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Kurt Georg Kiesinger
Biografie basierend auf Philipp Gassert: Kurt Georg Kiesinger 1904-1988

Artikel vom 20. August 2006

Über seiner Karriere liegt bis heute ein brauner Schatten. Wer an Kurt Georg Kiesinger (1904-1988) denkt, dem kommt zuerst die Ohrfeige von Beate Klarsfeld in den Sinn. Dass der Kanzler der ersten Grossen Koalition zu unrecht auf diese Episode reduziert wird, zeigt der Historiker Philipp Gassert in seinem leicht lesbaren und dennoch wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Buch, das auf seiner Heidelberger Habilitationsschrift vom April 2004 aufbaut und wohl deshalb keine Bezüge zur heutigen Regierung herstellt. Die Regierung Merkel scheint aus der Geschichte der ersten grossen Koalition bisher nichts gelernt zu haben, obwohl heute im Gegensatz zu damals weder ein (Reform-) Projekt noch die zugehörige Kontroverse fehlen, was erst grosse Kanzler hervorbringt.

Dem dunkelsten Kapitel in Kiesingers Leben, seinen Jahren in Hitlerdeutschland, räumt der Autor über hundert Seiten ein, wobei das für den Politiker leidige Thema von Gegnern und Rivalen - in der eigenen Partei, bei den Altnazis, in den Reihen der Opposition, in den Medien sowie in der DDR - immer wieder hochgekocht wurde, wenn er ein höheres Amt (Ministerpräsident und Bundeskanzler) anstrebte. Dabei wurden zumeist völlige haltlose Anschuldigungen in den Raum gestellt. Kiesinger verschwieg Details lange oder teilweise ganz, wie seine in Abwesenheit erfolgte und nie ausgeübte Tätigkeit eines Blockwarts, doch diese reichen nicht aus, ihn zum Nazi zu stempeln. Erst als seine Rehabilitierung auf Schwierigkeiten stiess, stilisierte er sich ein wenig zum Widerstandskämpfer, der er nie war, und wurde so schlussendlich doch noch von der Kategorie der Mitläufer in die der Entlasteten umgestuft, was ihm eine politische Karriere ermöglichte.

Der geborene Vermittler wollte noch dort ausgleichend wirken, wo eigentlich Abwehr und Standhaftigkeit gefragt gewesen wären. Gassert zeigt detailliert auf, wie sich Kiesinger weniger mit seinem frühen und folgenlosen Beitritt zur NSDAP 1933 kompromittierte, als vielmehr durch seinen Einsatz im Kartellverband der katholischen Studentenvereine (KV), genauer deren Berliner Ableger Askania. Kiesinger wollte nach eigener Aussage den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Er wollte Gegenkräfte innerhalb der Partei sammeln. Was sich für ihn allerdings nach dem "Röhm-Putsch" 1934 als Illusion erwies. Er schien zuerst fasziniert von der Modernität des Nationalsozialismus, in die er die angestaubten katholischen Studentenvereine hinüberretten wollte. Zum "Korporationsführer" der Askania wurde er gewählt, weil er zwischen den jungen, vom Nationalsozialismus infizierten Mitgliedern und den Altvorderen ausgleichend wirken wollte. Der einzige längere Text Kiesingers aus der Phase der "Machtergreifung" stammt vom 22. September 1933. Der Führer der Askania schreibt unter "Schicksalsstunde" in den Askanenblättern, dass die "Vollendung der Einheit des deutschen Volkes [...] der Sinn des gegenwärtigen geschichtlichen Geschehens" sei, wobei er das Schicksals der katholischen Korporation ganz in die Hand des "Führers der Nation" lege.

Trotz dieses opportunistischen Brückenschlags zwischen rechtskatholischem Gedankengut und NS-Ideologie wurde Kiesinger kein in der Wolle gefärbter Nazi, sondern entwickelte rasch Distanz zum Regime. Er vertrat einen weltoffenen Katholizismus, wenn auch mit nationaler Haltung. Nachdem er im Oktober 1934 sein 2. Staatsexamen "glanzvoll" mit "gut" bestand, trat er deshalb nicht der Standesorganisation der Juristen im Dritten Reich bei und verzichtete auf eine Karriere als Richter und damit als Beamter. Stattdessen schlug er sich als privater Rechtslehrer durch, wobei er Distanz zum Regime erkennen liess und seine Studenten zum kritischen Denken anregte. Allerdings verdiente er mit juristischem Nachhilfeunterricht ganz gut, scheinbar soviel wie etwa ein IG-Farben-Direktor, was Gassert an ganz anderer Stelle erwähnt und Kiesinger natürlich bei seiner Verteidigung verschwieg. Sein Repetitorium führte er übrigens bis Anfang 1945 weiter, wobei er noch nach dem 20. Juli den Mut aufbrachte, gegenüber seinen Studenten vom Widerstandsrecht zu reden, angefangen bei Thomas von Aquin.

Am 9. April 1940, dem Tag des deutschen Angriffs auf Norwegen und Dänemark, wurde Kiesinger ins Auswärtige Amt als "wissenschaftlicher Hilfsarbeiter" (temporärer Mitarbeiter im Höheren Auswärtigen Dienst) kriegsdienstverpflichtet, wodurch er vom Wehrdienst freigestellt wurde. Unter anderem als stellvertretender Abteilungsleiter für Propaganda stand er in hoher, jedoch nicht wirklich einflussreicher Position. Als Zensor und Propagandist hatte er mit der Implementierung des Holocausts nichts zu tun. Kiesinger gab später an, dienstlich habe er nichts über die Endlösung erfahren, doch über andere Informationsquellen geschlossen, was vor sich ging. Kiesinger selbst wurde von Mitarbeitern des Amtes denunziert, weil er "nachweislich" die antijüdische Aktion der Nazi-Auslandspropaganda hemme.

Ende April 1945 lief Kiesinger - auf Urlaub - einer amerikanischen Patrouille in die Arme und verbrachte in der Folge einige Zeit in Gefangenenlagern, in denen er sich als "Demokratielehrer" verdient machte. Nach seiner Entlassung musste er lange um seine Rehabilitierung kämpfen, da Mitläufer "Mitläufer" blieben, während dem stärker Belastete von einer milderen Denazifizierung der Alliierten 1948 profitierten. Deshalb stilisierte sich Kiesinger später, um noch einen Persilschein zu erlangen und eine politische und juristische Karriere in Nachkriegsdeutschland machen zu können, nachträglich zum politischen Widerstandskämpfer. Nach mehreren Anläufen gelang es ihm, in die Kategorie der Entlasteten umgestuft zu werden.

Bereits 1948 begann Kiesingers politische Karriere mit der Wahl zum CDU-Landesgeschäftsführer in Württemberg-Hohenzollern. Der sich von seinem Herkommen her als "evangelischer Katholik" verstehende Politiker fand sich bei der interkonfessionellen christlichen Unionspartei gut aufgehoben. Bereits 1948 setzte er sich zudem für die soziale Marktwirtschaft ein, überzeugt von den Argumenten der "Freiburger Schule" von Walter Eucken und insbesondere von den Argumenten Ludwig Erhards. 1949 gelang ihm bei der Landtagswahl in Südwürttemberg das drittbeste Resultat im Bundesgebiet.

Kiesinger hegte in jungen Jahren literarische Ambitionen. Als Politiker setzte er rhetorische Glanzlichter und wurde deshalb "Silberzunge" genannt. Er wäre wahrscheinlich ein ausgezeichneter Bundespräsident geworden, doch dieser Lebenstraum blieb ihm verwehrt, obwohl ihn Theodor Heuss 1963 für seinen Wunschnachfolger hielt. Kiesinger musste in seiner Karriere so manche Niederlage einstecken. Adenauer, der ihn zu Beginn förderte, überging ihn mehrfach bei Ministerwahlen, trotz gegenteiligen Versprechungen. Der Aufstrebende Politiker verhielt sich zudem oft taktisch ungeschickt und danach als schlechter Verlierer. Als Kompensation für entgangene Ministerämter soll ihm Adenauers Freund und Finanzberater Robert Pferdmenges lukrative Beraterverträge zugeschanzt haben; zum wirtschaftlichen Werdegang Kiesingers hätte der Leser nicht nur in diesem Punkt gerne mehr Details erfahren.

Da in Bonn seine Karriere nicht vorankam und er seine Familie nach einem Herzinfarkt 1956 absichern wollte, nahm er Ende 1958 das Angebot an, Ministerpräsident in Baden-Württemberg zu werden. Während seiner administrativ unkonventionellen Regentschaft gewann er an Statur und setzte nicht nur gesellschaftliche Glanzlichter, sondern legte zudem kultur- und bildungspolitische Grund- und Meilensteine, so als Universitätsgründer. Gleichzeitig nahm er Kennedys Idee eines lockeren Beraterkreises der best and brightest auf, zu denen in Stuttgart Ralf Dahrendorf und Waldemar Besson gehörten. Daneben setzte sich Kiesinger für den Natur- und Umweltschutz ein, lange bevor der Ölschock von 1973 der Ökologie breitere Aufmerksamkeit bescherte.

Kiesingers bundespolitische Karriere entwickelte sich rasch weg von der Juristerei und hin zur Aussenpolitik. Obwohl er sich hier hin und wieder mit anders als Adenauer gesetzten Akzenten zu profilieren versuchte, strebte er wohl wie dieser die Quadratur des Kreises an, denn Deutschland brauchte sowohl Europa als auch die USA. Bis zum Abschied Adenauers hielt er sich aus den Kontroversen zwischen Altantikern und Gaullisten heraus, wobei er Adenauers Westintegration und damit die "doppelte Eindämmung" - Sicherheit für und vor Deutschland - befürwortete. Erst nach dem Abtritt des "Alten" wurde er stärker zum Gaullisten, was sich 1968 zu seiner Zeit als Kanzler wegen der Prager Krise und dem undiplomatischen Auftreten de Gaulles schlagartig wieder änderte.

Während der Amtszeit Kennedys sah Kiesinger keine Alternative zur nuklearen Führung der Vereinigten Staaten, allein schon weil nicht "18 Finger am Abzug" sein konnten. Dabei schloss er eine europäische atomare Streitmacht nicht aus, sollte sich Europa zusammenraufen können. Wie Adenauer hielt er langfristig eine selbständigere Rolle des Alten Kontinents für möglich. Dabei stand er allerdings auf Seiten Monnets und nicht de Gaulles, weil er für ein stärker supranationales Europa als notwendiger Voraussetzung für eine verbesserte deutsch-amerikanische Kooperation ausging, was er bei einem Besuch beim amerikanischen Präsidenten 1963 ausführte, wo man ihn als "kooptierten" Europäer betrachtete. Gassert betont allerdings an anderer Stelle, dass Kiesinger im Kern de Gaulles "Europa der Vaterländer" befürwortete.

In Adenauers Regierungszeit hatte Kiesinger zum Missfallen des "Alten" bereits früh auf eine Grosse Koalition hingearbeitet, die 1966 unter seiner Führung - dank mehr Geduld und Geschick seinerseits als bei früheren politischen Ambitionen - Realität wurde. Dabei half der junge Helmut Kohl tatkräftig mit, indem er die süddeutschen Landesvorsitzenden hinter Kiesinger vereinte. Zudem half der Umstand, dass dem Bayer Franz Josef Strauss in einer Koalition der Union mit der FDP Ministerehren verwehrt geblieben wären.

Als "wandelnder Vermittlungsausschuss" verspottet, half dem Kanzler die Eigenschaft zum Ausgleich, die Grosse Koalition nicht Schiffbruch erleiden zu lassen. Schiller und Strauss führten eine erfolgreiche Finanz- und Wirtschaftspolitik, wobei der Haushalt saniert und der Sozialstaat ausgebaut wurden. Auf Grund der späteren wirtschafts- und finanzpolitischen Entwicklungen hätten viele Entscheidungen der Grossen Koalition bereits in den 1970er Jahren korrigiert werden müssen. Stattdessen bauten Brandt und Schmidt den Sozialstaat noch aus. Selbst heute sind noch viele entscheidende Korrekturen ausstehend. Die Haushaltslage ist 2006 mehr als nur angespannt, auch wegen der bei der Wiedervereinigung und danach begangenen Fehler.

Zurück zur ersten Grossen Koalition: Brandt und Kiesinger fanden nie Gefallen aneinander. Der Sozialdemokrat hatte 1966 selbst Ansprüche auf das Kanzleramt angemeldet, was sie zu Partnern auf Zeit machte. Bei der Bundespräsidentenwahl 1968 konnte Kiesinger seinen Kandidaten Weizsäcker nicht durchsetzen, was den labilen inneren Zustand der CDU und die schwankende Autorität des Kanzlers ohne Fusstruppen widerspiegelte. Da die Grosse Koalition abgesehen von der Wahlreform die meisten ihrer Vorhaben durchgesetzt hatte, war die Ostpolitik zur entscheidenden Frage aufgestiegen. Bei den Wahlen 1969 blieb die CDU zwar die grösste Partei, doch da die SPD nun mit der stark geschrumpften FDP zusammenspannte, verlor Kiesinger dennoch sein Amt, was er nie ganz verwinden konnte. Mit so einer Koalition hatte er nie gerechnet und dabei die FDP in die Arme der SPD getrieben. 1971 verlor er den Parteivorsitz an Barzel, der seinen Favoriten Kohl besiegte.

Der "Kanzler zwischen den Zeiten" geriet rasch in Vergessenheit. Als "Meister der Salamitaktik", der seine Ziele durchaus hartnäckig verfolgen konnte, setzte er trotz seinem Impulse gebenden reformerischen Konservatismus keine Glanzpunkte. Die CDU/CSU erwartete von ihm die Inanspruchnahme der Richtlinienkompetenz und eine stärkere Abgrenzung von der SPD, was er nicht erfüllen konnte. Die SPD machte ihrerseits insbesondere aussenpolitisch Druck, wodurch der Kanzler "zwischen den Mühlsteinen" zerrieben wurde. Bereits in den 50er Jahren trat Kiesinger für eine Öffnung Deutschlands gegenüber dem Osten ein. Als Kanzler waren er und sein diesbezüglicher Berater Diehl ihrer Partei voraus, konnten diese jedoch nicht mitziehen. Das Scheitern der ostpolitischen Reorientierung der Union trotz dem Ende der Hallstein-Doktrin war ein Grund, weshalb Kiesinger 1969 abtreten musste und Brandt später Geschichte machte. Gassert betont, dass die Koalition am Ende zerbrach, als der Kanzler in der "kambodschanischen Frage" und im Streit um die Aufwertung der DM auf seine Richtlinienkompetenz pochte.

Zum Schluss verpackt der Autor seine Einsichten in "25 Thesen über Kiesinger". Sie runden ein bemerkenswertes Buch über einen stets populären, aber unterschätzten Politiker ab, der zum Beispiel die Szene der 68er und ihre Schriften luzide analysiert hat. Dabei bleibt Gassert fair und beschönigt dennoch nichts, auch nicht das cholerische Temperament des empfindsamen, entscheidungsscheuen Kanzlers (government by discussion), der dem Aktenstudium nicht frönte und wie später Brandt den grossen Bonner Apparat nie richtig in den Griff bekam. Kiesinger hielt es weder mit dem pessimistischen Menschenbild eines Hobbes noch dem optimistischen von Rousseau, sondern war zeitlebens um Mass und Mitte bemüht. Blaise Pascals "ni ange ni bête" gehörte zu seinen Leitsprüchen und Alexis de Tocqueville war sein "Leib- und Magenphilosoph".

Philipp Gassert: Kurt Georg Kiesinger 1904-1988. Kanzler zwischen den Zeiten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006. 895 S. Die Biografie bestellen bei Amazon.de.


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