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Die Eiszeit. Leben und Überleben im letzten
grossen Klimawandel
Artikel von Heinrich Speich vom 18. Januar 2010
Die Eiszeit fasziniert. Das vom amerikanischen Anthropologen Brian
Fagan herausgegebene Werk ist als Einführung gedacht, die Leserinnen
und Leser in eine ferne Zeit entrückt und dabei herausstreicht, wie
nahe uns die Eiszeit ist.
In acht Kapiteln führt Fagan den Leser in die Eiszeit ein. Den
Anfang macht eine Forschungsübersicht. Die Geschichte der
Erforschung der Erde am Beispiel der Eiszeit ist besonders
interessant, weil hier Generationen von Forschern Paradigmata aller
Arten überwinden mussten. Die Proklamation einer „Eiszeit“
widersprach noch im 19. Jahrhundert der gängigen Ansicht, dass die
runden Findlinge Überreste der biblischen Sintflut waren. 1829
beschrieb Ignaz Venetz in Luzern, wieso einst die ganze Alpenkette
von Gletschern überzogen war. 1832 behauptete Reinhart Bernardi,
polare Eiskappen hätten einst Mitteldeutschland erreicht und 1837
stellte der Schweizer Paläontologe Louis Agassiz seine Theorie vor,
wonach es früher an den Jurahöhen Gletscher gegeben haben müsse.
Bald darauf gesellten sich die britischen Geologen Dean William
Buckland und Charles Lyell zu den Befürwortern der Eiszeittheorie.
1847 wurde Agassiz Professor in Harvard. Amerikanische Forscher
führten seine Untersuchungen weiter. 1875 erstellte Thomas C.
Chamberlin eine Weltkarte, die den maximalen Stand der polaren
Vereisung zeigte und die Grundlage für weitere Untersuchungen
bildete.
Das Verdienst der „Entdeckung“ der Eiszeit gebührt aber noch anderen
Disziplinen. 1841 stellte der schottische Geologe Charles Maclaren
fest, dass für eine entsprechende Menge Eis der Meeresspiegel um
etwa 240m sinken müsste; Charles Whittesey berechnete im Jahre 1868
eine Senkung um 107-122m. Dieser Rückgang reicht, um die
Kontinentalsockel vor den Küsten freizulegen. Die britischen Inseln
wären dadurch mit dem Festland verbunden und Alaska und Sibirien
hätten eine Landverbindung.
Der Geologe Ferdinand von Richthofen fand 1870 heraus, dass
gewaltige Flächen der Erde von einer bis zu drei Meter hohen
Staubschicht bedeckt waren, die vom Wind angeweht worden war. Es
bürgerte sich dafür die Bezeichnung Löss ein, nach der
Bezeichnung durch süddeutsche und Schweizer Bauern.
Die Akzeptanz einer Eiszeit führte zur Frage, wie sie entstehen
konnte. Bis heute wurde keine monokausale Erklärung gefunden. Der
Schotte James Croll veröffentlichte 1864/75 eine Theorie, wonach
eine Exzentrizität der Erdumlaufbahn für die Eiszeiten
verantwortlich sei. Seine These wurde 1920 von Milan Milankovitch
gestützt. Inzwischen hatten die Österreicher Albrecht Penck und
Eduard Brückner 1909 ihr Werk Die Alpen im Eiszeitalter
herausgegeben, in dem erstmals von vier unterschiedlichen Eiszeiten
gesprochen wurde, die nach den Flüssen Günz, Mindel, Riss
und Würm
benannt wurden. Ihre Chronologie
stimmte mit den Daten von Milankovitch überein.
Eine genaue Datierung wurde erst möglich, als Willard Libby 1946/49
die Radiokarbonmethode entwickelte und Richard Foster Flint den
Höhepunkt der letzten Eiszeit auf ca. 18'000 Jahre vor unserer Zeit
datierte. Tiefseebohrungen belegten ab 1949 nicht nur vier, sondern
sieben bis neun Eiszeiten für die letzten 300'000 Jahre. Dabei war
die Temperatur in der Karibik um bis zu 6º C zurückgegangen. Auch
seine Chronologie korrelierte mit den Milankovitch-Phasen.
Die nach den Geophysikern Bernahrd Brunhes und Motonori Matuyama
benannten Wechsel des Magnetfeldes der Erde von ca. 1,8 mio Jahren
und vor ca. 780'000 Jahren wurden 1963 bestätigt. In den Siebziger
Jahren konnten die Zusammenhänge von Umpolungen und astronomischer
Theorie untersucht werden.
Nach dieser ausführlichen Einführung in die Forschungsgeschichte
präsentiert Mark Maslin die auslösenden Elemente einer Eiszeit und
ihre langfristigen Auswirkungen. Er nennt als Hauptkriterium zum
Entstehen einer Eiszeit Kontinente an den Polen. So kann das
Temperaturgefälle zwischen kalten Polen und Äquator bis zu 65º C
betragen. Dieser Temperaturunterschied ist mit verantwortlich für
die Zirkulation von Wasser und Luft. Ein anderes Kriterium sind
Kontinente, die sich gegeneinander verschieben und sich über den
Polen abkühlen. Daneben tragen weitere Faktoren ihren Anteil bei:
vorhandene Feuchtigkeit für die Eisbildung, sinkende
Kohlenstoffkonzentration in der Atmosphäre, Salzhaushalt und
Strömungen der Meere.
Das Erdklima war in den letzten 2,5 mio Jahren alles andere als
konstant. Wissenschaftler errechneten über fünfzig Glazialperioden,
die sich durchschnittlich alle 41'000 bzw. in der letzten Million
Jahre alle 100'000 Jahre abwechseln. Die bislang längste Warmzeit
dauerte 28'000 Jahre und sie war wärmer als unsere Zeit. Während der
Eiszeiten bedeckten Eisdecken mit bis zu 3,3km Mächtigkeit
Nordamerika, die Küste Sibiriens und Gebirgsregionen. In Europa
erstreckten sich drei unterschiedliche Eisschilde: der
Fennoskandische Eisschild in Skandinavien sowie die vergletscherten
Regionen der britischen Inseln und der Alpen. Während sich heute 86%
des Landeises auf der Antarktis befindet und 11,5% auf Grönland,
waren es vor ca. 21'000 Jahren nur 32 bzw. 5 %. 35% befanden sich in
Nordamerika, 15% in Skandinavien. Das Inlandeis bestimmte die
Vegetation: Wälder wurden zerstört und eine weite Tundralandschaft
entstand. Die Gletscher formten die Landschaft und bestimmten den
Lauf der Flüsse. Während der Eiszeiten sank der Kohlendioxidgehalt
in der Luft um rund einen Drittel und der Methanausstoss nahm um die
Hälfte ab.
Drei äussere Faktoren wirkten auf die Dauer und Intensität einer
Eiszeit ein: Die Exzentrizität der Erdumlaufbahn, die Neigung
(Inklination) und Rotation (Präzession) der Erdachse. Das Eis
benötigte bis zu 80'000 Jahre, um die maximale Ausdehnung zu
erreichen, konnte aber in rund 4'000 Jahren schmelzen. Sogenannte
Heinrich-Ereignisse, bei denen Millionen Tonnen Eis des zerfallenden
Laurentidischen Eisschildes in den Atlantik brachen, führten
periodisch zu einer Abkühlung des Ozeans, die anhand von
Sedimentablagerungen in Tiefenbohrkernen nachweisbar wurde. Diese
Ereignisse fanden während der letzten Eiszeit durchschnittlich alle
7'000 Jahre statt, unabhängig von Temperatur und Ausdehnung der
Eiskappen. Die letzte Eiszeit endete klimatisch vor bald 20'000
Jahren. Neben zwei kurzen Rückfällen befinden wir uns seither in
einer ausgeprägten Warmphase.
Im folgenden Kapitel beschreibt John Hoffecker Leben und Überleben
der Menschen während der Eiszeitalter. Die derzeit ältesten Funde,
die Menschen zugeordnet werden können, sind 5-6mio Jahre alt. Die
frühesten Funde ausserhalb Afrikas stammen aus dem georgischen Dmanissi und sind rund 1,8mio Jahre alt. Die Befunde und Funde
zeigen für den Menschen eine enorme Anpassungsfähigkeit. Die
Verwendung von Feuer und Werkzeugen ermöglichte es den Menschen,
sich zielgerichtet auszubreiten. Als Alternative zum kleinen und
massiven Neandertaler breitete sich ab ca. 50'000 v. Chr. der
moderne Mensch aus und verdrängte bzw. ergänzte diesen. Menschen
überschritten vor ca. 15'000 Jahren die Landbrücke zwischen Sibirien
und Alaska und besiedelten den amerikanischen Kontinent von Norden
her. Aus der Zeit von ca. 30'000 bis 21'000 Jahre sind etliche
Kunstwerke erhalten: Höhlenmalereien, Skulpturen und verzierte
Werkzeuge belegen die Kunstfertigkeit der eiszeitlichen Bewohner
Europas.
Die Notwendigkeit der Menschen zur Mobilität nahm seit dem Ende der
Eiszeit ab. Ihre Nahrung liess sich auch in der Nähe beschaffen, die
Herden der grossen Steppentiere wurden seltener. 18'000 bis 16'000
Jahre alte Knochen von Hunden sowie Funde von Pfeil und Bogen
belegen eine Spezialisierung in der Jagdtechnik. Keramikgefässe
belegen frühe Vorratshaltung, erste langlebige Wohnstätten wurden
errichtet und somit entwickelten die Menschen eine neue Form des
ortsfesten Zusammenlebens.
Die Tierwelt setzte sich während der Eiszeiten anders zusammen als
heute. Die Schwankungen der Meeresspiegel und die Bewegung der
Kontinente wirkten sich auf die Verbreitung der Tierrassen aus. Das
Zebra beispielsweise hat amerikanische Wurzeln und gelangte vor über
drei Millionen Jahren über die Beringstrasse und die asiatischen
Steppen nach Afrika. Dort starben weniger Arten von grossen
Säugetieren aus als auf anderen Kontinenten. Europa war während der
Eiszeiten Heimat heute teilweise ausgestorbener Arten wie Rentiere, Saigas, Mammuts oder Wollnashörnern, aber auch Säbelzahntiger,
Hyänen, Löwen oder Höhlenbären; Arten die der Kälte entsprechend
angepasst waren und dadurch grösser waren als ihre heutigen
Verwandten. Der europäische Waldelefant erreichte beispielsweise
eine Schulterhöhe von bis zu vier Metern. Das Präriemammut und das
Mastodon waren auf dem amerikanischen Kontinent die Entsprechungen
dazu. Dort waren auch die Glyptodonten heimisch: bis zu drei Meter
lange, übergrosse Schildkröten.
Die letzte Eiszeit war insofern anders als die vorherigen, als dass
der Mensch nun auf allen Erdteilen präsent war und durch die Jagd
überall Einfluss auf die Verbreitung der Tierarten nahm. Nach dem
Ende der letzten Kältephase der Eiszeit vor etwa 15 000 Jahren wurde
das Klima wärmer, von kurzen Kaltphasen wie der Jüngeren Dryas (um
10950 v. Chr.) unterbrochen. Die Menschen folgten dem zurück
weichenden Eis, auch in nördliche Regionen. Fagan beschreibt im
Folgenden, wie sich Menschen und Tiere nach der letzten Eiszeit im
veränderten Umfeld zurecht fanden. Sein Bogen reicht von der
Sesshaftwerdung im fruchtbaren Halbmond bis zu den entsprechenden
Prozessen in Südostasien und auf den amerikanischen Halbkontinenten.
Das kurze abschliessende Kapitel ist der Frage gewidmet, wie sich das
Klima in Zukunft entwickeln wird. Dabei werden die anthropogenen
Faktoren der aktuellen Klimaerwärmung und die Folgen des drohenden
Klimawandels diskutiert.
Insgesamt bietet der Band eine breite Einführung in Klima, Tier und
Pflanzenwelt der Eiszeiten anhand von Beispielen aus Nordamerika und
Europa. Die zahlreichen Bilder und Graphiken sind sehr gut
beschriftet und die Übersetzung des Textes aus dem Englischen ist
sorgfältig erarbeitet. Fagans Buch bildet für Interessierte einen
optimalen Einstieg in die kalte Welt der Eiszeiten.
Brian Fagan
(Hg.): Die Eiszeit. Leben und Überleben im letzten grossen
Klimawandel. Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009, 240 Seiten geb.,
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Klimawandel. Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009, 240 Seiten geb.,
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