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Nr. 78, Dezember 2005
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Die Völkerwanderung
Europa zwsichen Antike und Mittelalter

Artikel von Heinrich Speich vom 1. Dezember 2005
 
Matthias Knaut / Dieter Quast: Die Völkerwanderung. Europa zwischen Antike und Mittelalter. Konrad-Theiss-Verlag, Stuttgart 2005. Sonderband der Zeitschrift ´Archäologie in Deutschland´. 104 Seiten, durchgehend farbig bebildert, gebunden. ISBN 3-8062-1574-X. Buch bestellen bei Amazon.de.

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o soll man ein knapp einhundert Seiten starkes, durchgehend illustriertes Werk  einordnen? Als Kinderbuch? Als mageren Ausstellungskatalog? In diesem Falle weit gefehlt. Es handelt sich um ein durchwegs lesenswertes Buch mit teils anspruchsvollen Beiträgen und einem klaren Auftrag: Licht ins Dunkel!

Matthias Knaut und Dieter Quast beweisen als Herausgeber des Bandes, dass man auch mit wenig Text Einiges aussagen kann. Als Einführung zeigen sie in einem  forschungsgeschichtlichen Abriss der Völkerwanderungszeit auf, welche Probleme diese Erforschung bereitet und wie mit archäologischen Methoden die anstehenden Fragen gelöst werden können. Dabei werden die Erkenntnisse aus schriftlichen Quellen ganz ausgeblendet, sondern Gegensätze und Parallelen zur historischen Methode betont und herausgearbeitet.

Volksgruppen auf Wanderschaft sind archäologisch schwer fassbar. Die Forschung beschäftigt sich einerseits mit den sogenannten Push-Faktoren, welche eine Abwanderung von Bevölkerung nach sich zieht, so z.B. Siedlungsdruck, Naturkatastrophen, Krieg und Klimaänderungen. Im Abwanderungsgebiet steht also die Suche nach Gründen der Abwanderung und nach ihrem Ausmaß im Zentrum der Untersuchungen. Dazu stehen vor allem Befunde aus Gräberfelder und Siedlungen zur Verfügung.

Andererseits werden die Pull-Faktoren untersucht, die Volksgruppen in eine bestimmte Richtung ziehen. Im Falle der Völkerwanderungszeit ist das Römische Reich das Ziel fast aller Migrationsbewegungen. Güter des Imperiums waren begehrt und der zivilisatorische Standart den Gebieten östlich des Rheins weit überlegen.

Die größte Herausforderung besteht darin, Gruppen auf ihrer Wanderung archäologisch zu belegen, da sich Sitten und Funde mit fortschreitendem Weg ändern und Regionales übernehmen. Als Nachweise werden etwa isolierte Grabfunde herangezogen, die nicht in den regionalen Kontext eingebettet werden können. Diese bergen allerdings auch Fehlerquellen in der Interpretation.

Eingewanderte Gruppen unterscheiden sich oft in den Grabsitten, die transponierte Traditionen widerspiegeln. Begräbnisart und Grabsitten enthüllen bei sorgfältiger Analyse das Fremde, wobei man einschränkend sagen muss, dass sich vor allem Frauengräber unterscheiden. Waffen sind regional schwieriger zu bestimmen. In einem Puzzle aus den verschiedenen Faktoren Waren-, Ideen-, Personen- und Technologietransfer können dann die fremden Befunde und Objekte zugeordnet bzw. differenziert werden.

In einem ersten Kapitel wird die „klassische“ Sicht der Völkerwanderungszeit beleuchtet. Die schriftlichen Quellen der Wanderungen stammen von griechisch oder lateinisch gebildeten und meist hochstehenden Personen aus dem Römischen Reich. Für sie waren die Germanen kulturlose Barbaren, die bestenfalls als Sklaven oder Soldaten ihren Zweck hatten. Gerade durch den Dienst von Germanen im römischen Heer fand ein Austausch von Ideen und Werten statt, der Söldner in ihren Gesellschaften im Ansehen steigen und so das Römische Reich als Zielgebiet einer Ansiedlung attraktiv erscheinen ließ. Die Grenze zwischen der Einwanderung kleiner Gruppen und der ganzer Völker ist dabei fließend und die Gründe für diese Migrationen vielfältig. Während im Ostteil des Reiches die Integration auch grösserer Volksstämme im 5. Jahrhundert weitgehend gelang,  gründeten die Völker innerhalb des Westenreiches autonome ethnisch geprägte Königreiche.

Die Hunnen gelten als Auslöser der Völkerwanderung und ihre Macht erreichte unter Attila (434-453), den Zenit, bevor sie 451 bei Tours durch ein von Römern koordiniertes Heer geschlagen wurden. Ihr kontinuierliches Vordringen nach Westen ab 370 ist nur schwer fassbar, da diese Reiternomaden kaum archäologische Zeugnisse hinterlassen haben. Die meisten Informationen stammen auch hier von antiken römischen Autoren und Grabfunden. Von den Hunnen aus der Steppe mitgebrachte Sitten sind die Brandbestattung sowie die Deponierung von Waffen, Gürteln, Zaumzeug und Sattelteilen nahe der Gräbern. Zudem sind künstliche Schädeldeformationen ein hunnisches Charakteristikum der Zeit. In den Frauengräbern finden sich öfters Diademe und Bronzekessel, während die Kriegergräber als Waffenbeigabe zweischneidige, lange spitze Schwerter, sowie Pfeil und Bogen beinhalten.

Mit dem Vorstoss der Hunnen eng verknüpft, wird auch die Geschichte der Goten und Gepiden aus archäologischer Warte betrachtet. Anders als die Hunnen, wollten die Goten das Römische Reich nicht unbedingt ausplündern, sondern sie wollten in Sicherheit vor den Hunnen siedeln. Während sich die Gepiden nach dem Tode Attilas im Karpatenraum etablieren, bewegen sich die Goten westwärts. Nachdem die Westgoten bereits 410 Rom geplündert hatten, liessen sie sich nach 412 im südfranzösischen Raum nieder und gründeten ihr erstes Reich. Die Ostgoten blieben vorerst an der unteren Donau, bevor sie 487/88 nach Italien zogen, um sich dort niederzulassen. Auch bei Goten und Gepiden stammen die überlieferten Zeugnisse hauptsächlich aus Frauengräbern.

Vandalen gibt es noch immer. Die Volksgruppe dieses Namens hatte allerdings wenig mit der heutigen Wortbedeutung zu tun. Im Jahre 429 überquerte eine germanische Koalition aus Alanen, Vandalen und Sueben die Meerenge von Gibraltar und gründete in Nordafrika ihr Reich. Sie kontrollierten mit ihrer Flotte das westliche Mittelmeer und herrschten über die überaus fruchtbaren ehedem römischen Provinzen im heutigen Tunesien und Algerien. Die Eroberer ersetzten lokale Eliten durch Enteignung und passten sich ihrer Umgebung stark an. Die leistungsfähige Landwirtschaft und der Handel blieben eng mit dem Römischen Westreich vernetzt.

Die Nibelungensage stellt im Kern die mündliche Überlieferung der Burgunder dar, die sich um 413 am Rhein niederlassen. Zu diesem Burgunderreich um Worms gibt es allerdings keine eindeutigen archäologischen Zeugnisse. Im Jahre 436 wird ihr Heer durch die Römer besiegt und das Volk nach Savoyen, vor allem in die heutige Westschweiz umgesiedelt. Diese Umsiedlung erfolgt in ein nach wie vor dicht besiedeltes, wirtschaftlich intaktes Gebiet im Innern des Reiches. Reto Marti vermutet, dass die Burgunder hier Aufgaben im Bereich der Sicherung von Infrastruktur übernahmen, wie das vor allem schriftliche Quellen nahe legen. Die zweimalige Umsiedlung hatte Folgen: Wie die Vandalen hatten auch die Burgunder keine eigenständige Sachkultur. Ab 460 nutzten die Burgunder die wirre Lage im weströmischen Reich aus und weiteten ihren Herrschaftsbereich mehrmals aus, bevor ihr Reich 534 von den Franken zerschlagen wurde. Funde aus der Region zeigen eine enge Verzahnung romanischer und germanischer Elemente in Grabbeigaben.

Ein besonders interessanter, weil bisher wenig beachteter, Umstand wird im kurzen Abschnitt zu den Romanen in Deutschland behandelt. Unter dem Titel „Eine vergessene Minderheit“ macht Arno Rettner deutlich, dass auch unter den Gentilkönigreichen des frühen Mittelalters eine ethnische Vielfalt herrschte und dass insbesondere die Romanen auch weiterhin präsent waren. Der Zusammenhalt wurde durch die christlich-römische Kultur gewährleistet. Im Merovingerreich betrug der Bevölkerungsanteil der Romanen schätzungsweise 60%. Archäologisch ist diese „schweigende Mehrheit“ aber schwer fassbar. Die Gräber sind kaum durch Münzfunde datierbar, die Wohnbauten bestehen aus Spolien oder Fachwerk. Nur wenige Siedlungen weisen eine Kontinuität auf, so z.B. Kaiseraugst am Oberrhein. Die archäologischen Nachweise der Romanen in Deutschland verlieren sich um 600, zu dieser Zeit waren Bildung, Glauben und Sprache den germanischen Einwanderern bereits vielfältig vermittelt.

Birte Brugmann schafft in ihrem Beitrag zur Eroberung Britanniens durch Angeln, Sachsen und Jüten keine Klarheit. Das kann allerdings bei vorliegender Quellenlage auch nicht ihre Absicht sein. Sie legt glaubhaft dar, dass die Quellen, insbesondere jene Beda Venerabilis´, die historischen Vorgänge nicht korrekt abbilden. In den britischen Befunden lässt sich keine unmittelbare Kontinuität zu den nordelbischen Auswanderungsgebieten herstellen und der Akkulturationsprozess der (zweifellos vorhandenen) Einwanderer ist anhand der Funde nicht nachvollziehbar. Der Beitrag zeigt in aller Deutlichkeit die Diskrepanz zwischen historischen Quellen und ihrer über Jahrhunderte wirkmächtigen Deutung einerseits und den harten archäologischen Fakten andererseits, die jene Geschichtsschreibung in begründete Zweifel ziehen. Historiker und Archäologen haben noch längst nicht alle Rätsel der Geschichte gelöst – Gott sei dank.

Der letzte Beitrag behandelt kurz die Ausbreitung der Slawen seit dem 5. Jahrhundert, die im Gebiet um Kiew ihren Ausgang nahm. Im 7. und 8. Jahrhundert kamen kleinere slawische Gruppen auch nach Nordost- und Mitteldeutschland. Die Zielgebiete ihrer Wanderungen waren  nur sehr schwach besiedelt. Ihre Einwanderung in Deutschland  erfolgte über Südpolen. Ihre einfache, landwirtschaftlich geprägte Kultur ist archäologisch gut dokumentiert. Die Siedlungen blieben bis zur deutschen Ostsiedlung im 12./13. Jahrhundert bestimmend für die ostdeutschen Regionen, zum Teil noch weit länger.

Im Epilog betonen die Herausgeber, dass die Völkerwanderung kein „Urknall“ gewesen sei, sondern ein kontinuierlicher Wandel. Die ausgewählten „Migrationsgeschichten“ der beschriebenen Völker zeigen dies eindrücklich. Durch die bewusste und gut getroffene Auswahl wird der Leser kompetent in die Archäologie der Völkerwanderungszeit eingeführt, ohne veralteten Urteilen oder historischen Vorurteilen aufsitzen zu müssen. Die differenzierte Betrachtung der materiellen Kultur der Völkerwanderungszeit lädt zu einer Neubetrachtung der schriftlichen Quellen der Epoche ein – der Anfang ist gemacht.




Matthias Knaut / Dieter Quast: Die Völkerwanderung. Europa zwischen Antike und Mittelalter. Konrad-Theiss-Verlag, Stuttgart 2005. Sonderband der Zeitschrift ´Archäologie in Deutschland´. 104 Seiten, durchgehend farbig bebildert, gebunden. ISBN 3-8062-1574-X. Buch bestellen bei Amazon.de.

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