Deutsch  Politik  Geschichte  Kunst  Film  Musik  Lebensart  Reisen 
English  Politics  History  Art  Film  Music  Lifestyle  Travel
Français  Politique  Histoire  Arts  Films  Musique  Art de vivre  Voyages

Index
  Links  Werbung  Feedback  Alle Aktionen bei Amazon.de
© Copyright www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Google
 
Web www.cosmopolis.ch

Bernhard Jussen, Hg.: Die Macht des Königs. Herrschaft in Europa vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit.
Verlag C.H. Beck, München 2005. 478 Seiten, 22 Abbildungen s/w, in Leinen gebunden. ISBN 3-406-53230-6. Buch bestellen bei Amazon.de.
Artikel vom 1. Mai 2005 von Heinrich Speich

 
Ein spannender Sammelband – ein Widerspruch in sich? Bernhard Jussen demonstriert eindrücklich, wie Einzelbeiträge thematisch sinnvoll verknüpft werden können und wie ein Herausgeber  den Text beeinflussen kann. Das Werk gliedert sich in 26 chronologisch angeordnete Beiträge, die einem festen Schema folgen. Jeder Beitrag beginnt mit einem längeren Quellenzitat, welches in die einzelnen Themata einführt.
 
D
as Konzept des Buches scheint einfach zu sein: Wie handelt ein König und warum? Erst auf den zweiten Blick offenbaren sich die Schwierigkeiten der Darstellung, in die Jussen in der Einleitung hinweist: Die lange Dauer der Betrachtung von der Spätantike bis nach der Französischen Revolution, die verschiedenen Systeme, Definitionen, Praktiken, Umstände von Königsmacht etc. Die Anordnung der Beiträge ist aber durchwegs gelungen, da Jussen es versteht, sie nicht nur chronologisch, sondern auch thematisch sinnvoll einzureihen. Die Binnengliederung durchgehend gleich, was den Zusammenhang zwischen den einzelnen Artikeln fördert und dem Buch zu beachtenswerter Einheitlichkeit verhilft. Auch die Querverweise zwischen den Artikeln zeugen von einer sehr sorgfältigen Redaktion. Eine ausführliche Bibliographie rundet den positiven Gesamteindruck ab.

E
gon Flaig, der Verfasser des ersten Artikels, zeigt wie sich das System des westlichen Kaiserreiches in der Spätantike veränderte. Das Kaiseramt war ab ca. 390 nicht mehr erstrebenswert für Usurpatoren, sondern das Heermeisteramt, welches sich als rivalisierende Institution etablierte. Der römische Prinzipat basierte bis ins dritte Jahrhundert auf der Akzeptanz durch Senat, Armee und Volk von Rom. Im Verlaufe des vierten Jahrhunderts verloren die Westkaiser die Kontrolle über die Armee, die sich kaum mehr aus Römern, sondern hauptsächlich aus reichsfremden Hilfstruppen zusammensetzt. Diese waren nicht genügend im Reich und dessen Strukturen sozialisiert. Das machte die Kaiser machtlos und die Heermeister unabhängig. Heer und Reich hatten ihre Integrationskraft früherer Jahrhunderte eingebüsst. Allein die Kirche hatte eine Klammerfunktion zwischen den Provinzen. Der Osten hatte Reich die politische Kohäsionsfähigkeit nicht verloren, weil das Reich mit Konstantinopel über eine Hauptstadt als Zentrum mit funktionierenden Strukturen verfügte. Die Eliten und die Bürgerschaft der Hauptstadt stützten den Kaiser vehement. Im Westen hatte Rom als Stadt seit dem vierten Jahrhundert keine politische Bedeutung mehr, die Bevölkerungszahlen sanken ständig. Dass sich das Kaisertum im Osten hielt, lag an drei Faktoren: 1.) der Funktion der Hauptstadt, 2.) der politischen Kommunikation des Kaisers mit dem Volk (im Hippodrom) und 3.) des Schutzes, dessen die Kaiser in der Hauptstadt und durch deren Bürger teilhaftig wurden.
 
Im zweiten Beitrag erklärt Bernhard Jussen die Möglichkeiten der Selbstdarstellungen poströmischer Könige im Westen des Imperiums. Er führt verschiedene Beispiele dazu an, wie die merowingischen Könige sich mit wechselndem Erfolg in Kaiserimitation übten. Dabei merkt der Leser, wohin sich die politische Herrschaft im frühen Mittelalter verschob, und wie die Repräsentationsformen sich dabei änderten, bzw. neu definiert werden mussten.

Der Beitrag von Philippe Buc zielt darauf ab, nachzuweisen, dass Chronisten und nicht die Handelnden selbst die Ereignisse prägten, weil diese die politischen Rituale bewusst gestalteten und publikumswirksam präsentieren konnten. So konnten je nach Verfasser und Lesart die Geschehnisse völlig unterschiedlich interpretiert werden. Die Herrscher mussten also eine auf ihre Sichtweise abgestimmte Botschaft vermitteln, was Buc „virtuelles Ritual“ nennt. Differenzen in den Darstellungen  zeugen von der hohen Bedeutung von Zeremonien, Liturgien und Ritualen für die politischen Prozesse des frühen Mittelalters.

Der folgende Abschnitt beschreibt, wieso es von der Kaiserkrönung Karls des Grossen unterschiedliche Versionen gab. Janet L. Nelson stellt folgende Fragen an die Texte: Wer krönte wen? Wessen Idee war die Krönung? Wem nützte es? Wie war der Ablauf und wie wurde dieser dargestellt? Was war die Wirkung? Je nach Quelle fallen Antworten und Interpretationen unterschiedlich aus.

Michael McCormick befasst sich hernach mit der Frage, Was der frühmittelalterliche König mit der Wirtschaft zu tun hatte. Er nennt die Voraussetzungen für Handel und Wirtschaft im Frühmittelalter unter acht zentralen Bedingungen: 1.) Wenig Schriftlichkeit, 2.) Personale Abhängigkeiten, 3.) Ökonomische Dynamik, 4.) Dominanz des Agrarsektors, Luxusproduktion an Höfen zentriert, 5.) Mangel an Münzgeld, 6.) Autarkie innerhalb von Grundherrschaften, 7.) Schenkmentalität, 8.) Krieg zur Umverteilung von Reichtum. McCormick erläutert am Beispiel Karls des Grossen die hohe Bedeutung des Königsschatzes, der effizienten Verwaltung des Krongutes, der Handelsdynamik, der Produktion von Luxusgütern sowie der Funktion von Markt, Messe, Münz- und Zollwesen. Insgesamt legt er dar, wie und wieso der König als Konsument, Produzent, Kriegsherr und Friedensfürst agieren konnte und musste. Ein konziser, erhellender Beitrag!

Weshalb die Normannenherrscher für die Franken unvorstellbar waren. Hier beschreibt Johannes Fried etwas umständlich, dass die Franken meinten, die Wikinger seien ein Volk mit einem König. Deshalb wandten sie das „Gens-Schema“ auf jene an, weil sie selbst keine anderen Schemata kannten. Erst im späten 9.Jahrhundert gab es bei den Dänen ethnogenetische Prozesse, die ihrerseits durch Kontakte zum Frankenreich beschleunigt wurden.

Im folgenden Artikel belegt Johannes Fried Warum es das Reich der Franken nicht gegeben hat. Regnum wurde erst in staufischer Zeit institutionell aufgefasst, vorher war ein Reich ohne den König unvorstellbar. Der König schafft, ist und besitzt das Reich. Deshalb plädiert Fried für das Mittelalter folgerichtig für die Verwendung von „Königtum“ anstelle von „Reich“ oder sogar „Staat“.

Mit der Frage, wie der Typ des Alleinherrschers (monarchus) durchgesetzt wurde, befasst sich Thomas Zotz anhand der Unterschiede zwischen Heinrich I. (919-936) und Otto I. (936-973). Vor den Ottonen war das paritätische Aufteilen unter die Söhne die übliche Art der Erbregelung. Dass auch Königreiche unter die Söhne aufgeteilt wurden, war deshalb die Norm. Entscheidend für eine neue Regelung im  Jahre 936 waren die Interessen der Magnaten, denen schwache Gesamtherrscher lieber waren als starke Regionalkönige, unter denen sie sich kaum hätten entfalten können. So wurde Otto I. mit dem consensus der Mächtigen im Reiche zum Alleinherrscher. Sein Bruder Heinrich fand sich mit der Rolle des „dynastischen Reservisten“ nicht ab und revoltierte mehrfach. Brun, der andere Bruder wurde Erzbischof von Mainz sowie Regent für Burgund und war so direkt an der Herrschaft beteiligt. Die Individualsukzession der Ottonen stellte einen Bruch mit der fränkischen Tradition dar und war nur mit Hilfe der Mächtigen umsetzbar. Später galt die Alleinherrschaft des Königs als Norm und die neue „Reichsidee“ ließ eine Teilung der Herrschaft nicht mehr zu. Der Monarch manifestierte sich nun in Symbolen wie der Reichskrone, dem Thron oder dem Christusbezug, die sich eben nicht mehr auf die Person des Königs sondern auf dessen Amt und das Reich bezogen.

Die nun folgenden Abschnitte behandeln bezeichnenderweise nicht mehr nur die Person des Königs und dessen Handlungen, sondern auch sekundäre Herrschaftsmerkmale. Caspar Ehlers zeigt die Bedingungen auf, unter denen sich ambulante zu residenter Herrschaft entwickeln konnte: Ein „Reisekönig“ war auf Kommunikation angewiesen, Herrschaft ging auch im 10. und 11. Jahrhundert noch von der Person des Königs aus. Der Ort dafür wechselte ständig. Der König hielt in der Pfalz Hof, die zu seinem Krongut gehörte und welche die wirtschaftliche Basis seines Aufenthaltes war. Des Königs Reisen stellten sicher, dass sein adventus zum Ereignis wurde und die Präsenz als außergewöhnlich wahrgenommen werden musste. Präsenz und Absenz des Königs wechselten sich ab und somit gleichfalls  Nähe zu Macht und Entscheidungen einerseits, Handlungsfreiheit bei Abwesenheit andererseits. Ortsfeste Herrschaft setzte voraus, dass an einem Standort die Versorgung des Hofes sichergestellt werden konnte, dieser Ort die ständige Anwesenheit des Herrschers verkraftete und die Verwaltung unabhängig vom Herrscher bei dessen Absenz eine gewisse Zeit funktionieren konnte. Die Bildung von Haupt- bzw. Residenzstädten geschah in den europäischen Königreichen zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert. Die Kirche und insbesondere das Papsttum hatte in dieser Entwicklung eine Vorreiterrolle inne. Dabei war die ständige Präsenz der Administration das zentrale Kriterium, nicht die des Herrschers. Im deutschen Raum hat der ständige Wechsel dynastischer Zentrallandschaften die Bildung einer veritablen Hauptstadt verunmöglicht.

Zbigniew Dalewski zeigt, Was Herrscher taten, wenn sie viele Söhne hatten – zum Beispiel im Osten Europas.  Er erläutert die Möglichkeiten dynastischer Thronfolge: Erbfolgeregelungen, Oberherrschaften, Herrschaftsteilungen und insbesondere das Seniorat – die Herrschaft des Ältesten.

Als Herausforderung des Königtums bezeichnet Otto Gerhard Oexle die Entstehung der Kommunen, weil diese zunehmend Herrschaftsrechte für sich beanspruchten. Diese Selbsthilfe ersetzte einen Teil des Schutzes, der traditionell von König und Landesherrn geleistet wurde. Das von den Städten gesetzte Recht beruhte allerdings allein auf dem Konsens der Beteiligten und wurde durch gegenseitigen Eid unter Gleichberechtigten geschaffen. Die neuen Institutionen definierten sich durch Selbstverwaltung und eigener Gerichtsbarkeit. Die Gremien wurden auf Zeit und aus der Gemeinde gewählt, die sich durch Kooptation ergänzte. Der „Vertrag“ etablierte sich als alternative Bindung zu Familie, Verwandtschaft, Staat und Kirche. Als Vertragsgemeinschaften bildeten sich im späten Mittelalter die Gilden, Zünfte, Bruderschaften und Universitäten. Bis heute bilden „Eidgenossenschaften“ die Grundlage von konsensuellem Handeln von Gemeinschaften und unterscheiden sich von hierarchischen Organisationsformen.

Claudius Sieber-Lehmann beschreibt, Warum es für das Verhältnis von Papst und Kaiser kein erfolgreiches Denkmodell gab. Einige mittelalterlichen Modelle waren dual, so die Lehre der Zwei Schwerter, der zwei Sonnen, Jakob und Esau, Perez und Serach etc; andere Versuche waren Deszendenz- oder Körpermetaphern. Die gleichen Konzepte wurden von den Exponenten von regnum und sacerdotium unterlaufen, um die Superiorität des Einen über den Anderen zu betonen. So scheiterten auch gut gemeinte Zwillingskonzepte am Monismus des europäischen Mittelalters.

Wo man im Mittelalter zwei Herren dienen konnte – und welche Folgen dies hatte. Klaus van Eickels erläutert, unter welchen Voraussetzungen das mittelalterliche Lehnswesen Mehrfachvasallitäten zuließ.  Diese war im hohen Mittelalter nicht außergewöhnlich, da nur eine „negative Treue“ an den Lehnsherr gefordert wurde, das heißt, der Vasall durfte seinem Lehnsherr keinen Schaden zufügen und musste die vereinbarten Leistungen erfüllen. Erst verdichtete Herrschaft und territoriale Hegemonien verunmöglichten seit dem 13.Jahrhundert  Mehrfachvasallitäten.

Paul Magdalino schildert die Wahrnehmung von Byzanz im Westen: Reich, aber untätig. Das byzantinische Reich hatte ein ausgefeiltes Hofzeremoniell und verfügte mit seiner Hauptstadt über eine grandiose Bühne zur Inszenierung von Herrschaft. Byzantinische Formen fanden über das Königreich Sizilien und die Kreuzzüge Eingang nach Westeuropa.

Der Beitrag Wie das Reich heilig wurde von Stefan Weinfurter setzt einen weiteren Markstein in der Entwicklung der Königsmacht in Europa, indem gezeigt wird, wie sich – vereinfacht - die Idee vom „Reich mit heilbringendem König“ zum „Heiligen Reich mit König“ gewandelt hat. Die Formel  sacrum imperium tauchte erstmals 1157 auf, in Anlehnung an die sancta ecclesia. Ein heiliges Reich stand über den anderen Königreichen, durfte nicht im Stich gelassen werden und beanspruchte über die Person des Kaisers Gleichrangigkeit mit Byzanz. Dieses „Heilige Römische Reich“ bezog seine Legitimation über Reliquien, Zeremonien und Hausheilige (Karl der Grosse und Friedrich Barbarossa 1165 in Aachen heilig gesprochen). 1157 wurde der Kaiser letztmalig als Gesalbter des Herrn bezeichnet. Künftig bezog der Kaiser die Heiligkeit vom Reich und nicht umgekehrt.

Warum Canossa in Byzanz nur zur Parodie taugte wird im Abschnitt von Marie Theres Fögen erörtert. Entscheidend dabei sind die Beziehungen zwischen König und Papst einerseits, zwischen Kaiser und Patriarch von Byzanz andererseits. Dies manifestierte sich in zwei Ereignissen: Der allseits bekannte Gang Heinrichs nach Canossa und die Exkommunikation des Basileus Michael VIII. durch den Patriarchen Arsenios im Jahre 1261. Heinrich IV erhielt nach drei Tagen die Absolution. Trotz vieler Bitten verzieh Arsenios die Blendung des legitimen Thronfolgers nicht, obwohl er selbst 1258 Michael VIII. zum Kaiser gekrönt hatte. Dabei traten sich zwei diametral unterschiedliche Bußkonzepte gegenüber: Während Heinrich zu Füssen des Papstes Verzeihung erlangte, konnte allein Christus dem byzantinischen Kaiser vergeben, der Patriarch konnte und wollte dies nicht. Michael VIII. ließ Arsenios mittels einer Synode absetzen, aber auch dessen Nachfolger löste das Anathem nicht. Die  Byzantiner hätten aber deshalb niemals die Autorität ihres Kaisers in weltlichen Belangen angezweifelt, wie es im Westen bei Heinrich IV. der Fall war.

Malcolm Vale erklärt, wie die Einrichtung eines Appellationsgerichtshofes die Autorität des französischen Königs stärkte. Dazu musste er in das gewachsene Feudalsystem eingreifen. Die Macht des Königs war in Frankreich traditionell schwach und basierte einzig auf dem Krongut. Außer dem Ehrenvorrang konnte sich der König praktisch nicht über seine Vasallen erheben, wenn auch seine Souveränität theoretisch absolut  war. Die Loyalitäten galten bis ins 13.Jahrhundert ungeteilt dem Grundherren und nur zweitrangig dem König. Dem König blieben nur zwei echte Regalien: das Appellationsgericht und die übergeordnete sakrale Stellung als König. Indem er die oberste Gerichtshoheit ausübte, konnte er sich als höhere Instanz durchsetzen und unbotmäßige Vasallen zur Rechenschaft ziehen. Vale stellt im Vergleich mit anderen Königreichen Europas fest, dass diese Prärogative ausschlaggebend war für die Herausbildung der europäischen Territorialstaaten.

Im nächsten Artikel zeigt David Nirenberg, Warum der König die Juden beschützen musste, und warum er sie verfolgen musste. Dieses Paradoxon erklärt er mit zwei verschiedenen Funktionen des Königs. Einerseits standen die Juden unter dem direkten Schutz des Königs. Sie waren lebende Beweise Christi, Zeugen des Alten Bundes, der durch den Neuen Bund Gottes mit den Menschen abgelöst worden war. Andererseits war es Aufgabe des christlichen Königs, die Juden zu vernichten. Neben ihrer Funktion als „Geldbeutel“ stellten die Juden in Städten immer wieder ein Ventil dar, an dem sich Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem König entlud. So wurden antisemitische Gewalttaten zu Demonstrationen gegen königliche Macht. Aber auch der König konnte aus Gewalt gegen Juden profitieren: Nachdem die Juden in England fiskalisch ruiniert worden waren, vertrieb sie König Edward aus dem Königreich und beschlagnahmte die restlichen Güter. Diejenigen Könige, die sich aktiv an den Vertreibungen beteiligten, hatten die Gewinne und die Unterstützung des Volkes auf ihrer Seite.

Der Text von Frank Rexroth beleuchtet exemplarisch am Beispiel von Richard II. von England 1399, wie man einen König absetzte. Dabei waren zwei Prozesse zentral: Die Entsakralisierung der Person des Königs und das Verständnis der Amtswürde eines Herrschers, die er durch Wahl, Eid, Krönung und Salbung errungen hatte. Als Gründe einer Absetzung wurden vor allem Meineid, Friedensbruch, Sakrileg und Häresie angeführt, oft in Kombination. Ort, Zeit, Dauer und Vorgehen der Absetzung wurde genau geplant und die Absetzung selbst wurde wie die Amtseinführung zeremoniell inszeniert.

Heribert Müller schildert anhand der Ereignisse in Aachen 1473, wieso Karl der Kühne auch als reichster Fürst der Zeit keine Chance hatte, König zu werden. Für sein Königreich forderte er wie schon sein Vater volle Souveränität und Lehenshoheit - das konnte ihm Kaiser Friedrich III. keinesfalls zubilligen, weil ihm das Kurkolleg die Gefolgschaft versagt hätte. Zudem hätte ein neues Königreich das Gleichgewicht unter den Reichsfürsten empfindlich gestört. Bis zur Erhebung Preussens 1701 gab es keine neuen Königshäuser mehr. Es konnte sie nicht geben.

Wie der Römische König in Flandern zum Gefangenen seiner Untertanen wurde. Hier beschreibt Wim Blockmans, wie und warum der junge deutsche König und spätere Kaiser Maximilian 1488 in Brügge von den Bürgern festgesetzt und über Monate gefangen gehalten werden konnte. Die Städte verteidigen ihre Privilegien auch gegen Widerstände.

Im Folgenden erklärt Blockmans anhand der Belagerung von Florenz durch ein Heer Karls V. 1529/30, wie Militärorganisation und königliche Herrschaft zusammenhingen. Kriege und insbesondere Belagerungen von Städten verlangten nach riesigen Heeren, die ihrerseits versorgt und besoldet sein wollten. Diese explodierenden Kosten konnten sich bald nur noch die großen Königreiche oder Allianzen leisten. So wurde die Kriegführung von den entstehenden Staaten monopolisiert, den Kleinen blieb nur die Anlehnung an mächtige Partner.

Martin van Gelderen zeigt daraufhin, wie die Macht dem allmächtigen Kaiser Karl V. entglitt, weil reformierte Fürsten auf ihr legitimes Widerstandsrecht pochten. In England und den Niederlanden erreichte die Monarchiekritik im frühen 17.Jahrhundert einen Höhepunkt.

Albert Cremer belegt in seinem knappen Artikel, weshalb Ludwig XIV. kein „absoluter“ König war. Der junge König schuf einen neuen Amtsadel und versuchte, den alten Feudaladel aus den politisch entscheidenden Ämtern zu verdrängen.

Der faszinierende Artikel von Matthias Müller weitet den Blick über die strenge historische Quellenkritik hinaus und weist auf das weite Feld bildlicher Königs- und Machtdarstellungen am Beispiel der Schlossarchitektur. Neue Residenzen mussten ältere Bauten mit einbeziehen, um so deren Würde mit dem Anspruch des Neubaus verbinden zu können. Selbst in Versailles wurde das Jagdschlösschen Ludwigs XIII. in die grandiose Neuschöpfung miteinbezogen. Der Denkmalcharakter älterer Bauteile war den Zeitgenossen durchaus bekannt und wurde von Herrschern und Architekten bei Um- und Neubauten berücksichtigt.

Wie ein Ausblick auf Gegenwart und Zukunft beschreibt Martin Kirsch im abschließenden Artikel zur Entwicklung der konstitutionellen Monarchie, wie Napoléon Bonaparte aus republikanischen und monarchischen Elementen ein neues System zimmerte und dieses konstitutionell verankerte und legitimierte. Er bemerkt, dass die konstitutionelle Königsherrschaft die Grundlage gewesen sei, die im 20.Jahrhundert zu den parlamentarisch-demokratischen, aber auch zu den totalitären Systemen den Weg geebnet habe. Eine interessante These.

Der geneigte Leser, wenn er bis hierher durchgehalten hat, wird hier durch des Rezensenten Synthese belohnt: Das schwierige Thema Königsmacht wird chronologisch und thematisch versiert angegangen. Die strenge Gliederung des Werkes und der einzelnen Artikel machen das Buch zu einem lesenswerten, vielfach verwendbaren Ganzen.






Bernhard Jussen, Hg.: Die Macht des Königs. Herrschaft in Europa vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit. Verlag C.H. Beck, München 2005. 478 Seiten, 22 Abbildungen s/w, in Leinen gebunden. ISBN 3-406-53230-6. Buch bestellen bei Amazon.de.
 

Deutsch  Politik  Geschichte  Kunst  Film  Musik  Lebensart  Reisen 
English  Politics  History  Art  Film  Music  Lifestyle  Travel
Français  Politique  Histoire  Arts  Films  Musique  Art de vivre  Voyages

Index
  Links  Werbung  Feedback  Alle Aktionen bei Amazon.de
© Copyright www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Google
 
Web www.cosmopolis.ch