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Rolf von Arx, Jürg Davatz und August Rohr: Industriekultur im Kanton Glarus. Streifzüge durch 250 Jahre Geschichte und Architektur.
Südostschweiz Buchverlag, Glarus 2005. 376 Seiten, rund 580 Abbildungen s/w, gebunden. ISBN 3-905688-04-2. Buch bestellen bei Amazon.de.

Artikel vom 1. Mai 2006 von Heinrich Speich


Ein Bergtal macht Geschichte. Im Jahre 1870 wurden allein im Kanton Glarus 22 Druckereien und 24 Spinnereien mit 9600 Arbeitsplätzen betrieben. 1864 führte Glarus das modernste Fabrikgesetz Europas ein. Bis heute zählt das Tal an der Linth zu den am stärksten industrialisierten Kantonen der Schweiz. Dokumentation einer Erfolgsgeschichte.

Einem bekannten Glarner Politiker wurde einmal in den Mund gelegt, er hätte dem amerikanischen Präsidenten Reagan einen Brief geschickt und ihn darin aufgefordert, keine Raketen mehr zum Mond zu schießen, da er gleich dahinter wohne. Der Kanton Glarus liegt abseits. Er liegt zwar abseits der Verkehrs- und Touristenströme, hat aber ein reiches wirtschaftliches Erbe vorzuweisen, welches sich noch heute an den zahlreichen Fabrikbauten längs der Linth eindrücklich manifestiert.

Früh industrialisierter Bergkanton

Als Überblick führt die August Rohr in Das Glarnerische Wirtschaftswunder ein. In knapper Darstellung zeichnet er die Entwicklungslinien der Industrie seit ihrer Entstehungszeit im frühen 18.Jahrhundert nach. Damals hielt die Textilproduktion als Programm gegen Arbeitslosigkeit im Glarnerland Einzug. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich die Baumwollindustrie zum führenden Zweig der Glarner Wirtschaft. Um 1790 arbeiteten bereits 7000 Personen, also rund ein Drittel der Bevölkerung, für die Textilbranche, wobei der Hauptteil auf Baumwollspinnereien entfiel. Ein weiterer Sechstel der Einwohner war in Handwerk und Handel beschäftigt. Nach 1790 eroberte maschinell gesponnenes Garn aus England den europäischen Markt und zerstörte die blühende Industrie fast vollständig. Dafür wurde Baumwolltuch erschwinglich und es konnten mehrere Druckereien und Handwebereien neu gegründet werden. Der erneute Aufschwung fand aber erst in den Jahren nach 1820 statt. Die mechanischen Webstühle wurden nach ersten Versuchen 1806 ab 1822 eingeführt. Obwohl seit den 1840er-Jahren mechanische Druckverfahren verfügbar waren, hatte der veraltete Zeugdruck in den folgenden Jahrzehnten Erfolg. Hauptgründe dafür waren der Freihandel in den englischen Kolonien und der Export nach Italien und in das Osmanische Reich. Die Fabrikanten nutzten für den Handdruck die Nischen und konnten ihre Produkte schneller den regionalen Anforderungen anpassen als aufwendige maschinelle Verfahren, die erst ab den 1850er Jahren vermehrt eingesetzt wurden. Auch in der Weberei wurde nun stark investiert, 1870 wurden im Kanton 3674 mechanische Webstühle gezählt, nur der Kanton Zürich hatte noch mehr. Die Spinnereien waren bereits um 1840 alle mechanisiert, 1869 drehten sich in den 18 Glarner Spinnereien 250'000 Spindeln. Im Jahre 1870 zählte man 35200 Einwohner, also mehr als heute. Davon arbeiteten 11’300 Personen in Industrie und Gewerbe, wovon 9600 auf die Textilbranche entfallen. In der Landwirtschaft arbeiteten 2900 Personen hauptberuflich. Das sind 17% der arbeitenden Bevölkerung, das Schweizer Mittel betrug 46%. Somit gehörte der Kanton Glarus zu den höchst industrialisierten Gebieten der Schweiz.

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts verschob sich das Schwergewicht der Produktion von der Baumwolldruckerei wieder hin zur Weberei und Spinnerei. Die Energie zum Antrieb der Maschinen wurde durch Wasserkraft erbracht, wobei vor 1850 einfache Wasserräder die Maschinen über Wellen und Lederriemen antrieben. Seit den 1840er Jahren standen Turbinen zur Verfügung, die für höhere Leistungen sorgten. 1908 wurde mit dem Löntsch-Werk in Netstal, welches das aufgestaute Wasser des Klöntalersees nutzte, das erste Hochdruck-Kraftwerk der Schweiz in Betrieb genommen. Die elektrische Energie wurde für Betrieb und Beleuchtung verwendet, um die Brandgefahr in den Fabriken zu senken. Erst nach 1900 als der Niedergang der Textilindustrie eingesetzt hatte, entwickelten sich weitere Produktionszweige wie die Papier-, Metall- und Maschinenindustrie. Die Anzahl der Beschäftigten stagnierte bei 11'000, die Bevölkerungszahl ging von 1870 bis 1910 auf 32'200 Personen zurück.

1848 beschloss die Glarner Landsgemeinde ein Fabrikgesetz, welches Schutzbestimmungen für Arbeitnehmer in mechanischen Webereien festlegte. 1856 wurde der Fabrikeinsatz für Kinder unter zwölf Jahren verboten, 1858 die Sonntagsarbeit. 1864 wurden diese Bestimmungen auf alle Fabriken ausgedehnt. Ein Inspektorat überwachte die Betriebe. 1872 wurde die Einführung des 11-Stunden Tages beschlossen, erneut gegen den massiven Widerstand der Fabrikunternehmer. Das eidgenössische Fabrikgesetz von 1878 orientierte sich stark an den glarnerischen Bestimmungen. 1892 wurde das Gesetz im Kanton auf das gesamte Gewerbe ausgeweitet, der Bund sorgte erst 1964 für einen vergleichbaren Schutz aller Arbeitnehmer.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich die Talfahrt der Glarner Textilindustrie fort. 1941 arbeiteten noch 3900 in der Textilbranche, wobei das Produktionsvolumen nur unwesentlich zurückging. Dafür wurden andere Industrien bedeutend: Die Therma AG fertigte seit 1907 in Schwanden elektrische Apparate und die Eternit AG in Niederurnen Baustoffe. Um 1950 arbeiteten von 37600 Einwohnern des Kantons wieder 4900 in der Textilindustrie, 2000 in der Metall- und Maschinenindustrie und  1500 im Baugewerbe. Damit blieb mit 64% (CH:47%) der Anteil der Industrie hoch. In Landwirtschaft und Dienstleistungsbereich hingegen arbeiteten 24 bzw. 11% der Bevölkerung (CH: 37/16%).

Heute bietet die Textilindustrie noch rund 650 Arbeitsplätze – Tendenz sinkend. Das Spektrum der industriellen Produktion hat sich dafür enorm erweitert. Vom Rückgang der Textilindustrie war das Glarner Hinterland – einst durch die Lage am Wasser privilegiert – überproportional stark betroffen. Im Jahre 1837 wohnten hier noch beinahe 13000 Einwohner, im Jahre 2000 noch gut 10000, während das Glarner Unterland in der gleichen Periode eine Verdoppelung der Wohnbevölkerung von 8000 auf fast 16000 Personen verzeichnen konnte.

Industriearchitektur - Monumente der Zivilisation

Jürg Davatz bietet im zweiten Teil des Werkes eine konzise „Infrastrukturgeschichte“ der Wirtschaft am Beispiel des Glarnerlandes. Er zeigt eindrücklich, welche Faktoren die Entstehung von Industriearchitektur beeinflussten und wie in den vergangnen zweihundert Jahren im Glarnerland eine ausgeprägte Industrielandschaft entstand.

Die ersten Produktionsbetriebe waren Wohnhäuser. Das erste „Fabrikgebäude“ war eine Seidenbandfabrik, welche sich äußerlich nicht von Wohnhäusern unterscheiden ließ. Einzelne dieser Bauten haben sich bis heute erhalten, weil sie sich später zu Wohnzwecken umnutzen ließen. Eigentliche Fabriken entstanden ab 1790 in fast jeder Glarner Gemeinde. Diese frühen Bauten lehnten sich eng in Form und Baumaterial an die regionalen Formen an. Technisches Vorbild des Fabrikbaus waren Mühlen und Stampfen, die ebenso auf Wasserkraft angewiesen waren. Das Aussehen dieser Fabriken wandelte sich mit zunehmender Größe. Diese Fabrikschlösser hatten teilweise enorme Ausmaße und bestachen durch architektonische Kargheit. Außer zur Aufstellung der Maschinen dienten die Gebäude auch der weiteren Verarbeitung und Lagerung von Rohmaterialien und Produkten. So wurden die frisch bedruckten Stoffe in den charakteristischen hölzernen Hängetürmen getrocknet.

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurden historisierende Formen auch in der Industriearchitektur verwendet, so zum Beispiel beim Bau der Brauerei Erlen ab 1887 (nach dem Vorbild der Brauerei Feldschlösschen bei Rheinfelden). Die Post in Glarus wurde 1894-96 in „Bundesrenaissance“ errichtet und der Bahnhof im neugotischen Burgenstil. Einen weiteren Meilenstein setzte die Turbinenhalle des Löntsch-Kraftwerks in Netstal, die 1907-08 von Richard Kuder entworfen wurde und die Prinzipien der Zweckbauten im Stile des Neuen Bauens von Behne und Gropius vorwegnahm.

Skelettbauten aus Holz, Eisen oder Beton wurden seit den 1830er Jahren ständig weiterentwickelt. Seit den 1890er-Jahren wurden Sheddächer in Form einer Ziehharmonika in den Fabrikhallen eingesetzt, etwa gleichzeitig zu den ersten flach gedeckten Hallen. Die Schweizerischen-Eternit-Werke prägten seit 1903 mit ihren Produkten aus Asbestzement nachhaltig die Entwicklung von Fassaden und Bedachungen.

Neben den Fabrikgebäuden selbst bestimmte die Industrialisierung auch stark den Neubau von Wohngebäuden. Die Zunahme der Bevölkerung im 19.Jahrhundert bedingte neuen Wohnraum. Es entstanden kasernenartige Fabrikwohnhäuser und die Kosthäuser genannten Einrichtungen, in denen Jugendliche wohnten, welche in der Fabrik arbeiteten. In Niederurnen entstand auf Initiative von Caspar Jenny eine Arbeitersiedlung, mit drei großen Kosthäusern mit je 16-24 Wohnungen. Es folgte 1880 ein Doppelhaus für leitende Mitarbeiter, 1892 zwölf baugleiche Einfamilienhäuschen nach dem Entwurf des Arbeiterhaus-Pioniers Gladbach, 1920 sechs Zweifamilienhäuser, 1974 zwei Wohnblöcke und 1992 ein Reihenhaus mit 19 Wohnungen.  Der fabrikeigene Wohnungsbau schuf günstigen Wohnraum für qualifizierte Arbeitskräfte und erhöhte gleichzeitig  deren Abhängigkeit vom Fabrikbesitzer.

Reihenhäuser für Industriearbeiter gibt es in den meisten Glarner Gemeinden, in Glarus, Ennenda und Schwanden jedoch bilden diese ganze Quartiere der Dörfer. Die Fabrikanten erbauten sich in der Regel ihr Wohnhaus auf dem Fabrikareal selbst oder in dessen näherer Umgebung. Der erste Bau der langen Reihe von Fabrikantenvillen im Glarnerland ist das Haus in der Wiese, 1770/71 wohl von J.J. Messmer für Druckereibesitzer Johann Heinrich Streiff erbaut und aus dem Film „Anna Göldin, die letzte Hexe“ bekannt. Die Gebrüder Moosbrugger schufen die reiche Stuckatur. Es folgen zahlreiche Villenbauten, von denen die Meisten noch heute stehen. Ganz anders die Situation bei den Fabrikbauten: als Zweckbauten errichtet, wurden sie ständig den Erfordernissen der Industrie angepasst und veränderten daher ihr Aussehen im Laufe der Zeit. Viele der großartigen Bauten wurden bereits abgerissen oder stehen kurz davor. Der Niedergang der Textilindustrie hinterließ viele Areale ungenutzt, alternative Nutzungen sind oft nur schwer möglich.

Architektonisches Erbe

Im umfangreichen dritten Teil des Buches stellen Rolf von Arx und August Rohr die einzelnen Industriestandorte und ihre Architektur ausführlich vor. Die Darstellung ist von reichem Bildmaterial und Informationen zu Produzenten und Produkten begleitet. Dabei werden auch neueste Entwicklungen miteinbezogen und dokumentiert. Die topographische Ordnung der Standorte dient auch zur Orientierung der Besucher des vor zehn Jahren eröffneten Industriewegs, der sich durch den ganzen Kanton zieht und weitherum Beachtung findet. Der Anhang liefert detaillierte statistische Angaben zur Unternehmergeschichte im Glarnerland.

Insgesamt stellt das Werk den gelungenen Versuch dar, Wirtschafts-, Kunst- und Sozialgeschichte am Beispiel der Indrustiebauten zu verschmelzen. Exemplarisch zeigen die Autoren, wie sich Landschaft, Architektur, Politik und Gesellschaft durch die Einwirkungen der Wirtschaft verändert und entwickelt haben. Das Buch öffnet die Augen für den Besuch vor Ort und für die historische und soziale Bedeutung der Industrie für die Region sowie für den Reichtum ihres architektonischen Erbes.

Rolf von Arx, Jürg Davatz und August Rohr: Industriekultur im Kanton Glarus. Streifzüge durch 250 Jahre Geschichte und Architektur.dostschweiz Buchverlag, Glarus 2005. 376 Seiten, rund 580 Abbildungen s/w, gebunden. ISBN 3-905688-04-2. Buch bestellen bei Amazon.de.



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