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Wandlungen des Neoliberalismus
Philip Plickert: Wandlungen des Neoliberalismus. Eine Studie zur Entwicklung und Ausstrahlung der „Mont Pèlerin Society“. Buch bestellen bei Amazon.de.
Artikel vom 16. Januar 2009
 
Politikern weltweit, insbesondere Präsident Obama und Kanzlerin Merkel möchte ich ein herausragendes Buch ans Herz legen, das erklärt, warum der Neoliberalismus oder besser dessen Spielart des Ordoliberalismus, die beste Lösung für die heutige Krise bietet. Philip Plickert hat übrigens sein Manuskript Wandlungen des Neoliberalismus. Eine Studie zur Entwicklung und Ausstrahlung der „Mont Pèlerin Society am 10. April 2008 abgeschlossen, bevor die Hypotheken- und die Finanzkrise weltweit Wellen schlug. Philip Plickert gehört seit dem April 2007 dem Redaktionsteam der FAZ an.

Der Neoliberalismus hatte viele Väter und teilte sich in verschiedene „Schulen“ auf, die nur teilweise miteinander kompatibel waren. Das Spektrum reicht von Altliberalen die dem Laissez-Faire verhaftet waren wie Ludwig von Mises und daher eigentlich gar keine Neoliberalen waren, die den Liberalismus erneuern wollten, über relativ radikale Liberale, die allerdings doch nicht vollständig auf Laissez-Faire setzten wie Friedrich August von Hayek, zu Ordoliberalen, die eindeutig einen starken Staat wollten, der entschieden gegen Monopole, Oligopole, Preisabsprechungen, Kartelle und andere Marktverzerrungen vorgeht. Zu den Ordoliberalen gehörten Walter Eucken und Wilhelm Röpke, wobei letzterer einige kuriose Ideen zur kleinräumigen Schweizer Landwirtschaft entwickelte, die nicht mehr liberal waren.



Philip Plickert schildert nach einem Kapitel zu Aufstieg und Niedergang des klassischen Liberalismus bis nach dem ersten Weltkrieg die Ansätze zur Erneuerung des Liberalismus. Dazu gehörten das Privatseminar von Ludwig von Mises in Wien von 1920 bis 1934. Walter Eucken 1932 in Freiburg und Walter Rüstow im gleichen Jahr in Dresden suchten ebenfalls liberale Wege aus der Wirtschaftskrise. Die Londoner Schule um Edwin Cannan und die liberalen der London School of Economics (die sonst eher für linke Ideen bekannt war), die Chicagoer Schule und das legendäre „Colloque Walter Lippmann“ 1938 in Paris waren weitere Meilensteine auf dem Weg zum Neoliberalismus und Ordoliberalismus. Allerdings handelt es sich um politische Randveranstaltungen, denn die Planer hatten damals das Wort, in der Sowjetunion, im faschistischen Italien, im nationalsozialistischen Deutschland sowie in England und den USA, wo John Maynard Keynes und seine Anhänger den Ton angaben.

Bereits beim Colloque Walter Lippmann 1938 traten allerdings Spannungen zwischen den Neoliberalen auf, die nach dem Krieg andauern sollten. Philip Plickert widmet den Hauptteil seines Buches der Mont Pèlerin Society. Diese versuchte die Erneuerung des Liberalismus weiter zu führen. Im April 1947 kam es auf Einladung von Hayek, Röpke und Albert Hunold auf dem Mont Pèlerin, einem über Montreux gelegenen Berg, zu einem Treffen von 39 europäischen und amerikanischen Wissenschaftlern und Publizisten, die sich - mit der Ausnahme vor allem von Mises - einem erneuerten Liberalismus verschieben. Der Abschied vom Laissez-Faire wurde von einer Mehrheit der Teilnehmer als logische Folgerung früherer Wirtschaftskrisen akzeptiert.



Allen Mythomanen und Verschwörungstheoretikern, welche die Mont Pèlerin Society als gralsartigen Club neoliberaler Ökonomen, als Kampfinstrument der Neoliberalen mit dem Ziel der Machtergreifung verschrien, tritt Philip Plickert erfolgreich entgegen. Die Mont Pèlerin Society war eine Gesellschaft gleichgesinnter Liberaler, welche sich und ihre Ideen als zur Zeit politisch im Abseits stehend betrachteten, weshalb der rege Austausch zwischen dem Häufchen der Freiheit Verpflichteter ihnen umso wichtiger erschien. Die Mont Pèlerin Society verfolgte nie irgendwelche koordinierte Aktionen. Sie haben nie als kollektiv agiert. Im Ideenstreit wollten sie jedoch präsent bleiben.

Als Wissenschaftler, Publizisten, Berater und Politiker haben sie später einen gewissen, aber unkoordinierten Einfluss erlangt, so in und auf die Regierungen Adenauer, Thatcher und Reagan, wobei es jedoch nie zu einem eigentlichen „roll back“ kam, wie Plickert in seinem Fazit betont.

Die Mont Pèlerin Society wirkte vor allem über ihre Ideen, die sie allerdings nicht exklusiv verbreitete. Unter sich waren die Herren Röpke und Hunold, Röpke und Mises, Rüstow und Mises sowie andere zudem oft heillos zerstritten. „Unité de doctrine“ und Einheitsparteidenken lagen den Liberalen fern. Zerwürfnisse und Querellen gehörten zum Alltag.

Intellektuell jedoch strahlten die Mitglieder der Mont Pèlerin Society aus, denn immerhin acht von ihnen wurden mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet, wenn auch alle erst sehr lange nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Wohlfahrtsstaatsdenken schon längst überhand genommen hatte. Der Gründer und erste Präsident der MPS Hayek wurde 1974 ausgezeichnet, Milton Friedman 1976, George Stigler 1982, James Buchanan 1986, Maurice Allais 1988, Ronald Coase 1991, Gary Becker 1992 und Vernon Smith 2002.

Ein Glücksfall wollte es, dass einige Neoliberale, in diesem Fall insbesondere Ordoliberale der Freiburger Schule, bereits 1948 in Deutschland ihre Chance zur Bewährung bekamen, nachdem zuvor die alliierten Besetzer nach den Nazis Deutschland noch weiter ruiniert hatten. Ludwig Erhard war als Direktor der Wirtschaftsverwaltung de amerikanisch-britischen Bizone an entscheidender Stelle. Er legte im Sommer 1948 den Hebel von der Plan- auf die Marktwirtschaft um und begründete so das deutsche „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit. Konrad Adenauer unterstützte ihn als Kanzler ab 1949. Er war zuvor einer jener innerhalb der CDU gewesen, die sich für die Marktwirtschaft stark machten, als selbst in der Union manche vom Sozialismus träumten.

Erhard, Eucken und andere stehen für einen der grössten Erfolge der Neoliberalen oder - eben besser: - der Ordoliberalen. Leider gingen die guten Vorsätze rasch verloren. Erhard konnte sich im Kartellstreit nicht durchsetzen. Deutschland geriet langsam auf eine schiefe Bahn. Sollte 2009 doch noch Schwarz-Gelb in Deutschland möglich werden, wäre es an der Zeit, sich auf die Anfänge der Bundesrepublik zurück zu besinnen. Die Kanzlerin ist in der Grossen Koalition von ihrem vor der Wahl verkündeten liberalen Programm arg abgewichen.



Philip Plickert hätte in der NZZ, ihren Archiven und Verwaltungsratsprotokollen wohl noch einige weitere Hinweise zur Entwicklung der Mont Pèlerin Society sowie zu den Konflikten zwischen Röpke, Hunold und anderen finden können. Die NZZ strahlte über den Krieg hinaus lange nach Deutschland aus, insbesondere auf die Kanzler Adenauer und Kohl. Die Wirtschaftsredaktion stand dem Ordoliberalen Friedrich Lutz, und Chefredaktor Willy Bretscher hatte einst Wilhelm Röpke persönlich zu regelmässigen Beiträgen in der führenden Schweizer Zeitung eingeladen, was der Wirtschaftsprofessor bis zu seinem Tode tat.

Der Schreibende steht den Ordoliberalen geistig am nächsten, im Sinne eines starken Staates der gegen Wettbewerbsverzerrungen wie Monopole, Oligopole und Kartelle vorgeht. Die deutsche Regierung hat 2008 falsch auf die Finanzkrise reagiert, in dem sie die Bankenfusion von zwei Grossbanken erlaubte, wodurch ein noch grösseres Klumpenrisiko entstand. Sie sollte im Gegenteil Bankriesen in kleinere Unternehmen aufteilen, um die Konkurrenz zu beleben und eine Situation zu schaffen, in der keine Bank mehr „too big to fail“ ist. Erfolg und Misserfolg gehören zu jeder gesunden Wirtschaft. Wer langfristig keinen Gewinn erwirtschaftet oder entscheidende Fehler macht, die zu grossen Verlusten führen, muss untergehen können, ohne die Gesamtwirtschaft in Bedrängnis zu bringen. Bessere Regulierungen sind eines, „small is beautiful“ ein anderes Prinzip, dem Regierungen wie die von Obama und Merkel nachleben sollten. Die derzeitige Hypotheken- und Finanzkrise hat gezeigt, dass die Ordoliberalen mit ihrer Abkehr vom Laissez-Faire recht hatten, insofern waren nicht alle Streitereien innerhalb der MPS ohne Bedeutung. Im Gegenteil. Der Liberalismus in seiner erneuerten Form des Ordoliberalismus offeriert nach wie vor die besseren Rezepte nicht nur als Laissez-Faire, sondern ebenfalls als Keynesianismus, Sozialismus und allgemeine Staatsgläubigkeit. Philip Plickerts Buch ist Pflichtlektüre für alle führenden Politiker. Weitere Strukturreformen stehen uns noch bevor.

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Philip Plickert: Wandlungen des Neoliberalismus. Eine Studie zur Entwicklung und Ausstrahlung der „Mont Pèlerin Society“. Stuttgart, Verlag Lucius & Lucius, 2008, 516 Seiten. Buch bestellen bei Amazon.de.







 
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