Osteuropa
im Mittelalter
Artikel von Heinrich Speich, hinzugefügt am 5. Januar 2005
In drei
Hauptabschnitten führt der Greifswalder Professor Christian Lübke in die
wechselvolle Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas im Mittelalter ein. Das
vorliegende Werk ist der zweite Band der Reihe Die Deutschen und das europäische
Mittelalter und behandelt Das östliche Europa in der Zeit von etwa 500 bis um
1400. Der erste Abschnitt, Die Gestaltung einer Grauzone beschreibt
Geographie und Vorgeschichte des Raumes zwischen Elbe und Ural. Im zweiten Teil
führt Lübke in Die Bildung von Staaten und Nationen im Osten des Reiches
ein; geographisch abwechselnd in Sachzusammenhängen wie Herrschaftssystem,
Gefolgschaftswesen und Handel. Den Abschluss bildet der dritte Teil Zwischen
Zerfall und Neubeginn, in welchem die sonst überzeugende Darstellung des
akephalen osteuropäischen Raumes etwas an Dichte verliert und der Bogen zur
Aktualität geschlagen wird.
Für die
Zeit vom achten bis zwölften Jahrhundert ist die Darstellung überaus
facettenreich: mit der Ausbildung von Herrschaftszentren im ostmitteleuropäischen
Raum werden auch die Quellen reichhaltiger. Byzantinische Texte und Quellen aus
dem Reich beschreiben die Verhältnisse nördlich der Donau sehr anschaulich.
Dabei tritt der Handel als zentrales Element der „Europäisierung“
Osteuropas in den Mittelpunkt. Die Einbindung der Siedlungen an Wolga und Dnjepr
in das Fernhandelsnetz der Wikinger steht, vereinfacht ausgedrückt, am Anfang
der russischen Geschichte, die tief von westeuropäischen Einflüssen geprägt
ist. Etwas zu knapp fällt dabei die Sozialgeschichte aus. Außer einem kurzen
Kapitel zu den inneren Verhältnissen vermisst man Erläuterungen zur
Gesellschaft und deren Aufbau und Funktionsweise. Siedlungsweise, soziale
Organisation und Religion der frühen Slawen werden nicht in der möglichen
Tiefe behandelt und es erscheint so, als ob dabei mit Ausnahme des Hausbaus kaum
regionale Unterschiede zwischen Eismeer und Donau auszumachen wären.
Während
des 9. und 10. Jahrhundert bilden sich in Ostmitteleuropa neue Herrschaftsräume,
die sich mit Veränderungen bis heute erhalten haben: Polen, Böhmen und Ungarn.
Diese drei haben aus deutscher Perspektive einen ähnlichen Weg im Umgang mit
dem Reich und dessen Bewohner beschritten: erst Handelskontakte, dann
dynastische Verbindungen und (lateinische) Christianisierung. Hier wirkt sich
der stete Bezug zur deutschen- bzw. Reichsgeschichte gewinnbringend für die
Darstellung aus. Die Vergleiche der entstehenden Schwerpunkte untereinander sind
gänzlich neu: Der zweite Teil des Buches, Die Bildung von Staaten und Nationen
im Osten des Reiches, ist hierin der überzeugendste. Es werden Parallelen und
Divergenzen der Herrschaftsformen aufgezeichnet, welche für das Verständnis
des späteren Mittelalters und der sich in ihm ausbildenden Nationen und Staaten
Ost- und Ostmitteleuropas wichtig sind. Dabei zieht Lübke nicht nur die
altbekannten Quellen hinzu, sondern ergänzt seine Darstellung bewusst durch
Textzitate ostmitteleuropäischer Herkunft.
Zum
Auftakt wird die Ostpolitik der deutschen Kaiser in ottonischer und
salischer Zeit erläutert. Dabei stellt Lübke den mitteldeutschen Kontaktraum
ins Zentrum der Behandlung. Seit karolingischer Zeit wurden Slawen nicht allein
als Sklaven ins muslimische Spanien verhandelt, sondern auch systematisch als
Siedler in die fruchtbaren Flussniederungen an Main und Rednitz vermittelt, wo
sie regional die Mehrheit bildeten und ihre kulturelle Eigenständigkeit
teilweise bis in die Neuzeit bewahren konnten. Sie wurden auf Königsgut
angesiedelt und verschmolzen aufgrund ihrer eigenständigen Siedlungsweise nur
sehr langsam mit der deutschen Bevölkerung.
An
den Grenzen Sachsens und Thüringens bildeten sich in Böhmen und Brandenburg
erste bedeutende slawische Fürstentümer, mit welchen sich das Reich
auseinanderzusetzen hatte. Gegen Südosten bildete Bayern den Puffer zu den im
zehnten Jahrhundert öfters einfallenden Ungarn. Kaiser Heinrich (919-936)
unternahm mehrere Kriegszüge, um die slawischen Fürsten im Grenzgebiet zu
unterwerfen. Er zwang Wenzel von Böhmen 929 zur Zahlung von Tribut und
Anerkennung der kaiserlichen Oberhoheit. Elbslawen, Sorben und Dalemnizier
wurden ihrer Eliten beraubt und so langfristig integriert. Heinrichs Nachfolger
Otto der Grosse (936-973) integrierte die Slawen im Reich durch Unterwerfung,
Mission und Kirchenorganisation. Er begründete in Magdeburg nicht nur seine
Machtbasis, sondern im Jahre 968 auch ein Missionserzbistum mit einer Domschule,
die ausdrücklich auf die Slawenmission ausgerichtet war. Die Ungarn und sogar
die noch heidnischen Kiever Rus zeigten zeitweilig Interesse an der christlichen
Religion römischer Prägung. Gegensätze und Rivalitäten zwischen dem
deutschen und dem oströmischen Kaiser, beziehungsweise zwischen Papst und
Patriarch von Konstantinopel werden zu knapp abgehandelt, denn beide
missionierten im besprochenen Raum intensiv und in Konkurrenz zueinander.
Faszinierend
werden die Antagonismen in der ostmitteleuropäischen Kernregion geschildert:
Wieso die böhmischen Přemisliden zu Feinden der verschwägerten Piasten
Polens wurden, wie Schlesien seit dem späten 10. Jahrhundert zum Zankapfel
zwischen Böhmen und Polen wurde, weshalb der polnische König Miezko wohl 992
sein Land dem Papst übertrug und die Gründe dafür, dass Ungarn und Polen, Böhmen
und das Reich sich in wechselnden Koalitionen gegeneinander verbündeten. Dabei
werden Gemeinsamkeiten und Eigenheiten der jeweiligen Herrschaftsgebiete
diachron für das hohe Mittelalter betrachtet; es entsteht eine faktenreiche
Geschichte des slawischen Raumes, ohne die Einflüsse des deutschen Reiches auf
die Region aus den Augen zu verlieren.
Die
Entstehung der Rus geben noch immer Rätsel auf. Lübke weist auf die mögliche
Entstehung des Begriffes aus dem finno-ugrischen Ruotsi (Nördliche
Nachbarn) und dem altrussischen varjagi (Wikinger) hin. Gesicherte
Schriftquellen sind rar. Der Patriarch von Konstantinopel verkündete bereits
867 voreilig die Konversion der Rus, die 860 mit einer Kriegsflotte vor Byzanz
erschienen. Zu dieser Zeit wurde am grössten Handelsplatz, in Kiev, eine
byzantinische Handelsniederlassung gegründet. In der Folge entwickelten sich über
die russischen Flüsse Dnjestr, Dnjepr und Wolga die Handelsbeziehungen zum
europäischen Norden. Die „Berufungslegende“ erzählt zum Jahre 862, wie
drei skandinavische Brüder zur Herrschaft in die Rus gerufen worden seien. Die
in Ladoga etablierte Dynastie der Rjurikiden herrschte mit etlichen Seitenlinien
von Kiev und später Twer und Moskau aus bis ins 16. Jahrhundert. Das weite Land
entlang der Ströme wurde mit einem Netz aus Burgstädten (gorody)
kontrolliert, wo bald Handwerker und Händler tätig wurden. Die bedeutenderen
dieser Städte waren Sitze von Fürsten, so insbesondere Alt-Ladoga, Kiev,
Polozk und Nowgorod, später auch Wladimir und Moskau. Die Herrschaft stützte
sich dabei auf ein für das spätere Russland typische System aus Gefolgschaften
(druschiny). Die Fürsten stützten sich wirtschaftlich auf den
Fernhandel. Im Winter trieben sie von der Bevölkerung die Tribute in Form von
Handelsgütern und Dienstleistungen (Schiffbau, Gastung) ein, die sie im Sommer
vor allem in Byzanz verkauften. Mit der detaillierten Beschreibung dieses
ausgeklügelten Steuerwesens widerlegt Lübke quellennah das Hirngespinst einer
politischen Rückständigkeit des europäischen Ostens und belegt, dass sich
insbesondere in diesem schwach besiedelten Teil des Kontinents Systeme
entwickeln konnten, mit welchen weite Gebiete - ohne ständige Präsenz
Bewaffneter - herrschaftlich dauerhaft erfasst werden konnten. Seit dem 10.
Jahrhundert schritt die Expansion der rjurikidischen Fürstentümer voran, wobei
sich im 12.Jahrhundert die Schwerpunkte Rostow-Susdal (östlich Moskau),
Nowgorod, Polozk (um Minsk), Kiev und das spätere Halitsch-Wolyn (Galizien und
Moldawien) herausbildeten. Ab 1241 gerieten sämtliche russischen Fürstentümer
unter die Herrschaft der Goldenen Horde, der mongolischen Reiterscharen
und ihren Hilfsvölkern. Diese beließen die russischen Fürsten meist im Amt,
erpressten aber Tribut und beanspruchten die Oberhoheit. Erst ab 1380 konnte das
„Tatarenjoch“ langsam abgeschüttelt werden, unter der Führung der
aufsteigenden Fürsten von Moskau und der Unterstützung des Metropoliten.
Beides war für die russische Identität prägend.
Eine
Alternative zur autokratischen Herrschaftsform der Fürsten und ihrer Bojaren
bildete der „Herr Groß-Nowgorod“. Die Stadt lag günstig in der Nähe
des Ilmensees und war deshalb ein bevorzugter Handelsplatz. Die Herrschaft wurde
einerseits vom „Herrenrat“ (sowjet gospod) und andererseits von der
Wetsche-Volksversammlung ausgeübt, wo die Klientel der dreißig bis vierzig
Bojarenfamilien den „Volkswillen“ lautstark zum Ausdruck brachten und so den
Fürsten, den posadnik beeinflussten. Dieser wurde durch einen Vertrag
mit der Stadt berufen und residierte mit seiner Gefolgschaft außerhalb der
Stadt. Die Funktion des Fürsten war die eines berufenen Amtsträgers, der auch
durchaus abgesetzt werden konnte. Nowgorod war im 12. bis 14. Jahrhundert der führende
Handelsplatz in der Rus und besonders für hanseatische Kaufleute attraktiv. Der
Transport der Waren wurde über den Wasserweg über den finnischen Meerbusen wie
auch seit dem 13.Jahrhundert über den Landweg von Riga, später auch Reval her
abgewickelt. Die Händler hatten ihre befestigten Höfe, in welchen sie
logierten und ihre Handelsware sicher deponieren konnten. Der Deutsche und der
Gotische Hof gehörten zum Kontor der Hanse. Es galt das Stadtrecht von Visby,
später Lübecks, über das ein Ältermann wachte.
Der
dritte Teil „Zwischen Zerfall und Neubeginn“ ist dem späten
Mittelalter gewidmet. Während sich der zweite Teil auf die autogene Geschichte
der Region stützt, überwiegt im Dritten getreu dem Titel der Reihe „Die
Deutschen und das europäische Mittelalter“ der Einfluss der Deutschen
auf die östliche Geschichte völlig gegenüber entsprechender Beeinflussungen
der Slawen auf das deutsche Spätmittelalter. Lübke preist die Städte
Ostmitteleuropas als Horte ethnischer Vielfalt. Kauffahrer prägten die
Entwicklung der Städte in Bezug auf Rechtssystem, Gastrecht,
Kirchenorganisation etc. Dabei unterstanden Slawen beispielsweise in den Städten
Brandenburgs dem älteren ius ducale, während die zugewanderten
deutschen Siedler dem ius teutonicus unterstanden. Die Deutschen prägten
Stadtkultur und Landesausbau aktiv mit, so zum Beispiel die Siebenbürger „Sachsen“,
die seit einem ungarischen Privileg von 1224 eine eigene Gemeinschaft (unum
populum) bildeten.
Leider
bröckelt die geographische Breite der Darstellung im frühen 14.Jahrhundert ab;
nur die Verhältnisse im Polen-Litauen
werden bis zum Beginn der frühen Neuzeit und im Ausblick bis zu den
polnischen Teilungen und heute ausgedehnt. Dabei steht die Schilderung der
baltischen Geschichte im Mittelpunkt. Ab 1180 wird das Gebiet der Liven von Lübeck
aus planmäßig missioniert. 1219 baut König Waldemar von Dänemark die „Dänenburg“
taani linn, das spätere Reval. Der Schwertbrüderorden missioniert die
Liven mehr oder weniger gewaltsam von Üxküll an der Düna aus und der deutsche
Orden die Pruzzen von Süden her. Trotz dieser enormen Fremdeinflüsse hält
sich das heidnische Grossfürstentum Litauen, eingeklemmt zwischen den
bedeutenden Mächten von Polen und der Rus. Es baut seine Territorialmacht im
13. Jahrhundert sogar bis zur Herrschaft über die Handelswege auf Wolga und Oka
aus. Der Aufschwung lockt zahlreiche deutsche Siedler an die Düna, die Liven
assimilieren sich. Grossfürst Mindaugas lässt sich 1250 taufen und erhält dafür
vom Papst die Königswürde verliehen. Innerhalb der folgenden rund hundertfünfzig
etabliert sich das mit Polen vereinigte Königreich unter der Herrschaft der
Gediminiden zur Grossmacht. 1385 schlossen sich mit der Union von Krewo Polen
und Litauen zusammen. Unter der Herrschaft des litauischen Fürsten Jagiełło
und seiner Nachfolger war Polen-Litauen ein fester Baustein des christlichen
Europa und der grösste europäische Territorialstaat, bis der Iwan der
Schreckliche 1562 für Russland den Zugang zur Ostsee erkämpfte.
Das
Buch bildet einen gelungenen Versuch der vergleichenden Geschichtsschreibung.
Einen derartig grossen und komplexen Raum in einem Band verbindlich darzustellen,
braucht Mut. Lübke stellt hier mehr als nur gesammeltes Wissen zur Schau, er
schafft bei seinen Lesern Verständnis für komplexe Abläufe und gewachsene
Strukturen, für Gemeinsamkeiten und Eigenheiten der ost- und ostmitteleuropäischen
Kulturräume und ihrer Geschichte. Dem im Titel verankerten Bezug zu den
Deutschen und ihrer Geschichte wird Lübke durchaus gerecht, wenn er die
Entwicklungen des osteuropäischen Mittelalters als Kontrapunkt und Ergänzung
der deutschen- und der Reichsgeschichte jener Zeit schildert. Als Quellen lässt
Lübke außerhalb der landläufig bekannten Schriftstücke auch Etymologie, Archäologie
und Ethnographie gelten und arbeitet deren Erkenntnisse gekonnt in die
Darstellung ein. Zahlreiche Abbildungen in s/w tragen zur Lesbarkeit bei, da die
ausgewählten Objekte jeweils unabhängig vom Text kurz erläutert werden. Der
kritische Nachvollzug der Gedankengänge wird durch den etwas schwerfälligen
Anmerkungsapparat erschwert. Eine simple Aufstellung der Quellen und
Fachliteratur wäre übersichtlicher gewesen. Dafür sind die dem Anhang eingefügten
Karten und die Stammtafeln ausgezeichnet und dazu geeignet, sich im Wirrwarr der
dynastischen Beziehungen zurechtzufinden. Abschließend muss man dem Autor
wirklich Respekt zollen, sich an ein derartiges Projekt herangewagt zu haben:
durch souveräne Kenntnis der Materie, Übersichtlichkeit und Transparenz der
Darstellung sowie einer zeitgemäßen klaren Sprache ist es dem Verfasser
gelungen, Osteuropa einerseits als integralen geographischen Bestandteil des
europäischen Mittelalters darzustellen und anderseits eine Vielzahl jener
Partikularismen aufzuzählen und quellennah herauszuheben, die Osteuropa
charakterisieren und es von Mitteleuropa unterscheiden.
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Christian Lübke: Die Deutschen
und das europäische Mittelalter. Das östliche Europa. Siedler Verlag, München,
2004.
544 Seiten, zahlreiche Abbildungen s/w, gebunden. Buch bestellen bei Amazon.de
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