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Handbuch der mittelalterlichen
Architektur
Rezension vom 5. Oktober 2011 von Heinrich Speich
Handbuch der
mittelalterlichen Architektur von Matthias Untermann, Konrad Theiss Verlag,
Stuttgart 2009, 400 S., s/w, ISBN 978-3-8062-2158-9. Buch
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Das Handbuch richtet sich an
Interessierte der mittelalterlichen Architektur, Kunst und Geschichte, sowie
an Studierende dieser Fächer als auch an Fachleute – also an fast alle. Zum
vorliegenden Werk würde wohl der Kunsthistoriker „brauchen wir nicht“
sagen, der Historiker „wissen wir schon“ und der Archäologe „zu
oberflächlich“. Für eine scheuklappenfreie Erforschung des Mittelalters
birgt der Band aber manche Erkenntnisse, nicht nur dem Laien.
In der kurzen Einleitung wirbt
Untermann für ein genaueres Hinsehen. Mittelalterliche Architektur
präsentiert sich heute nur noch selten so, wie sie im Mittelalter aussah. Er
demonstriert das am Beispiel des Aachener Doms, an dem seit der Zeit um 800
ständig Veränderungen vorgenommen wurden*. Die funktionale Sicht auf
Architektur erlaubt es, diese als sozialgeschichtliche Komponente
einzuordnen. Als seine Hauptquellen nennt er schriftliche Quellen,
Bauuntersuchungen, Ausgrabungen und historische Bildquellen. Unsere
Vorstellungen mittelalterlicher Architektur bezeichnet der Autor als
Resultat „kunstgeschichtlicher Hypothesen“, anhand derer im 19. und
20. Jahrhundert manche Restaurierung vorgenommen wurde. Solche Bauten seien
keine Kopien verlorener Originale sondern Nachschöpfungen.
Im ersten Hauptteil beschreibt
Untermann „Bauaufgaben“. Für Kirchenbau, Kloster- und Stiftsgebäude, Bauten
der jüdischen Gemeinschaften und der weltlichen Herrschaft, Stadt und Dorf
untersucht er die einzelnen Aufgaben von Gebäuden und Gebäudeteilen. Das
Neue daran ist die konsequente Ausrichtung auf die Fragestellung, wer
etwas baute oder veränderte und vor allem wozu etwas genutzt wurde.
Untermann analysiert Architektur ganz
trocken nach sozialen und historischen Kriterien. In der Einleitung
begründet er sein Unterfangen damit, dass „eine handliche Übersicht über
Funktion, Kontext und Gestaltung mittelalterlicher Bauwerke und ihrer
Elemente“ fehle. Diese Sicht wirkt auf traditionale Kunsthistoriker
irritierend. Architektur wird in diesem Band nicht als Ziel, sondern als
Mittel vorgestellt. Es geht also nicht um eine breite Darstellung von
Bauformen, Stilen und Details, sondern um die Frage, weshalb in einer
konkreten Phase des Mittelalters der eine oder der andere Bautyp verwendet
wurde und welche Beispiele dazu zu nennen sind.
Die Vorliebe des Autors für geistliche
Architektur ist daran abzulesen, dass diese rund 120 Seiten des Buches
einnehmen. Er trägt damit natürlich dem hohen Anteil an Kirchen und
Konventen Rechnung, die sich bis heute an mittelalterlicher Bausubstanz
erhalten haben. Im Detail betrachtet verfällt der Autor allerdings da und
dort genau dieser Überlieferungsfalle. So beschreibt er beispielsweise die
Abortbauten an Burgen in Klöstern und nennt dafür eine Vielzahl von
Beispielen. Die Situation in Städten und Dörfern wird hingegen nicht näher
betrachtet, weil die baulichen Lösungen kaum mehr fassbar sind. Das mindert
den Wert nicht, den Untermann der ländlichen Architektur beimisst; er stellt
sie der städtischen als technisch ebenbürtig dar. Bauern und ihre
spezifischen Bauformen standen bis vor kurzem im Dunstkreis der Volkskunde
und wurden von der architekturgeschichtlichen Forschung kaum beachtet. Dabei
war herrschaftliches Bauen im ländlichen Raum in Form von Burgen und
Adelssitzen präsent. Als Ausnahmen präsentiert er hier Dorfkirchen, die auch
schon früher ins Blickfeld von Kunstgeschichte und Baudenkmalpflege
gerieten.
Der zweite Hauptteil, „Bauformen und
Bautechnik“ ist eher ungewohnt für Untermann. Hier schildert der Autor, wie
Holzbau, Steinbau und Aussenflächen die Gestalt der Architektur prägten und
wie die Wahl des Baumaterials bzw. seine Verwendung in Wechselwirkung mit
der Bauaufgabe und den verfügbaren Ressourcen standen. Beim Fachwerkbau
verwendet Untermann regionale Einteilungen, die er aber nicht absolut setzt,
sondern die regionale Durchlässigkeit von Technik und Gestaltung erläutert.
Er betont weitere Erkenntnisse der jüngeren Forschung, beispielsweise die
weitgehende Verwendung von Holz als Baumaterial an Herrschaftsbauten oder
das bestimmende Material Holz beim Innenausbau. Gerade letzteres darf
aufgrund der vielfältigen Umnutzungen mittelalterlicher Architektur nicht in
Vergessenheit geraten. Beim Steinbau folgt Untermann der bewährten
funktionalen Beschreibung. Er listet auf, welcher Mauertyp bevorzugt
verwendet wurde und wie die Gewinnung und Verarbeitung des entsprechenden
Rohmaterials vorging. Dabei verliert er sich nicht in der Aufzählung
regionaler Materialien sondern nimmt die Mauer als Ausgangspunkt. Danach
folgt eine summarische Darstellung des Baubetriebes, vom Entwurf über
Fundamentierung bis zur zeitgenössischen Reparatur. Die nächsten
Unterkapitel „Stützensystem“ und „Wandgliederung“ folgen der klassischen
Stilgeschichte und sind einseitig auf Sakralbauten ausgerichtet – wieder die
besagte Überlieferungsfalle. Diese Kritik lässt sich auch auf
Fensteröffnungen und Türrahmen ausdehnen, die für das Erscheinungsbild von
Holz- und Steinbau gleichermassen prägend sind, die Spezifika reiner
Holzbauten allerdings nicht erwähnt werden. Im abschliessenden Kapitel
schildert er Aussen- und Innenwand, Dach, Boden, Decke, Tür und Fenster der
Gebäude.
Der praktische Nutzen des Handbuchs
liegt für Laien wie Fachleute in der Systematik der konzisen Einzelbeiträge.
Auch wenn Untermann Funktionen und Bedeutung des Holzbaus herauszustreichen
sucht, erscheint gerade dieser Teil der Darstellung weniger systematisch und
mit 23 Seiten vergleichsweise kurz. Untermanns Werk steht aber im Gegensatz
zum sehr ausführlichen „Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte“
vollständig zur Verfügung.
Handbücher gelten als sperriges Rezensionsgut. Die einzelnen Punkte, die der
Rezensent als Desiderata formuliert hat, sind dem persönlichen Arbeits- und
Lesefokus geschuldet und sollen die Leistung der Überblicksdarstellung nicht
schmälern. Das Werk Untermanns bietet wirklich der ganzen interessierten
Leserschaft neue Erkenntnisse und regt – im Sinne des Autors – zum
Hinschauen an.
*Fussnote: (S.14): „Viele Aspekte
mittelalterlicher Baukunst lassen sich an einem Bauwerk wie dem
Aachener Dom entschlüsseln und bieten bemerkenswerte Einblicke in
Vorstellungen, Ansprüche und Wissenshorizont von Auftraggebern,
Bauleuten und damaligen Nutzern: Bauentwurf und Typenwahl,
Vermessung und Auseinandersetzung mit statischen Problemen, Bauen im
Bestand und Planwechsel. Charakteristisch mittelalterlich sind eine
Vielzahl von sichtbaren Bauformen wie Empore, Pilaster,
Masswerkfenster und Strebewerk sowie unsichtbare Elemente wie
Fundamente und hölzernes Dachwerk. Der Betrachter muss sich
allerdings darauf einlassen, nicht einem einheitlichen, in sich
geschlossenen Kunstwerk gegenüberzustehen, wie er es von Gemälden
und Skulpturen her gewohnt ist, sondern aufeinanderfolgenden, sich
widersprechenden oder sich ergänzenden Konzeptionen und
Formensprachen.“
Handbuch der
mittelalterlichen Architektur von Matthias Untermann, Konrad Theiss Verlag,
Stuttgart 2009, 400 S., s/w, ISBN 978-3-8062-2158-9. Buch bestellen
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