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Nr. 78, Dezember 2005
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Imperum Romanum
Das Römische Reich im Südwesten Deutschlands: Roms Provinzen and Neckar, Rhein und Donau. Buch bestellen bei Amazon.de.

Artikel von Heinrich Speich vom 1. Dezember 2005
 
Noch eine Römer-Ausstellung! Was rechtfertigt es, das Jahr 2005 in Baden-Württemberg zum Römer-Jahr auszurufen und die diesjährige Landesausstellung gleich an zwei Orten aufzubauen? Wieso können in zahlreichen Museen zeitgleich Sonderausstellungen zum selben Thema gezeigt werden? Ist das alles nötig? - Fragen, die ich mir stellte, als ich erstmals das Programm zum Römer-Jahr 2005 in Händen hielt. Es drückte mich auch die Frage, wieso es hier so viele Römermuseen gebe. Die simple Antwort: Es gibt alte und neue Funde in Hülle und Fülle, die man einfach gesehen haben muss!

Aktuellen Anlass zur Ausstellung bot die Ernennung des Obergermanisch-Rätischen Limes zum UNESCO-Weltkulturerbe. Diese 550km lange Grenzbefestigung des Römischen Reiches befindet sich großteils in Baden-Württemberg. In ihrem Schutz entwickelte sich das Gebiet zwischen Donau und Rhein zu einer typischen römischen Provinz, bevor die Grenze wieder an den Rhein zurückverlegt wurde. Die Ausstellung widmet sich diesen rund zweihundert Jahren römischer Besiedlung bis zu den Germaneneinfällen im 3.Jahrhundert.

Die Ausstellungen von Stuttgart und Karlsruhe ergänzen sich in mehrfacher Weise.

Der Stuttgarter Teil behandelt die Zeit von der Ankunft der Römer in Südwestdeutschland 15 v.Chr. und ihrem Rückzug hinter den Rhein um das Jahr 260. Karlsruhe widmet sich der nachfolgenden Zeit unter dem Titel „Spätantike am Oberrhein“. Hier wird in heller Oberlicht-Atmosphäre das Panoptikum provinzialrömischen Lebens zur Kaiserzeit ausgebreitet, da werden vor dunklem Hintergrund spätantike Schätze präsentiert. Württembergs Hauptstadt wartet mit einer Unmenge an Exponaten und Aktivitäten auf, im Zentrum Badens setzt man auf eine strenge Auswahl repräsentativer Funde. Die Koordination der vielen Sonderausstellungen zu römischen Themen in den weiteren Museen des Bundeslandes ist außerordentlich gut geglückt und der einheitliche Auftritt des „Römerjahres“ sollte zur Nachahmung anspornen.

Der Besucher wird zu Beginn mit Karten und Funden in zwei kleineren Bereichen in die vorrömische Welt der Kelten und Germanen der Region eingeführt und tritt dann gleich in die große Kuppelhalle ein.

Hier steht das mächtige Limestor von Dalkingen in originalgetreuer Rekonstruktion und symbolisiert den römischen Vorstoß vom Rhein nach Südwestdeutschland. In vier bis fünf Etappen wurde die Grenze bis 160 n.Chr. bis zum vorderen Limes vorgeschoben. Das erste römische Legionslager war der Brückenkopf Dangstetten (Kreis Waldshut) wo 15 und 9 v.Chr. römische Einheiten stationiert waren. In den 30er bis 50er Jahren des ersten Jahrhunderts wurde die Reichsgrenze nordwärts bis an die Donau verlegt und diese mit Kastellen gesichert, kurz darauf entstanden zwischen Straßburg (Argentorate) und Mainz (Mogontiacum) einige Kastelle am Rhein. Der südliche Teil Badens und entlang des Rheins war wohl schon mit römischen zivilen Siedlungen durchdrungen, als im Jahre 73/74 n.Chr. eine Verbindungsstrasse von Straßburg durch Kinzig- und Neckartal bis an die Donau gebaut wurde. Zwischen 90 und 115 wurde ungefähr entlang von Neckar und Main der erste befestigte Limes errichtet. Um ca. 160 wurde diese Grenze erneut vorverlegt und zum vorderen obergermanisch-rätischen Limes ausgebaut. Die Grenze wurde von römischen Grenztruppen bewacht, verteidigt und bis um 260 gehalten.

Rund um das Tor herum wird die Infrastruktur der römischen Provinz erläutert. Der Aufbau der Provinzialverwaltung mit ihrer komplizierten Struktur aus Zentralstaat und regionaler Selbstverwaltung wird anhand einer Tafel schematisch aufgezeigt. Die lateinische Sprache und Schrift kann in ihrer Bedeutung für die römische Zivilisation kaum überschätzt werden. Durch die schriftlichen und epigraphischen Zeugnisse haben wir heute mehr und unmittelbarere Einblicke in Kultur und Alltag der Römer als zum Beispiel von der nachfolgenden frühmittelalterlichen Zeit, in welcher der Schriftgebrauch massiv abnahm. Ein weiterer Höhepunkt stellt das Prunkportal von Ladenburg dar. Es sind die Beschläge eines wohl zu einem Tempel gehörenden, in der Rekonstruktion rund vier Meter hohen und zwei Meter breiten Tors. Die 80 Kilogramm Bronze wurden zwischen 125 und 150 n. Chr. Verarbeitet und um 260 sorgsam versteckt. Sie sind von ausgezeichneter Qualität und zeugen von hohem Lebensstandart in den Städten der Provinzen. Viele Einzelaspekte der römischen Zivilisationsstrukturen Südwestdeutschlands sind in den gleichnamigen Kapiteln im Katalog vorbildlich erläutert.

Verlässt man den Raum auf der Innenseite des Limestores, kann man anhand einer roten Linie am Boden die Distanzen erfahren. Meilensteine, die Rekonstruktion eines Reisewagens und etliche epigraphische Zeugnisse der Schifffahrt zeigen die Bedeutung des Verkehrswesens für das Funktionieren der provinzialrömischen Wirtschaft auf. In massiven Kisten werden Importfunde aus entlegenen Reichsgebieten ausgestellt – ein frühes Zeugnis einer globalisierten Welt.

Im zweiten Themenkomplex steht das Leben der Bevölkerung ´diesseits´ des Limes im Zentrum. In einer nachgebauten städtischen Ladenstrasse werden vielfältigen Aspekte des Lebens und Wirkens in der römischen Stadt nachgezeichnet: Massenkeramik aus Importen und lokaler Produktion, Beinschnitzerei, Holzhandwerk, Glasproduktion, Bronzeguss, Silberverarbeitung etc. 18 verschiedene Paar Schuhe verdeutlichen die Formenvielfalt provinzialrömischer Handwerker am Beispiel der Schusterei.

Im Kontrast zur städtischen Lebensweise steht der stilisierte Nachbau einer römischen villa rustica, der ländlichen Wirtschaftsform zur Römerzeit. Von diesen großen Höfen  aus wurde die Landwirtschaft der Umgebung organisiert. In einem meist ummauerten Bezirk standen die Wohn- und Wirtschaftsbauten. Das ländliche Leben wird anhand von Funden aus römischen Villen beschrieben. Küche, Vorratshaltung und lokaler Weinbau werden thematisiert, Ackerbau, Gartenkultur und Nutztierzucht vorgestellt.

Die römischen Götter wurden der lokalen Bevölkerung nicht sofort übernommen. Die lokalen Gottheiten erhielten lateinische Namen und wurden mit der Zeit ‚romanisiert’. Diese ‚Interpretatio romana’ war nur durch die polytheistische römische Religion möglich. Neue Kulte wurden durch ihre Wirkungen anerkannt und neue Götter meist problemlos akzeptiert. Das Militär spielte auch bei der reichsweiten Verbreitung von Kulten die zentrale Rolle, da Soldaten aus fernen Reichsteilen ihre Göttervorstellungen mitbrachten. Als Funde sind vor allem Tempelbauten und Grabbeigaben erhalten, die ein Licht auf die Jenseitsvorstellungen der Römischen Bevölkerung werfen. Der Nachbau des Mithräums von Mundelsheim gibt Einblick in den weit verbreiteten orientalischen Mithraskult.

Im stilisierten Kastell wird das Leben der römischen Legionäre aufgrund von Funden dargestellt. Im Zentrum steht dabei die Bautätigkeit der Legionen und Grenztruppen, die sich ihre Infrastruktur mitbrachten bzw. selber bauten.

Den Abschluss der Ausstellung bildet die Überleitung zur Thematik der Spätantike. In der Ecke wird Rückzug und Aufgabe der rechtsrheinischen Gebiete thematisiert, durch Hortfunde, eine kurze Einführung und umstürzende Säulen. Es sind dieselben Säulentypen, die zur Rekonstruktion von Villa rustica und Stadt aufrecht standen, nun stürzen sie um. Hier geht das dominierende milchige Oberlicht über in den schwarz-blauen Hintergrundton der Ausstellung in Karlsruhe.

Die Ausstellung in Stuttgart setzt Akzente. Es wird eine enorme Bandbreite an Fundkategorien gezeigt und in einen regionalen Kontext gesetzt, dabei sind die angewendeten Mittel, mit denen die Ausstellung den Besucher lenkt, denkbar simpel. Ein Tor als Trennung zwischen diesseits und jenseits des Limes, ein roter Faden versinnbildlicht Distanz und Transport, ein Laubengang die Stadt, eine stilisierte Mauer das Kastell. Wieso mehr – fragt sich der Besucher. Hier stehen Funde und Befunde im Mittelpunkt – und so sollte es doch bei einer archäologischen Ausstellung auch sein. Der interessierte Besucher findet am Wege durch die Ausstellung mehrere Lesestationen, wo mittels des aufgelegten Katalogs die Inhalte vertieft werden können. Mehrere Fachleute arbeiten in römischer Kleidung mitten in der Ausstellung und zeigen die Arbeit römischer Handwerker. Ein ausführliches Begleitprogramm führt in Geschichte und Archäologie der Römerzeit ein und setzt dem Römerjahr in Baden-Württemberg einen würdigen Abschluss. Sogar für die Langzeitwirkung ist gesorgt: Der informative und ansprechend gestaltete Katalog folgt dem Aufbau der Ausstellung weitgehend und präsentiert in siebzig reich bebilderten Artikeln den aktuellen Forschungsstand.

Die Ausstellung ist wirklich für Groß und Klein ein Erlebnis. Während die Kinder mitarbeiten oder sogar anfassen dürfen, können sich die Grossen an der Fülle der Funde oder an den ansprechend gestalteten Begleittexten satt sehen. Die helle Atmosphäre in der Ausstellungshalle setzt die Funde in das richtige Licht. Die Präsentation ist klar aufgebaut und lässt kaum einen Aspekt außer Acht -  eine umfassende Retrospektive römischer Zivilisation in Südwestdeutschland. - Siehe auch den Artikel:
Die Spätantike am Oberrhein.




Ausstellung:
Kunsthalle Stuttgart, Schlossplat
z 2; 01.10.2005 – 08.01.2006.


Bronzener Türbeschlag aus Ladenburg, Mitte 2. Jh., Konstanz, Foto © Archäologisches Landesmuseum.

Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-21 Uhr, ab 28.11. auch Mo 10-18; angemeldete Schulklassen (Mo)/Di-Fr bereits ab 09 Uhr. Am 24.12. geschlossen. Eintritt : 8€, ermässigt 6€, Schüler 2€, Familien 16€.  Audioguide in D/E/F/I erhältlich, Saaltexte in deutscher  Sprache.

Katalog : Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg. IMPERIUM ROMANUM. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Konrad-Theiss-Verlag Stuttgart 2005. 496 Seiten, gebunden, durchgehend farbig illustriert, € 39.90. (Museumsausgabe broschiert € 24.90). ISBN 3-8062-1945-1. Buch bestellen bei Amazon.de.

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