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Liechtensteins Rolle im Zweiten Weltkrieg
Differenzierte Bilanz der Unabhängigen Historikerkommission  
Artikel von Jürgen Schremser vom 19. April 2005
 
Im Rahmen einer Medienkonferenz präsentierte die „Unabhängige Historikerkommission Liechtenstein - Zweiter Weltkrieg“ (UHK) die wichtigsten Ergebnisse einer vierjährigen Forschung zu “Liechtenstein in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg”. Im Zentrum der Untersuchungen stand die Frage, ob liechtensteinische Finanzinstitute (Banken und Treuhänder) bei Transaktionen mit Vermögenswerten, die von Profiteuren oder aber Opfern des NS-Systems stammten, beteiligt waren. Ergänzend wurden aber auch die Bereiche der liechtensteinischen Flüchtlingspolitik, der Produktion für den deutschen Kriegsbedarf sowie Fragen einer allfälligen liechtensteinischen Involvierung in Raubkunsterwerb, „Arisierungen“ und Zwangsarbeit abgeklärt.

Die UHK war im Mai 2001 durch Auftrag der liechtensteinischen Regierung eingesetzt worden. Letztere nahm nun zu den Ergebnissen Stellung. Von Kompensationsforderungen, wie sie noch vor Beginn der UHK-Forschungen von jüdischer Seite erhoben wurden, ist keine Rede mehr. Das offizielle Liechtenstein zieht vorerst gesellschaftspolitische Konsequenzen: Sensibilisierung gegenüber Rassismus und Antisemitismus.

Vergangenheitspolitisches Mandat  

Dass “Liechtenstein kein Hort für Nazi-Gelder” war, ist die in den Inlands- und Auslandsmedien meist zitierte Schlussfolgerung aus dem zusammengefassten Endbericht der UHK. Die betreffende Feststellung ist eine verzögerte, wissenschaftlich fundierte Antwort auf den moralisierenden Vorwurf des World Jewish Congress (WJC) im Jahre 2000. WJC-Geschäftsführer Elan Steinberg äußerte damals in einem Spiegel-Interview, dass geraubte jüdische Vermögenswerte – Gold, Geld und gestohlene Kunst – auch durch Mithilfe liechtensteinischer Finanzinstitute versteckt bzw. verschoben worden seien. Eben dieser Vorwurf und die sogleich daran geknüpfte Kompensationsforderung des WJC waren der öffentlichkeitswirksame Auslöser für eine offizielle liechtensteinische Vergangenheitsaufarbeitung nach dem Modell der Schweiz (Bergier-Kommission). Gemessen an diesem Auslöser waren Einsetzung und Arbeit der UHK vergangenheitspolitisch erfolgreich: Ihre offizielle Bestellung markierte eine international glaubwürdige Geste verantwortungsvoller Vergangenheitsbewältigung im Zeichen des globalisierten Holocaust-Gedenkens. Ihr Schlussbericht diente der Regierung jetzt dazu, ein zukunftsgerichtetes Bekenntnis zu antirassistischer Aufklärung und Gewaltverzicht zu formulieren. Dass die seinerzeit vom WJC erhobenen Vorwürfe sich in dieser Form nicht bestätigen ließen und die angekündigten Beweisdokumente anscheinend nicht existieren, blieb in der Regierungsstellungnahme und den Medienberichten weitgehend unkommentiert. Auch dies dürfte Teil einer vergangenheitspolitisch sensiblen Diplomatie sein. Während sich die rigorosen Vorwürfe des WJC inhaltlich nicht erhärten ließen, ist deren politische Impulswirkung unbestritten: Ohne entschlossenes Vorgehen jüdischer Interessenvertreter wäre auch in Liechtenstein keine derart umfangreiche Untersuchung der NS- und Weltkriegsphase eingeleitet worden. Der Umfang des UHK-Schlussberichtes belegt auch, dass in Bezug auf problematische Phasen der liechtensteinischen Zeitgeschichte noch im Jahre 2000 erheblicher gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Aufklärungsbedarf bestand.

Schlussbericht erst im Sommer

Während der vergangenheitspolitische Nutzen der UHK bereits jetzt eingeschätzt werden kann, ist der inhaltliche Ertrag ihrer Forschungen mit Vorbehalten zu werten. Der mehrere hundert Seiten umfassende Schlussbericht sowie die diversen Einzelstudien zu den Abklärungsbereichen der UHK werden erst im Sommer in Buchform vorliegen. Erst dann kann das laut Außenminister Walch “akribisch und schonungslos durchleuchtete” Geschichtskapitel in seiner Komplexität erörtert und zur Diskussion gestellt werden. Vorläufig hat nur die politische Auftraggeberin, Liechtensteins Regierung, Einsicht in den Gesamttext des Berichts. Das Parlament (Landtag) wird  zudem Gelegenheit haben, sich mit den Ergebnissen zu befassen. Immerhin konsumierte die vierjährige Forschungsarbeit 3,5 Millionen Schweizer Franken, welche vom Landtag bewilligt wurden. Die UHK-Arbeit stellt damit – gemessen an seiner Laufzeit - das bislang teuerste geisteswissenschaftliche Forschungsvorhaben Liechtensteins dar. Inwieweit diese Investition auch gesellschaftlichen Erkenntnis- und Bildungsgewinn bedeutet, wird sich erst in jenen Diskussionen erweisen, die durch volle Verfügbarkeit der Forschungsberichte ermöglicht werden. Dennoch erlaubt eine aufmerksame Lektüre der mit Stand vom 1.März 2005 publizierten „Zusammenfassung des Schlussberichts“ der UHK mehr Erkenntnisgewinn als in den verbreiteten Medienberichten zur Geltung kommt. In dieser Berichtszusammenfassung sind es weniger die häufig wiederholten Hauptergebnisse, als deren Nach- und Nebensätze, die aufhorchen lassen und ein genaueres, oftmals überraschendes Bild des Kleinstaates im Weltkriegsgeschehen zeichnen lassen.

Liechtenstein als Suisse miniature

Sowohl forschungspraktisch wie inhaltlich lehnte sich die UHK-Arbeit eng an die Vorarbeiten der schweizerischen Unabhängigen Expertenkommission (UEK) an. Für die Einzelstudien in den Bereichen Flüchtlingspolitik, Rüstungsindustrie und Finanztransaktionen (Kapitalflucht von Opfern und Tätern) wurden Experten der ehemaligen Bergier-Kommission beigezogen. Liechtensteins enge politische und ökonomische Verbindung mit dem größeren Zollvertragspartner Schweiz musste bei allen Untersuchungsbereichen der UHK in Rechnung gestellt werden: bei der Flüchtlingspolitik, die im schweizerisch bewachten Grenzgebiet und in enger Abstimmung mit der schweizerischen Fremdenpolizei erfolgte. Bei der Rüstungsproduktion – vorwiegend für den deutschen Bedarf – welche unter den Vorgaben des schweizerischen Kriegsmaterialexportes und der deutsch-schweizerischen Clearingvereinbarungen ab 1941 anlief. Schließlich war auch die Frage möglicher Kapitalfluchtbewegungen bzw. Devisentransaktionen via Liechtenstein nur in engem Konnex mit dem schweizerischen Bankenplatz und Währungsraum abzuklären.

Aus einer Makroperspektive erscheint das kleine Fürstentum in Bezug auf das Deutsche Reich als zollvertragsgebundener Mitarbeiter bzw. Nutznießer des wesentlich potenteren Akteurs “Schweiz”. In Ergänzung bzw. Abstimmung zum schweizerischen Kooperationsrahmen mit dem kriegführenden Reich hat auch das Fürstentum das Seinige beigetragen, Verfolgten Zuflucht geboten, aber auch der NS-Volks- und Wehrgemeinschaft Dienste erbracht. Eine Bewertung dieser Kooperation kann nicht allein auf einen, schwer einschätzbaren, Einfluss auf den Kriegsverlauf abstellen. Während in Bezug auf die Schweiz noch die Frage gestellt wurde, ob deren Rüstungs- und sonstige Dienste etwa das Kriegsende in Europa hinausgezögert hätten, wäre eine solche Überlegung in Bezug auf Liechtenstein eher abwegig. Die UHK weist hier auf die Zweiseitigkeit der Kooperation hin und stellt einerseits fest „die liechtensteinischen Exporte (...) hatten für die deutsche Kriegsführung keine wesentliche Bedeutung.“ Andererseits war die „Kriegskonjunktur“ sowohl betriebs- wie volkswirtschaftlich für die Bewohner des Kleinstaates von erheblichem Nutzen und Gewinn. Die Namen der Unternehmen sind in Liechtenstein nach wie vor populär; weniger populär war es lange Zeit, über deren Gründerzeit zu forschen und zu diskutieren. Nicht nur die Tatsache der Produktion von kriegswichtigen Gütern für Deutschland, auch die Aufnahme und Abweisung von (jüdischen) Flüchtlingen an der liechtensteinisch-schweizerischen Grenze war der Landesöffentlichkeit bekannt. Weniger bekannt war und ist das Schicksal der materiellen Werte jüdischer Verfolgter. Diesbezüglich hält die UHK fest, dass das Dritte Reich auch auf Auslandsguthaben deutscher Juden zugriff, die in Form einer liechtensteinischen Gesellschaft angelegt waren. Hier, wird nun festgehalten, sei es meist nicht gelungen, entsprechenden Schutz zu bieten.

Unter dem Aspekt der ökonomischen Anbindung an die Schweiz scheint es wenig überraschend, dass Liechtenstein keinen eigenen Goldhandel mit dem Reich betrieb und dass seine zwei Banken keine Adresse für Kapitalflucht bzw. Devisenschiebereien für NS-Größen darstellten. Hierfür waren das schweizerische Bankensystem und die währungspolitisch zuständige Nationalbank eben die vorrangigen Partner. Gleichwohl ist die finanz- und rechtstechnische Infrastruktur des kleinen liechtensteinischen Banken- und Treuhandwesens der Dreißiger- und Vierzigerjahre durch Personen und Dienststellen im Dritten Reich in Anspruch genommen worden. In diesem Bereich darf man auf die Detailstudien der UHK gespannt sein. In ihrer Zusammenfassung stellt sie fest, dass liechtensteinische Sitzgesellschaftsgründungen für deutsche Interessenten auf Veranlassung von Banken und Anwälten, die aus oder über die Schweiz operierten, erfolgten. Bei Gesellschaften, die 1941 bis 1944 zur Durchführung von Handelsgeschäften mit Deutschland gegründet wurden, konstatiert die UHK “ein breites Aktivitätsspektrum, das von der Tarnung von Vermögenswerten, Verschleierung von Besitzverhältnissen zur Finanzierung illegaler oder problematischer Geschäfte bis hin zur Verschiebung von Geldern zweifelhafter Provenienz reichen konnte.”

Problematische Rolle des Fürstenhauses

Relativ neu und jedenfalls im Fürstentum aus verschiedenen Rücksichtsgründen kaum bekannt, sind die Forschungsergebnisse in Bezug auf die historische Rolle des Fürstenhauses. Der seit Juni 1938 regierende Fürst Franz Josef I. erscheint in mehrfacher Hinsicht mit den Beraubungsvorgängen im deutschen Herrschaftsraum verquickt: einmal als Erwerber (“Ariseur”) jüdischen Vermögens nach dem Anschluss Österreichs 1938, dann als Ankäufer von Kunstobjekten zweifelhafter Herkunft, schließlich als Gutsbesitzer, auf dessen Ländereien in Mähren Ende des Krieges jüdische Zwangsarbeiter zum Einsatz kamen. Nicht zuletzt war der Fürst auch an Einbürgerungen jener Profiteure des NS-Systems beteiligt, welche bei Kriegsende in Liechtenstein ihre Zuflucht fanden und deren “Vorzugsbehandlung” die Kommission als “fragwürdig” einstuft: Ratjen, Steegmann und Ruscheweyh. Wiewohl die UHK sich beeilt, die problematischen Handlungen des Fürsten wohlwollend zu interpretieren, ist allein die Nennung all dieser Vorgänge ein Indiz für das umfangreich und unabhängig wahrgenommene Mandat der Historiker.

Besonderheit Liechtensteins?

Die UHK ist in ihrem zusammengefassten Schlussbericht um Zurückhaltung bei Bewertungen oder gar Schlussfolgerungen bemüht. Dennoch wird, nicht zuletzt durch den Liechtenstein-Historiker und UHK-Vorsitzenden Peter Geiger ein wertender Interpretationsrahmen hergestellt. Geiger betont die Einzigartigkeit des Kleinstaates Fürstentum Liechtenstein im historischen Kontext der Dreißiger- und Vierzigerjahre. In den diesbezüglichen Formulierungen des Berichts und der offiziellen Pressemeldung wird dem weiteren Publikum Verständnis für die „Besonderheit Liechtensteins“ angesonnen. Es wird auf die begrenzten Handlungsmöglichkeiten des Kleinstaats, die Teilabhängigkeit von der Schweiz und die bedrohliche Lage zum benachbarten Dritten Reich hingewiesen. Schließlich versteigt man sich zur Behauptung: „Jenes Liechtenstein der Dreißiger- und Vierzigerjahre ist nicht mit dem heutigen Land zu vergleichen.“ Nicht zu vergleichen? Soll hier mit wissenschaftlichen Mitteln jene Brücke in die Vergangenheit abgebrochen werden, die es doch erst ermöglicht und sinnvoll erscheinen lässt, sich in der Gegenwart mit der eigenen Vorgeschichte auseinander zusetzen? Stellte die UHK nicht eingangs ihrer Berichtszusammenfassung programmatisch fest: „Die Gegenwart lebt aus der Geschichte“? Auch der Sache nach sind die Hinweise auf die Besonderheit des historischen Liechtenstein zu problematisieren: Einige von der UHK konstatierte Handlungsfaktoren galten und gelten über das Jahr 1945 hinaus, dazu gehören die Anbindung an die Schweiz, ebenso „Opportunismus und innenpolitischer Pragmatismus“ gegenüber ausländischen Mächten oder aber Schutzsuchenden. Schließlich scheint auch die Beschreibung des „Aktivitätsspektrums“ liechtensteinischer Gesellschaften im Zweiten Weltkrieg – „Verschleierung von Besitzverhältnissen“, „Verschiebung von Geldern zweifelhafter Provenienz“ – nicht gerade geeignet, die Unvergleichlichkeit des heutigen mit dem früheren Liechtenstein zu belegen. In Bezug auf die Besonderheit Liechtensteins wäre die UHK besser beraten, sich weniger einen politischen als einen kulturgeschichtlichen Blickwinkel anzueignen. So könnten die langfristig wirkenden Strukturen der liechtensteinischen Nachkriegsgesellschaft, die im spannungsreichen Verhältnis gegenüber der Schweiz und dem Deutschen Reich geprägt wurden, von jenen Praktiken unterschieden werden, die heute tatsächlich einzigartig und unwiederbringlich vergangen erscheinen.

Literatur- und Quellen zum Thema:
- www.liechtenstein.li (Rubrik Staat/ Aussenpolitik/ Ausgewählte Themen/ Unabhängige Historikerkommission)
- Jürgen Schremser: "Erzählverhältnisse. Vergangenheitspolitik und Zeitgeschichte in Liechtenstein. – Ein Diskussionsbeitrag." In: Wolfgang Weber (Hg.): Regionalgeschichten – Nationalgeschichten. Festschrift für Gerhard Wanner zum 65. Geburtstag, Feldkirch 2004, 441-458.



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