon Museum Berlin.


Eine Landschenkungsurkunde.
Photo Copyright Pergamon Museum Berlin.


 
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