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Nr. 75, September 2005
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Westeuropa im Mittelalter
Artikel vom 1. September 2005 von Heinrich Speich
 
Fränkisch oder Französisch? Westeuropa im Mittelalter

D
em Titel der Serie, Die Deutschen und das europäische Mittelalter. Das westliche Europa, wird der Autor in seinem Buch nicht immer gerecht. Er beschreibt zwar, wie sich Deutsche mit Franzosen im Mittelalter verstanden haben aber nicht, wie sie lebten, lachten oder liebten. Aber das wird auch kaum jemand so erwartet haben. Ehlers zeigt dafür in seinem Werk den Wandel zweier Kulturräume, die sich während des Mittelalters gegenseitig beeinflussten, ihre Konflikte, Entwicklungen und Probleme. Die Darstellung ist in vier Teile gegliedert: 1. Das Europa der Karolinger, 2. Die Entstehung der europäischen Nationen 3. Die Entstehung der europäischen Freiheit und 4. Die Emanzipation der europäischen Staaten.

Da
bei geht er im ersten Teil chronologisch vor und erklärt die Leistungen des karolingischen Reiches aus der „großen Synthese“ von christlicher, gallorömischer Spätantike und fränkischer Tradition. Dabei macht er auf das Kulturgefälle aufmerksam, das zwischen den ehemals römischen Provinzen und der Germania herrschte und dessen Nivellierung er als Hauptleistung der karolingischen Herrschaft in Europa ansieht.

Als „neues Imperium“ bezeichnet Ehlers das Karolingerreich und erklärt anhand ausgewählter Quellen dessen Strukturen. Interessant sind dabei insbesondere die Ausführungen zu Sprache und Kommunikation in diesem „Vielvölkerstaat“: Es wurde nicht nur Latein verwendet, sondern die Grundlagen für Französisch und Deutsch als Volkssprachen gelegt.

Als Resultat dieser  gemeinsamen Entwicklungen konstatiert Ehlers weitgehend einheitliche kulturelle und zivilisatorische Merkmale für die Mitte des neunten Jahrhunderts, die über Jahrhunderte die Basis für die territorial separierten Teil- und Nachfolgereiche des karolingischen Großreiches bildeten. Der Osten hatte das Kulturgefälle gegenüber dem Westen aber noch nicht ganz wett gemacht: Die innere Christianisierung der Menschen war ebenso unvollkommen wie die kirchliche Durchdringung der Landschaft, es gab viel weniger Klöster, die als wirtschaftliche und spirituelle Zentren wirken konnten.

888 starb mit Karl III. der letzte Herrscher, der nominell über Ost- und Westfrankenreich geherrscht hatte. In der Folge etablierten sich in den Teilreichen Fürstenherrschaften, die karolingische Territorialgliederung blieb weitgehend erhalten. Dabei wurde das ökonomisch und als karolingische Stammlande ideell wichtige Lothringen zum eigentlichen Zankapfel zwischen Ost- und Westreich.

Im Osten wirkte das König- und Kaisertum als integrierende Kraft im regionalisierten Reich. Seit 918 regierte mit Heinrich I. nicht mehr ein Karolinger über das Ostreich. Das ökonomisch und ideell bedeutende Lothringen und somit die karolingische Pfalz Aachen gehörten seit 923/28 zum Ostreich, so konnte der sächsische Kaiser und seine Nachfolger den fränkischen Charakter seiner Herrschaft betonen, auch wenn die Macht in Händen der Ottonischen Dynastie war, die sich gegen die mächtigen Fürsten im Reich behaupten mussten. Otto I. ließ 955 das Magdeburger Mauritiuskloster in ein Missionserzbistum für die Slawen umwandeln und stellte sich damit auch in die karolingische Missionstradition. Er wurde 962 in Rom zum Kaiser des Römischen Reiches gekrönt und so erhielt das Reich seine heilsgeschichtliche Legitimation. „Dieses Prinzip“, so Ehlers, sei „mithin nicht deutsch, sondern römisch geprägt und deshalb hat sich die Bildung der mittelalterlichen deutschen Nation nicht auf völkischer Wurzel vollzogen, sondern auf dem politischen Bewusstsein, im römischen Imperium als der denkbar höchstlegitimierten Staatsform der Christenheit zu leben“. Den Begriff des Heiligen Römischen Reiches führte 1157 der Reichskanzler Rainald von Dassel ein.

Im westfränkischen Reichsteil herrschte ab 954 ein Kampf um die Königsmacht. Die karolingische Dynastie konnte sich nicht behaupten, die Robertiner kamen  ähnlich an die Macht, wie die Karolinger sie 751 von den Merovingerkönigen übernommen hatten. Im Osten wurde der neue König nominell durch Wahl der Grossen bestimmt. Robert II. ließ 1027 seinen Sohn Heinrich zum Mitkönig krönen und etablierte damit die Erbmonarchie. Mit dem Titel rex Francorum beanspruchten die Könige die karolingische Tradition für sich allein und blendeten den Osten aus. Während im römischen Reich der König seine Macht durch die regionale Besitzschwerpunkte und Pfalzen im ganzen Reich sicherstellen konnte, war der französische König abhängig von den Krondomänen und somit auf einen engen Raum beschränkt. Er regierte im Konsens mit dem Adel. Seit dem zehnten Jahrhundert mehrten sich also die strukturellen Unterschiede zwischen Frankreich und dem römischen, später deutschen Reich und die geistige Ethnogenese fand in der gegenseitigen Abgrenzung statt.

Die Klöster waren die zentralen Träger der Kultur im frühen Mittelalter. Im Jahre 910 wurde das Kloster Cluny gegründet. Hier wurde dem Totengedächtnis, einer reichen Liturgie und karitativem Wirken besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Im Gegensatz zu den anderen Benediktinerklöstern waren die Ableger von Cluny zentralistisch gelenkt und der ganze Verband war direkt dem Papst unterstellt. Cluny wirkte bald als Zentrum der monastischen Reformbewegung. Im elften Jahrhundert verschärfte sich der Konflikt zwischen Kaiser und Papst an der Frage der Bischofsinvestitur, der 1077 im Gang Heinrichs IV. nach Canossa gipfelte. Damit hatte sich die Kirche gegenüber den Kaisern als eigenständige Gewalt emanzipiert. In Frankreich hatte das Königtum nur in den Krondomänen bestimmenden Einfluss auf die Kirche.

Im wissenschaftlichen Bereich etablierten sich seit dem Ende des 12.Jahrhundert die Universitäten, die wie eine Zunft aufgebaut waren. Studium und Lehre wurden von den Universitäten monopolisiert.  Die erste Universität im deutschen Reich entstand erst 1348 in Prag als Mischform von Bologneser und Pariser Modell.

Durch die Verbindung von Aquitanien und England-Normandie entstand 1154 ein neues Großreich. Heinrich II. von England huldigte dem französischen König zwei Jahre später für die Normandie, Aquitanien, Anjou, Maine und Touraine und anerkannte damit dessen Superiorität in besagten Gebieten. Damit waren der Westen und Norden Frankreichs fest in den Händen des englischen Königshauses und der Einfluss des französischen Königs minimal. England hatte sich als Macht auf dem Kontinent etabliert und beeinflusste fortan die europäische Politik mit.

Im vierten Teil „Die Emanzipation der europäischen Staaten“  ist der Text leider zum Sammelsurium verkommen, mit allgemeinen Themen, der die Stringenz der Darstellung in den ersten beiden Teilen schmerzhaft vermissen lässt. Der Autor verzettelt sich in unzähligen Ereignissen und der Ausbreitung allgemeiner struktureller Merkmale. Dieser Teil ist zuwenig spezifisch auf die Fragestellung der Beziehungsgeschichte Deutsches Mittelalter – Westen hin ausgelegt und beinahe handbuchartig, ganz schlimm im abschließenden Kapitel Rittertum und Zivilisation, welches eigentlich in sich stimmig und inhaltlich interessant wäre. Zum Abschluss formuliert Ehlers die These, dass Deutschland aus Mangel an einer Zentrallandschaft, wie die Ile-de-France oder London „ allzu dauerhaft agrarisch“ geblieben sei und dieser Vorsprung an Urbanität nie habe aufgeholt werden können.

Ehlers Werk hat einen hohen Anspruch und die Messlatte innerhalb der Reihe ist mit dem Werk von Lübke zu Europas Osten sehr hoch gelegt. Die Darstellung von Spätantike und Frühmittelalter, mit der Genese der gemeinsamen kulturellen Grundlagen für das spätere Deutschland und Frankreich, ist wirklich großartig, ebenso die Beschreibung der Zeit der Spaltung bis zu den Staufern. Hier wird dem Leser stilistisch hoch stehende, moderne und quellennahe Geschichtsschreibung geboten. Im Hochmittelalter (Teil IV) erscheinen dann plötzlich Papsttum und englisches Herrscherhaus als integraler Teil der Darstellung, während diese beiden vorher immer nur im Zusammenhang mit französischer- und Reichsgeschichte erwähnt worden waren. Der westliche Westen Europas, nämlich die Bretagne, Aquitanien und die iberischen (christlichen und muslimischen) Reiche werden mit keinem Wort erwähnt, auch das für Ethnogenese und Kulturaustausch zentrale Spätmittelalter wird völlig ausgeblendet. Schade. Die abwechslungsreiche politische Beziehungsgeschichte bildet den Fokus der Darstellung, zumindest im ersten Teil konsequent am Beispiel des Karolingerreiches und dessen Nachfolgern. Der Einbezug von künstlerischer und ökonomischer Entwicklung hätte dem Buch zu mehr Breite verhelfen können und die recht trockene Personen- und Faktengeschichtsschreibung etwas aufgelockert.

Karten und Abbildungen (s/w) sind vorbildlich in den Text eingebettet und die Stamm- und Zeittafeln im Anhang sehr hilfreich und übersichtlich gestaltet, die Quellen mit viel Sorgfalt ausgewählt und zitiert, die kommentierte Literaturliste beinahe vollständig.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ersten beiden Teile wirklich brillant geschrieben sind. Diese sind in ihrer Schärfe unerreicht und lohnen den Kauf des Buches, auch wenn dieses in seiner zweiten Hälfte den Rezensenten nicht zu überzeugen vermag.

Joachim Ehlers: Die Deutschen und das europäische Mittelalter. Das westliche Europa Siedler Verlag, München 2004. 512 Seiten, zahlreiche Abbildungen s/w, gebunden. ISBN 3-88680-759-2. Buch bestellen bei Amazon.de.


Joachim Ehlers: Die Deutschen und das europäische Mittelalter. Das westliche Europa Siedler Verlag, München 2004. 512 Seiten, zahlreiche Abbildungen s/w, gebunden. ISBN 3-88680-759-2. Buch bestellen bei Amazon.de.





 

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