|
Alles Mythos ! 20 populäre Irrtümer
über das Mittelalter
Artikel von Heinrich Speich vom 18. Januar 2010
Irren
Irrtümer irrtümlich? Soll man gegen Polemik polemisch polemisieren?
Das neue Buch von Karin Schneider-Ferber entdeckt populäre
Irrtümer zum Mittelalter und versucht diese durch Faktenwissen zu
ersetzen.
„Faszination
und Schrecken“, so die Autorin, prägten das heutige landläufige Bild
des Mittelalters. Dieselben Schlagworte ergreifen allerdings den
Mediävisten bei einem Buchtitel, in dem angebliche populäre Irrtümer
präsentiert werden. Den „Irrtum 1: Das Mittelalter war finster, und
die Menschen waren dumm und ungebildet“ könnte man als methodische
Einführung ins Thema betrachten. Hier untersucht Schneider-Ferber am
Beispiel Weltbild, Seefahrt, Entdeckungen und Universitätswesen, wie
das Mittelalter einerseits angepasst und innovativ war und
anderseits unser zeitgenössisches Bild des Mittelalters von einer
dicken Patina an jahrhundertelanger Forschungsgeschichte bedeckt
wird. Die vielfache historiographische Überschichtung des
Kenntnisstandes wird allerdings im Buch nicht explizit ausgeführt.
Das ist schade, weil die meisten der vorgestellten Irrtümer hieraus
entspringen..
Die einzelnen
Kapitel bringen nichts Neues. Das sollen sie aber auch gar nicht. Je
festgefahrener eine plakative Aussage zum Mittelalter, desto
verzweifelter schreibt die Autorin dagegen an. Leider wird nur
selten erläutert, wie die „Irrtümer“ zu Irrtümern wurden. Dabei
würde gerade dies dem Buchtitel entsprechen. Interessiert die
geneigte Leserschaft in diesem Falle, wie es wirklich war? Ich
glaube nicht. Faszinierend wäre es gewesen, zu erfahren, wie sich
einzelne Fehlinformationen in der Geschichtsschreibung haben
festsetzen können und weshalb polemische Zuweisungen ins Mittelalter
so lange erfolgreich verbreitet werden konnten. Die Titelwahl wäre
dazu durchaus geeignet gewesen: „4. Ritter waren edel und gut“, „10.
Das Mittelalter war wenig innovativ und technikfeindlich“, „12. Im
Mittelalter wurden Hexen verbrannt“, „17. In den mittelalterlichen
Klöstern herrschten skandalöse Missstände“.
Die einzelnen
Kapitel variieren in ihrem Inhalt stark. So sind die Eingangskapitel
zu Kaisertum, Rittertum und Burgen lamentabel und versuchen einfach,
gängiges pertinentes Wissen rudimentär zu ersetzen. Dieses Konzept
kann nicht gelingen. In der hinteren Hälfte des Buches werden die
Kapitel spezifischer und mit mehr Beispielen erläutert. So kann in
Kapitel 14 „Das Mittelalter war eine zutiefst religiöse Zeit“ die
Bedeutung der Religion für die Menschen des Mittelalters recht
präzise erfasst werden, indem die Autorin die Spannungen zwischen
Religionspraxis und Volksglauben aufzeigt.
Die
eigentliche Stärke des Buches bildet die kraftvolle, moderne
Sprache. Die begriffliche Aktualisierung mittelalterlicher Phänomene
und die Parallelisierung mit der Moderne sind reizvoll und frischen
den Diskurs auf. Da werden den Burgen „gerne noch ein Türmchen
draufgesetzt“, „das ferne Galizien erlebte einen frühen
Touristenboom“ als die Pilger nach Santiago kamen oder der
spätantike Augustinus „verstand Kriegführung also eher im Sinne
eines modernen UNO-Mandats“. Im Kampf gegen die „populären Irrtümer
über das Mittelalter“ steht die Autorin nicht allein. Die
wissenschaftliche Forschung bekämpft heutzutage das Scheinwissen an
der ganzen Breite der publizistischen Front. Sinn und Erfolg dieses
Unterfangens nimmt Schneider-Ferber mit ihrem unfreiwilligen Hinweis
auf Cervantes' Werk Don Quichote de la Mancha voraus.
Karin
Schneider-Ferber: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das
Mittelalter, Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009, 256 Seiten
broschiert. buch bestellen bei
Amazon.de. -
Alle Aktionen bei Amazon.de.
 |

Karin
Schneider-Ferber: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das
Mittelalter, Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009, 256 Seiten
broschiert. buch bestellen bei
Amazon.de.
Musiknoten zum
Mittelalter - Sheet music of the Middle Ages.
|