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Die Barbaren Sprechen. Kelten, Germanen und
das römische Europa
Artikel von Heinrich Speich vom 18. Januar 2010
Welche Rolle spielen Kelten
und Romanen bei der Bildung des römerzeitlichen Europas? Dieser
Frage geht der Autor in elf Kapiteln nach. Er schickt voraus, dass
die indigenen Völker eine grössere Rolle gespielt haben, als es
anhand der schriftlichen Quellen erscheint.
Wells beginnt seine
Untersuchung am Beginn der Eisenzeit um 800 v. Chr., um dem Leser
die vorrömischen Entwicklungen näher zu bringen. Parallel dazu
erklärt er die Entwicklung des römischen Reiches und dessen
Expansion bis zur Zeitenwende. Ein Einschub vergleicht das Römische
mit zeitgenössischen Reichen. Dabei zeigt er auf, wie Imperien
agieren und nach welchen Zielen hin expansive bzw. integrative
Gesellschaftsmodelle streben und welche Handlungsweisen sie dabei
anwenden. Noch im ersten Kapitel listet Wells die für die
Untersuchung relevanten Fundkategorien mit ihrem Erkenntniswert auf:
Grab, Siedlung, Keramik, Nadeln und Fibeln.
Das zweite und dritte
Kapitel sind dem vorrömischen Mitteleuropa gewidmet. Am Beispiel der
bayerischen Fundstelle Manching zeigt er auf, dass bereits die
keltische Gesellschaft wirtschaftlich hochgradig arbeitsteilig und
stärker urbanisiert war, als es die mediterranen Quellen
durchscheinen lassen. Die antiken Autoren stellten indigene Völker
stets topisch und als statische Gesellschaften dar. Die oft
verwendeten „Stammesnamen“ sind oftmals Konstrukte antiker Autoren
und entsprechen nicht den ethnographischen bzw. herrschaftlichen
Realitäten. Daneben können von der Bronzezeit bis zur späten
Eisenzeit durchgehend die Verhaltensmuster im Bereich Schmuck,
Symbole, Bestattungssitten und Begräbnisritualen beobachtet werden.
Die nördlichen Kulturen standen mit den Gesellschaften des
Mittelmeerraumes in Kontakt. Der Austausch fand mittels
Handelsbeziehungen, Technik, Migration und Lebensweise statt, wobei
die Eliten mit ihren weiträumigen Kontakten die zentrale Rolle der
Vermittlung einnahmen. Neben den Oppida als Städten stellt
Wells die Viereckschanzen als „Kultzentren“ dar. In dieser
Gretchenfrage der Keltenforschung schliesst sich Wells dem
Standpunkt an, die Viereckschanzen hätten in erster Linie kultische
Bedeutung gehabt. Die neuere Literatur seit der englischen
Erstveröffentlichung von 1999 wurde leider auch für die deutsche
Ausgabe nicht berücksichtigt, obwohl die Forschungsansicht des
Autors überholt ist (siehe hierzu: Keltische Viereckschanzen, Einem
Rätsel auf der Spur, Günther Wieland, Hg., Theiss-Verlag,
Stuttgart 1999).
Im vierten Kapitel zeigt der
Autor, nach welchem Schema die römische Expansion erfolgte. Er
stellt die römischen Eroberungen als eine Kette von zumeist
pragmatischen und kurzfristigen Entscheidungen ohne langfristige
Strategie dar. Als die Römer westlich und nördlich der Alpen aktiv
wurden, waren die grossen Oppida rechts des Rheins bereits
verlassen, die städtische Kultur und Lebensweise in der
wirtschaftlichen Krisenzeit zusammen gebrochen. Wells spricht in
diesem Zusammenhang zurecht von „Kollaps“ und vergleicht die
Situation mit der späteren Situation am Ende des weströmischen
Reiches. Die Siedlungen zur Zeit der ersten römischen Besetzung
hatten die Grösse von Dörfern. Die wirtschaftliche Produktion
reduzierte sich auf die lokalen Bedürfnisse, die Variationsbreite
der Produkte stieg dadurch, was sich auch in der Bestattungspraxis
zeigt.
Im folgenden Teil schildert
Wells, wie sich die römische Militärpräsenz in den rechtsrheinischen
Gebieten um die Zeitenwende auswirkte. Von den Versorgungszentren
ausgehend, trat die lokale Bevölkerung in Kontakt mit dem römischen
Militär. Das Militär kurbelte die Nachfrage nach Lebensmitteln und
Gebrauchsgütern massiv an. Die römische Niederlage der Varusschlacht
im Teutoburger Wald veränderte die Situation: Östlich des Rheins
waren langfristig keine römischen Truppen stationiert wie westlich
des Rheins. Die Truppen brachten Wohlstand und römische Lebensweise.
Die Bevölkerung übernahm im Schlepptau ihrer Eliten römische Bräuche
und Konsumgewohnheiten. Nach rund einer Generation überzog eine
römisch geprägte Infrastruktur an Städten, Verkehrswegen und
Landgütern das Land. Die Römer bauten mit ihrer militärischen
Präsenz die Kontrolle über die Bevölkerung aus, ein Phänomen, das
die kulturelle Romanisierung der ganzen Bevölkerung einleitete
(siehe hierzu den Artikel
Krieg und Frieden).
Wie diese kulturelle
Anpassung in den eroberten Gebieten verlief, ist Inhalt des fünften
Kapitels im Buch von Wells. Er untersucht die Wechselwirkungen
zwischen romanisierter Bevölkerung und Römern. Was oder wer
allerdings während der langen römischen Zeit genau „Römer“ war, wird
von Wells nur ungenügend erläutert. Von den antiken Texten und
Bildwerken ausgehend beschreibt er die Wirkung des Imperiums in
den Provinzen. Dabei geht er auf sprachliche Unterschiede ein und
versucht, Kelten und Germanen linguistisch und aufgrund des
archäologischen Befundes zu unterscheiden. Als zentrales Kriterium
der Identität beschreibt er die Nähe der Kelten zur benachbarten
mediterranen Kultur. Die Argumentation artet allerdings in einer
Diskussion der bisherigen Literatur aus, ohne dass der Autor dazu
dezidiert seine Forschungsergebnisse präsentieren würde. Spannend
wird die Darstellung erst dort wieder, wo Wells eine eigene These
einbringt: Dass provinzialrömische Gesellschaften eine ganz eigene,
neu konstruierte Identität hätten, in Anlehnung an die römischen
Kriterien. Diese Sicht stützt er durch die Untersuchung an
Statussymbolen und kommt zum Schluss, dass insbesondere Eliten eine
doppelte Identität gehabt hätten: Als Angehörige der römischen
Provinzelite und als Angehörige der indigenen Führungsschicht.
Im folgenden Kapitel
beschreibt Wells die Folgen der römischen Präsenz in den
Grenzprovinzen. Dabei stellt er fest, dass sich längst nicht alle
Schichten der Bevölkerung an die Besatzung angepasst hatten. Zuerst
war die Übernahme römischer Sitten wohl eine Prestigefrage. Nur
Personen hohen Standes konnten sich materiell an die römischen
Lebensgewohnheiten anpassen und damit ihren Status gegenüber den
Vertretern der römischen Verwaltung demonstrieren bzw. selber an der
Verwaltung teilhaben. Als Integrationsmechanismus beschreibt Wells
vier Kernpunkte ausführlicher: das römische Militär, die urbane
Kultur, das römische Bürgerrecht und die Militär-Aristokratie in den
Provinzen.
Danach zeigt der Autor, dass
auch diese strukturell angepasste Gesellschaft durchaus zu
eigenständigen Leistungen und zur Entwicklung einer eigenen
Tradition fähig war. Neben den kanonischen Elementen, die eine
provinzialrömische Kultur ausmachten, gab es weiterhin spezifisch
regionale Elemente, zum Beispiel die eigene Keramik, Fibeln,
Trachten, Bestattungssitten oder die Anwendung älterer
Architekturstile, zum Beispiel im Holzbau. So stellte die
Fortführung der Produktion eisenzeitlicher Formen in Keramik etc. in
der Römerzeit eine bewusste Pflege lokaler Traditionen dar, bis hin
zur Proklamierung eines „kulturellen Widerstandes“. Wells stellt die
Errungenschaft urbaner Kultur den traditionellen Lebensweisen des
Landes gegenüber, wobei er sowohl für die Stadt als auch für das
Land heraus arbeitet, inwiefern die römischen Neuerungen die
Gesellschaft veränderten und wie die Einheimischen auf die
entsprechenden Veränderungen reagierten. Für die Bevölkerung ergab
sich je nach Lage und Integration die Chance zur persönlichen
Teilhabe.
Die folgenden Kapitel
beschäftigen sich mit dem 2. und 3. Jahrhundert, als das römische
Reich auch in den Grenzprovinzen politisch und strukturell gefestigt
war. Wells wirft die Frage nach den ständigen Interaktionen zwischen
den Bevölkerungsgruppen auf. Er zeigt, wie sich die Kriege an den
Grenzen auf die Bevölkerung auswirkten und sich neue Identitäten
bildeten. Die „Globalisierung“ innerhalb des römischen Reiches war
attraktiv und förderte Mobilität und Handel. In den Grenzgebieten
wurden regionale Produkte hergestellt, die auch jenseits der Grenzen
begehrt waren, so zum Beispiel in der Keramik die Belgische, Raetische oder Norische Ware. Bei Kultbauten orientierten sich die
Architekten teilweise wieder an vorrömischer Formensprache (wobei
sich Wells hier auf die Viereckschanzen bezieht).
Die römische Präsenz hatte
auch Auswirkungen jenseits der Grenzen des Reiches. So beschreibt
der Autor, wie sich im unbesetzten Germanien aufgrund der intensiven
Kontakte später die germanischen „Stammeskönigreiche“ ausbilden
konnten. Bereits in augusteischer Zeit bestanden auch familiäre
Verflechtungen mit der römischen Welt, wie das Beispiel des
Cherusker Arminius zeigt. Wells teilt die Beziehungen in vier Phasen
ein: bis 12 v. Chr. waren die Römer nur als Handelspartner präsent.
Von 12 v. bis 16 n. Chr. stiessen römische Truppen am Mittel- und
Niederrhein weit nach Osten vor und versuchten das Gebiet bis zur
Elbe zu besetzen, bzw. zu kolonisieren. Die dritte, intensivste
Phase des Kontaktes begann nach den erfolglosen Feldzügen des
Germanicus um 16 n. Chr. und dauerte bis zum Ende des zweiten
Jahrhunderts. Die vierte Phase der Interaktion dauerte bis zur Krise
des römischen Reiches im 3. Jahrhundert und war vor allem geprägt
durch die Beteiligung „barbarischer“ Krieger in römischen Diensten,
die bei ihrer Rückkehr römische Gewohnheiten mitnahmen und damit
Begehrlichkeiten weckten. Die Handelskontakte reichten auch noch im
3. Jahrhundert bis zur Elbe, vereinzelte Objekte wurden in Polen
oder Dänemark gefunden. Als Folge nivellierten sich die
Lebensbedingungen beidseits der Grenzen. In den benachbarten
Gebieten des Reiches formierten sich grosse
„Stammeskonföderationen“, die historisch als Alemannen, Franken
oder Goten in Quellen und Befunden nachweisbar sind.
Im abschliessenden Kapitel
fasst Wells seine Erkenntnisse zusammen und wendet sie auf die Zeit
des ausgehenden 3. Jahrhunderts an, als sich neue Grossformationen
von Völkern auf den Weg machten, die römische Welt zu erschüttern.
Wells kennt zwar die neuere
deutschsprachige Forschung zu Kelten, Römern und Germanen, scheint
aber die Ergebnisse in seinem Buch nur teilweise zu berücksichtigen.
Die Bibliographie wurde leider seit der englischsprachigen
Publikation von 1999 nicht überarbeitet. Das Werk bietet gleichwohl
einen faszinierenden und detailreichen Einblick in das Phänomen der
Romanisierung in Mitteleuropa, trotz einiger kleinerer
Unsauberkeiten.
Peter S. Wells, Die Barbaren sprechen. Kelten, Germanen und das
römische Europa, Theiss Verlag Stuttgart 2007. 307 Seiten, 20
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