Deutsch  Politik  Geschichte  Kunst  Film  Musik  Lebensart  Reisen 
English  Politics  History  Art  Film  Music  Lifestyle  Travel
Français  Politique  Histoire  Arts  Films  Musique  Art de vivre  Voyages

Index
  Links  Werbung  Feedback  Alle Aktionen bei Amazon.de
© Copyright www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved

Google
 
Web www.cosmopolis.ch
Michael Borgolte: Christen, Juden, Muselmanen
Rezension von Heinrich Speich vom 1. August 2006


Michael Borgolte: Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 n.Chr. Siedler Geschichte Europas Band 2.
Siedler Verlag, München 2006. 640 Seiten, zahlreiche Karten und Abbildungen in s/w und farbig, in Leinen gebunden, Lexikonformat. ISBN 3-88680-439-9. Buch bestellen bei Amazon.de.

S
chon wieder eine Geschichte Europas! Was kann uns der Berliner Professor Michael Borgolte damit Neues bieten? Die Einleitung verspricht eigentlich nichts Spektakuläres, doch wird dem Leser schon bald bewusst, dass sich hier eine ganz neue Sichtweise auf das europäische Mittelalter ankündigt.

D
ie bisherige europäische Sicht auf das Mittelalter war geprägt von kirchlichen und vornationalen Kriterien. Das römische Christentum wurde als Kern und Motor des mittelalterlichen Europa verstanden. Diese westlich-christliche Perspektive hatte bis heute Deutungshoheit. Borgolte bricht bewusst mit diesem Dogma und stellt dem Leser eine neue Idee vor, die bis anhin in Fachkreisen diskutiert wurde, die aber den Weg zum breiten Publikum noch nicht gefunden hat: Der Monotheismus als gemeinsame Grundlage Europas.

Ausgehend vom spätantiken Römischen Reich erklärt Borgolte Wesen und Entfaltung der jüdischen, christlichen und muslimischen Religion und stellt sie den antiken Mehrgottglauben entgegen. Erst die Auseinandersetzung der paganen Kultgemeinschaften mit der Dogmatik der christlichen Kirche ließ ein einheitliches Heidentum entstehen. Europa wurde auch nicht mit einem Paukenschlag christlich, sondern dazu bedurfte es eines Prozesses, der an West-, Nord und Ostrand des Kontinentes jahrhundertelang auf Widerstand stieß. Die jüdische Religion, im Römischen Reich fast überall präsent, wurde im Mittelalter nie aus Europa verdrängt und stand in steter Wechselwirkung mit dem christlichen bzw. muslimischen Umfeld. Den letztendlichen Erfolg des Christentums in Europa schreibt Borgolte drei maßgeblichen Faktoren zu: Erstens Jesu Missionsauftrag, dessen universelle Gültigkeit ein Novum darstellte, das später auch die Muslime umzusetzen suchten; zweitens die Ausbildung als Staatsreligion mit Kulthoheit und Repressionsmöglichkeiten und drittens die Exklusivität der Zugehörigkeit zum Eingottglaubens, der sich auf Kosten des Polytheismus durchsetzte.  Das römische Christentum wuchs vor allem in der Auseinandersetzung mit den Heiden. In direkter Konkurrenz zu Ostkirchen und dem Islam war die katholische Kirche seltener erfolgreich.

An etlichen ausführlichen Beispielen aus ganz Europa verifiziert Borgolte seine These. Dabei werden gängige Themen von der Bekehrung der Franken im 5.Jahrhundert oder Karls des Grossen Sachsenkriege ebenso behandelt wie die Erfolge und Misserfolge der Missionare in Skandinavien, im Kaukasus und bei den slawischen Völkern. Die Episoden werden durch ein ausgezeichnetes Kapitel zur Missionierung in Pommern und im Baltikum abgerundet. Der Autor vermittelt dabei wie beiläufig und selbstverständlich die Basis europäischer Geschichte, wofür ihm hohes Lob zu zollen ist. Auf gleicher Ebene wie die christlichen Missionserfolge werden die Präsenz der Juden in Europa und die muslimischen Eroberungen auf der iberischen Halbinsel und Byzanz behandelt. Hier zeigt sich, dass Borgolte auch in der Geschichte europäischer Randgebiete versiert ist und dass die  jeweiligen Entwicklungen auch starke Wechselwirkungen mit dem christlichen Europa hatten. Dies geht teilweise so weit, dass man seine Darstellungen als Europäische Geschichte bezeichnen könnte, die aus der Perspektive der Randregionen her gedacht wird.

Das Buch ist auf den ersten Blick eigenwillig gegliedert. Nach der Einführung in die religiösen und territorialen Grundlagen bietet Borgolte dieses breite Spektrum an Expansion, wobei das Judentum in christlich und muslimischem Umfeld kaum erfolgreich missionieren kann. Danach erst listet er vier Kernbereiche der „Ambivalenz des Universalismus“ auf: Das muslimische „Reich ohne Monarch: dar-al-islam“, Byzanz und Osteuropa, das Römische Reich und die Reichsidee sowie das Papsttum und dessen Europaidee. Damit lenkt er den Fokus von Expansion und Außenwirkung der Religionen auf deren Strukturen und interne Funktionsweisen.

Im letzten Teil „Der Aufstieg des Abendlandes“ zeigt Borgolte noch einmal eindrücklich, was komparatistische Studien zu leisten vermögen. Anhand des Bildungsbereichs dokumentiert er Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Kulturen. Byzanz setzt stur die Antike fort und ist in fast allen Bereichen traditional. Die lateinische Welt wird nicht als ebenbürtig anerkannt und wirkt deshalb - anders als umgekehrt Byzanz im Westen - nicht als Herausforderung. Die lateinische und die arabische Schriftkultur haben es nach der Transformationsphase des Frühmittelalters besser verstanden, die Antike zu überwinden und von den kulturellen Errungenschaften Anderer zu profitieren. Schon im 7.Jahrhundert lernten  beispielsweise islamische Gelehrte die griechischen Klassiker über syrische Übersetzungen kennen. Neue Erkenntnisse in Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin wurden durch arabische Vermittlung über Sizilien und die iberische Halbinsel in Europa bekannt. Eindrücklich beschreibt Borgolte die Verselbständigung des höheren Bildungswesens als Ausgangspunkt westeuropäischer Überlegenheit in der Frühen Neuzeit. Ohne die Einrichtung der Universitäten wäre ein solcher „Wissensvorsprung“ nicht möglich gewesen.

Die Abbildungen stehen stets in direktem Zusammenhang mit dem Text und werden ausführlich erläutert. Ein großer Teil der Farbbilder zeigen Kunst und Architektur der Randgebiete: eine Ikone aus dem Sinai, ein hebräisches Herbarium aus Italien, eine norwegische Stabkirche, die Sophienkathedrale zu Kiew, die Mezquita in Cordoba und vieles mehr. Damit macht der Autor dem Rezensenten und vielen weiteren Lesern die Freude, das Gelesene mit neuen, unbekannten Bildern in Beziehung setzen zu können. Die zahlreichen und detailreichen Karten erleichtern dem Leser die Orientierung.

Insgesamt werden die Gemeinsamkeiten der drei monotheistischen Religionen auf ihre europäische Wirkung hin untersucht und die europäische Geschichte einzelner Regionen von der Peripherie her in vorbildlicher Weise und auf hohem sprachlichem Niveau vorgestellt. In der sorgfältigen Auswahl und im Umgang mit Fremdwörtern zeigen sich Kenntnisse und Achtung des Autors vor den beschriebenen Kulturen. Borgolte entwirft ein dynamisches Bild Europas vom Atlantik bis zum Ural und wird dem Titel der Reihe dadurch konsequent gerecht. Ein neuer Meilenstein für die Darstellung der Geschichte Europas im Mittelalter!

Michael Borgolte: Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 n.Chr. Siedler Geschichte Europas Band 2. Siedler Verlag, München 2006. 640 Seiten, zahlreiche Karten und Abbildungen in s/w und farbig, in Leinen gebunden, Lexikonformat. ISBN 3-88680-439-9. Buch bestellen bei Amazon.de.


Michael Borgolte: Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 n.Chr. Siedler Geschichte Europas Band 2. Siedler Verlag, München 2006. 640 Seiten, zahlreiche Karten und Abbildungen in s/w und farbig, in Leinen gebunden, Lexikonformat. ISBN 3-88680-439-9. Buch bestellen bei Amazon.de.



Deutsch  Politik  Geschichte  Kunst  Film  Musik  Lebensart  Reisen 
English  Politics  History  Art  Film  Music  Lifestyle  Travel
Français  Politique  Histoire  Arts  Films  Musique  Art de vivre  Voyages

Index
  Links  Werbung  Feedback  Alle Aktionen bei Amazon.de
© Copyright www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Google
 
Web www.cosmopolis.ch