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Nr. 75, September 2005
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Der unheimliche Papst, Alexander VI. Borgia 1431-1531
Sex and Crime im Vatikan

Artikel vom 10. September 2005 von Heinrich Speich
 
Die Wirklichkeit unterscheidet sich meist erheblich vom Mythos. Dass die historische Realität nicht minder dramatisch sein kann als ihr Mythos, beweist Volker Reinhardt in seiner neuen Biographie des skandalumwitterten Renaissancepapstes Alexander VI. Borgia (1492-1503). 

Volker Reinhardt, Professor für Geschichte der Neuzeit in Fribourg (Schweiz), ist ein  ausgewiesener Kenner der Renaissance in Italien, spezialisiert auf die Geschichte des päpstlichen Hofes der frühen Neuzeit. Als solcher schreibt er in vorliegendem Werk nicht nur eine kontrastreiche Papstbiographie, sondern analysiert auch den dezenten Grundton der Epoche, jenes unterschwellig wirkende Geflecht aus Tradition, Normen und Erfahrungen der Protagonisten, welches die Möglichkeiten individueller Gestaltung von gesellschaftlichen, religiösen und politischen Vorgaben trennt. Reinhardt ist bemüht, keine moralisierenden Urteile abzugeben. Es gelingt ihm. Die moralische Bewertung ist dem Leser überlassen, die historische Deutung übernimmt der Autor mit einem Ausblick bis in die Gegenwart im abschliessenden Kapitel des Buches.

Der Aufstieg der Familie Borgia beginnt mit Alonso Borja aus Játiva, der als Jurist im Dienste des Königs Alfonso V. von Aragon aufsteigt. Er wird 1429 Bischof, 1444 Kardinal und 1455 als Calixtus III. Papst. Sein Neffe Rodrigo Borgia, der nur noch den italianisierten Namen führt, studiert ab 1453 in Bologna und wird 1456 zum Kardinal erhoben. Kirchliche Positionen sind zwar nicht erblich, aber Päpste begünstigen bei der Vergabe geistlicher Würden (und damit einträgliche Pfründen) gern leibliche Verwandte. So wird langfristig Einfluss, Status und Einkommen der Familie vermehrt. Die Möglichkeiten dieses Nepotismus reizt Calixtus III. bis an die seinen Zeitgenossen zumutbaren Grenzen aus. Rodrigo wird 1457 Vizekanzler und hat damit die zweitwichtigste und einträglichste Position im Kirchenstaat inne. Im selben Moment wird sein Bruder Pedro Luis Oberbefehlshaber der päpstlichen Truppen und Vikar von Benevent und Terracina – die Borgia wollen mit Hilfe des Kirchenstaats die Herrschaft im Königreich Neapel übernehmen. Der Plan scheitert 1458 jäh mit dem Tod des Papstes.

Der Kirchenstaat ist eine Wahlmonarchie und somit langfristig unberechenbar. Die Päpste fördern ihre Verwandten, um sie an ihrem lukrativen Amt teilhaben zu lassen und über das Pontifikat hinaus finanziell und sozial zu versorgen. Unter Calixtus III. nimmt der Nepotismus neue Dimensionen an. Der Wille zur Ergreifung der Herrschaft in Neapel durch die Borgia ist ein Präzedenzfall, der im Laufe der folgenden hundert Jahre von einigen Papstnepoten nachgeahmt wird, aber langfristig nie von Erfolg gekrönt ist.

Enea Silvia Piccolomini aus Siena wird als Pius II. neuer Papst. Auch er frönt der Patronage, betreibt Personenkult und liebt prachtvolle Bauten.  Er verheiratet einen seiner Nepoten mit einer neapolitanischen Prinzessin, überschreitet aber wie danach Paul II. Bardo die Grenzen der Patronage nicht. Sein Nachfolger Sixtus IV. (Francesco Maria della Rovere) stammt aus dem römischen Adel und  ist General des Franziskanerordens. Die erwarteten Reformen bleiben aus, er protegiert ungeniert seine Familie, rücksichtsloser noch als seine Vorgänger. Für seine Familie versucht er, einen eigenen Staat zu erobern, zuerst in der Romagna und dann Neapel. 1484 stirbt Sixtus IV.  Auf ihn folgt mit Innozenz VIII., (Giovanni Battista Cibo) als Kompromisskandidat. Jeder neu erhobene Papst muss seine Pfründen abgeben, wenn er den Stuhl Petri einnimmt, so können diese akkumulierten Würden im Vorfeld der Wahl zur aktiven Wahlwerbung eingesetzt werden oder freier gesagt: jede Stimme im Konklave hat ihren Preis. So erhält Rodrigo Borgia abermals einen Zuwachs an Würden und Einkommen, er steigt zum Dekan des Kardinalskollegiums auf.
Cibo stirbt 1492 (korrigiert am 5.12.2005).

E
rfolgreich ist Borgia inzwischen auch auf anderem, für kirchliche Würdenträger damals nicht unüblichem Gebiet. Er hat mit Vanoza de’ Cattanei, seiner langjährigen Geliebten, vier Kinder, die er selbstbewusst notariell anerkennen lässt: Cesare, Giovanni, Lucrezia und Jofré. Cesare wird mit achtzehn Jahren Kardinal, für Pedro Luis kauft Väterchen ein Herzogtum und eine königliche Braut, welche beide nach dem frühen Tode von Giovanni „übernommen“ werden, Lucrezia wird nach politischem Gutdünken dreimal verheiratet und Joffré heiratet ins Königreich Neapel. Isabella und Gerolama stammen von einer unbekannten Mutter und spielen kaum eine politische Rolle.

1492 wird Rodrigo Borgia mit der Hilfe des Mailänder Kardinals Ascanio Sforza zum Papst gewählt. Er nimmt den Namen des grossen Heerführers an und nennt sich Alexander VI. Während der ersten Hälfte seines Pontifikats steht der Papst quasi unter der Tutel seines ungeliebten Gönners. Alexanders VI. „erfindet“ den Verkauf von Kardinalaten. Der Preis variiert, je nach Zahlungsfähigkeit der Kandidaten. Eine weitere Geldquelle bildet das systematische Erpressen reicher Prälaten oder der Einzug von verstorbenen Kardinälen zugunsten der päpstlichen Privatschatulle.

Neben diesen profanen Verpflichtungen bleibt natürlich kaum Zeit für geistliche Aktivitäten. Im Konflikt mit Savonarola in Florenz, der Alexander VI. Simonie vorwirft, argumentiert der Papst denn auch gar nicht; er stellt sich in die erhabene Tradition des päpstlichen Amtes und ernennt einen Schiedsrichter. Savonarola wird gefoltert, dann erwürgt und verbrannt.

Eine Wende in der Wahrnehmung der Nachwelt stellt das Jahr 1497 dar. Giovanni, der Herzog von Gandía wird tot aus dem Tiber gezogen. Das Verbrechen bleibt  ungeklärt, hartnäckige Gerüchte haben sich bis heute gehalten. Im selben Jahr gibt Cesare sein Kardinalat auf und wird Feldherr. Der Papst und der verbündete französische König stellen ihm ein Heer zur Verfügung, um die Romagna für sich zu erobern; wieder der alte Traum vom eigenen Staat. Von nun an bestimmt er öfters die Schlagzeilen. Sein Vater schickt ihn als Unterhändler zum französischen König nach Chinon. Die Verhandlungen zwischen Ludwig XII. und Alexander VI. sind von fuchsischer Schläue gekennzeichnet. Der König möchte seine Ehe auflösen lassen und die Königswitwe Anne de Bretagne heiraten; der Papst will dafür Cesare als Herzog sehen und ihm ein französisches Herzogtum verschaffen – do ut des. Ludwig X. verleiht Cesare die Stadt Valence, auf die der Kirchenstaat selbst Anspruch erhebt. Wenn der Papst die Belehnung akzeptiert, anerkennt er somit die französische Oberhoheit. 1:0 für den König. Der Papst zieht mit einem nicht minder schlauen Zug nach. Er erteilt Ludwig den Dispens zur Wiederverheiratung, ohne die erste Ehe aufzulösen. 1:1.  Daraufhin erklärt Ludwig XII. Cesare Borgia zum Herzog und Valence zum Herzogtum. Alexander zieht mit einiger Verspätung nach und erklärt nachträglich die erste Ehe von Ludwig XII. für ungültig. Reinhardt erzählt diese Episoden der päpstlichen Diplomatie virtuos und versteht es, sie vom Staub der Mythen befreit dem Leser zeitgemäss auszubreiten.

Mit allen Mitteln versuchen die Borgia nun, ihre Ziele umzusetzen. Dabei schrecken sie auch vor Giftmord aus Habgier nicht zurück. Alle Tabus werden unbekümmert gebrochen: Der Papst überträgt während seiner Abwesenheit seiner Tochter die päpstlichen Amtsgeschäfte, Wortbruch ist an der Tagesordnung und Schilderungen von Orgien im Vatikan dringen an die Öffentlichkeit. Sogar Inzest wird den Borgia vorgeworfen. Viele dieser Geschichten sind wohl der Propaganda der zahlreichen Feinde der Borgia anzulasten, entbehren aber oft nicht eines wahren Kerns. Man traut den Borgia einfach alles zu.

Ein weiterer Glanzpunkt des Pontifikates stellt die dritte Heirat der Papsttochter Lucrezia dar: zum Jahresende 1501 heiratet sie den Prinzen von Ferrara, Alfonso d’Este. Die Este gehören zum italienischen Hochadel und lassen sich diese Verbindung mit den Parvenus aus Spanien wahrhaft fürstlich entlohnen. Die Mitgift, Brautgeschenke und Gefälligkeiten kosten den Papst die astronomische Summe von über 300000 Dukaten. Die Hochzeit wird mit unerhörtem Pomp in Rom gefeiert und dann in Ferrara wiederholt.

Cesare widmet sich weiterhin der Eroberung der Romagna, die den Papst Unsummen kosten. Dabei geht er skrupellos vor, lässt Verbündete hinmorden und Städte plündern. Das Mass ist voll. Dabei wird er von Niccolò Macchiavelli in dessen Buch als Vorbild der Staatsraison angeführt. So hoch der Flug, so tief der Fall. Nach dem Tod seines Vaters im August 1503 wird nach einigen Monaten unter Pius III. ein Hauptfeind der Borgia, Giuliano della Rovere als Julius II. zum Papst gewählt. Er wird nach Spanien ausgeliefert und inhaftiert. Er flieht und wird Truppenführer im Dienste der Familie seiner Frau. Er stirbt 1507 im Gefecht. Lucrezia stirbt 1519 im Kindbett als geachtete Fürstin in Ferrara.

Der Sturz von Cesare zeigt eindrücklich, dass ohne das mächtige Amt des Papstes auch der tatkräftigste Nepot nicht den Hauch einer Chance hat. Die Borgia haben es in diesen elf Jahren nicht geschafft, sich als Familie unter Gleichen zu etablieren. Mit ihrem steten Drang nach Macht und Grösse haben sie den Bogen überspannt. Die Borgia haben sich nur Feinde geschaffen und kaum dauerhafte Freunde. Das Sozialprestige ist durch die zahlreichen Skandale verdüstert. Auch mit prall gefüllten Kassen kann sich Cesare nicht in Italien halten. Julius II. tut das, was von ihm erwartet wird: er distanziert sich ostentativ und zelebriert die Reinigung vom Borgia-Pontifikat durch eine Rückkehr zur Tradition.

Abschliessend möchte ich nochmals meine Sympathie für Stil und Methode des Autors betonen. Die konsequent chronologische Darstellung liest sich romanhaft leicht und das ausführlich kommentierte Quellenverzeichnis verdeutlicht den kritischen Umgang Reinhardts mit den einzelnen Quellen und deren mutmasslicher Verlässlichkeit. Geschichte und Geschichten werden neu bewertet und erzählt. Dabei ist es weder Aufgabe noch Absicht des Autors, alles zu erläutern und alte Mordfälle lückenlos aufzuklären. Die Borgia werden nicht als Teufel auf Erden geschildert, sondern als Menschen di carne ed ossa. Sehr lesenswert!

Volker Reinhardt: Der unheimliche Papst. Der unheimliche Papst, Alexander VI. Borgia 1431-1503. C.H.Beck, München, September 2005. 277 S. geb., 12 Abbildungen s/w, ISBN 3-406-44817-8. Biographie bestellen bei Amazon.de.


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