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Mittelalter im Labor
Artikel von Heinrich Speich vom 31. Oktober 2008
 
Mittelalter im Labor: Eine Wissenschaft, die sich selber neu erfinden will, ein hochkomplexes, interdisziplinäres Projekt in rollender Planung durch den akademischen Nachwuchs und die Aufgabe der Projektleiter, „das europäische Mittelalter in transkultureller Perspektive auf Wegen einer transdisziplinären Wissenschaft zu erforschen und zu begreifen“. Ein Blick in den Augiasstall.

Nach Titel und Klappentext erscheint der Eindruck, der Band sei nach dem Grundsatz „viel bringt viel“ zusammengestellt worden. Der Inhalt ist bei intensiverer Betrachtung allerdings mehr als nur ein Meilenstein im Schwerpunktprogramm 1773 der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“. Der Untertitel dieses zehnten Bandes der Berliner Reihe Europa im Mittelalter lautet vielsagend „Die Mediävistik testet Wege zu einer transkulturellen Europawissenschaft“ und verspricht methodisch mehr als das übliche Geschrei nach Forschungsmitteln und interdisziplinärer Arbeitsweise.

In ihrem Vorwort stellen die Herausgeber Ziel und Vorgehen bei Forschungsprojekt und Publikation vor: Das europäische Mittelalter soll von der Peripherie und seinen kulturellen Differenzen her erfasst werden. Methodisch verblüffen die Herausgeber das Fachpublikum nicht wenig: Die Projektleiter wirken nur als Moderatoren und lassen dem Nachwuchs in den drei Foren „A. Wahrnehmung von Differenz – Differenz der Wahrnehmung“, „B. Kontakt und Austausch zwischen Kulturen im europäischen Mittelalter“ und „C. Gewalt im Kontext der Kulturen“ freie Hand. Das Resultat sind diskursiv aufgearbeitete Beiträge, die in den Gruppen transdisziplinär ergänzt werden. Die stark fokussierte Sicht der Einzeldisziplinen auf ihre angestammten Untersuchungsobjekte können so gemildert und die Beiträge in Bezug auf Fragestellung und Methode ergänzt werden. Dabei wird von den Nachwuchswissenschaftlern eine hohe Flexibilität und die Aneignung disziplinenfremden Wissens verlangt, was die Herausgeber nachträglich als sehr aufwendig aber persönlich bereichernd beschreiben.

Inhaltlich sind erst einmal die Begriffsdefinitionen der einleitenden Artikel spannend. Ein salopper Verweis auf die Forschungstendenzen reicht nicht mehr, wenn die Beteiligten den Untersuchungsgegenstand jeweils unterschiedlich betrachten bzw. erstmalig erschliessen. So erstreckt sich das fruchtbare Ringen um Kohärenz über den ganzen Band und führt zu disziplinenübergreifend verwendbaren Resultaten. Die thematische Eingrenzung ist zum Beispiel dem „Arbeitsforum B, Kontakt und Austausch zwischen Kulturen im europäischen Mittelalter“ meisterhaft gelungen. Räumlichen und geistige Aspekte von Kultur, ihrer Selbst- und Fremddefinition werden einprägsam vorgestellt und in Fallstudien interkultureller Kontaktmöglichkeiten beispielhaft vorgestellt. Die einzelnen Artikel sind durch teils längere, stets in wörtlicher Übersetzung abgedruckte Quellentexte ergänzt, die zuweilen etwas gar ausführlich geraten sind.



Als geradezu aufregend dürfen zwei Fallstudien hervorgehoben werden. Der Artikel von Margrit Mersch und Ulrike Ritzerfeld „Zur Wahrnehmung von Differenz in der Architektur von S. Caterina“, ist eine mit reichlich Bildmaterial versehene Untersuchung zur  Selbstverortung der römischen Kirche in Apulien. Die Konkurrenz mit Islam und griechischer Kirche hat zu spezifischen Ausdrucksmitteln geführt und Formenschatz und Themenwahl regional beeinflusst. In sauber deklarierter Methode, mit historischer Fragestellung und kunsthistorischer Analyse erreichen die Autorinnen ein Maximum an Erkenntnissen, die über die angewandten Wissenschaften hinaus von Interesse und Relevanz sind.

Wie bereichernd unkonventionelle Fragestellungen sein können, wird auch bei Daniel König deutlich, der „Menschliche Schicksale im Kontext von Gewalt, Desintegration und Integration“ untersucht. Dazu hat er Venantius Fortunatus' Vita der thüringischen Prinzessin Radegunde untersucht, die jung verschleppt und verheiratet wurde und später in monastischer Lebensweise Halt fand. Die erfahrene Gewalt richtete sich in Form übertriebener Härte gegen Radegunde selbst, was die Vita hervorhebt. König legt bei der Textanalyse einen doppelten Massstab an, indem er neben inhaltlicher und sprachlicher Analyse jeweils überprüft, inwiefern die geschilderte Gewalt von der Norm und ihrer literarischen Darstellung einerseits und von der gattungsimmanenten Sicht hagiographischer Texte im Bezug auf Gewalt andererseits abweicht.

In ihrem Schlusswort fassen Bernd Schneidmüller und Annette Seitz Idee, Ansatz und Erkenntnisse zusammen. Ob ein solches Projekt wirklich wie beschrieben die „vorhandenen wissenschaftlichen Profile sinnvoll bündelt“ sollte allerdings erst nach Abschluss des Schwerpunktprogramms beurteilt werden und die Wirkung der Methode an Folgeprojekten mit anderer Zusammensetzung überprüft werden. Hier liegen auch Risiken, wenn eben nicht „exemplarische Beliebigkeit, sondern (...) die Chancen einer kooperierenden Mediävistik“ umfassend genutzt werden sollen.  Die Frage nämlich, welche Teildisziplinen auf eine konkrete Fragestellung hin zur Analyse herangezogen werden und in welcher Form diese präsentiert wird.

Wichtig erscheint, dass Untersuchungs- und Darstellungsmethoden der etablierten mediävistischen Disziplinen ausreichen, um neue Forschungsimpulse zu geben. Die Zusammenarbeit von jüngeren und etablierten Wissenschaftlern ist eigentlich in der Praxis wenig problematisch; nur wird dies selten in der Publikation auch so offen deklariert. Als inhaltlicher Höhepunkt dürfen die Erkenntnisse zu Abläufen und Mechanismen kultureller Begegnung im europäischen Mittelalter gelten, die von der Forschung hoffentlich aufgenommen werden. Insgesamt stellt der Band eine inhaltlich breite und methodisch bereichernde Lektüre dar. Man darf auf die weiteren Resultate gespannt sein.

Michael Borgolte, Juliane Schiel, Bernd Schneidmüller, Annette Seitz (Hgg.): Mittelalter im Labor. Band 10. Die Mediävistik testet Wege zu einer transkulturellen Europawissenschaft, Akademie Verlag,   Berlin 2008. 595 Seiten, einige Abbildungen s/w.
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Michael Borgolte, Juliane Schiel, Bernd Schneidmüller, Annette Seitz (Hgg.), Mittelalter im Labor. Band 10. Die Mediävistik testet Wege zu einer transkulturellen Europawissenschaft, Akademie Verlag,   Berlin 2008. 595 Seiten, einige Abbildungen s/w. Buch bestellen bei Amazon.de.



 
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