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Nr. 67, Januar 2005
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Osteuropa im Mittelalter
Artikel von Heinrich Speich, hinzugefügt am 5. Januar 2005

In drei Hauptabschnitten führt der Greifswalder Professor Christian Lübke in die wechselvolle Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas im Mittelalter ein. Das vorliegende Werk ist der zweite Band der Reihe Die Deutschen und das europäische Mittelalter und behandelt Das östliche Europa in der Zeit von etwa 500 bis um 1400.  Der erste Abschnitt, Die Gestaltung einer Grauzone beschreibt Geographie und Vorgeschichte des Raumes zwischen Elbe und Ural. Im zweiten Teil führt Lübke in Die Bildung von Staaten und Nationen im Osten des Reiches  ein; geographisch abwechselnd in Sachzusammenhängen wie Herrschaftssystem, Gefolgschaftswesen und Handel. Den Abschluss bildet der dritte Teil Zwischen Zerfall und Neubeginn, in welchem die sonst überzeugende Darstellung des akephalen osteuropäischen Raumes etwas an Dichte verliert und der Bogen zur Aktualität geschlagen wird.

F
ür die Zeit vom achten bis zwölften Jahrhundert ist die Darstellung überaus facettenreich: mit der Ausbildung von Herrschaftszentren im ostmitteleuropäischen Raum werden auch die Quellen reichhaltiger. Byzantinische Texte und Quellen aus dem Reich beschreiben die Verhältnisse nördlich der Donau sehr anschaulich. Dabei tritt der Handel als zentrales Element der „Europäisierung“ Osteuropas in den Mittelpunkt. Die Einbindung der Siedlungen an Wolga und Dnjepr in das Fernhandelsnetz der Wikinger steht, vereinfacht ausgedrückt, am Anfang der russischen Geschichte, die tief von westeuropäischen Einflüssen geprägt ist. Etwas zu knapp fällt dabei die Sozialgeschichte aus. Außer einem kurzen Kapitel zu den inneren Verhältnissen vermisst man Erläuterungen zur Gesellschaft und deren Aufbau und Funktionsweise. Siedlungsweise, soziale Organisation und Religion der frühen Slawen werden nicht in der möglichen Tiefe behandelt und es erscheint so, als ob dabei mit Ausnahme des Hausbaus kaum regionale Unterschiede zwischen Eismeer und Donau auszumachen wären.

W
ährend des 9. und 10. Jahrhundert bilden sich in Ostmitteleuropa neue Herrschaftsräume, die sich mit Veränderungen bis heute erhalten haben: Polen, Böhmen und Ungarn. Diese drei haben aus deutscher Perspektive einen ähnlichen Weg im Umgang mit dem Reich und dessen Bewohner beschritten: erst Handelskontakte, dann dynastische Verbindungen und (lateinische) Christianisierung. Hier wirkt sich der stete Bezug zur deutschen- bzw. Reichsgeschichte gewinnbringend für die Darstellung aus. Die Vergleiche der entstehenden Schwerpunkte untereinander sind gänzlich neu: Der zweite Teil des Buches, Die Bildung von Staaten und Nationen im Osten des Reiches, ist hierin der überzeugendste. Es werden Parallelen und Divergenzen der Herrschaftsformen aufgezeichnet, welche für das Verständnis des späteren Mittelalters und der sich in ihm ausbildenden Nationen und Staaten Ost- und Ostmitteleuropas wichtig sind. Dabei zieht Lübke nicht nur die altbekannten Quellen hinzu, sondern ergänzt seine Darstellung bewusst durch Textzitate ostmitteleuropäischer Herkunft.

Z
um Auftakt wird die Ostpolitik der deutschen Kaiser in ottonischer und salischer Zeit erläutert. Dabei stellt Lübke den mitteldeutschen Kontaktraum ins Zentrum der Behandlung. Seit karolingischer Zeit wurden Slawen nicht allein als Sklaven ins muslimische Spanien verhandelt, sondern auch systematisch als Siedler in die fruchtbaren Flussniederungen an Main und Rednitz vermittelt, wo sie regional die Mehrheit bildeten und ihre kulturelle Eigenständigkeit teilweise bis in die Neuzeit bewahren konnten. Sie wurden auf Königsgut angesiedelt und verschmolzen aufgrund ihrer eigenständigen Siedlungsweise nur sehr langsam mit der deutschen Bevölkerung.

A
n den Grenzen Sachsens und Thüringens bildeten sich in Böhmen und Brandenburg erste bedeutende slawische Fürstentümer, mit welchen sich das Reich auseinanderzusetzen hatte. Gegen Südosten bildete Bayern den Puffer zu den im zehnten Jahrhundert öfters einfallenden Ungarn. Kaiser Heinrich (919-936) unternahm mehrere Kriegszüge, um die slawischen Fürsten im Grenzgebiet zu unterwerfen. Er zwang Wenzel von Böhmen 929 zur Zahlung von Tribut und Anerkennung der kaiserlichen Oberhoheit. Elbslawen, Sorben und Dalemnizier wurden ihrer Eliten beraubt und so langfristig integriert. Heinrichs Nachfolger Otto der Grosse (936-973) integrierte die Slawen im Reich durch Unterwerfung, Mission und Kirchenorganisation. Er begründete in Magdeburg nicht nur seine Machtbasis, sondern im Jahre 968 auch ein Missionserzbistum mit einer Domschule, die ausdrücklich auf die Slawenmission ausgerichtet war. Die Ungarn und sogar die noch heidnischen Kiever Rus zeigten zeitweilig Interesse an der christlichen Religion römischer Prägung. Gegensätze und Rivalitäten zwischen dem deutschen und dem oströmischen Kaiser, beziehungsweise zwischen Papst und Patriarch von Konstantinopel werden zu knapp abgehandelt, denn beide missionierten im besprochenen Raum intensiv und in Konkurrenz zueinander.

F
aszinierend werden die Antagonismen in der ostmitteleuropäischen Kernregion geschildert: Wieso die böhmischen Přemisliden zu Feinden der verschwägerten Piasten Polens wurden, wie Schlesien seit dem späten 10. Jahrhundert zum Zankapfel zwischen Böhmen und Polen wurde, weshalb der polnische König Miezko wohl 992 sein Land dem Papst übertrug und die Gründe dafür, dass Ungarn und Polen, Böhmen und das Reich sich in wechselnden Koalitionen gegeneinander verbündeten. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Eigenheiten der jeweiligen Herrschaftsgebiete diachron für das hohe Mittelalter betrachtet; es entsteht eine faktenreiche Geschichte des slawischen Raumes, ohne die Einflüsse des deutschen Reiches auf die Region aus den Augen zu verlieren.

D
ie Entstehung der Rus geben noch immer Rätsel auf. Lübke weist auf die mögliche Entstehung des Begriffes aus dem finno-ugrischen Ruotsi (Nördliche Nachbarn) und dem altrussischen varjagi (Wikinger) hin. Gesicherte Schriftquellen sind rar. Der Patriarch von Konstantinopel verkündete bereits 867 voreilig die Konversion der Rus, die 860 mit einer Kriegsflotte vor Byzanz erschienen. Zu dieser Zeit wurde am grössten Handelsplatz, in Kiev, eine byzantinische Handelsniederlassung gegründet. In der Folge entwickelten sich über die russischen Flüsse Dnjestr, Dnjepr und Wolga die Handelsbeziehungen zum europäischen Norden. Die „Berufungslegende“ erzählt zum Jahre 862, wie drei skandinavische Brüder zur Herrschaft in die Rus gerufen worden seien. Die in Ladoga etablierte Dynastie der Rjurikiden herrschte mit etlichen Seitenlinien von Kiev und später Twer und Moskau aus bis ins 16. Jahrhundert. Das weite Land entlang der Ströme wurde mit einem Netz aus Burgstädten (gorody) kontrolliert, wo bald Handwerker und Händler tätig wurden. Die bedeutenderen dieser Städte waren Sitze von Fürsten, so insbesondere Alt-Ladoga, Kiev, Polozk und Nowgorod, später auch Wladimir und Moskau. Die Herrschaft stützte sich dabei auf ein für das spätere Russland typische System aus Gefolgschaften (druschiny). Die Fürsten stützten sich wirtschaftlich auf den Fernhandel. Im Winter trieben sie von der Bevölkerung die Tribute in Form von Handelsgütern und Dienstleistungen (Schiffbau, Gastung) ein, die sie im Sommer vor allem in Byzanz verkauften. Mit der detaillierten Beschreibung dieses ausgeklügelten Steuerwesens widerlegt Lübke quellennah das Hirngespinst einer politischen Rückständigkeit des europäischen Ostens und belegt, dass sich insbesondere in diesem schwach besiedelten Teil des Kontinents Systeme entwickeln konnten, mit welchen weite Gebiete - ohne ständige Präsenz Bewaffneter - herrschaftlich dauerhaft erfasst werden konnten. Seit dem 10. Jahrhundert schritt die Expansion der rjurikidischen Fürstentümer voran, wobei sich im 12.Jahrhundert die Schwerpunkte Rostow-Susdal (östlich Moskau), Nowgorod, Polozk (um Minsk), Kiev und das spätere Halitsch-Wolyn (Galizien und Moldawien) herausbildeten. Ab 1241 gerieten sämtliche russischen Fürstentümer unter die Herrschaft der Goldenen Horde, der mongolischen Reiterscharen und ihren Hilfsvölkern. Diese beließen die russischen Fürsten meist im Amt, erpressten aber Tribut und beanspruchten die Oberhoheit. Erst ab 1380 konnte das „Tatarenjoch“ langsam abgeschüttelt werden, unter der Führung der aufsteigenden Fürsten von Moskau und der Unterstützung des Metropoliten. Beides war für die russische Identität prägend.

E
ine Alternative zur autokratischen Herrschaftsform der Fürsten und ihrer Bojaren bildete der „Herr Groß-Nowgorod“. Die Stadt lag günstig in der Nähe des Ilmensees und war deshalb ein bevorzugter Handelsplatz. Die Herrschaft wurde einerseits vom „Herrenrat“ (sowjet gospod) und andererseits von der Wetsche-Volksversammlung ausgeübt, wo die Klientel der dreißig bis vierzig Bojarenfamilien den „Volkswillen“ lautstark zum Ausdruck brachten und so den Fürsten, den posadnik beeinflussten. Dieser wurde durch einen Vertrag mit der Stadt berufen und residierte mit seiner Gefolgschaft außerhalb der Stadt. Die Funktion des Fürsten war die eines berufenen Amtsträgers, der auch durchaus abgesetzt werden konnte. Nowgorod war im 12. bis 14. Jahrhundert der führende Handelsplatz in der Rus und besonders für hanseatische Kaufleute attraktiv. Der Transport der Waren wurde über den Wasserweg über den finnischen Meerbusen wie auch seit dem 13.Jahrhundert über den Landweg von Riga, später auch Reval her abgewickelt. Die Händler hatten ihre befestigten Höfe, in welchen sie logierten und ihre Handelsware sicher deponieren konnten. Der Deutsche und der Gotische Hof gehörten zum Kontor der Hanse. Es galt das Stadtrecht von Visby, später Lübecks, über das ein Ältermann wachte.

Der dritte Teil „Zwischen Zerfall und Neubeginn“ ist dem späten Mittelalter gewidmet. Während sich der zweite Teil auf die autogene Geschichte der Region stützt, überwiegt im Dritten getreu dem Titel der Reihe „Die Deutschen und das europäische Mittelalter“ der Einfluss der Deutschen auf die östliche Geschichte völlig gegenüber entsprechender Beeinflussungen der Slawen auf das deutsche Spätmittelalter. Lübke preist die Städte Ostmitteleuropas als Horte ethnischer Vielfalt. Kauffahrer prägten die Entwicklung der Städte in Bezug auf Rechtssystem, Gastrecht, Kirchenorganisation etc. Dabei unterstanden Slawen beispielsweise in den Städten Brandenburgs dem älteren ius ducale, während die zugewanderten deutschen Siedler dem ius teutonicus unterstanden. Die Deutschen prägten Stadtkultur und Landesausbau aktiv mit, so zum Beispiel die Siebenbürger „Sachsen“, die seit einem ungarischen Privileg von 1224 eine eigene Gemeinschaft (unum populum) bildeten.

L
eider bröckelt die geographische Breite der Darstellung im frühen 14.Jahrhundert ab; nur die Verhältnisse im Polen-Litauen  werden bis zum Beginn der frühen Neuzeit und im Ausblick bis zu den polnischen Teilungen und heute ausgedehnt. Dabei steht die Schilderung der baltischen Geschichte im Mittelpunkt. Ab 1180 wird das Gebiet der Liven von Lübeck aus planmäßig missioniert. 1219 baut König Waldemar von Dänemark die „Dänenburg“ taani linn, das spätere Reval. Der Schwertbrüderorden missioniert die Liven mehr oder weniger gewaltsam von Üxküll an der Düna aus und der deutsche Orden die Pruzzen von Süden her. Trotz dieser enormen Fremdeinflüsse hält sich das heidnische Grossfürstentum Litauen, eingeklemmt zwischen den bedeutenden Mächten von Polen und der Rus. Es baut seine Territorialmacht im 13. Jahrhundert sogar bis zur Herrschaft über die Handelswege auf Wolga und Oka aus. Der Aufschwung lockt zahlreiche deutsche Siedler an die Düna, die Liven assimilieren sich. Grossfürst Mindaugas lässt sich 1250 taufen und erhält dafür vom Papst die Königswürde verliehen. Innerhalb der folgenden rund hundertfünfzig etabliert sich das mit Polen vereinigte Königreich unter der Herrschaft der Gediminiden zur Grossmacht. 1385 schlossen sich mit der Union von Krewo Polen und Litauen zusammen. Unter der Herrschaft des litauischen Fürsten Jagiełło und seiner Nachfolger war Polen-Litauen ein fester Baustein des christlichen Europa und der grösste europäische Territorialstaat, bis der Iwan der Schreckliche 1562 für Russland den Zugang zur Ostsee erkämpfte.

D
as Buch bildet einen gelungenen Versuch der vergleichenden Geschichtsschreibung. Einen derartig grossen und komplexen Raum in einem Band verbindlich darzustellen, braucht Mut. Lübke stellt hier mehr als nur gesammeltes Wissen zur Schau, er schafft bei seinen Lesern Verständnis für komplexe Abläufe und gewachsene Strukturen, für Gemeinsamkeiten und Eigenheiten der ost- und ostmitteleuropäischen Kulturräume und ihrer Geschichte. Dem im Titel verankerten Bezug zu den Deutschen und ihrer Geschichte wird Lübke durchaus gerecht, wenn er die Entwicklungen des osteuropäischen Mittelalters als Kontrapunkt und Ergänzung der deutschen- und der Reichsgeschichte jener Zeit schildert. Als Quellen lässt Lübke außerhalb der landläufig bekannten Schriftstücke auch Etymologie, Archäologie und Ethnographie gelten und arbeitet deren Erkenntnisse gekonnt in die Darstellung ein. Zahlreiche Abbildungen in s/w tragen zur Lesbarkeit bei, da die ausgewählten Objekte jeweils unabhängig vom Text kurz erläutert werden. Der kritische Nachvollzug der Gedankengänge wird durch den etwas schwerfälligen Anmerkungsapparat erschwert. Eine simple Aufstellung der Quellen und Fachliteratur wäre übersichtlicher gewesen. Dafür sind die dem Anhang eingefügten Karten und die Stammtafeln ausgezeichnet und dazu geeignet, sich im Wirrwarr der dynastischen Beziehungen zurechtzufinden. Abschließend muss man dem Autor wirklich Respekt zollen, sich an ein derartiges Projekt herangewagt zu haben: durch souveräne Kenntnis der Materie, Übersichtlichkeit und Transparenz der Darstellung sowie einer zeitgemäßen klaren Sprache ist es dem Verfasser gelungen, Osteuropa einerseits als integralen geographischen Bestandteil des europäischen Mittelalters darzustellen und anderseits eine Vielzahl jener Partikularismen aufzuzählen und quellennah herauszuheben, die Osteuropa charakterisieren und es von Mitteleuropa unterscheiden.


Christian Lübke: Die Deutschen und das europäische Mittelalter. Das östliche Europa. Siedler Verlag, München, 2004. 544 Seiten, zahlreiche Abbildungen s/w, gebunden.
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