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Das Päpstliche Rom
Arne Karsten und Volker Reinhardt: Kardinäle, Künstler, Kurtisanen. Wahre Geschichten aus dem päpstlichen Rom. Primus Verlag, Darmstadt 2004. 207 Seiten, zwanzig Abbildungen s/w, gebunden. Bestellen bei Amazon.de.

Rezension von Heinrich Speich. Hinzugefügt am 1. Dezember 2004
 
Wahre Geschichten sind stets die Besten. Das könnten sich Volker Reinhardt, profunder Kenner von Kultur und Klientelsystemen Italiens der frühen Neuzeit und Arne Karsten, fachkundiger Beobachter von Kunst und Kardinälen, gedacht haben, als sie beschlossen, die achtzehn Geschichten aus Renaissance- und Barockzeit zu einem Buch zusammenzustellen. Rom entpuppt sich als ein wahrer Supermarkt literarischer Stoffe und Motive, anhand dessen die Autoren ihre Botschaft in leicht verständlicher, moderner Sprache und teilweise innovativer Syntax verpacken und dem Leser präsentieren. Dabei schrecken die Beiden auch keineswegs davor zurück, die Brücke zur Aktualität zu schlagen und diskret oder ausdrücklich auf Parallelen zur heutigen Zeit hinzuweisen.

Künstlerkämpfe, Kardinalsintrigen und Kellermorde gehören zu Rom wie Mäzenatentum, Mätressen und Machtdemonstrationen. Menschen leben in dieser Stadt und von Menschen handelt dieses Buch. Anhand von achtzehn Fällen spüren Commissario Reinhardt und Maresciallo Karsten mit detektivischem Geschick Kriminalfälle, Justiz- und Politikskandale des frühneuzeitlichen Rom auf. Sie zeigen, dass der Heilige Stuhl durchaus auch Sündenpfuhl sein kann und dabei doch seine Kreditwürdigkeit bei Gläubigen und Gläubigern wahren kann, sei es durch intelligente Finanzaktionen oder durch Toleranz verschiedener Formen von Volksfrömmigkeit, die dem traditionellen Schema frühneuzeitlicher Religionspraxis folgen. Inmitten der Pracht des barocken Rom sind die Protagonisten der Geschichten stets auf der Jagd nach Pfründen, Prestige und Prunk. Sie befinden sich auf einer steten Achterbahn der Wertschätzung, die sie, im Sog mächtiger Protektoren mal ganz nach oben in die Gunst der Päpste und Kardinäle oder eben auch in die Tiefen der Armut oder die Fänge einer mordlustigen Soldateska führen kann. Geschäfte aller Art werden getätigt; es wird vom Handel mit Seelenheil gesprochen, über die Kosten körperlicher Unversehrtheit hochgestellter Verdächtiger, die grausigen Inhaltstoffe von Norcia-Würsten oder das schwindende Brotgewicht – bei stabilen Preisen.

Die historische Botschaft des Buches tritt durch die wahrlich blumige Erzählweise der Autoren dezent in den Hintergrund. Das Buch riecht, im übertragenen Sinne, nicht nach einem belehrenden Geschichtswerk. Der betörende Duft, der von den sinnlichen, markigen oder haarsträubenden Geschichten ausgeht, überdeckt die Botschaften zeitweilig. Trotzdem werden einige zentrale Punkte der frühneuzeitlichen Mentalitätsgeschichte präzise und quellennah analysiert. Am Beispiel der römischen Kurie wird exemplarisch gezeigt, wie ein Fürstenhof der frühen Neuzeit funktioniert: Das Schicksal eines jeden am Hofe hängt von der Gunst des allmächtigen (Kirchen-)Fürsten ab. Dies allein macht Rom noch nicht zu einem Ausnahmefall. Das Einzigartige im Falle Roms ist die ständig absehbare aber nicht kalkulierbare Rotation der Macht. Der Papst kann seinen Nachfolger nicht selbst bestimmen, es gibt keine päpstliche Dynastie. Die Kardinäle - zentrale Amtsträger und potentielle Papstnachfolger - gebärden sich nämlich nur zu oft wie quengelnde kleine Kinder, die nichts lieber tun als ihre Geschwister beim Papa und der Mutter Kirche anzuschwärzen um selber besser da zu stehen.

Der päpstliche Nepotismus wird hier, herausgeschält aus den persönlichen Verwicklungen der Beteiligten, nüchtern von seiner funktionalen Seite her beleuchtet: Die Familie eines Papstes nutzt den Zuwachs an Ansehen und reeller Macht, um in der Zeit nach ´ihrem´ Papst weiterhin standesgemäß zu leben, sprich Macht auszuüben und in der Lage zu sein, in einigen Generationen wieder einen Papst zu stellen. Die Rolle der Nepoten – Neffen oder nahe Verwandte der Päpste – die in der neuzeitlichen Geschichtsschreibung meist  als unnütze Profiteure und Blutsauger auf Kosten der Kurie dargestellt wurden, wird neu bewertet. Wie Arne Karsten bereits in seiner scharfsinnigen Dissertation unterstrichen hat, sind die Nepoten geradezu das wichtigste Kapital der familie papabili, also der ´papstfähigen´ Familien, denn sie häufen diejenigen Schätze an, von denen die Nachkommen zehren müssen. Dabei handelt es sich nicht nur um materielle Güter und Herrschaftsrechte, sondern zum Beispiel auch um Kunst. Die Förderung von Künstlern ist keineswegs selbstloses Mäzenatentum, sondern gezielte Propaganda in eigener Sache, Karsten spricht hier zurecht von der Flankierung finanziellen Kapitals durch kulturelles und soziales (S.89). Das Fehlen dieser zweifellos kostspieligen Selbstdarstellung führt in die gesellschaftliche Isolation und somit zum raschen sozialen Abstieg.

Anmerkungen und kommentierte Bibliographie sind auch für Nicht-Historiker lesbar und erfrischend kurz gehalten, zudem kommt das Buch ganz ohne Fußnoten aus, was das Lesevergnügen noch beträchtlich steigert. Die Geschichten kreisen zwar inhaltlich alle um die Kurie, sind aber auch jede für sich spannend, lehrreich, lesenswert und dank der fachkundigen Aufbereitung zitierfähig. Jacob Burckhardt hätte wohl Freude an diesem Werk, denn es verbindet Kunst-, Kirchen-, Mentalitäts- und Sozialgeschichte zu einer Kulturgeschichte der neuen Art, einer methoden- und fachübergreifenden, sinnvollen Geschichtsschreibung.

Das hier besprochene Buch: Arne Karsten und Volker Reinhardt: Kardinäle, Künstler, Kurtisanen. Wahre Geschichten aus dem päpstlichen Rom. Primus Verlag, Darmstadt 2004. 207 Seiten, zwanzig Abbildungen s/w, gebunden. ISBN: 3896785117. Bestellen bei Amazon.de.


Arne Karsten und Volker Reinhardt: Kardinäle, Künstler, Kurtisanen. Wahre Geschichten aus dem päpstlichen Rom. Primus Verlag, Darmstadt 2004. 207 Seiten, zwanzig Abbildungen s/w, gebunden. ISBN: 3896785117. Bestellen bei Amazon.de.





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