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Leo Schmidt : Einführung in die Denkmalpflege
Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2008, 167 Seiten geb., 32 Abb. s/
w. ISBN:978-3-8062-2075-9. Buch bestellen bei Amazon.de.

Artikel von Heinrich Speich vom 24. Januar 2008


Das neue Buch von Leo Schmidt soll kein Kompendium denkmalpflegerischer Möglichkeiten und Vorschläge sein, wie man es vielleicht erwarten könnte. In acht konzisen Kapiteln führt er in die ideellen, strukturellen und materiellen Voraussetzungen öffentlicher Denkmalpflege und die Geschichte der Baudenkmalpflege in Deutschland, Frankreich und England ein.

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ie ersten beiden Kapitel beleuchten anhand prominenter Beispiele denkmalpflegerische Konzepte mit ihrer zeitgebundenen Intention und längerfristigen Wirkung. Der Autor versteht es dabei, die Architektur- und Denkmalschutztheorien und ihre Schöpfer weitgehend vorurteilsfrei darzustellen. Die Hauptaussage Schmidts ist, dass alle Konzepte zuerst ihrer Zeit und dann erst dem Denkmal verpflichtet sind und dass die Qualität eines Denkmals aus unterschiedlicher Gewichtung verschiedener Werte entsteht und stets wandelbar ist. Bereits Alois Riegl (1857-1905) unterschied anhand des Streits um den Wiederaufbau der Ruine des Heidelberger Schlosses 1903 Erinnerungswerte (historischer Wert und Kunstwert) und Gegenwartswerte (Gebrauchswert und Kunstwert) von Denkmälern. Er erläutert gesellschaftliche und politische Mechanismen, welche die Entscheidungsfindung um die „richtige“ Methode im Umgang mit Denkmälern beeinflussen, bis hin zur aktuellen Diskussion um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses.

Nach dieser ausführlichen Einleitung in Grundgedanken und Entwicklung der Denkmalpflege werden die rechtlichen Rahmenbedingungen erläutert. Die Charta von Venedig umfasste 1964 im ersten Artikel „sowohl das einzelne Denkmal als auch das städtische und ländliche Ensemble (Denkmalbereich), das von einer ihm eigentümlichen Kultur, einer bezeichnenden Entwicklung oder einem historischen Ereignis Zeugnis ablegt. Er bezieht sich nicht nur auf grosse künstlerische Schöpfungen, sondern auch auf bescheidene Werke, die im Lauf der Zeit kulturelle Bedeutung bekommen haben.“ Als Ziel der Denkmalpflege sollte die Pflege der Substanz über Restaurierungen gestellt werden und „die Beiträge aller Epochen (...) respektiert werden“. 1972 legte die UNESCO sechs Kriterien fest, nach denen die „Liste des Erbes der Welt“ erfasst werden sollte: 1) Die einzigartige künstlerische Leistung, Meisterwerk des schöpferischen Geistes, 2) Orte und Objekte mit beträchtlichem Einfluss auf die Entwicklung der Architektur, der Grossplastik oder des Städtebaus und der Landschaftsgestaltung, 3) einzigartige oder zumindest aussergewöhnliche Zeugnisse untergegangener Zivilisationen oder Kulturtraditionen, 4) herausragende Beispiele eines Typus von Gebäuden oder architektonischen Ensembles oder einer Landschaft, die einen bedeutsamen Abschnitt in der menschlichen Geschichte darstellt, 5) hervorragende Beispiele überlieferter menschlicher Siedlungsform oder Landnutzung, die für eine bestimmte Kultur typisch ist, insbesondere wenn sie unter den Druck unaufhaltsamen Wandels vom Untergang bedroht ist, und 6) -in Verbindung mit anderen Kriterien- Objekte, die in unmittelbarer oder erkennbarer Weise mit Ereignissen, lebendigen Traditionen, mit Ideen oder mit Glaubensbekenntnissen, mit künstlerischen oder literarischen Werken von aussergewöhnlicher universeller Bedeutung verknüpft sind. Eine Kontroverse entspann sich um die geforderte Authentizität, die das Objekt haben muss, um auf die Liste zu kommen.



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ie 26 Objekte in Deutschland auf der Liste des Weltkulturerbe umfassen hauptsächlich Kirchen, Schlösser und Innenstädte sowie zwei Bergwerke, die Flusslandschaften an Elbe und Rhein und mehrere Parkanlagen. Darunter finden sich auf zweifelhaft restaurierte Werke wie der Dom von Speyer. Der Autor betont, dass der Prozess zur Aufnahme in die Liste von Politikern und weniger von Fachleuten abhängt und daher fragwürdig sei. Er beleuchtet auch die negative Seite der Liste am Beispiel der Buddhas von Bamian oder der Brücke von Mostar, die nicht trotz sondern gerade wegen ihrer Bedeutung zerstört wurden.

Die Kategorien von Denkmälern teilt Schmidt nach ihren Entstehungszusammenhängen und den Nutzungen ein. Es werden Denkmale aus Bau und Kunst, Garten und Landschaft, Technik- und Industriegeschichte, von Städtebau und Siedlungsstruktur, Archäologische Denkmale und Ruinen sowie Unbequeme Denkmale unterschieden. Schmidt führt gelungene und missratene Beispiele für die Kategorien an und plädiert für eine sanfte Nutzung der Objekte, im Wissen um ihren Erinnerungswert. Gerade im Umgang mit unbequemen Denkmalen zeigt sich die Tauglichkeit von Denkmalpflegekonzepten, indem die Bausubstanz entgegen aktuellen Zwängen der Nachwelt überliefert und damit der Erinnerungswert des Denkmals erhalten bleibt bzw. erst entsteht.

Schmidt befasst sich auch mit den alltäglichen Problemen der Denkmalpflege: Erhalten, ersetzen, nutzen oder umnutzen im Spannungsfeld von Gesetzen, Interessen, Besitzverhältnissen und Bedürfnissen. Er wünscht sich hier eine langfristige Ausrichtung der denkmalpflegerischen Konzepte, die darauf abzielen sollen den Denkmalwert, die cultural significance, zu erhalten und nicht bloss die materielle Substanz. Als gelungene Beispiele dafür erwähnt er die Marienkirche in Müncheberg bei Berlin, deren 1945 ausgebrannte Ruine erst in den 90er Jahren wiederhergestellt wurde. Dabei wurde die Kirche neu eingedeckt und erhielt einen hölzernen Einbau, der die Funktion der Kirche erfüllt. Die Geschichte der Kirche mit Zerstörung und Ruinendasein ist damit sichtbarer Bestandteil des Denkmals, das nun den modernen Erfordernissen der (ursprünglichen) Nutzung entspricht.

Der Autor spricht sich aber nicht für ein „Primat des Denkmals“ aus. Wiederherstellungsbemühungen und Ausbauten finden seine Zustimmung, wenn das Denkmal möglichst umfassend als gewachsene Einheit respektiert wird. Um-, An- und Neubauten an Denkmalen begrüsst er grundsätzlich, um Denkmale der Nutzung zu erhalten und damit zu sichern. Diese sollten aber die gewachsene Substanz berücksichtigen und identifizierbar sein, wie beispielsweise bei der Umgestaltung der portugiesischen Klosterruine Santa Maria in Buoro zum Hotel.

Erst gegen Ende des Buches führt Schmidt die Leserschaft kurz in die rechtlichen Aspekte der Denkmalpflege und ihre Institutionen ein. Das Kapitel wirkt aufgesetzt, zumal die Geschichte der Denkmalpflege sowie die Grundlagen und Chartae bereits eingeführt wurden und die Charta von Burra im Gegensatz zu den zitierten Gesetzestexten im Anhang abgedruckt ist. Im abschliessenden Kapitel Herausforderungen und Perspektiven fasst Schmidt das Wesentliche zusammen und plädiert für eine ehrliche Denkmalpflege in der Zukunft, was bei ihm bedeutet, historische Substanz einerseits in Bestand und Nutzung zu erhalten, zu dokumentieren und zu veranschaulichen, andererseits aber nicht zu korrigieren oder verwischend zu ergänzen. Die Denkmalpflege sei „ihr eigener grösster Feind“, da sie zur Wahrnehmung ihrer Aufgabe die Eingriffe an den Denkmalen vornehmen lasse. Er spricht sich gegen allmächtige staatsgelenkte Denkmalpfleger aus und wünscht sich dafür mehr Interesse der Besitzer. Dies postuliert er nicht im Sinne finanzieller Beteiligung oder verordneter Denkmalerhaltungen, sondern insbesondere als „ (...) Recht darauf, seine eigenen Spuren am Denkmal zu hinterlassen. Denn jede Restaurierung hinterlässt Spuren, die im Rückblick gelesen werden können (...) “.


Leo Schmidt : Einführung in die Denkmalpflege, Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2008, 167 Seiten geb., 32 Abb. s/w. ISBN:978-3-8062-2075-9. Buch bestellen bei Amazon.de.

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